Diese Arbeit untersucht den Einfluss des Neo-Eurasismus im modernen Russland. Dabei wird zuerst festgestellt, dass der Neo-Eurasismus nach Alexander Dugin eine politische Bewegung mit einer totalitären Ideologie nach Juan José Linz ist und in der Tradition des Eurasismus nach Savatskii, Trubetzkoi und Gumilev steht. Das russische Volk – samt der russisch-orthodoxen Kirche – gilt hier als Wahrer der Tradition und ist dem entrückten Westen in einem archaischen Gegensatz entgegengesetzt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, mit dem der Umbruch zum Neo-Eurasismus einherging, fordert die Bewegung eine klare Opposition zu den USA und die Förderung und Führung von Bündnissen mit den Völkern Kontinentaleuropas sowie Klein-, Zentral und Ostasiens. Als wichtiger neuer Ansatz sind die Theorien der westeuropäischen Neuen Rechten anzuführen. Neo-eurasische Ideen sind seit dem Bestehen der Russischen Föderation tief in der russischen Politik verwurzelt. Die Bewegung selbst vollzog um 2000 eine vermeintliche Öffnung, die es ihr ermöglichte, auch in die einfache Bevölkerung einzudringen. Alexander Dugin – Faschist, Philosoph und Mystiker zugleich – hat sich als Anführer der Bewegung in der militärisch-politisch-wissenschaftlichen Elite der Föderation etabliert. Sein Einfluss auf die russische Regierung ist vorhanden, kann hier aber nicht abschließend in seiner Qualität eingeschätzt werden. Diese Erfolge gehen mit einem relativen Desinteresse der (russischen) Medien für die eigentliche Bewegung einher. In dieser Arbeit wird letztendlich die Position vertreten, dass der Neo-Eurasismus um Dugin langfristig eine existenzielle Bedrohung der globalen, besonders aber der europäischen und asiatischen Stabilität darstellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I.1 Totalitarismus-Begriff nach Juan José Linz
I.2 Eurasismus: Eine totalitäre Ideologie
I.3 Neo-Eurasismus nach Dugin
I.4 Dugin’scher Faschismus und „Konservative Revolution“
II.1 Alexander Dugins Wirken bis 2000
II.2 Eurasien wird eine Bewegung
III.1 Einfluss auf Putin
III.2 Reflexion in den Eliten
III.3 Medien
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert den Einfluss des Neo-Eurasismus unter Alexander Dugin auf das politische System und die Gesellschaft des modernen Russlands seit 1999. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, inwiefern das neo-eurasische Projekt als totalitäre Ideologie die Regierungspolitik unter Wladimir Putin maßgeblich geprägt hat.
- Analyse des Neo-Eurasismus als totalitäre Ideologie nach Juan José Linz.
- Untersuchung der ideologischen Wurzeln und der faschistischen Elemente in Dugins Denken.
- Evaluierung der direkten und indirekten Verbindungen zwischen der Bewegung und der russischen Regierung.
- Reflexion der neo-eurasischen Einflüsse auf die außen- und innenpolitische Agenda unter Putin.
- Bewertung der Rolle des Neo-Eurasismus im Kontext der russischen Medienlandschaft und Eliten.
Auszug aus dem Buch
I.1 Totalitarismus-Begriff nach Juan José Linz
Die wohl modernste umfassende Totalitarismus-Definition stammt von Juan José Linz, der sich Ende der 1990er Jahre mit einer konkreten Abgrenzung des Begriffs zum Autoritarismus befasste. Dabei konnte er vor dem Hintergrund der einschneidenden, historischen Ereignisse innerhalb der internationalen Diktaturen – wie etwa des Transformationsprozesses in der DDR nach dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker 1971, dem Ende der Franco-Herrschaft in Spanien 1975, sowie der Perestroika und dem Zusammenbruch der Sowjetunion ab 1985 – die grundlegenden Arbeiten auf diesem Gebiet aus den 1940er bis frühen 1970er Jahren ergänzen.
Ausgehend von einer Reihe von Definitionen – vor allem Carl Friedrichs und Zbigniew Brzezinskis - legt er drei Grundelemente totalitärer Herrschaft fest:
1) monistisches, aber nicht monolithisches Machtzentrum; [...]
2) eine exklusive, autonome und mehr oder weniger intellektuell ausgearbeitete Ideologie, mit der sich die herrschende Gruppe oder der Führer, bzw. die Partei identifizieren; [...]
3) Beteiligung und aktive Mobilisierung der Massen; [...]
Dabei kommt dem Führer bzw. der führenden – und somit herrschenden – politischen Schicht, neben der Rolle als Erschaffer und Lenker des Staatsapparats und seiner Institutionen (ergo eines Scheinpluralismus) und als politischer Mobilisator der Massen, auch die als Wahrer und oberste Deutungsinstanz der Ideologie zu.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, den Einfluss von Alexander Dugins Neo-Eurasismus auf das Putin-Russland zu untersuchen, und stellt dazu sechs zentrale Hypothesen auf.
I.1 Totalitarismus-Begriff nach Juan José Linz: Dieses Kapitel erörtert die Definition totalitärer Systeme nach Linz, um eine wissenschaftliche Basis für die Einordnung der neo-eurasischen Ideologie zu schaffen.
I.2 Eurasismus: Eine totalitäre Ideologie: Das Kapitel beleuchtet die historischen Ursprünge des Eurasismus als totalitäre Ideologie, die sich als „dritter Weg“ zwischen Faschismus und Bolschewismus versteht.
I.3 Neo-Eurasismus nach Dugin: Hier wird die Transformation des klassischen Eurasismus zum Neo-Eurasismus nach Dugin beschrieben, der sich durch westfeindliche Rhetorik und okkulte Elemente wie die Ariosophie auszeichnet.
I.4 Dugin’scher Faschismus und „Konservative Revolution“: Dieses Kapitel analysiert Dugins faschistisches Weltbild und sein Konzept der „Konservativen Revolution“ als Mittel zur Etablierung einer neuen Ordnung.
II.1 Alexander Dugins Wirken bis 2000: Der Text zeichnet den Lebensweg Dugins nach, von seiner frühzeitigen Einbindung in mystisch-esoterische Zirkel bis hin zu seinen ersten politischen Versuchen in den 1990er Jahren.
II.2 Eurasien wird eine Bewegung: Das Kapitel dokumentiert die Institutionalisierung des Neo-Eurasismus durch die Gründung der Internationalen Eurasischen Bewegung und deren Ziel, massentauglich zu werden.
III.1 Einfluss auf Putin: Die Analyse zeigt Übereinstimmungen zwischen der eurasischen Doktrin und der tatsächlichen Außen- sowie Innenpolitik Putins auf, wobei die direkte Kausalität kritisch bewertet wird.
III.2 Reflexion in den Eliten: Hier wird untersucht, wie Dugins Theorien in militärischen und wissenschaftlichen Eliten Fuß fassen konnten und welche Rolle sie als Lehrbuchgrundlage spielten.
III.3 Medien: Das Kapitel beschreibt das ambivalente Verhältnis Dugins zu den Medien und das weitgehende Desinteresse der breiten Presse an der Gefährlichkeit der Bewegung.
Fazit: Das Fazit reflektiert Dugins Erfolg anhand seiner Ansichten zur Wirtschaftskrise 2008 und bekräftigt die Bedrohung des Neo-Eurasismus für die globale Stabilität.
Schlüsselwörter
Neo-Eurasismus, Alexander Dugin, Totalitarismus, Wladimir Putin, Russische Föderation, Geopolitik, Konservative Revolution, Eurasische Bewegung, Ideologie, Außenpolitik, Faschismus, Russischer Nationalismus, Eliten, Radikale Mitte, Systemkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Neo-Eurasismus als radikale politische Bewegung unter Alexander Dugin und dessen ideologischen Einfluss auf die Politik und Gesellschaft des heutigen Russlands.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die totalitäre Ideologie des Eurasismus, Dugins faschistisches Weltbild, die Institutionalisierung seiner Bewegung sowie deren tatsächliche Resonanz bei den russischen Regierungseliten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach dem Einfluss des Neo-Eurasismus, insbesondere durch Alexander Dugin, auf die Gesellschaft und die Regierungspolitik im Russland unter Wladimir Putin im Zeitraum von 1999 bis 2008.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine diskursanalytische Betrachtung ideologischer Manifeste, kombiniert mit einer Analyse politischer Entwicklungen und Akteure unter Heranziehung der Totalitarismus-Theorie von Juan José Linz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Totalitarismus und Eurasismus, eine historische Aufarbeitung von Dugins Wirken, die Analyse seiner Bewegungsgründung sowie die Untersuchung seines Einflusses auf Putin und die russischen Eliten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Neo-Eurasismus, Faschismus, Geopolitik, Totalitarismus und das spezifische Wirken Dugins innerhalb der russischen Machtstrukturen geprägt.
Inwiefern hat Dugin Kontakte zu anderen politischen Bewegungen im Ausland?
Die Arbeit klammert die mannigfaltigen internationalen Kontakte Dugins zu ausländischen politischen Bewegungen bewusst aus, um den räumlichen Fokus auf Russland zu wahren.
Wie bewertet der Autor Dugins Einfluss auf Putin persönlich?
Der Autor stellt fest, dass es zwar Übereinstimmungen zwischen Dugins Programm und der Politik Putins gibt, eine direkte ideologische Steuerung jedoch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann und als subtile Bindung oder opportunistische Nutzung gedeutet wird.
Was bedeutet die „Konservative Revolution“ in Dugins Kontext?
In Dugins Interpretation ist es eine moderne Strategie des dritten Weges, um durch eine Rückbesinnung auf spirituelle Wurzeln die heutige Ordnung gewaltsam umzustürzen und eine neue internationale Ordnung zu begründen.
Wie schätzt der Autor die langfristige Gefahr des Neo-Eurasismus ein?
Der Autor vertritt die Position, dass der Neo-Eurasismus langfristig eine existenzielle Bedrohung für die globale, besonders aber die europäische und asiatische Stabilität darstellt.
- Quote paper
- Thomas Vorreyer (Author), 2009, Der Einfluss des Neo-Eurasismus nach Alexander Dugin auf das moderne Russland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293949