Ein geeignetes Mittel, um dem gedankenlosen Hantieren mit Formeln und Verfahren zu begegnen und die Sprachkompetenz der S. zu fördern, ist das Schreiben von Lerntagebüchern. Die Schweizer Gymnasiallehrer Peter Gallin (Mathematik) und Urs Ruf (Deutsch) haben auf dem Gebiet der Lerntagebücher „Pionierarbeit“ geleistet. Gallin und Ruf entwickelten ihr Konzept des dialogischen Lernens für den Mathematik- und Deutschunterricht mit dem Ziel, den als defizitär empfundenen schulischen Rahmenbedingungen eine praxisorientierte Alternative entgegenzusetzen. Das dialogische Lernen ist keine Methode, die man nach Bedarf und Zielvorstellung auswählt, sondern eine Grundhaltung, die den ganzen Unterricht prägt. Das Verhältnis der Lehrperson zu den S. ist nicht das eines Belehrenden gegenüber Weniger-Wissenden, sondern das eines interessierten Zuhörers, der jeden Einzelnen ermuntert zu erzählen, „wie er es macht“, und Hilfe zur Selbsthilfe leistet, statt die standardisierte Lösung vorzugeben. Die Bereitschaft der S., ihre Überlegungen offenzulegen, setzt Vertrauen in ein wohlwollendes und fachkundiges Gegenüber voraus. Aus diesem Lehrer-Schüler-Verhältnis ergeben sich Konsequenzen für alle Bereiche des Unterrichts, die sich auch in den 4 Instrumenten des dialogischen Lernens widerspiegeln: 1. Orientierung des Unterrichts an Kernideen, 2. Stellen von Aufträgen, die zum Forschen anregen, 3. Führen eines Lerntagebuchs, in dem die S. Spuren ihres Lernprozesses hinterlassen und 4. Nutzbarmachen der individuellen Entdeckungen für den Fortgang des Unterrichts.
In der vorliegenden Arbeit geht es um die Umsetzung des dialogischen Lernens in der Klasse 8x eines Gymnasiums. Das dafür zugrunde liegende Stoffgebiet sind das Laplace-Modell und die Summenregel. Die zentrale Fragestellung dabei ist: „Inwieweit sind die zentralen Elemente des dialogischen Lernens zur Förderung der Verbalisierungskompetenz geeignet?“ Vor diesem Hintergrund ergeben sich folgende Leitfragen: 1. Inwieweit sind die S. der Klasse 8x dazu zu bewegen, sich schriftlich mit mathematischen Fragestellungen auseinanderzusetzen? 2. Welche Aspekte des dialogischen Lernens fördern dabei die intrinsische bzw. extrinsische Motivation? 3. Spricht das Konzept des dialogischen Lernens gleichermaßen leistungsschwache wie leistungsstarke S. an?
Im Anhang: Planungsübersicht zur Reihe und Schülerprodukte
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Mathematik und Sprache
2.1 Der didaktische Ort der Sprache im Mathematikunterricht
2.2 Die Verbalisierungskompetenz im Mathematikunterricht
2.2.1 Definition und Abgrenzung
2.2.2 Förderung
2.3 Das Konzept des dialogischen Lernens in Grundzügen
2.3.1 Die Kernidee
2.3.2 Der Auftrag
2.3.3 Das Lerntagebuch
2.3.4 Rückmeldung und Beurteilung durch die Lehrperson
2.4 Folgerungen für das Unterrichtsvorhaben
3 Planung der Unterrichtsreihe
3.1 Die Lerngruppe
3.1.1 Allgemeine Voraussetzungen
3.1.2 Spezielle Voraussetzungen
3.2 Sachstrukturanalyse
3.2.1 Das Laplace-Modell im Unterricht
3.3 Angestrebter Kompetenzzuwachs
3.3.1 Fachkompetenz
3.3.2 Aspekte der Verbalisierungskompetenz
3.3.3 Erfassung von Aspekten der Verbalisierungskompetenz
3.4 Aufbau der Unterrichtsreihe
3.4.1 Erläuterung der Planung
3.4.2 Die Kernidee
3.4.3 Der erste Auftrag
3.4.4 Der zweite Auftrag
3.4.5 Erarbeitung von Summenregel und Laplace-Modell
3.4.6 Die Nutzung des Laplace-Modells
4 Durchführung und Analyse ausgewählter Unterrichtsabschnitte
4.1 Der erste Auftrag
4.1.1 Analyse und Reflexion inhaltlicher Aspekte der Bearbeitung
4.1.2 Analyse und Reflexion weiterer Aspekte der Bearbeitung
4.1.3 Die Wahrscheinlichkeit eines Elementarereignisses (3. Stunde)
4.1.4 Die Formulierung der Summenregel (6. Stunde)
4.2 Der zweite Auftrag
4.2.1 Analyse und Reflexion inhaltlicher Aspekte der Bearbeitung
4.2.2 Analyse und Reflexion weiterer Aspekte der Bearbeitung
4.2.3 Die Erarbeitung des Laplace-Modells (8. Stunde)
5 Auswertung
5.1 Kompetenzorientierte Auswertung
5.2 Erwartungshorizont und Auswertung der Klassenarbeit
5.3 Auswertung des Fragebogens
6 Gesamtreflexion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Umsetzung des dialogischen Lernens nach Gallin und Ruf in einer 8. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Das primäre Ziel besteht darin zu klären, inwieweit die zentralen Elemente dieses didaktischen Konzepts – insbesondere das Schreiben von Lerntagebüchern und das Stellen forschender Aufträge – zur Förderung der Verbalisierungskompetenz der Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht, speziell im Themenbereich Stochastik und Laplace-Modell, geeignet sind.
- Förderung der schriftsprachlichen Verbalisierungskompetenz in Mathematik
- Einsatz des dialogischen Lernens (Kernideen, Lerntagebücher, Rückmeldungen)
- Stochastik in der 8. Klasse (Summenregel und Laplace-Modell)
- Analyse von Schüler-Eigenproduktionen und individuellen Lernwegen
- Motivation durch singuläre Standortbestimmung und authentische Begegnung
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Die Kernidee
Ausgangspunkt des Lernprozesses ist die Kernidee. Eine Kernidee umfasst „all das, was unserem Tun Antrieb und Richtung gibt“, d.h. die meist unbewussten Vorstellungen, welche die Triebfeder menschlichen Handelns sind. Eine Kernidee gibt dem Schulstoff ein Gesicht, macht ihn zu einem „attraktiven und herausfordernden Gegenüber für die Lernenden“; sie gibt den Blick frei auf die Gesamtheit eines Stoffgebiets, weckt die Neugier der Lernenden, bietet Raum für authentische Begegnungen und fordert zur singulären Standortbestimmung auf (vgl. Gallin/Ruf I, S. 45 und S. 59).
Bei der Entwicklung einer Kernidee gilt es zunächst, mein persönliches Interesse an dem zu vermittelnden Stoff, die Bedeutung, die er für mich hat, aufzuspüren (biographischer Aspekt), denn:
„Spüren die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Begegnung mit einem neuen Thema nicht in erster Linie die unerreichbare Überlegenheit ihrer Lehrkraft, sondern die singuläre Betroffenheit einer Person, sind auch sie zu einer persönlichen Antwort eingeladen.“ (ebd., S. 60)
Durch die „singuläre Betroffenheit“ der Lehrperson fühlen sich die SchülerInnen herausgefordert, ihr eigenes Verhältnis zum Stoff zu klären, sich gegenüber dem Stoffgebiet zu positionieren, d.h. ihre eigenen Kernideen zu entwickeln (Wirkungsaspekt). Dies ist insofern von Bedeutung, als dass der Schulstoff die Person nur dann „berühren, sie durchdringen und verändern“ kann, wenn sie zunächst ihre Position gegenüber dem Stoff und der Lehrperson bewusst einnimmt und von hieraus den Dialog sucht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Notwendigkeit, durch Lerntagebücher die Sprachkompetenz zu fördern, um gedankenloses Hantieren mit mathematischen Formeln zu vermeiden.
2 Mathematik und Sprache: Dieses Kapitel erörtert die zentrale Rolle der Sprache als Medium des Lernens und definiert die Verbalisierungskompetenz sowie das dialogische Lernen als didaktisches Konzept.
3 Planung der Unterrichtsreihe: Hier werden die Voraussetzungen der Lerngruppe, die mathematische Sachstrukturanalyse sowie der Aufbau der Unterrichtsreihe zur Einführung von Laplace-Modell und Summenregel detailliert beschrieben.
4 Durchführung und Analyse ausgewählter Unterrichtsabschnitte: Dieses Kapitel dokumentiert und reflektiert die konkrete Umsetzung im Unterricht, den Einsatz von Autographen und die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler auf die Aufträge.
5 Auswertung: Anhand von Fallbeispielen und einer Klassenarbeit wird die individuelle Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler im Bereich der Verbalisierungskompetenz analysiert.
6 Gesamtreflexion: Das Fazit bestätigt, dass das dialogische Lernen die Motivation und die Fähigkeit zur schriftlichen Auseinandersetzung mit mathematischen Problemen bei leistungsschwachen und mittelstarken Schülern signifikant steigert.
Schlüsselwörter
Dialogisches Lernen, Verbalisierungskompetenz, Mathematikunterricht, Lerntagebuch, Laplace-Modell, Kernidee, Stochastik, Fachsprache, Schüler-Eigenproduktionen, Kompetenzentwicklung, Unterrichtsplanung, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Sprachförderung, Autographensammlung, Motivation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Effektivität des dialogischen Lernkonzepts nach Gallin und Ruf zur Förderung der schriftlichen Ausdrucksfähigkeit (Verbalisierungskompetenz) von Schülerinnen und Schülern einer 8. Klasse im Mathematikunterricht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themen umfassen die Stochastik, insbesondere die empirische Wahrscheinlichkeit, die Summenregel sowie das Laplace-Modell, eingebettet in die pädagogische Methodik des dialogischen Lernens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es festzustellen, ob und wie zentrale Elemente des dialogischen Lernens – wie Lerntagebücher und forschende Aufträge – Schüler dazu bewegen können, sich präzise und fachgerecht schriftlich mit mathematischen Sachverhalten auseinanderzusetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine handlungsorientierte Unterrichtsreihe, die durch eine begleitende Analyse von Schülertexten (Lerntagebucheinträgen), Fragebögen und einer Klassenarbeit ausgewertet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung von Mathematik und Sprache, die Planung der konkreten Unterrichtseinheiten sowie die detaillierte Durchführung und Reflexion der einzelnen Stunden unter Verwendung von Autographensammlungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Verbalisierungskompetenz, dialogisches Lernen, Lerntagebuch und Laplace-Modell prägnant zusammenfassen.
Wie unterscheidet sich die Rückmeldung des Lehrers bei diesem Konzept von herkömmlichem Unterricht?
Anstatt externer, normierter Bewertungen gibt es persönliche, wohlwollende Rückmeldungen (Ich-Botschaften) sowie eine prozessorientierte Beurteilung mit Häkchen, die Gelungenes verstärken und individuelle Lernwege würdigen.
Welche Rolle spielt die sogenannte "Kernidee" im Unterricht?
Die Kernidee dient als Ausgangspunkt des Lernprozesses, der dem Stoff ein Gesicht gibt, Neugier weckt und die Schülerinnen und Schüler durch die singuläre Betroffenheit der Lehrperson zu einer eigenen, authentischen Standortbestimmung einlädt.
Warum ist die schriftliche Formulierung für Schüler so bedeutend?
Schreiben verlangsamt die Denkbewegung, hilft Gedanken zu strukturieren und zwingt die Lernenden, Verantwortung für ihre Position zu übernehmen und diese fachlich sowie verständlich zu begründen.
- Citar trabajo
- Eliane Rittlicher (Autor), 2015, Mit Elementen des dialogischen Lernens nach Gallin und Ruf zum Laplace-Modell, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293813