Das Jugendtheaterstück "Creeps" von Lutz Hübner im Deutschunterricht

Anknüpfungsmöglichkeiten und didaktische Überlegungen für die praktische Umsetzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

27 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analytische Vorüberlegungen zum Jugendtheaterstück Creeps von Lutz Hübner
2.1 Inhalt
2.2 Der Autor
2.3 Personencharakteristika
2.4 Interpretationsansätze

3. Mögliche Anknüpfungspunkte für die unterrichtliche Umsetzung
3.1 Mögliche Anknüpfungspunkte auf formaler und struktureller Ebene
3.2 Mögliche Anknüpfungspunkte auf inhaltlicher Ebene

4. Didaktische Überlegungen
4.1 Der gattungstheoretische Ansatz
4.2 Der theaterpädagogische Ansatz
4.3 Der produktionsorientierte Ansatz

5. Konsequenzen für die Unterrichtspraxis

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

„Seit über zwei Jahrzehnten ist zu beobachten, dass sich die Schule mit der Rezeption neuerer Theaterstücke schwer tut. […] Es dominieren Stücke aus den 50er- und 60er-, allenfalls noch aus den 70er Jahren.“1 Ob diese Aussage aus dem Jahr 2003 knapp zehn Jahre später noch vollends ihre Berechtigung hat, ist fragwürdig, gerade wenn man die Fülle zeitgenössischer Dramen berücksichtigt, die auch immer mehr Einzug in den Deutschunterricht erhalten. Neben traditionellen Dramen Dürrenmatts, Frischs, Lessings, Brechts, Büchners etc., die nach wie vor im Deutschunterricht präsent sind - nicht zuletzt sind sie Vertreter einzelner Epochen – erhalten auch immer stärker zeitgenössische Dramen der Gegenwartsliteratur Einzug in den Deutschunterricht. Neben Autoren und Autorinnen wie Tina Müller, Thomas Ahrens, Thomas Oberender, Igor Bauersima und Laura de Wecks ist Lutz Hübner als einer der meist gespielten Gegenwartsdramatiker auf deutschen Bühnen zu nennen.2 Eines seiner bekanntesten Stücke ist das Jugendtheaterstück „Creeps“, das im Zentrum dieser Arbeit steht. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Stück im Rahmen einer Einbindung in den Deutschunterricht der Sekundarstufe І.

Die Arbeit verfährt in einem Vierschritt: In einem ersten Teil soll das Stück theoretisch-analytisch erfasst werden. Neben einigen Basisinformationen zum Inhalt (Kapitel 2.1) und zum Autor des Stückes (Kapitel 2.2) geht es darum, einige inhaltliche Vorüberlegungen aufzustellen, die sich auf die Protagonisten des Stückes (Kapitel 2.3) und auf inhaltliche Interpretationsansätze des Gesamtstückes beziehen (Kapitel 2.4).

In einem zweiten Teil sollen aus diesen analytischen Vorüberlegungen Anknüpfungspunkte für eine unterrichtliche Umsetzung auf formal-struktureller (Kapitel 3.1) und auf inhaltlicher Ebene (Kapitel 3.2) geschaffen werden. Welche formalen Besonderheiten weist das Stück auf und welches Potential bergen die Charakteristiken der Protagonisten und der Handlungsstrang des Stückes für die unterrichtliche Anbindung?

In einem dritten Schritt geht es dann darum, didaktische Umsetzungsmöglichkeiten für den Deutschunterricht aufzuzeigen. Hierbei wird sich im Wesentlichen an der Kategorisierung Klaus-Michael Bogdals und Clemens Kammlers orientiert, die in einem Beitrag zur Dramendidaktik (2010) den gattungstheoretischen Ansatz (Kapitel 4.1), den theaterpädagogischen Ansatz (Kapitel 4.2) und den produktionsorientierten Ansatz (Kapitel 4.2) als die drei wesentlichen didaktischen Konzepte skizziert haben.

Der letzte Schritt versucht abschließend die analytischen Vorüberlegungen, die sich daraus ergebenden unterrichtspraktischen Anknüpfungsmöglichkeiten und die aufgezeigten didaktischen Konzepte miteinander zu verbinden (Kapitel 5.): Welche didaktischen Konzepte eignen sich für welche unterrichtlichen Schwerpunkte, bzw. durch welche didaktischen Konzepte können verschieden unterrichtliche Schwerpunkte des Jugendtheaterstückes Creeps sinnvoll in den Unterricht integriert werden?

Die vorliegenden Ausführungen basieren auf der Klett-Ausgabe des Stückes Creeps von 2006, alle hier verwendeten Textbelege und Seitenangaben sind dieser Ausgabe entnommen. Für den ersten Teil dieser Arbeit, bei dem es um eine analytische Annäherung an das Stück geht, wurde verschiedene Sekundärliteratur verwendet. Darunter sind sowohl Veröffentlichungen, die in etwa in der Zeit der Herausgabe des Stückes 2002 erschienen sind, als auch Publikationen jüngeren Alters, wie etwa von 2012, was die Aktualität des Stückes auch heute noch, immerhin 12 Jahre nach seiner Veröffentlichung, unterstreicht. Für den dritten Teil dieser Arbeit, der sich mit didaktischen Konzepten befasst, wurden unterschiedliche Publikationen bis in die 1970er Jahre hinein herangezogen, in denen diese teilweise primär, wie z.B. von Ingo Scheller, teilweise aber auch sekundär, wie die Veröffentlichung von Klaus-Michel Bogdal und Clemens Kammler, thematisiert werden. In Bezug auf die Lehrpläne wurden jeweils die aktuellen Fassungen der Kernlehrpläne für die Sekundarstufe І in NRW für das Gymnasium, bzw. für die Gesamtschule von 2007, bzw. von 2004 herangezogen.

2. Analytische Vorüberlegungen zum Jugendtheaterstück Creeps von Lutz Hübner

Um einen ersten Zugang zum Stück zu schaffen ist es erforderlich, einige analytische Vorüberlegung zum Stück voranzustellen, aus denen dann anschließend Anknüpfungspunkte für die Unterrichtspraxis gezogen werden können.

Nachdem der Inhalt des Stückes kurz dargestellt und Informationen zum Autor skizziert werden, geht es darum, anhand der einzelnen Personencharakteristika der Hauptprotagonisten und anhand interpretatorischer Ansätze, das Stück inhaltlich zu erschließen. Die analytischen Vorüberlegungen zum Stück sollen dazu dienen, thematische Schwerpunkte zu erschließen, die im Rahmen einer Unterrichtsreihe im Fach Deutsch aufgegriffen und vertieft werden könnten, bzw. sollten.

2.1 Inhalt

Das Jugendtheaterstück Creeps von Lutz Hübner aus dem Jahr 2002 handelt von drei Mädchen, unterschiedlicher sie kaum sein können, die dem Aufruf eines TV-Senders folgen, der eine Moderatorin für eine neue Trendfashionmusicshow in Hamburg sucht. In der Annahme, als Moderatorin der neuen Sendung bereits auserkoren zu sein, tatsächlich aber lediglich zu einem Casting geladen, treffen Petra Kowalski (16 Jahre), Maren Terbuyken (17 Jahre) und Lilly Marie Teetz (17 Jahre) im Fernsehstudio aufeinander. Initiiert durch den Sender, beginnt ein bitterer Konkurrenzkampf der Mädchen um den heißbegehrten Job. Durch verschiedene Provokationen der drei Mädchen, seitens des Regisseurs der Sendung, der aus dem ‚Off‘ das Casting leitet, geraten die Mädchen in verschiedene verbale und auch körperliche Auseinandersetzungen. Auf bittere Art und Weise wird den Mädchen schließlich bewusst gemacht, welch perfide Machenschaften des Senders hinter dem Casting stecken, das lediglich dazu dienen soll, durch gezielte Provokationen den Mädchen möglichst emotionales Material zu entlocken, um dieses für den Trailer der Sendung zu nutzen - die Moderatorenstelle war von Anfang an mit jemand anderem besetzt. Eine Tatsache, die die drei Mädchen schließlich doch ein Stück weit zusammenführt. „Die zu Anfang einzeln eingetroffenen und als Rivalinnen agierenden Mädchen verlassen am Ende gemeinsam den Schauplatz des Geschehens.“3

2.2 Der Autor

Lutz Hübner ist ein 1964 in Heilbronn geborener freiberuflicher Schriftsteller und Regisseur. Nach seinem Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie absolvierte er eine Ausbildung als Schauspieler und war anschließend an verschiedenen Theatern in Saarbrücken, Karlsruhe, Neuss und Magdeburg engagiert. In dieser Zeit entstanden einige eigene Regiearbeiten. „Lutz Hübner ist bekannt für sein umfangreiches und vielfältiges Stückerepertoire, er zeichnet in seinen Jugend- und Familienstücken lebensnahe Figuren, die den Abgründen des All­täglichen ausgeliefert sind.“4 Zu seinen bekanntesten Stücken gehören unter anderem ‚Blütenträume‘, ‚Frau Müller muss weg‘ und ‚Herz eines Boxers‘, für das er 1998 mit dem Jugendtheaterpreis ausgezeichnet wurde. Seine Texte, die Lutz Hübner „zu einem der meistgespielten Gegenwartsdramatiker auf deutschen Bühnen“5 machen, sind in zahlreichen Sprachen übersetzt worden und werden auf der gesamten Welt inszeniert.6

2.3 Personencharakteristika

Den Mittelpunkt des Stückes bilden die drei 16-, bzw. 17-jährigen Jugendlichen Petra Kowalski, Maren Terbuyken und Lilly Marie Teetz. Regelmäßig greift aus dem so genannten ‚Off‘ die Stimme des Regisseurs Arno in das Geschehen ein. Diese Figur ist für die Mädchen und für die Zuschauer unsichtbar, sie lenkt das Geschehen durch verschiedene Anweisungen von ‚Außen‘.

Der Darstellung der Protagonisten, die durch eingeklammerte Textbelege untermauert werden, werden die Kurzbeschreibungen der Klett-Ausgabe von 2005 vorangestellt.

Petra Kowalski – 16 Jahre alt

„[…] Outfit gemäß modisch (H&M) mit einem leichten Schlag ins Prollige, (Flokatijacke), Rucksack. Kein Dialekt, aber eine sächsische Sprachmelodie.“7

Petra Kowalski ist ein 16-jähriges Mädchen aus Chemnitz. Sie lebt mit ihrem Vater und ihrem zwei Jahre älteren Bruder Ernst (die Mutter wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt) in einer Vier-Raum-Wohnung in Platte, einem Ortsteil von Chemnitz-Neustadt. Petra unternimmt nach ihrer Arbeit als Bürokauffrau in der Ausbildung häufig etwas mit ihren Freunden, einer großen Clique, zu der sowohl ihr Bruder Ernst als auch ihr Freund Konrad gehören. Gemeinsam besuchen sie Diskotheken, wo Petra sehr gerne und lange tanzt.8

Der Grund ihrer Teilnahme an dem Casting, bzw. ihres Interesses an der Moderatorenstelle liegt in ihrer Sehnsucht, etwas zu erleben, bevor der Ernst des Lebens für sie beginnt.9 Sie möchte die Möglichkeit erhalten, eine Zeit lang aus Chemnitz heraus zu kommen (S.31: „[D]as ist doch mal gut, so eine Weile raus, so leben […].“), wenngleich sie sich dort sehr wohl fühlt, was vor allem die vehemente Verteidigung ihrer Heimatstadt gegenüber den provozierender Äußerungen der Offvoice in Richtung Ostdeutsche deutlich macht (S.37: „[I]ch lass mich doch hier nicht abstempeln […], das sind alles einwandfreie Leute, da lass ich nix drauf kommen […].“). Petra ist demnach nur auf der Suche nach Abwechslung und keinesfalls auf den Job angewiesen. Dies erklärt auch ihre Position innerhalb der drei Mädchen. Während Maren und Lilly häufig in verbale, aber auch körperliche Auseinandersetzungen verwickelt sind, ist Petra sozusagen eine Konstante unter den Dreien, die immer wieder versucht, die Situation zu entschärfen (S. 23: „Das ist doch voll übel, wir können doch nicht aufeinander rumhacken, wir müssen das doch gemeinsam machen.“) und sich weder auf der Seite von Lilly noch eindeutig auf der Seite von Maren positioniert, denn nachdem diese hart aneinandergeraten sind, sorgt sich Petra sowohl um Maren als auch um Lilly.10 Im Verlaufe des Castings wird deutlich, „dass sie gar nicht den Ehrgeiz hat zu gewinnen und auch nicht die Ambition, aus ihrem geregelten Umfeld auszubrechen und ihre Lebensaussichten zu verändern. Für sie steht der Spaß an dem Casting-Erlebnis im Vordergrund.“11

Bezeichnend ist, „dass nur sie am Ende die Möglichkeit erhält, im Fernsehen auftreten zu können [(S. 48: „Die Jungs von der daily soap sind ziemlich auf dich abgefahren. Wenn du Interesse hast, einfach rüber zu Studio drei ‚Hafenklinik‘, anklopfen, die wissen Bescheid, denk drüber nach.“)].“12

Maren Terbuyken – 17 Jahre alt

„[…] [K]urze Haare, modisch eher in Richtung Kelly Family, Naturstoffe, nicht figurbetont, ungeschminkt, vollgepackte Sporttasche (Tigerente?).“13

Die 17-jährige Maren kommt aus Hamm, einer Stadt in der Nähe von Dortmund. Ihren eigenen Ausführungen nach zu urteilen, lebt sie dort allein mit ihrer Mutter, die alles aufgeben hat, um für ihre Tochter sorgen zu können, und fristet dort ein schwierigeres Dasein. Sie hat Probleme in der Schule, ihr droht erneut die Wiederholung einer Klasse, so dass ihr wohl bald auch ein Gang zum Schulpsychologen nicht erspart bleibt, um Hilfe zu erlangen.

In der Moderatorenstelle sieht sie die Chance, endlich einmal zu beweisen, vor allem ihrer Mutter, dass sie keine Versagerin ist. Sie möchte sich durch den Job auch ein Stück weit bei ihrer Mutter revanchieren, indem sie endlich auf eigenen Beinen steht und ihrer Mutter vielleicht auch etwas von dem zurückgeben zu können, was sie für ihre Tochter gegeben hat.14

Dies erklärt auch ihren Ehrgeiz, den sie an den Tag legt: Von anfänglichen Sprechübungen bittet sie immer wieder zwischendurch um die Möglichkeit, nochmal etwas auszuprobieren15, als sie jedoch erkennt, dass sie bei dem Casting anscheinend keine Chance hat und sich zudem der Konkurrenzkampf unter den drei Mädchen zuspitzt, kann Maren sich nicht mehr beherrschen, so dass sie erst ihre Mitstreiterin Lilly ohrfeigt und schließlich weinend zusammenbricht (S. 29: „Aus. Vorbei. Gelaufen. Kaputt…weg…fertig…erledigt…jetzt ist es passiert.“ – Sie beginnt zu hyperventilieren, ein Würgereiz).

An dieser Stelle zeigt sich die Kehrseite ihrer Figur, die am Anfang noch versucht hat klar zu machen, dass sie ein engagiertes Mädchen ist, das für den Umweltschutz kämpft und das es wichtig findet, innerhalb der Gesellschaft nicht nur auf die Oberfläche der Menschen zu achten.16

Nach diesem Ausbruch versucht sich Maren noch einmal zu fangen, will ihr Ziel, ins Fernsehen zu kommen, nicht aus den Augen verlieren, so dass sie durch eine Gesangseinlage versucht, das Ruder noch einmal umzureißen (S. 33: „Ich möchte…ich habe was vorbereitet, ein Lied. Ich bin dran, ich will das jetzt machen […].“).

„Während des ganzen Castings lastet folglich ein immenser Druck auf ihr, nicht zu versagen. Unter den drei Mädchen ist Maren am meisten empfänglich für die Wirklichkeit, die vom Fernsehen präsentiert wird.“17

„Erst als sie erfährt, dass sie doch ins Fernsehen kommt – wenn auch nur in einem Trailer – ist sie zufrieden [(S. 48: „Ich komm doch jetzt im Fernsehen, oder?“)].18

Lilly Marie Teetz

„[…] [S]chwarzes Kostüm, sehr schick, aber trendy, hohe Schuhe (Plateau), dezent geschminkt, Latextasche mit Noppen, Handytasche im Riemen eingearbeitet, MP3-Player.“19

Lilly, ein 17 Jahre altes Mädchen aus Hamburg, stellt augenscheinlich den souveränsten Charakter im Drama dar. Ihr Vater ist Art Director und hat ihr dazu verholfen, dass sie schon Erfahrungen im Bereich Medien gesammelt hat.20

Sie spricht selber von einem guten, familiären Hintergrund, was sich vor allem auch auf die ihr durch den Vater gegebenen finanziellen Mittel bezieht.21 Ihre Erfahrungen in der Branche erklären eventuell ihre Abgeklärtheit und ihre Kontrolliertheit. Lilly gibt vor zu wissen, worauf es ankommt, sie setzt sich stets selbst in Szene und verfolgt dabei strikt das Motto: „Hauptsache, man kann so richtig zeigen, wie primitiv man sein kann, wie verkorkst, wie abgefuckt, wie zerfressen von Komplexen.“22 Sie möchte ihre Kontrahentinnen dabei abhängen, indem sie versucht, diese vor der Kamera vorzuführen, sie zu provozieren und sich ihre Unerfahrenheit zu Nutzen zu machen.23 Immer wieder wird jedoch deutlich, dass ihre Anfeindungen einzig dem Ziel dienen sollen, den Job zu bekommen, und sie von keinen persönlichen Motiven geleitet wird (S. 28: „Ihr müsst mal checken, dass ihr was bringen müsst!“, S. 18: „Ich hab’s nicht so gemeint.“).

Ihr Ziel ist es, einmal in den Vereinigten Staaten Journalismus zu studieren.24 Sie möchte sich langsam von ihrem Elternhaus lösen, möchte ihre Unabhängigkeit unter Beweis stellen, indem sie endlich einmal etwas ohne die Hilfe ihres Vaters erreicht.25 Bei allen Provokationen durch Lilly ist es sehr bezeichnend, dass sie selber sehr robust gegenüber Angriffen auf sich selbst ist. Wenngleich sie kurz vor der Eskalation mit Maren dieser gegenüber verbal sehr ausfallend wird, erträgt sie die Ohrfeige, die sie daraufhin von ihr erhält mehr oder weniger widerstandslos. Die Eskalation der Situation leitet auch einen Wendepunkt in der Figur Lillys ein, die zum ersten Mal erkennt und deutlich macht: „Scheiße, ich hab gedacht, das wird echt easy. Ich hab mir gesagt, bleib cool, egal, was läuft, und jetzt das.“26 Als sie dann auch noch erfährt, dass sich zum einen doch wieder ihr Vater für ihre Wahl als Moderatorin eingesetzt hat und sie nur benutzt wurde, ist sie sichtlich enttäuscht und ihre Medienkompetenz scheint zu brechen, sie muss sich eingestehen, dass auch sie sich irgendwie Illusionen gemacht hat und sich nicht gänzlich der Tatsache bewusst gewesen ist, einzig gutes Medienmaterial darzustellen.27 Auch wenn sie die Notwendigkeit erkennt, sich eigentlich gegen diese Ausbeutung wehren zu müssen, besitzt sie die Kraft dazu nicht.28

Offvoice

„Die fröhlich intime ‚Guten Morgen Wecker‘-Stimme. Dreißig aufwärts, Typus Berufsjugendlicher/Medienversion.“29

„Als Konkurrentinnen um den Moderatoren-Job bilden die drei Mädchen zwar keine einheitliche Gruppe, das Ziel, um das sie miteinander wetteifern, verbindet sie aber in einer Gegenposition zu dem TV-Sender, der von dem Aufnahmeleiter Arno repräsentiert wird.“30 Die Offvoice des Regisseurs Arno wird nie sichtbar, „lenkt das Geschehen jedoch wie ein Deus ex Machina.“31 Kennzeichnend ist seine extrem jugendliche und häufig überspitzt freundliche Haltung, die sich besonders in seiner Sprache widerspiegelt. Immer wieder inszeniert Arno seine Anweisungen aus einer Mischung deutscher und englischer Phrasen, „[s]ein ‚Denglisch‘ hebt sich in seiner offensichtlichen Künstlichkeit von der Sprache der Mädchen ab.“32 Arnos Aufgabe ist es, bei den drei Mädchen Illusionen für die Stelle zu wecken (S. 12: „[…] [A]ber nur bei euch dreien haben wir alle wow! Gesagt. Ihr drei habt das, was wir brauchen, und das ist credibility.“), damit sie die Sache besonders ernst nehmen, sie zu provozieren und das Geschehen zu einer Eskalation zu leiten, um am Ende möglichst emotionales Material für den Trailer der Sendung zu erhalten. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Tatsache betrachtet, dass Arno sich nie beschwichtigend dazwischenschaltet, wenn sich die Mädchen gerade wieder mitten in einer Auseinandersetzung befinden und sich gegenseitig provozieren. „Entlarvt wird Arnos Kumpelhaftigkeit, als die drei Mädchen zufällig mitanhören, wie im Regieraum über sie gelästert wird […].“33 Erst da beginnen die drei Mädchen zu erkennen, was sich wirklich abspielt und haben nur noch ein gemeinsames Ziel, nämlich sich der Situation zu entziehen und das Studio zu verlassen. Die Figur Arnos legt den Vergleich eines Marionettenspielers nahe, der die Fäden der Entwicklung der drei Mädchen innerhalb der vermeintlichen Casting-Situation allein in den Händen hält. „In der Figur von Arno persifliert der Autor den pseudo-jugendlichen Sprachjargon mancher Medienmacher.“34

[...]


1 Clemens Kammler: Zeitgenössische Theaterstücke. In: Praxis Deutsch. Zeitschrift für den Deutschunterricht. Zeitgenössische Theaterstücke. 30 Jg. (2003) H. 181. S. 181.

2 Homepage des Staatsschauspiels Dresden. URL: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/lutz_huebner/ [Stand: 11.08.2014].

3 Franz-Josef Payrhuber unter Mitarbeit von Henning Fangauf: Jugendtheaterstücke der Gegenwart. Zwölf Unterrichtsmodelle zur Jungen Dramatik für die Sekundarstufe. Mit Überblicken über das Stücke-Repertoire und Kurz-Porträts der Autorinnen und Autoren. Bd. 35: Deutschdidaktik aktuell. Hrsg. von Günter Lange. Baltmannsweiler 2012. S. 45.

4 Homepage des Staatsschauspiels Dresden. A. a. O.

5 Ebd.

6 Vgl. ebd.

7 Lutz Hübner: Creeps: Ein Jugendtheaterstückstück. Taschenbücherei. Texte & Materialien. Herausgegeben von Klaus-Ulrich Pech und Rainer Siegle. Mit Materialien, zusammengestellt von Henning Fangauf. Leipzig 2006. S. 5.

8 Vgl. ebd. S. 34f.

9 Vgl. ebd., S. 31.

10 Vgl. ebd., S. 30.

11 Franz-Josef Payrhuber: Jugendtheaterstücke der Gegenwart. A. a. O. S. 42f.

12 Ina Rogge: „And don’t forget: the world is waiting for you!“ Jugendliche als Superstars und Marketingobjekte: Lutz Hübners Jugendstück Creeps. In: Praxis Deutsch. Zeitschrift für den Deutschunterricht. Zeitgenössische Theaterstücke. 30 Jg. (2003) H. 181. S. 26.

13 Lutz Hübner: Creeps: Ein Jugendtheaterstückstück. A. a. O. S. 30.

14 Vgl. ebd., S. 39f.

15 Vgl. ebd., S. 13.

16 Vgl. ebd., S. 25.

17 Franz-Josef Payrhuber: Jugendtheaterstücke der Gegenwart. A. a. O. S. 43.

18 Ina Rogge: „And don’t forget: the world is waiting for you!“ A. a. O. S. 28.

19 Lutz Hübner: Creeps: Ein Jugendtheaterstückstück. A. a. O. S. 5.

20 Vgl. ebd., S. 26; S. 41.

21 Vgl. ebd., S. 39ff.

22 Ebd., S. 23.

23 Vgl. ebd., S. 25f.

24 Vgl. ebd., S. 26.

25 Vgl. ebd., S. 41.

26 Ebd., S. 30.

27 Vgl. ebd., S. 45.

28 Vgl. ebd., S. 49.

29 Ebd., S. 5.

30 Franz-Josef Payrhuber: Jugendtheaterstücke der Gegenwart. A. a. o. S. 44.

31 Ina Rogge: „And don’t forget: the world is waiting for you!“ A. a. O. S. 29.

32 Ebd.

33 Ebd.

34 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Das Jugendtheaterstück "Creeps" von Lutz Hübner im Deutschunterricht
Untertitel
Anknüpfungsmöglichkeiten und didaktische Überlegungen für die praktische Umsetzung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
27
Katalognummer
V293738
ISBN (eBook)
9783656913757
ISBN (Buch)
9783656913764
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jugendtheaterstück, creeps, lutz, hübner, deutschunterricht, anknüpfungsmöglichkeiten, überlegungen, umsetzung
Arbeit zitieren
B.A. Katharina Kukasch (Autor), 2014, Das Jugendtheaterstück "Creeps" von Lutz Hübner im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293738

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