2006 erschien in Frankreich ein Film, der nicht nur eine nationale Debatte über den Beitrag der Kolonialsoldaten auslöste, sondern allgemein den ohnehin nie zur Ruhe kommenden Immigrationsdiskurs in Frankreich anregte. In dem Film Indigènes von Rachid Bouchareb geht es um vier Berber, die sich 1943 der französischen Armee anschlossen, um für ein Land zu kämpfen, welches sie noch nie betreten hatten: Ein Thema, welches auch von vielen sozialkritischen Franzosen unbeachtet bleibt, wenn es um die Legitimität der Präsenz afrikanischer und arabischen Migranten und ihrer Nachfolger in Frankreich geht. Der Regisseur, selber mit algerischer Herkunft, formuliert das Ziel seines Filmes wie folgt:
"Mon premier besoin, c'était de comprendre ma propre histoire. Qu'avaient vécu nos ancêtres, à nous enfants d'immigrés, sous la colonisation ? Quel rôle ont joué nos grands-parents et nos parents dans la guerre et puis la reconstruction de la France ? [...] C'est un acte général d'affirmation de notre identité française, pour tous les fils de l'immigration!"
Dies war sicherlich nicht der erste Anlauf die anscheinend „vergessene“ Geschichte neu aufzuarbeiten und so auf die aktuelle politische und soziale Situation einzuwirken. So gibt es mittlerweile eigenständige künstlerische Genres (littérature beur, cinéma beur), die alltägliche Probleme der späteren Einwandergenerationen wie Rassismus und Arbeitslosigkeit, aber auch die Schwierigkeiten der Identitäts- und Selbstfindung oder der Transkulturalität thematisieren. In diese literarische und filmische Aufarbeitung lässt sich auch ein musikalisches Pendant einreihen: der rap français. Meist unmittelbar von Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommend, liefern die Lieder einen direkten Einblick in ihr Innen – und Außenleben. Der Großteil dieser Texte beinhaltet eine Message, eine Intention, denn für diese Künstler stellen sie eine (seltene) Gelegenheit da, ihr Anliegen vor einem breiten Publikum kundzutun und möglicherweise zu erreichen, dass ...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. HipHop als Kulturphänomen
2.1 Verbreitung in Frankreich
3. Annäherung an den Begriff Metapher
3.1 Funktion von Metaphern
4. Selbstthematisierung im französischem Rap
4.1 Stile des rap français
4.2 Rapper als Randgruppe und als Teil einer Gemeinschaft
4.3 Rapper als Kritiker sozialer und politischer Verhältnisse
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelor-Arbeit untersucht die Selbstthematisierung französischer Rapper und analysiert, welche Rolle Metaphern dabei spielen, um Identitätskonzepte in einem sozio-kulturellen Kontext zu konstituieren.
- Die Funktion von Metaphern als kognitives Werkzeug und Mittel der Identitätskonstruktion.
- Die Verortung der HipHop-Kultur in Frankreich und ihre soziologische Bedeutung.
- Unterscheidung und Analyse der Rap-Stile rap engagé und gangsta rap.
- Die Darstellung des Rappers als Sprachrohr einer Randgruppe sowie als politischer Akteur.
Auszug aus dem Buch
3.1 Funktion von Metaphern
Wie bereits im vorhergehenden Kapitel angesprochen, projizieren Metaphern Eigenschaften einer Idee oder Objekts auf eine andere Idee. Sie transportieren damit Bedeutung von einem bekannten Zusammenhang zu einem unbekannten Zusammenhang. Damit „konturieren sie und setzen künstliche Grenzen“: Phänomene können wie Einzelgebilde sprachlich beschrieben und somit als Einzelgebilde gedacht werden. Abstrakte Phänomene wie Zeit, Leben oder Gott werden durch die verwendeten Metaphern zu Trägern von Eigenschaften, die bereits bekannt sind. Folglich ist die erste wichtige Funktion der Metapher die Veranschaulichung: Sie verringert Kompliziertheit. Die zweite wichtige Leistung der Metapher liegt in der Reduktion von Komplexität, denn Metaphern „beleuchten“ nicht nur einen Gegenstand, sie reduzieren auch die Eigenschaften des Zielgegenstandes auf die Eigenschaften des bildgebenden Gegenstandes. Manche Aspekte des Zielgegenstandes bleiben verborgen, werden quasi aus- bzw. überblendet. Dadurch wird die Komplexität der Beschreibungsmöglichkeiten eingegrenzt: Wenn neue Objekte, Vorgänge und Situationen mittels der Eigenschaften bereits bekannter Konzepte beschrieben werden, bleibt die Zahl der möglichen Beschreibungsformen relativ gering. Die Konzepte werden immer wieder aufeinander bezogen, abgeglichen und aktualisiert. Resultat ist ein dichtes Konzeptsystem: „Wenn ein Gegenstand im Licht eines anderen beschrieben wird, strahlt dieses Licht immer wieder zurück auf den bildspendenden Gegenstand. Dieses System bildet sich aus, seit es Sprache gibt“ und es ist derart grundlegend für die Konstruktion von Realität, dass uns meistens gar nicht bewusst ist, dass wir „in Metaphern leben“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des französischen Rap als Ausdrucksmedium und Formulierung der zentralen Forschungsfrage zur Selbstthematisierung mittels Metaphern.
2. HipHop als Kulturphänomen: Theoretische Einbettung von HipHop als hybride und glokale Kulturpraxis und Darstellung ihrer Entstehungsgeschichte.
2.1 Verbreitung in Frankreich: Überblick über die historische Entwicklung und Etablierung der HipHop-Kultur in Frankreich unter Berücksichtigung lokaler soziopolitischer Faktoren.
3. Annäherung an den Begriff Metapher: Wissenschaftstheoretische Diskussion der Metaphernforschung und Abgrenzung zwischen antiken und modernen, kognitiven Ansätzen.
3.1 Funktion von Metaphern: Analyse der kognitiven und kommunikativen Leistungen von Metaphern wie Veranschaulichung und Komplexitätsreduktion.
4. Selbstthematisierung im französischem Rap: Untersuchung der spezifischen Art und Weise, wie sich französische Rapper in ihren Texten inszenieren und kollektive Identitäten konstruieren.
4.1 Stile des rap français: Charakterisierung und Abgrenzung der beiden zentralen Stilrichtungen rap engagé und gangsta rap im französischen Kontext.
4.2 Rapper als Randgruppe und als Teil einer Gemeinschaft: Analyse der Identitätsbildung durch Abgrenzung, Zugehörigkeitsgefühl und die Bedeutung des urbanen Raums.
4.3 Rapper als Kritiker sozialer und politischer Verhältnisse: Untersuchung des politischen Engagements der Rapper, etwa in der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Einordnung der Ergebnisse in den Kontext identitätsstiftender Prozesse durch Metaphern.
Schlüsselwörter
Französischer Rap, HipHop, Metaphernanalyse, Identitätskonstruktion, Selbstthematisierung, Rap engagé, Gangsta rap, Banlieue, Kolonialisierung, Soziale Kritik, Kognitive Linguistik, Kollektive Identität, Voyant-Tool, Authentizität, Sprachbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die Selbstthematisierung französischer Rapper und analysiert die Rolle, die Metaphern bei der Konstituierung von Identitätsbildern in Raptexten spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die HipHop-Kultur als globale und lokale Praxis, die Funktion von Metaphern als kognitive Werkzeuge sowie die soziopolitische Rolle von Rappern in der französischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit geht der Frage nach: "Welches Selbstbild wird in französischen Raptexten konstituiert und welche Rolle spielen Metaphern dabei?"
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Untersuchung verwendet?
Es wird eine Metaphernanalyse angewandt, ergänzt durch eine Textkorpusanalyse mittels des Voyant-Tools, um zentrale Wörter und Konzepte in französischen Raptexten zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Stile des französischen Rap, die Konstruktion von Identität als Randgruppe oder Gemeinschaft sowie die Rolle der Rapper als Kritiker gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Französischer Rap, Metaphernanalyse, Selbstthematisierung, Identitätskonstruktion, Rap engagé, Banlieue und Kolonialismus.
Wie unterscheidet der Autor zwischen rap engagé und gangsta rap?
Der Autor unterscheidet die beiden Stile vor allem durch ihre Haltung zur Umgebung: Während der rap engagé die Situation kritisch dokumentiert und Veränderungen fordert, nutzt der gangsta rap oft idealisierte, martialische Bilder zur provokativen Inszenierung.
Welche Bedeutung hat der Begriff "Banlieue" im Kontext der untersuchten Texte?
Die Banlieue dient als zentraler Raum der sozialen Marginalisierung, den die Rapper metaphorisch für ihre komplette Biographie und als Ort ihrer authentischen Identitätskonstruktion nutzen.
Warum spielt das Thema der Kolonialisierung eine so große Rolle in der Analyse?
Die Kolonialisierung und die damit verbundene (fehlende) Verantwortung Frankreichs gegenüber Migranten werden von Künstlern wie Monsieur R oder IAM genutzt, um eine kollektive Identität zu stärken und politische Missstände zu kritisieren.
Wie trägt die Metapher des "Tam-Tam" zur Argumentation bei?
Die Metapher des "Tam-Tam" dient der Gruppe IAM als lautmalerisches Bild afrikanischer Identität, das auf eine gemeinsame kulturelle Vergangenheit und Werte verweist, die gegen die westliche Identität gestellt werden.
- Quote paper
- Tatjana Schleiser (Author), 2013, Selbstthematisierung im französischen Rap, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294509