Die europäischen Übersetzungen von 1001 Nacht sind in den Augen der kritischen Wissenschaften nichts als Verdolmetschung, Nachempfindung und Adaption des Originals. Die Arbeit vertritt angesichts der gewachsenen Erzähltradition von Sheherazades Geschichtencorpus, dass sich der Wert einer jeden Übersetzung von 1001 Nacht eben nicht an ihrer Genauigkeit bzw. dem Grad ihrer Verdolmetschung, Nachempfindung Adaption messen lässt. Vielmehr handelt es sich stets um ein vielschichtiges Amalgam, dessen verbindende Elemente eben das Verdolmetschen, Nachempfinden und Adaptieren sind, die in der Tradition von Tausendundeiner Nacht ihren ganz eigenen Stellenwert haben.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
Überblick der Forschung
Worterläuterungen
These
II. Die europäischen Übersetzungen
Jean Antoine Galland
Jospeh von Hammer-Purgstall
Edward William Lane
Richard Francis Burton
Vorübergehendes Fazit
III. DieTradiertradition von 1001 Nacht
IV. Fazit
V. Anhänge
Anhang 1: Liste der Drucke von 1001 Nacht
Anhang 2: Liste der wichtigsten Übersetzer in europäische Sprachen
Anhang 3: Tradierkette – schematischer Ausschnitt
VI. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die europäischen Übersetzungen von „Tausendundeiner Nacht“ als eigenständige literarische Werke betrachtet werden können, die das ursprüngliche Material durch Prozesse wie Verdolmetschung, Nachempfindung und Adaption maßgeblich geformt und verändert haben. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, ob der „Geist“ der Sammlung überhaupt ohne diese Anpassungen an europäische Erwartungen und ästhetische Normen vorstellbar wäre.
- Analyse der Übersetzungsgeschichte von „Tausendundeiner Nacht“ im 18. und 19. Jahrhundert.
- Differenzierung der Begriffe Verdolmetschung, Nachempfindung und Adaption im literaturwissenschaftlichen Kontext.
- Untersuchung der Tradierkette von den mündlichen Quellen über Manuskripte bis hin zu den europäischen Drucken.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Übersetzer als Gestalter des europäischen Orientbildes.
- Vergleich exemplarischer Übersetzungen (Galland, Hammer-Purgstall, Lane, Burton) im Hinblick auf ihre Texttreue und Intention.
Auszug aus dem Buch
Jean Antoine Galland
Galland, Orientgesandter der französischen Krone und Erstübersetzer der Nächte, erhielt seine Handschrift aus Syrien. Vorausgegangen war seine Entdeckung der eigenständigen Geschichte von Sindbad, dem Seefahrer, mit der Galland später ganz galant seine „Les mille et une nuit“ ergänzte. Als Galland 1709 die Übersetzung jener Handschrift abschloss, drängte ihn sein Verleger, vom Erfolg begeistert, das Werk fortzusetzen. Dazu bediente sich Galland des in Paris ansässigen Syrers Hanna Diab, der aus seinem eigenen Gedächtnis Geschichten erzählte, die Galland niederschrieb und in weiteren Bänden veröffentlichte. Darüber hinaus ergänzte der französische Orientalist Petit de la Croix nach Gallands Tod die Serie mit Erzählungen aus türkischen Quellen.
Bedenkt man die immense Tragweite, dieser ersten Veröffentlichung von 1001 Nacht in Europa – um 1800 zirkulierten ca. achtzig Gesamtausgaben – wird eine besondere Problematik deutlich: Obwohl dem Korpus der Galland'schen Fassung zum Teil keine schriftlichen arabischen Quellen vorlagen, legte sie die Gestalt des Werkes in Europa nachhaltig fest. Für zahlreiche Geschichten existieren daher erst Handschriften aus der Zeit nach Galland. Ein Indiz dafür, dass die europäische Nachfrage die Produktion und Rückübersetzung weiter Teile davon ins Arabische bewirkte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Das Kapitel führt in die Popularität von 1001 Nacht in Europa ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Eigenständigkeit der historischen Übersetzungen.
II. Die europäischen Übersetzungen: Es folgt eine detaillierte Analyse bedeutender Übersetzer wie Galland, Hammer-Purgstall, Lane und Burton, um ihre unterschiedlichen Ansätze der Adaptation aufzuzeigen.
III. DieTradiertradition von 1001 Nacht: Hier wird der Prozess der mündlichen und schriftlichen Überlieferung sowie die entscheidende Rolle der Editoren für die Textgeschichte dargelegt.
IV. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Anpassungen der Übersetzer eine untrennbare, konstitutive Komponente der Rezeptionsgeschichte von 1001 Nacht darstellen.
V. Anhänge: Die Anhänge bieten eine übersichtliche Zusammenstellung der wichtigsten Drucke, Übersetzer und eine schematische Darstellung der Tradierkette.
VI. Literatur: Das Literaturverzeichnis listet die für die Arbeit herangezogenen wissenschaftlichen Quellen und Primärtexte auf.
Schlüsselwörter
Tausendundeine Nacht, Übersetzungsgeschichte, Arabistik, Verdolmetschung, Nachempfindung, Adaption, Textgeschichte, Scheherazade, Orientalismus, Tradierkette, Literaturwissenschaft, Galland, Lane, Burton, Rezeptionsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die europäische Rezeptions- und Übersetzungsgeschichte von „Tausendundeiner Nacht“ und analysiert kritisch, wie verschiedene Übersetzer das Werk durch Anpassungen an europäische Normen geformt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die literaturwissenschaftliche Einordnung der Übersetzungsstrategien (Verdolmetschung, Nachempfindung, Adaption) sowie die komplexe Tradierkette des Werks von den ersten arabischen Quellen bis zu den europäischen Drucken.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwieweit die europäischen Fassungen eigenständige Werke sind und ob der „Geist“ des Originals ohne die vorgenommenen Anpassungen überhaupt bewahrt oder rezipiert werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf dem Vergleich verschiedener Übersetzungsfassungen und der Auseinandersetzung mit der bestehenden Fachliteratur (z.B. Grotzfeld, Irwin, Walther) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Übersetzungen von Galland, Hammer-Purgstall, Lane und Burton im Detail betrachtet sowie der Entstehungsprozess des Werks als kontinuierliche Tradierkette nachgezeichnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Tausendundeine Nacht, Übersetzungsgeschichte, Arabistik, Verdolmetschung, Nachempfindung, Adaption und Rezeptionsgeschichte.
Wie unterscheidet sich die Übersetzung von Edward William Lane von anderen?
Lane versuchte eine wortgetreue Übersetzung, die er jedoch durch umfangreiche Fußnoten ergänzte, um die seiner Meinung nach „falsche“ Darstellung orientalischer Sitten durch seine Vorgänger zu korrigieren.
Warum spielt der „ḥakawātī“ eine wichtige Rolle für die Tradierkette?
Der ḥakawātī (Erzähler) ist entscheidend, da er durch das freie Nacherzählen und das Imitieren von Dialekten eine lebendige, ständig wandelbare Erzähltradition schuf, die den Charakter von 1001 Nacht maßgeblich prägte.
Was ist die „Wiesenallegorie“ von Enno Littmann?
Littmann nutzt diese Allegorie, um den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach einem „reinen“ Original und der Akzeptanz von Anpassungen als Teil eines Gesamtkunstwerks zu lösen.
- Citar trabajo
- MA Ruben Schenzle (Autor), 2013, Die Übersetzungen von 1001 Nacht. Verdolmetscht, nachempfunden, adaptiert, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293946