Der Anger in Korntin im "Wigalois". Das Paradies in der Hölle?


Hausarbeit, 2013
13 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

1. Hinführung zum Thema

2. Aufbruch nach Korntin

3. Voraussagung des Endes

4. Die Welt Korntin

5. Ein Tier als Trangsressionshelfer
5.1. Das rätselhafte Tier
5.2. König Lar
5.3. Der Anger

6. Die Hilfsutensilien für den weiteren Weg

7. Zusammenfassung der religiösen Einflüsse

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

Wirnts von Grafenberg 'Wigalois' strotzt vor rätselhaften Verwandlungen, prunkvollen Burgen, Transgressionen und dessen Helfer und natürlich Helden. Vor Allem in der Korntin-Glois-Episode trifft alles aufeinander. Und dennoch scheint es hier anders zuzugehen. Transgression und Tierverwandlung gehen dort Hand in Hand, die Grenzen sind nicht einmal sichtbar und Gott und die Religion treten an diesem Ort immer mehr in den Vordergrund. Die Vorbereitung auf den Drachenkampf in Korntin scheint einer der Dreh- und Angelpunkte in diesem Werk zu sein. Und obwohl man in den mittelalterlichen Geschichten das Ein oder Andere Außergewöhnliche buchstäblich doch gewöhnt ist, stellt sich in den Versen 4370-4865 die Frage, was der Held aus seiner eigenen Kraft heraus schafft und wie viel Gott damit zu tun hat.

2. Aufbruch nach Korntin

„Bevor sich Wigalois auf den Weg macht, wird die christlich-religiöse Einfärbung noch einmal ganz deutlich“1: obwohl Wigalois' herze was vil unverzaget (V. 4373) wird in der Früh eine Messe abgehalten. Der Priester, welcher [...] garâne meil // und ledic aller bôsheit (V. 4399-4400)war, segnet ihn. Zusätzlich bindet er ein Amulett an sein Schwert (V. 4427), […] der gap im vesten mout: // vürälliu zouber was er gout (V. 4428-4429). Larie gibt Wigalois außerdem ein Wunderbrot mit auf die Reise, mit dem er sieben Tage ohne Nahrung in einem Wald überleben kann, wenn man nur einen Bissen davon nimmt (V.4469-4478). „Das Brot weißt auf die anfeuernde Kraft der Liebe als weltliche Kraft hin […] , obwohl man vielleicht auch hier in Anlehnung an eine Hostie von einem immanent christlichen Hilfsmittel sprechen könnte“.2

Allein in den wenigen Versen, bevor er seinen Weg beschreitet, fällt ganze elf mal das Wort „Gott“ (V. 4377, 4421, 4430, 4455, 4458, 4491) oder „Priester“ (V. 4390, 4399, 4409, 4415, 4427) und selbst beim groben Lesen merkt man die theologische Grundstimmung in jedem Vers. Wirnt verschwendet also keine Zeit dem Publikum zu zeigen welch große Rolle Gott hier spielen wird.

3. Voraussagung des Endes

Bereits beim Aufbruch nach Korntin wird das Ende vorausgesagt, denn der Erzähler teilt dem Leser mit, dass Wigalois siegreich sein wird:

got enwolde sômangem munde

sîne gnâde niht versagen:

er liez in an der vart bejagen

solhen prîs der in noch wert; (V. 4458-4461)

Und zugleich stellt er klar, dass Gott ihn auf dieser Reise gewinnen lässt, Wigalois also aktiv keinen oder nur sehr geringen Einfluss darauf hat. Solange er Gott treu bleibt wird er ein positives Schicksal erfahren. Außer dem Leser weiß jedoch niemand von dem Ausgang.

Dies ändert sich an einer zweiten Stelle. Lar übergibt Wigalois Wunderblüte und

-lanze. Bei der Lanze spricht er folgende Worte:

du erlehst den wurm, daz ist wâr;

du verliusest ab von im sôgar dîne kraft daz die nie mê

von deheinem strîte geschach sôw ê ; (V. 4777-4780)

Wigalois soll also zwar große Schmerzen erleiden, aber den Drachen sicher besiegen. Nur weniger Verse weiter verrät Lar zusätzlich: nâch dînem willen muoz ergân // […] des bistu weizgot wol wert (V. 4789-4791). Jedoch verrät das den Lesern nicht der Erzähler sondern König Lar selbst. Er hingegen hat dieses Wissen nur als Helfer Gottes erlangt, was bedeutet, dass einzig und allein Gott schon entschieden hat: Wigalois wird als Sieger hervorgehen. Da Roaz selbst es nie wagte, sich dem Drachen zum Kampf zu stellen (V. 4731) und dieser als damönisches Ebenbild von Wigalois beschrieben wird, deutet Wirnt schon hier eine Überlegenheit Gottes über den Teufel an. Und diese wird sich am Ende natürlich bestätigen.

4. Die Welt Korntin

Bereits die Umgebung vor Korntin lässt den Leser das Schlimmste erwarten. Vor dem Falltor vor dem Land erstrecken sich Felswände und Schluchten, welche so tief sind, dass es nicht einmal ein Echo gibt (V. 4511-4516). Das Tier führt Wigalois in das auf den ersten Blick „ […] blühende und wohlbestellte Land [… ]“3 mit seinen zahlreichen Weingärten (V. 4538). Doch der Schein trügt: der Held erblickt ein Turnier. Nach anfänglicher Freude erkennt er, dass es wohl keine wirklichen Menschen sind und die Kämpfe nur gestellt sind (V. 4556-4567). „Alle Ritter tragen dasselbe kohlschwarze Wappen mit roten Flammen“4 und als Schlachtrufe kann man nur Wehklage hören (V. 4553). Als Wigalois mitkämpfen möchte verbrennt jedoch seine Lanze. „Tatsächlich handelt es sich, wie der Held später erkennt, um arme Seelen, die […] ein ewig währendes Turnier austragen“.5

Aufgrund des Verhaltens der Ritter, welche das von Gott auferlegte Schicksal planmäßig befolgen, scheint es auch in diesem Raum einen Kodex zu geben, die die Figuren einzuhalten haben, sobald sie den Raum betreten. Somit kann Wigalois die Ritter auch nicht besiegen, sondern wäre beim Eintreten in das Turnier dazu gezwungen, wie die „Seelen der verstorbenen Gefolgsleute“6, immer wieder von vorne anzufangen.

Ebenso hat sich der Held den Zeiten anzupassen. In Korntin herrscht eine schwache Heterochronie. Das heißt im Gegensatz zum „normalen“ Zeitrhythmus ist es genau umgekehrt. Tagsüber ist es still und lautlos während die Nacht hingegen erfüllt ist mit Feuer und Wehklagen. Auch hier sieht man erneut die Macht Gottes, denn er verändert die Tageszeiten und niemand vermag das magische Feuer zu löschen (V. 4305).

Doch nicht nur die Zeiten sind in Korntin festgesetzt. Denn das „Korntin-Glois-Reich wird mit dem Hortus-conclusus-Motiv eingeführt. Es führt kein Weg dorthin, es wird von Sumpf und See umgeben und die einzigen zwei Eingänge sind mit hohen Felsen umschlossen und bewacht (V. 4322-4330). Es handelt sich also um ein verschlossenes Land, das für einen normalen Menschen nicht erreichbar ist und nur mit wunderbarer Hilfe […] betreten werden kann“.7 Aber das Reich ist nicht nur vom äußeren Umfeld abgegrenzt. Auch innerhalb gibt es eindeutig abgeteilte Räume, wie den Anger oder den Palast.

Eben diese Burg wird überaus prunkvoll beschrieben. Die Mauer ist wie aus kostbarem Marmor, der Palast aus reinen Kristallen. Er ist reichlich verziert und ohne Dach, damit viel Leicht einfallen kann (V. 4591-4608). Das Zentrum Korntins scheint demnach, entfernt von den gequälten Rittern, von der dunklen Stimmung ausgenommen zu sein. Wirnt gibt zwar eine detailreiche Beschreibung, vermeidet hier jedoch genauere Angaben zum Leben in der Burg und verzichtet hier, auf religiöse und mythische Einflüsse.

Indessen ist das restliche Gebiet „ […] zu einem guten Maß durch christliche Jenseits- und Dämonenvorstellungen aufgefüllt und remythisiert […] “.8 Denn Korntin trägt laut Faßbender „Züge einer Jenseitslandschaft“9 und Stephan Fuchs bezeichnet es „einen persönlichen Teil des Jenseits, gleichsam ein kleines Paradies des Königs Lar, das er sich wegen seiner milte als König verdient hatte (V. 4679-4684)10. Und wieder einmal scheint Gott einen großen Part einzunehmen. Er entscheidet wie groß die Strafe und wie groß die Belohnung für jedermann ist. So hat der König den Zorn auf sich gezogen und muss nun mit seiner Gefolgschaft in einem Fegefeuer verbringen, doch aufgrund seiner „Milde“ und ewigen Treue kann er dem kurzzeitig entfliehen. Gott legt ebenso fest wo diese Ruhe genossen werden darf. Zu keinem Zeitpunkt zuvor hat Gott so viel Handlung vorgenommen wie im Reich Korntin. Jedermann untersteht seinen Regeln, sogar Wigalois, als er eintritt. So kann man Korntin durchaus als die „Wunderschöpfung Gottes“11 bezeichnen.

Durch die Gegner, die es zu bewältigen gilt, wird das Übernatürliche oder eher das Göttliche noch weiter in den Fokus gerückt. Der Feind Roaz wird in der Literatur weitgehend als Vertreter des Teufels oder „Teufelsbündner“12 angesehen. Er ist der Hauptgegner des Helden, da er die Ritter von Lar hinterrücks überfallen und getötet hat, und somit „genaues Kontrafakt des Protagonisten, als Spiegelbild mit umgekehrten Vorzeichen“13.

[...]


1 Vgl. B. Heger 2008, S. 5.

2 Vgl. B. Heger 2008, S. 5.

3 Vgl. K. Lichtblau in „Tierverwandlungen“ 2011, S. 224.

4 Vgl. C. Faßbender 2010, S. 82.

5 Vgl. A. Jaeger 2000, S. 262.

6 Vgl. C. Faßbender 2010, S. 82.

7 Vgl. B. Heger 2008, S. 5.

8 Vgl. K. Lichtblau in „Tierverwandlungen“ 2011, S. 228.

9 Vgl. C. Faßbender 2010, S. 83.

10 Vgl. S. Fuchs 1997, S. 144.

11 Vgl. S. Fuchs 1997, S. 143.

12 Vgl. A. Schulz 2011 in „Artusroman und Mythos“, S. 397.

13 Vgl. C. Faßbender 2010, S. 193 aus S. Fuchs 1997, S. 180.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Anger in Korntin im "Wigalois". Das Paradies in der Hölle?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Textanalyse und Texttheorie vormoderner Literatur: Transgression - erzählerische Übergänge.
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V292708
ISBN (eBook)
9783656898306
ISBN (Buch)
9783656898313
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Korntin, Korntin-Episode, Wigalois, Transgression
Arbeit zitieren
Lisa Demmel (Autor), 2013, Der Anger in Korntin im "Wigalois". Das Paradies in der Hölle?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292708

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