Der Ton in Francis Ford Coppolas "The Conversation" Im Ohr eines Paranoiden


Essay, 2012

10 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Der Ton in Francis Ford Coppolas „The Conversation“ (1974)

In der Medizin wird Paranoia als „psychische Störung, bei der persistierender Wahn als Symptom vorherrscht“ definiert. Häufig treten dabei „Verfolgungswahn [... und] ggf. olfaktorische und taktile Halluzinationen“1 auf. Dieses Krankheitsbild lässt sich auf Harry Caul, Abhörspezialist und Hauptfigur in Coppolas „The Conversation“, übertragen. Immer tiefer treibt ihn ein besonderer Auftrag in die Angst, selbst ein Opfer seines Metiers zu werden, und evoziert ein Wahngerüst, das sich deutlich in der Vertonung des Films manifestiert.

Eine Paranoia beginnt zunächst schleichend. Sobald Harry seine Mission, das Gespräch eines jungen Paares aufzuzeichnen, erledigt hat, setzt ein Klavier ein. Zunächst fast unscheinbar und leichtfüßig begleitet ihn die Bluesmelodie auf dem Heimweg, um vor der Haustür zu verstummen. Denn in Harrys Domizil erklingen nur Töne, die er selbst kontrolliert oder produziert, sei es durch den Plattenspieler oder das Saxophon, also diegetische Klänge. Seine Improvisationen auf dem Instrument stehen im Gegensatz zum penibel durchgeplanten und zurückgezogenen Leben. Die Gelassenheit und Spontaneität der Jazzmusik bieten ihm eine Art Rückzugsort. Ähnlich, wie dem beim Auftrag belauschten Paar, das Schutz vor Spionage in der Lautstärke der Musik im Park sucht, bietet diese auch Harry einen geschützten Bereich der 1Walter de Gruyter (Hrsg.): Pschyrembel 2012, Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin, S. 246 Privatsphäre. Doch das Sound Over des Klavierthemas verfolgt ihn von da an weiterhin Tag für Tag: Auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg nach Hause, im Bus, auf der Straße, sogar in der Kirche. Nicht nur durch die ständige Wiederholung rückt die Melodie in die Aufmerksamkeit des Zuschauers, auch die verschiedenen Variationen des Themas verdeutlichen die Zuspitzung der Handlung. Mal träge und melancholisch, mal dramatischer durch kontrastreiche Höhen und Tiefen wird die Musik zu einem Indikator für die Gefühlslage des Protagonisten. Die stetigen Modifikationen scheinen auf die täglich hinzukommenden Details über Harrys Fall zu reagieren, die sein Gefühl, an diesem Auftrag stimme etwas nicht, bestätigen. Hinzu kommt seine sich verhärtende Vermutung darüber, jemand verfolge ihn. Zusammen mit der Tatsache, dass das Klavier bis dahin nur ertönt, wenn Harry allein ist, liegt somit die Vermutung nahe, dass der musikalische Abhörspezialist die Klänge selbst „produziert“. Das Klavier spielt also, einsam, wie sein Schöpfer, nur in seinem Kopf. Als Ausdruck seines immer stärker werdenden Krankheitsbildes zeigt sich der Sound deutlich in den Szenen während und nach dem Mord im Hotelzimmer. Gerade, als Harry den Balkon betritt, stößt eine Frau hinter dem milchigen Trennglas zur benachbarten Veranda einen markerschütternden Schrei aus. Eine blutige Hand hinterlässt zudem ihre Spuren auf der gegenüberliegenden Seite. Im Gegenschuss wird Harry aus der Nahen gezeigt, der sich entsetzt die Hände vor das Gesicht schlägt. Der grelle Schrei der Frau scheint sich in Harrys Ohren fortzusetzen: Schrille, langgezogene Töne wiederholen sich und werden von dunklen, metallenen ergänzt. Dieser Kontrast zeigt sich auch im Bild. Die Kamera wechselt ständig aus einer starren totalen in die nahe Aufnahme, die Harry wackelnd umkreist und verfolgt. Sie scheint ihn anzugreifen, fast physischen Schmerz zuzufügen. Krampfhaft versucht er, sich die Ohren zuzuhalten, die schrillen Töne zu überdecken, obwohl diegetisch anscheinend keine Geräusche mehr zu vernehmen sind. Kurze Zeit später bildet sich Harry ein, eine von Blut überlaufende Toilette zu sehen. Wiederum setzen angsteinflößende Klanglandschaften ein. Die schreienden elektronischen Laute streichen das Unwirkliche der Szene heraus und markieren den Punkt, an dem Harry tatsächlich keine Kontrolle mehr über seine Wahrnehmung zu haben scheint. Mit den visuellen gehen somit auch auditive Halluzinationen einher. An anderen Stellen wird wiederum die Symbolhaftigkeit des Klavierstücks für die Überwachung von außen deutlich. Den gesamten Film hindurch verfolgt ihn die Melodie, wie eine Art Gegenspion, der ihm nachstellt. Auch ist sie beim intimen Gespräch von Harry und Meredith leise und unterschwellig zu hören.Sie scheint dadurch die Zweisamkeit der beiden zu stören und auf die versteckte Wanze im Kugelschreiber, den Harry sich zuvor anstecken ließ, zu deuten. Mit dem Anruf, der ihn über das Abhörgerät in seiner Wohnung informiert, beginnt das Piano schlussendlich auch in seine sicher geglaubte Wohnung einzudringen.

[...]


1 Walter de Gruyter (Hrsg.): Pschyrembel 2012, Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin, S. 246

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Der Ton in Francis Ford Coppolas "The Conversation" Im Ohr eines Paranoiden
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Filmgeschichte
Note
1,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V293527
ISBN (eBook)
9783656909668
ISBN (Buch)
9783656909675
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
francis, ford, coppolas, conversation, paranoiden
Arbeit zitieren
Luisa Schneider (Autor:in), 2012, Der Ton in Francis Ford Coppolas "The Conversation" Im Ohr eines Paranoiden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293527

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