„Gedanken ohne Inhalte sind leer, Anschauung ohne Begriffe ist blind. [...] Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, dass sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen“.
Schon im 18. Jahrhundert hat der Philosoph Immanuel Kant erkannt, dass Theorie und Praxis unmittelbar miteinander verbunden sein sollten. Das Eine ist sinnlos ohne das Andere, nur wenn sich Inhalte und Begriffe mit den Gedanken und Anschauungen vereinigen, entsteht das, was Kant Erkenntnis nennt.
Dieser Gedanke hat in den letzten Jahrzehnten der Schulsportentwicklung wieder mehr an Aktualität gewonnen, da der Sportunterricht vor die große Herausforderung gestellt wurde, seinen Stand unter den traditionellen Fächern zu verteidigen und zu legitimieren. Es wurde in Frage gestellt, welchen Beitrag der Schulsport zu den Bildungs- und Erziehungsperspektiven der Schule leisten kann und will (vgl. Aschebrock, H., 2013, S. 65). Zunächst war dies auf Grund einer geforderten stärkeren Pädagogisierung des Faches in den 90er Jahren der Fall. Neuerdings ist dies wegen der anhaltenden Diskussion um Qualitätsstandards und einer, immer prominenter in den Vordergrund tretenden, Kompetenzori- entierung, an denen auch der Sportunterricht nicht mehr vorbei kommt (vgl. Aschebrock, H., 2013, S. 60). Die neuen kompetenzorientierten Kernlehrpläne des Landes Nordrhein-Westfalen haben das Konzept, in dem sportliche Sachverhalte reflexiv aufeinander bezogen werden sollen, um komplexe Handlungssituationen bewältigen zu können, zum ersten Mal explizit erwähnt. Dieses Unterrichtsprinzip ist heute auch unter dem Namen „Reflektierte Praxis“ bekannt. Da die neuen Lehrpläne aber noch nicht einmal voll an den Gymnasien und Gesamtschulen Nordrhein-Westfalens implementiert wurden, ist dieser Themenkomplex noch relativ neu für die Schulen und es muss sich gefragt werden, ob eine „Reflektierte Praxis“ schon realisiert wird. Allerdings verspricht sie als Unterrichtsprinzip ein großes Potenzial zu haben, da es dazu beitragen kann, den Schülern nicht nur sportpraktische Fertigkeiten und Fähigkeiten zu vermitteln, sondern durch die Reflexion auch deren Verstehenshorizont und damit die Persönlichkeit eines jeden Schülers weiterzuentwickeln.
Auch der Schneesport an Schulen steht immer wieder vor einem großen Legitimationsproblem (vgl. Künzel, S., Szymanski, B. & Theis, R., 2008, S. 9)...
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Reflektierte Praxis
2.1.1 Eine definitorische Annäherung
2.1.2 Zum Stellenwert einer Reflektierten Praxis
2.1.3 Bisheriger Forschungsstand
2.2 Wintersportfahrten in der Schule
2.2.1 Richtlinien für Schulfahrten
2.2.2 Rahmenvorgaben für den Schulsport: Pädagogische Perspektiven und Außerschulischer Schulsport
2.2.3 Kompetenzorientierte Kernlehrpläne Sport
2.2.4 Weitere pädagogische Funktionen: Umwelterziehung und Sozialerziehung
2.3 Die Gesamtschule
2.3.1 Schulprogramm
2.3.2 Sporthelfer
3 Zwischenfazit
4 Methode
4.1 Lerntypen
4.1.1 Zur Erstellung des Fragebogens „Lerntypen“
4.2 Methode der Erhebung und Begründung
4.2.1 Zur Erstellung des Fragebogens „Reflektierte Praxis“
4.3 Auswertung der Methode
5 Durchführung der Studie
5.1 Auswahl der Versuchsgruppe
5.2 Reflexion der Durchführung
6 Ergebnisse
6.1 Anpassung der Auswertungsmethode
6.2 Darstellung der neuen Ergebnisse
6.2.1 Einzelanalyse - Schüler 1
6.2.2 Einzelanalyse - Schüler 2
6.2.3 Einzelanalyse - Schüler 3
6.2.4 Generalanalyse - Alle Schüler
7 Diskussion
7.1 Reflexion der Methode
7.2 Reflexion der Ergebnisse
8 Implikationen für die Praxis
8.1 Inszenierung einer „Reflektierten Praxis“
8.2 Erschließung einer „Reflektierten Praxis“
8.3 Kultivierung einer „Reflektierten Praxis“
9 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterthesis untersucht, ob Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 10 in der Lage sind, ihre sportliche Praxis – konkret das Skifahren im Rahmen einer außerunterrichtlichen Schneesportfahrt – reflektiert zu hinterfragen und zu beurteilen. Ziel ist es zu analysieren, ob das didaktische Konzept der „Reflektierten Praxis“ bereits erfolgreich im Schulalltag implementiert ist und wie Schüler methodische Ansätze im Sportunterricht aufnehmen und reflektieren.
- Analyse der theoretischen Fundierung der „Reflektierten Praxis“ im Schulsport.
- Untersuchung der pädagogischen Bedeutung von Wintersportfahrten als Teil des Schulsports.
- Erhebung und Auswertung des Reflexionsvermögens von Schülern mittels eines qualitativen Fragebogens.
- Ableitung von praktischen Strategien zur methodischen Inszenierung, Erschließung und Kultivierung reflektierter Lernprozesse im Skiunterricht.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Eine definitorische Annäherung
Die Formel einer „Reflektierten Praxis“ besteht aus einer Kombination zweier Begriffe, die zunächst geklärt werden sollen. Das Wort „Reflexion“ kommt aus dem Lateinischen von „reflexio“, und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „Zurückbeugen“. Dies ist hier in einem philosophischen Sinne gemeint, als ein intensives und prüfendes Nachdenken über die - in diesem Falle - sportliche Praxis. Syntaktisch gesehen, wird durch das Adjektiv „reflektiert“ eine bestimmte Eigenschaft der sportlichen Praxis hervorgehoben, denn sie wird somit zu einer verstandenen und bewusst gewordenen Praxis.
Auch Dr. Serwe-Pandirk (2013) stimmt dem zu: „Diese zweifelsohne kognitive Fähigkeit wird als eine Methode zur Erkenntnisgewinnung und Bewusstwerdung begriffen“ (Serwe-Pandrick, E., 2013a, S. 100).
Im Bereich Schule und Bildung sind die Begriffskategorien „Reflexion“ und „Praxis“ recht häufig zu finden. Nicht nur in den lehrerbildenden Studienseminaren, sondern auch in den Seminaren des Master of Education im Fach Sport an der Bergischen Universität Wuppertal hat die „Reflektierte Praxis“ Einzug genommen. Hier sind es die Referendare bzw. Lehramtsstudierenden, die zu reflektierten Praktikern ausgebildet werden sollen. Dieses Konzept hatte auch der Erziehungswissenschaftler Donald Schön (1983) vor Augen, als er John Deweys (1910; 1938) Gedanken einer stärkeren Verbindung von praktischem Tun und dessen Reflexion aufgegriffen hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung legt den theoretischen und praktischen Rahmen der Arbeit fest, thematisiert das Konzept der „Reflektierten Praxis“ sowie deren Legitimationsbedürfnis im Schulsport.
2 Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der „Reflektierten Praxis“, beleuchtet die pädagogische Bedeutung von Wintersportfahrten und diskutiert die Rolle der Gesamtschule sowie von Sporthelfern.
3 Zwischenfazit: Das Zwischenfazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und legitimiert die Entscheidung, das Skifahren als Untersuchungsgegenstand zu wählen.
4 Methode: Hier wird der qualitative Forschungsansatz dargelegt, die Lerntypentheorie nach Kolb diskutiert und die Erhebungs- sowie Auswertungsmethodik (interpretativ-reduktive Inhaltsanalyse) begründet.
5 Durchführung der Studie: Dieser Abschnitt beschreibt die Auswahl der Versuchsgruppe und reflektiert kritisch den Ablauf der Schneesportfahrt unter schwierigen äußeren Bedingungen.
6 Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen durch Einzel- und Generalanalysen auf, wie Schüler methodische Vorgehensweisen wahrnehmen und ob sie ihre sportliche Praxis reflektieren können.
7 Diskussion: Die Diskussion reflektiert die gewählten Methoden und Ergebnisse kritisch und identifiziert die Herausforderungen bei der Umsetzung der „Reflektierten Praxis“.
8 Implikationen für die Praxis: Das Kapitel leitet konkrete Handlungsempfehlungen ab, wie „Reflektierte Praxis“ im Sportunterricht methodisch inszeniert, erschlossen und kultiviert werden kann.
9 Fazit: Das Fazit resümiert, dass das Potenzial der „Reflektierten Praxis“ noch nicht voll ausgeschöpft ist und weitere Arbeit an der praktischen Umsetzung erforderlich bleibt.
Schlüsselwörter
Reflektierte Praxis, Schulsport, Skifahren, Schneesport, Sportpädagogik, Kompetenzorientierung, Lehrer-Schüler-Interaktion, Reflexionskompetenz, qualitative Forschung, Wintersportfahrt, Erziehender Sportunterricht, Handlungskompetenz, Schulsportliche Bildung, Methodik, Sporthelfer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Masterthesis grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Realisierung des Unterrichtsprinzips der „Reflektierten Praxis“ im außerunterrichtlichen Sportunterricht, wobei das Skifahren als praktisches Fallbeispiel dient.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung verknüpft die didaktische Theorie der „Reflektierten Praxis“ mit der schulischen Praxis von Skifahrten sowie mit der Frage, wie Schüler ihre eigenen Lernprozesse und Bewegungsabläufe reflektieren können.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob Schüler in der Lage sind, ihre sportliche Praxis zu reflektieren, und aufzuzeigen, wie das Unterrichtsprinzip der „Reflektierten Praxis“ methodisch in den Unterricht integriert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Untersuchung verwendet?
Die Autorin nutzt ein qualitatives Forschungsdesign, das auf der interpretativ-reduktiven Inhaltsanalyse nach Lamnek basiert, um offene Aussagen der Schüler aus einem Hybridfragebogen auszuwerten.
Welche zentralen Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Einordnung, die methodische Vorgehensweise bei der Erhebung, die Durchführung der Studie während einer Klassenfahrt, die Analyse der Ergebnisse sowie die Ableitung von praktischen Implikationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Reflektierte Praxis, Sportpädagogik, Kompetenzorientierung, Wintersportfahrt, Reflexionskompetenz und Handlungskompetenz.
Warum wurde das Skifahren als Beispiel für die Untersuchung gewählt?
Das Skifahren wurde gewählt, da es eine hohe emotionale Intensität aufweist und Schüler vor komplexe kognitive und motorische Herausforderungen stellt, was es zu einem geeigneten Feld für Reflexionsprozesse macht.
Welche Rolle spielt die „Reflektierte Praxis“ in den neuen Kernlehrplänen des Landes NRW?
Die „Reflektierte Praxis“ wird als ein zentrales Unterrichtsprinzip genannt, das darauf abzielt, dass Schüler in enger Verknüpfung von Theorie und Praxis fachliche Fragestellungen beurteilen und komplexe Handlungssituationen meistern.
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- Kim Vahnenbruck (Author), 2014, Zur Realisierung von "Reflektierter Praxis" im außerunterrichtlichen Sportunterricht. Der Schneesport, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294792