Timothy Tatchers "Für Tote Eintritt verboten". Eine literaturwissenschaftliche Analyse


Seminararbeit, 2013
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der Kriminalroman als literarische Gattung
1.1 Definition und Untergattungen
1.2 Einordnung des untersuchten Romans in das Genre Krimi

2. Der Autor Nenad Brixy

3. Der Krimi Für Tote Eintritt verboten
3.1 Ort und Zeit der Handlung
3.2 Erzähler, Hobbyermittler und offizielle Ermittler
3.3 Die Opfer
3.4 Die Helfer und Nebenfiguren
3.5 Der Plot

4. Analyse des Romans
4.1 Die Vorlage: der Spillane-Krimi
4.2 Das Untersuchungsobjekt: der Tatcher(-Brixy)-Krimi

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetquellen

0. Einleitung

Bei der Auswahl eines Kriminalromans als Analyseobjekt im Rahmen des Proseminars ergaben sich die durchaus bekannten Schwierigkeiten: nur wenige Titel der Vorschlagsliste sind in deutscher Übersetzung erschienen, in Bibliotheken oder im Buchhandel zu finden. Weitere Recherchen ließen mich aber auf der Internetseite des ZVAB-Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher fündig werden, so dass ich mich in der vorliegenden Arbeit mit dem Krimi Für Tote Eintritt verboten von Nenad Brixy, veröffentlicht unter dem Pseudonym Timothy Tatcher, beschäftigen werde.

Als langjährige begeisterte Krimileserin war ich beim ersten schnellen Lesen des Buches zunächst irritiert und auch etwas enttäuscht wegen des einfachen Plots und der trivialen Lösung des Falles. Aber das Buch sollte sich als ein spannender literaturwissenschaftlicher Fall herausstellen, der allerdings ohne eine gewisse, ermittlungstechnische Energie nicht zu lösen war.

Meine These: Der untersuchte Krimi ist eine Parodie, also ein „Gegenlied“, zu einem bekannten Werk und ist durch direkte und indirekte spezifische Formen des intertextuellen Schreibens geprägt.

Nach einer kurzen Darstellung zum Krimi als literarische Gattung und einer Biografie des Autors soll im Hauptteil der Arbeit meine These durch die Analyse des untersuchten Romans im Vergleich zu seinen angenommenen literarischen Vorlagen anhand von repräsentativen Zitaten bewiesen werden.

1. Der Kriminalroman als literarische Gattung

„Ohne Zweifel trägt der Kriminalroman alle Merkmale eines blühenden Literaturzweiges zur Schau“ bemerkte Brecht (1971:315) vor mehr als vierzig Jahren, und er sollte Recht behalten, wie schon ein flüchtiger Blick auf aktuelle Bestsellerlisten oder in traditionelle und online-Buchhandlungen zeigt. In dieser lange geschmähten Sparte werden heutzutage sogar begehrte Literaturpreise vergeben.

Wie lässt sich dieser auch finanziell einträgliche Literaturzweig definieren?

1.1 Definition und Untergattungen

Eine einheitliche Definition für das Genre Kriminalroman, kurz als Krimi (kroatisch krimić) bezeichnet, gibt es nicht, denn die Übergänge zu anderen Genres der Literatur sind fließend.

Der deutsche Begriff Krimi kommt von crimen, lat. Verbrechen. In der Regel hat der Krimi die Geschichte oder die Aufklärung eines Verbrechens zum Thema. Die Lösung eines Falls wird meistens von Detektiven, von der Polizei oder durch mehr oder weniger zufällig in den Kriminalfall verwickelte Privatpersonen herbeigeführt. Daraus ergeben sich die Unterschiede, aus welcher Perspektive erzählt wird und welche Aspekte im Mittelpunkt der Handlung der Kriminalromane stehen. Der Kriminalroman kann in zahlreiche Untergattungen aufgeteilt werden, aber für alle diese Gattungen stellen sich die gleichen Grundfragen, die ein literarisches Werk zum Kriminalroman werden lassen:

Gibt es ein Verbrechen, wie Mord, Diebstahl, Entführung, Hackerangriff, Korruption, Ausspähung…?

Wie ist das Verbrechen in die Handlung eingebunden, am Beginn des Romans, in der Gegenwart, Vergangenheit?

Wer erzählt die Handlung?

Wer ermittelt, Polizei, Detektiv, andere Experten oder Hobbyermittler und welche Methoden werden eingesetzt?

Wird das Verbrechen moralisch, juristisch oder nach anderen Maßstäben bewertet?

Welche Rolle spielt die Aufklärung des Verbrechens, wird es aufgeklärt, werden der/die Täter bestraft?

Welche anderen dramatischen Elemente gibt es neben den kriminalistischen Elementen? In welchem Verhältnis stehen diese zueinander?

Was leistet der Plot: Soll vor allem Spannung erzeugt werden, geht es eher um Analysen seelischer Abgründe, sozialer oder gesellschaftlicher Missstände, wie werden die Figuren charakterisiert (oberflächlich, widersprüchlich, sozialkritisch, humoristisch)?

Nicht nur die Grenzen zu anderen Genres der Literatur sind unscharf, sondern auch zwischen den Untergattungen der Kriminalliteratur. Diese können, ohne dass diese Aufzählung den Anspruch auf Vollzähligkeit erhebt, grob gegliedert werden in Detektivromane, Polizeiromane, Spionage- und Agententhriller, Horrorromane, Science-Fiction-Romane, psychologische Romane, auch Tatsachenromane, die historische Kriminalfälle zum Inhalt haben sowie Parodien auf jede dieser Untergattungen.

Der klassische Detektivroman hat ein Verbrechen als Ausgangspunkt, von dem meist am Anfang der Handlung berichtet wird. Häufig geht es dabei um Mord. Der Detektiv klärt den Fall im Laufe der Handlung auf. Die eigentliche Geschichte des Verbrechens und die Hintergründe für die Tat werden daher in der Regel erst nach dem Verbrechen vom Detektiv im Zuge seiner Aufklärung ermittelt. In vielen dieser Detektivromane bleibt lange unklar, wer der Täter ist. Klassische englische Detektivromane sind die Stories, die Sherlock Holmes und Miss Marple aufklären, aber auch mein Lieblings-Hobbydetektiv, die graue Tigerkatze Miss Murphy der amerikanischen Autorin Rita Mae Brown.

In Polizeiromanen ermittelt zumeist ein Kommissar, manchmal gegen seinen Willen von (Hobby)Detektiven unterstützt. Beliebte Beispiele dafür sind in der Gegenwart die Krimis von Donna Leon (Kommissar Brunetti) oder Henning Mankell (Kommissar Kurt Wallander).

Als bekanntestes Beispiel eines Spionage- und Agententhriller sei Ian Flemings „James Bond“ genannt, als psychologischer Kriminalroman par excellence gilt Dostoevskijs „Schuld und Sühne“ („Verbrechen und Strafe“). Der Fall des Hauptmanns Redl hat ebenso als Tatsachenroman den Weg in die Kriminalliteratur gefunden wie der spektakuläre Spionagefall eines Dr. Richard Sorge

Es gibt auch Krimi-Bestseller, die außerhalb uns gewohnter Lebensumfelder angesiedelt sind. So spielt Umberto Ecos „Der Name der Rose“ z.B. im Mittelalter. Es existiert, wie könnte es anders sein, natürlich auch eine spezielle Krimi-Literatur für Jugendliche (Die drei Fragezeichen, Nick Knatterton).

Im 20. Jahrhundert sind Krimis zur Massenware geworden. Wurden Krimis früher vor allem in Romanen oder als billige Massenware für jedermann in Groschenheften verbreitet, sind sie heute in allen Medien präsent: in Comics, Fernsehserien, Filmen, Hörspielen oder sogar Mangas. Der Literaturwissenschaft und -kritik galten Krimis lange Zeit als Trivialliteratur. Inzwischen ist der Kriminalroman jedoch eine anerkannte Literaturgattung.

1.2 Einordnung des untersuchten Romans in das Genre Krimi

Innerhalb der Literaturgattung Kriminalroman hat sich in den dreißiger Jahren in den USA im Gegensatz zum klassischen angelsächsischen Detektivroman eine Alternativform dieser Untergattung entwickelt, die als hard-boiled-school inzwischen selbst zu einem klassischen Typus des Kriminalromans geworden ist. Suerbaum (1984:127-160) widmet in seiner Monografie zur Gattung Krimi ein ganzes Kapitel dem „harten Krimi“. Er ordnet diesen in die Gattung ein und stellt dabei die wichtigsten Gegensätze zum traditionellen Detektivroman heraus, als da sind: Stellenwert der Gewalt als nichts Außerordentliches, Detektiv steckt Gewalt ein und übt diese häufig auch selbst aus, er verstößt oft bewusst und ernsthaft gegen Recht und Gesetz, aber auch „gegen Treu und Glauben“, so Suerbaum (1984:128). Zwei amerikanische Autoren haben einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung dieses neuen Krimityps: Dashiell Hammett (1894-1961) und Raymond Chandler (1888-1959). Unter den weiteren Autoren der Untergattung des harten Krimis nimmt Mickey Spillane (1918-2006) „die Position des Erzbösewichtes ein“, wie Suerbaum (1984:154) bemerkt. Zu diesem Autor, dessen Werk von der Literaturkritik fast einhellig als minderwertig eingestuft wird, das sogar zeitweilig in der alten Bundesrepublik auf dem Index stand, so nachzulesen im Internet unter Zentral-Archiv der Bundesrepublik Deutschland (o.J.), sollen später bei der Analyse des untersuchten Romans detailliertere Ausführungen gemacht werden. Meine These: der Roman Für Tote Eintritt verboten ist eine Parodie auf die frühen Werke Mickey Spillanes, dessen härteste der harten Krimis die Vorlagen lieferten.

Im Roman, dem der Autor parodierend zu den Untertiteln der Spillane-Krimis den Untertitel Humoristischer Kriminalroman über Timothy Tatcher beifügt, gibt es drei Morde, die ein Sergeant der Polizei und ein Polizeidetektiv aufklären sollen. Protagonist, Hobbyermittler und Ich-Erzähler zugleich ist aber ein Journalist, der zufällig in die Mordfälle hineingerät. Er erzählt die Vorkommnisse chronologisch in der Zeitachse parallel zum eigentlichen Geschehen, und der Leser weiß nur das, was der Erzähler selbst weiß. Am Schluss des Buches erfolgt die Auflösung durch den Hobbydetektiv, die Schuldigen werden durch ihn der Polizei und damit hoffentlich auch der Bestrafung zugeführt.

Es handelt sich also um einen Krimi der Untergattung Detektivroman.

2. Der Autor Nenad Brixy

Ausführliche biografische Daten und Einschätzungen des Autors finden sich bei Crnković (o.J.) und lassen sich wie folgt auf Deutsch zusammenfassen:

Nenad Brixy, manchmal Briksi geschrieben, der seine Werke auch unter den Pseudonymen Timothy Tatcher, Diogeneš oder N.B. veröffentlichte, wurde 1924 in Varaždinske Toplice geboren und starb 1984 in Zagreb.

Er besuchte das Gymnasium in Varaždin und studierte in Zagreb Jura.

Zunächst arbeitete er als Journalist bei den „Varaždinske vijesti“, in Rijeka bei „Novi list“, in Zagreb bei „Narodni list“, „Globus“ und im Verlag „Vjesnik“, er veröffentlichte Novellen, Skizzen, Humoresken und auch Reisebeschreibungen, nachdem er u.a. Österreich, Deutschland, Schweden, Italien bereist hatte.

1960 erschien sein erster Roman unter dem Pseudonym Timothy Tatcher Mrtvacima ulaz zabrabjen Humoristički krimić o Timothyu Tatcheru. Dieser Krimi ist 1967 in der damaligen DDR in der deutschen Übersetzung von Barbara Sparing, später verheiratete Antkowiak, einer der profiliertesten Kennerinnen und produktivsten Übersetzerinnen von Literatur aus Jugoslawien, unter dem Titel Für Tote Eintritt verboten in der sehr populären und „unter dem Ladentisch“ gehandelten Reihe Kronenkrimi des Eulenspiegel Verlages Berlin erschienen und wird der Analyse zugrunde gelegt.

1964 erschien als nächstes Werk unter dem Pseudonym Timothy Tatcher und mit dem gleichen Protagonisten als fast schon professioneller Detektiv der Krimi Hollywood protiv mene, der ebenfalls ins Deutsche übersetzt worden ist.

1973 musste Nenad Brixy wegen einer Herzerkrankung in den Ruhestand treten und schrieb in den Jahren bis zu seinem Tod u.a. etwa zwanzig weitere Krimis über seinen unbeholfenen Detektiv T.T., die z.T. in der populären Krimireihe „Trag“ in einer Auflage von jeweils mindestens 20.000 Exemplaren erschienen sind.

Er publizierte auch andere Krimis unter seinem richtigen Namen, einen Roman für Kinder Bijela loptica sowie zwei Radiokomödien: Miran život und Anketa.

Seine geniale Übersetzung des Comic-Strips Alan Ford hatte Kultstatus im ehemaligen Jugoslawien und wurde nach dem Zerfall Jugoslawiens auch in die einzelnen Nationalsprachen übertragen.

Sein erfolgreichster Roman aber war und ist Mrtvacima ulaz zabranjen, der neben dem Deutschen auch ins Čechische und Slowenische übersetzt worden ist. Diese Übersetzungen erschienen unter seinem richtigen Namen Nenad Brixy 1977 mit dem Titel Soutěž za milión: humoristicky román in der ČSSR und 1984 mit dem slowenischen Titel Mirličem vstop prepovedan. Die Gesamtauflage im In- und Ausland erreichte ca. 250.000 Exemplare. Die letzte aktuelle Auflage auf Kroatisch erschien 1996 in Zagreb.

Das Buch wurde 1965 in Belgrad und 1970 in Prag unter dem Titel Četiri umorstva je dovoljno, dragi? verfilmt. Einer seiner Romane, Potraži me u pijesku, erschien 1986 in der UdSSR in russischer Sprache in mehr als 84.000 Exemplaren.

[...]

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Details

Titel
Timothy Tatchers "Für Tote Eintritt verboten". Eine literaturwissenschaftliche Analyse
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Slawistik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V292626
ISBN (eBook)
9783656897200
ISBN (Buch)
9783656897217
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalroman im B/K/S, slawistische Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Ursula Elisabeth Prunč (Autor), 2013, Timothy Tatchers "Für Tote Eintritt verboten". Eine literaturwissenschaftliche Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292626

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