Der Neorealismus ist nicht so leicht zu definieren, wie man annehmen könnte. Zwar gibt es mittlerweile viele Bücher, in denen dessen Merkmale und Verfahren beschrieben werden, jedoch gibt es kaum einen neorealistischen Film, der diesen sehr ähnlichen Beschreibungen vollends entspricht.
In dieser Arbeit stelle ich daher die Frage, ob man eine allgemeingültige Definition des Neorealismus formulieren kann.
Hierfür teile ich die Arbeit in drei Kapitel ein. In Kapitel I arbeite ich die Geschichte und die mutmaßlich gängigen Merkmale bzw. ästhetischen Verfahren des Neorealismus heraus.
Im zweiten Kapitel untersuche ich die dritte Geschichte des Episodenfilms "Paisà" (Paisà, I 1946).
Ziel dieser Untersuchung ist es festzustellen, inwiefern diese Episode den gängigen Merkmalen des Neorealismus entspricht und ob sie Elemente enthält, die diesen widersprechen.
Im dritten und letzten Kapitel wende ich mich in Hinblick auf meine Untersuchungen in Kapitel I und II der Kernfrage dieser Hausarbeit zu, ob eine allgemeingültige Definition des Neorealismus möglich ist.
Abschließend fasse ich in einem Fazit meine Ergebnisse zusammen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kapitel I: Geschichte und Merkmale des Neorealismus
3.Kapitel II: Paisà im Fokus Teil I – eine Zusammenfassung der Episode III
4. Kapitel II: Paisà im Fokus Teil II – eine Analyse der Episode III in Bezug auf neorealistische Merkmale
5. Kapitel III: Neorealismus - definierbar oder nicht?
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale filmwissenschaftliche Fragestellung, ob eine allgemeingültige Definition des italienischen Neorealismus überhaupt möglich ist. Durch eine vergleichende Analyse gängiger Merkmale der Epoche mit der dritten Episode des Films Paisà (1946) wird geprüft, inwieweit konkrete Filmwerke diesen theoretischen Anforderungen tatsächlich entsprechen.
- Geschichte und ästhetische Merkmale des Neorealismus
- Strukturelle Analyse der dritten Episode von Roberto Rossellinis Paisà
- Vergleich von filmtheoretischen Idealen und praktischer Umsetzung
- Untersuchung von Inszenierungspraktiken und Laiendarstellern
- Kritische Reflexion über die Definitionsfähigkeit filmischer Bewegungen
Auszug aus dem Buch
4. Kapitel II: Paisà im Fokus Teil II – eine Analyse der Episode III in Bezug auf neorealistische Merkmale
Wie zu Beginn dieses Kapitels erwähnt, beginnt Rom mit einer sehr langen, etwa zweiminütigen Einführung durch authentische Wochenschaubilder. Dem Zuschauer werden an dieser Stelle historische Fakten durch die Filmaufnahmen und die Worte des Nachrichtensprechers vermittelt. Dieser sehr dokumentarische Stil entspricht den klassischen Merkmalen des Neorealismus, wie er in Kapitel I bereits beschrieben wurde.
Mit der Überblendung auf die dunkle, belebte Straße und die schriftliche Einblendung SEI MESI DOPO. (Sechs Monate später) beginnt die eigentliche Handlung der dritten Episode. Die Kneipenszene wurde eine Woche lang in einer realen Bar gedreht. Hierfür standen zwanzig „echte“ Soldaten zur Verfügung, die von der lokalen amerikanischen Dienststelle bereitwillig abkommandiert wurden, obwohl diese es nicht gerne sah, dass ihre Männer dort auf dreißig junge Damen trafen. Das Drehen mit Laien an Originalschauplätzen ist ebenfalls ein übliches Verfahren beim Neorealismus (siehe Kapitel I).
In der Bar-Szene wird Maria Michi in ihrer Rolle als Francesca eingeführt. Sie ist die einzige italienische Schauspielerin in Paisà, die dem italienischen Publikum bereits bekannt war. Hier verzichtete Rossellini also auf eine Laiendarstellerin. Bei der Besetzung von Fred fiel die Wahl ebenfalls auf einen Schauspieler, den Amerikaner Gar Moore. Dieser wurde von Rod Geiger gecastet, der ihn auch zum Dreh von Paisà brachte. Selbst die Hauswirtin, dargestellt von Lorena Berg, hatte schon schauspielerische Erfahrungen bei dem Film I dieci comandamenti (I dieci comandamenti, I 1945) gesammelt und danach noch bei einigen weiteren Filmen in kleinen Rollen mitgewirkt.
Die Besetzung der Hauptrollen der Episode Rom ist also für neorealistische Verhältnisse eher ungewöhnlich, da man nicht mit Laien, sondern mit Schauspielern bzw. angehenden Schauspielern arbeitete. Die Innenaufnahmen sowohl bei Freds und Francescas erstem als auch dem zweiten Treffen fanden in umgebauten Büroräumen nahe der Piazza Barberini statt. Somit wurde der Großteil der Handlung also nicht an authentischen Originalschauplätzen gedreht, sondern in einer Art Studio. Auch dies ist für den Neorealismus ungewöhnlich und selten (siehe Kapitel I).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit nach der Definitionsfähigkeit des Neorealismus und umreißt das methodische Vorgehen.
2. Kapitel I: Geschichte und Merkmale des Neorealismus: Dieses Kapitel arbeitet die historische Einordnung sowie die gängigen ästhetischen Merkmale und technischen Verfahren des Neorealismus heraus.
3.Kapitel II: Paisà im Fokus Teil I – eine Zusammenfassung der Episode III: Hier wird der Inhalt der dritten Episode des Episodenfilms Paisà detailliert zusammengefasst.
4. Kapitel II: Paisà im Fokus Teil II – eine Analyse der Episode III in Bezug auf neorealistische Merkmale: Das Kapitel analysiert die Episode hinsichtlich ihrer Konformität mit neorealistischen Prinzipien und arbeitet Abweichungen heraus.
5. Kapitel III: Neorealismus - definierbar oder nicht?: Dieses Kapitel zieht unter Einbeziehung weiterer Beispiele das Fazit, dass eine allgemeingültige Definition des Neorealismus aufgrund der heterogenen Ausprägungen kaum möglich ist.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und würdigt den filmhistorischen Stellenwert des Neorealismus trotz der Schwierigkeit seiner Definition.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Filme.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Roberto Rossellini, Paisà, Filmgeschichte, Italienisches Kino, Episodenfilm, Ästhetik, Authentizität, Laiendarsteller, Originalschauplätze, Filmtheorie, Filmwissenschaft, Rom offene Stadt, Dramaturgie, Nachkriegskino
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Definition und Kategorisierung des italienischen Neorealismus als filmwissenschaftliches Phänomen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die ästhetischen und technischen Merkmale des Neorealismus, die Analyse der Praxis anhand des Films Paisà sowie die Frage nach der Haltbarkeit wissenschaftlicher Definitionen dieser Epoche.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es zu ergründen, ob angesichts der vielfältigen künstlerischen Umsetzungen eine allgemeingültige Definition des Neorealismus formuliert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, bei der theoretische Definitionskriterien dem konkreten Filmmaterial (hier: Episode III aus Paisà) gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Merkmale des Neorealismus und eine praktische Untersuchung der dritten Episode des Films Paisà, gefolgt von einer weiterführenden Diskussion zur Definitionsfähigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Neorealismus, Roberto Rossellini, Paisà, Authentizität, Laiendarsteller und Filmgeschichte.
Warum wird gerade die dritte Episode des Films Paisà untersucht?
Diese Episode dient als Fallbeispiel, um die Diskrepanz zwischen den theoretischen Forderungen des Neorealismus (wie Laiendarsteller) und der filmischen Realität (Einsatz professioneller Schauspieler) aufzuzeigen.
Was ist das Ergebnis der Untersuchung hinsichtlich der Definition des Neorealismus?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass eine allgemeingültige Definition nicht möglich ist, da viele klassische Werke der Epoche erheblich von den postulierten ästhetischen Idealen abweichen.
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- Holger Köhler-Kaeß (Author), 2012, Neorealismus – definierbar oder nicht? Eine Spurensuche mit Hilfe des Films "Paisà", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292803