Der neue Geist des Kapitalismus und die Rolle der Kritik bei Boltanski und Chiapello


Hausarbeit, 2011

14 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Modell des sozialen Wandels
2.1 Kapitalismus
2.2 Geist des Kapitalismus
2.3 Kritik

3. Das Verhältnis von Kapitalismus und Kritik
3.1 Die Wirkung der Kritik auf den Geist des Kapitalismus
3.2 Die Wirkung der Kritik auf den Wettbewerb

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nicht selten kommen soziologische Theoretiker/innen in ihren Betrachtungen zu dem Schluss, dass der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der freien Entfaltung menschlicher Individualität im Wege steht. Ebenso attestieren verschiedene Soziolog/innen der kapitalistischen Gesellschaft eine durchgehende Irrationalität in ihren Abläufen.

Die Schlüsse in Bezug auf die Aufgaben soziologischer Theorie, die aus diesen Betrachtungen gezogen werden, sind dabei allerdings äußerst verschieden. Die Frage danach, ob Soziologie die irrationalen Momente kapitalistischer Vergesellschaftung kritisieren soll oder sich lediglich auf deren Analyse und die Beobachtung in der Gesellschaft stattfindender Kritik beschränken soll, wird sehr verschieden beantwortet. Während einige Vertreter/innen des Faches unter Bezugnahme auf die geschichtliche Entwicklung der Soziologie darauf verweisen, dass sie seit jeher einen kritischen Anspruch verfolgte1, verweisen gleichzeitig die Verfechter/innen der "Soziologie der Kritik" auf die mangelnde Wertneutralität kritischer Soziologie.

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der Rolle der Kritik im Werk Luc Boltanskis und Eve Chiapellos beschäftigen. Hierbei ist speziell ihre Auffassung über den Einfluss der Kritik auf die Dynamik der Veränderung des Kapitalismus interessant. Boltanksi und Chiapello vertreten die These, dass der Kapitalismus auf Kritik angewiesen ist. Um die Wechselwirkung zwischen den beiden Begriffen erklären zu können, führen die Autor/innen den Begriff des "Geist des Kapitalismus" in ihrem Werk ein.

Im Folgenden werde ich versuchen, das Modell des sozialen Wandels zu rekonstruieren. Hierzu werde ich mich zunächst den drei Schlüsselbegriffen des Werkes - Kapitalismus, Geist des Kapitalismus und Kritik - widmen. Es soll jeweils darum gehen, die Begriffe zu definieren und ihre Bedeutung für die Theorie zu erläutern.

Anschließend werde ich versuchen die Begriffe in ein Verhältnis zu setzen und ihre gegenseitigen Wechselwirkungen zu erläutern.

Abschließend ist noch die Frage zu klären, ob sich der Theorieansatz, den Boltanski und Chiapello entwerfen, der kritischen Soziologie zuordnen lässt, oder ob sich die Autor/innen eher der Soziologie der Kritik verschreiben.

2. Das Modell des sozialen Wandels

Ausgangspunkt der Überlegungen von Boltanski und Chiapello ist die Feststellung, dass sich die Art und Weise der Auseinandersetzung der Soziologie mit dem Begriff des Kapitalismus stark verändert hat. So rückte der Begriff abhängig von der jeweiligen historischen Phase stärker oder schwächer in den Fokus der Betrachtung.

Unabhängig jedoch von dieser sich ändernden Bezugnahme, stellen die Autor/innen einen inneren Widerspruch in der Soziologie fest, welcher "weder theoretisch erfasst noch überhaupt zur Kenntnis genommen wird."2 Ihrer Analyse zufolge, erheben verschiedene Forscher/innen für ihre jeweiligen Studien einen doppelten Anspruch: Sie sollen zugleich wissenschaftlich und kritisch sein. Auf der einen Seite geht es darum, die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der sozialen Realität aufzudecken, die für die Wahrnehmung der Akteur/innen verborgen sind, gleichzeitig will die Soziologie allerdings die "kritische Avantgarde"3 sozialer Bewegungen bilden und diesen auf dem Weg zur individuellen Befreiung zur Seite stehen.

Boltanski und Chiapello schätzen diesen doppelten Anspruch als problematisch ein, da sich die beiden Ansätze gegenseitig ausschließen. Dieser Widerspruch lässt sich an zwei Punkten aufzeigen: 1. Moral und 2. Bedeutung der Handlung.

Geht man davon aus, dass die gesellschaftlichen Akteur/innen unfähig sind die Gesetzmäßigkeiten und Strukturen, welche des soziale Leben gliedern, zu erkennen, so muss man gleichzeitig ihre Moralvorstellungen als ideologisch verblendet betrachten, da sie eben jenem "falschen" Bewusstsein entspringen. Des Weiteren kann man unter dieser Voraussetzung der Handlung keinen besonders großen Stellenwert zubilligen, da man annehmen muss, sie folge lediglich gesellschaftlich vorgegebenen Mustern. Völlig gegenteilig stellt sich die Situation dar, wenn man sich der kritischen Ausrichtung der Soziologie verschreibt. Hier sind Moralvorstellungen notwendig, um die gesellschaftliche Realität an ihnen zu messen. Der Handlung der Akteur/innen kommt bei dieser Betrachtungsweise ein wesentlich größerer Stellenwert zu, da die kritische Ausrichtung nur dann sinnvoll ist, wenn man daran glaubt, dass die Wirklichkeit durch Handlungen der Akteur/innen verändert werden kann.

Basierend auf dem eben beschriebenen Widerspruch entwickelte sich in der französischen Soziologie eine Strömung, die es sich in erster Linie zum Ziel machte, die Bedeutung des gesellschaftlichen Handelns und der Moral zu betonen. Für die Wissenschaft bedeutete dies gleichzeitig, sich vorrangig auf die Analyse zu beschränken. Da sie den Akteur/innen die Fähigkeit zugestand, Kritik an der vorhandenen Gesellschaftsformation zu üben, bestand ihre Aufgabe vor allem in deren Beobachtung und Interpretation.

"Eine Soziologie, die schlicht die innere Ordnung von Situationen beschriebt [...], mag zwar ›Reparaturen‹ im sozialen Betrieb anregen, die im Kleinen von Sozialarbeiten oder Sozialingenieuren umgesetzt werden können, aber zum Entwurf von größeren kollektiven Projekten vermag sie nichts beizutragen. Eben dies aber war eine der Missionen, die der Soziologie bei ihrer Entstehung zugeschrieben wurde."4

In dieser Äußerung wird bereits deutlich, dass Boltanski und Chiapello eine Festlegung auf eine "reine" Soziologie der Kritik für unzureichend halten. Die Intention ihrer Theorie ist die Vermittlung zwischen den beiden Forschungsansätzen. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht dabei allerdings nicht die Beschreibung der Struktur und Organisation der Gesellschaft oder die Untersuchung spezifischer Situationen, in denen die Akteur/innen Kritik üben, sondern die normativen Grundlagen des Kapitalismus und die Rolle der Kritik bei deren Wandel. Ziel ist es letztendlich also, den Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus und der an ihm geäußerten Kritik zu untersuchen. Hierbei beschäftigen sich die beiden Autor/innen auch explizit mit einigen Phänomenen in der jüngeren Geschichte des Kapitalismus, wie beispielsweise die "Schwächung der Kritik gerade zu einem Zeitpunkt, als der Kapitalismus in einer starken Neuorientierungsphase steckte"5

Um eben jenen Zusammenhang zu erklären, führen Boltanski und Chiapello den Begriff "Geist des Kapitalismus" ein. Dieser Geist stellt eine Art Vermittlung zwischen dem Kapitalismus und der Kritik dar. Um jedoch das wechselseitige Verhältnis der drei Begriffe zueinander klären zu können, ist zunächst eine genauere Bestimmung der einzelnen Begriffe notwendig.

In den folgenden Abschnitten werde ich daher alle drei Begriffe kurz umreißen und ihre Rolle im Modell des sozialen Wandels erläutern.

2.1 Kapitalismus

Nach Boltanksi und Chiapello kennzeichnen den Kapitalismus im Kern drei Merkmale, mit denen eine Minimaldefinition des Begriffes möglich ist.

Das erste dieser Merkmale ist der unbegrenzte Prozess der Kapitalakkumulation. Seine Besonderheit besteht darin, dass die gesellschaftlichen Akteur/innen vorhandenes Kapital mit dem Ziel der Maximierung des Profits immer wieder neu investieren. Das Kapital selbst wird dabei zu einem abstrakten Gegenstand, da es von materiellen Erscheinungsformen gänzlich losgelöst ist. Diese Abstraktion wiederum sorgt dafür, dass der Kreislauf der Akkumulation sich verselbstständigt. Das bedeutet, dass die Reinvestition des Kapitals keinem speziellen Zweck mehr dient, sondern lediglich einem Selbstzweck gerecht wird. Der Prozess der Investition und Reinvestition ist unstillbar. Da es sich um einen Kreislauf handelt, der auf kein spezielles Ziel hinarbeitet, bleibt er ständig im Fluss und kommt niemals zum Stillstand.

Ein weiterer Grund für die Unstillbarkeit des Prozesses ist die Anwesenheit anderer (konkurrierender) kapitalistischer Einheiten. Die Akteur/innen sind also ständig motiviert, ihr Kapital im Prozess der Akkumulation zu halten. Dieser Zustand ständiger Unruhe stellt einen wichtigen Antrieb des Akkumulationsprozesses dar, zugleich ist sie das zweite entscheidende Merkmal des Kapitalismus. Boltanksi und Chiapello bezeichnen diesen Zustand ständige Konkurrenz als Wettbewerb.6

Das letzte prägende Merkmal ist die Lohnarbeit beziehungsweise das Vorhandensein von abhängig Beschäftigten. Das bedeutet, es gibt in der Gesellschaft Individuen, die wenig oder kein Kapital besitzen. Sie müssen daher ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, um sich ihren Lebensunterhalt in Form von Lohn zu verdienen. Bezeichnend für diese Arbeit ist, dass die Beschäftigten jeglichen Anspruch auf Eigentum an der produzierten Ware im Austausch für den Lohn verlieren. Somit sind sie gänzlich von den Entscheidungen der Produktionsmittelbesitzer/innen abhängig.

Bei der Definition des Kapitalismus kommen die beiden Autor/innen zu dem Schluss, dass die kapitalistische Gesellschaft ein zutiefst absurdes System ist. Zum Einen verlieren die Arbeiter/innen jegliche Rechte an den von ihnen produzierten Waren, zum Anderen sind die Besitzer der Produktionsmittel durch den permanenten Konkurrenzdruck an den ständig zirkulierenden Prozess der Kapitalakkumulation gebunden. "Aus Sicht beider Protagonisten muss sich im Inneren des kapitalistischen Prozesses offenbar eine Rechtfertigungslücke auftun."7

Diese offenkundige Widersprüchlichkeit macht also Formen der Rechtfertigung notwendig, welche die Akteur/innen dazu motivieren, trotz der Absurdität des Systems an seinen Abläufen teilzunehmen und sie mitzugestalten. Dieses System von Rechtfertigungen bezeichnen Boltanski und Chiapello als den Geist des Kapitalismus.

2.2 Geist des Kapitalismus

Dem Kapitalismus fehlt es also sowohl aus Perspektive der abhängig Beschäftigten, als auch aus Perspektive der Besitzer von Produktionsmittel an guten Gründen, um die Teilnahme an den Prozessen zu rechtfertigen. Gleichzeitig kann der Kreislauf der Kapitalakkumulation nur funktionieren, wenn ausreichend Akteur/innen ihn in Gang halten. Der Kapitalismus ist also auf die Beteiligung der Menschen angewiesen, obwohl gleichzeitig deren Chancen auf Gewinne in diesem Prozess sehr gering sind. Die Frage ist also, wie sich diese Motivation vollzieht.

In Anlehnung an Webers Konzeption des kapitalistischen Geistes benutzen auch Boltanski und Chiapello dieses Modell in ihrer Theorie. Der Geist des Kapitalismus stellt demzufolge eine Art Ideologie dar, die den Einsatz für den Kapitalismus für die Akteur/innen attraktiv erscheinen lässt. Nur durch das Vorhandensein dieses Geistes ist es möglich, dass Arbeit, deren Ergebnisse nicht den Arbeiter/innen zugutekommen, als sinnhafte Tätigkeit verstanden werden kann.

Bei Weber bildet sich der kapitalistische Geist aus dem Ethos der protestantischen Religion heraus.8 Obwohl die religiösen Werte und Normvorstellungen dem Kapitalismus zunächst fremd sind, gelingt es, diese so umzudeuten, dass sie dem Prozess der Kapitalakkumulation zugutekommen. Der Beruf im kapitalistischen System wird dabei zum Adäquat einer religiösen Berufung, der man sich nicht entziehen kann. Laut Weber setzt sich die Überzeugung, dass man durch den Beruf seiner Pflicht in der diesseitigen Welt nachkommen muss, im Zuge der Reformation durch.9 Er schreibt hierzu: "Nun ist unverkennbar, daß schon in dem deutschen Wort ›Beruf‹ ebenso wie in vielleicht noch deutlicherer Weise in dem englischen ›calling‹ eine religiöse Vorstellung - die einer von Gott gestellten Aufgabe - wenigstens mitklingt..."10 Durch diesen religiösen Ethos war es möglich, speziell in der Frühphase des Kapitalismus, die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Lohnarbeit zu umgehen. Die Motivation zur Mitwirkung am kapitalistischen System entsprang also zunächst dem Bereich des Glaubens.

Boltanski und Chiapello gehen allerdings in ihrem Werk nicht weiter auf die Rolle der Religion, beziehungsweise des Protestantismus, für die Herausbildung des kapitalistischen Geistes ein. Von der Weberschen Konzeption übernehmen sie sich vor allem die Idee, dass es ein Gefüge von Rechtfertigungen braucht, die zur Teilnahme am Kapitalismus motivieren.

Die beiden Autor/innen gehen davon aus, dass die vorhandenen Systemzwänge (s. 2.1 Kapitalismus: Wettbewerb) allein nicht als Begründung zur Teilnahme ausreichen. Die Individuen müssen das Zwangsverhältnis des Kapitalismus vielmehr verinnerlichen, bis es ihnen plausibel erscheint. Darüber hinaus muss es eine Reihe von guten Gründen geben, die sie vorbringen können, wenn sie sich mit Kritik konfrontiert sehen.11 Sind diese Gründe nicht ausreichend überzeugend, so ist zu befürchten, dass die Kritik überhandnimmt und die Legitimität der Abläufe in Zweifel zieht.

[...]


1 vgl. Rosa, Hartmut: Kapitalismus als Dynamisierungsspirale in: Dörre, Klaus/ Lessenich, Stephan/ Rosa, Hartmut: Soziologie- Kapitalismus- Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main, 2009.

2 Boltanski, Luc; Chiapello, Eve: Die Rolle der Kritik für die Dynamik de Kapitalismus: Sozialkritik versus Künstlerkritik, in: Miller, Max (Hrsg.): Welten des Kapitalismus, Frankfurt am Main, 2005, S.285.

3 Ebd.

4 Boltanski, Luc; Chiapello, Eve: Die Rolle der Kritik für die Dynamik de Kapitalismus, a.a.O. S.287.

5 Boltanski, Luc; Chiapello, Eve: Der Neue Geist des Kapitalismus, Konstanz, 2003, S.38.

6 Boltanski, Luc; Chiapello, Eve: Die Rolle der Kritik für die Dynamik de Kapitalismus, a.a.O. S.290.

7 Boltanski, Luc; Chiapello, Eve: Die Rolle der Kritik für die Dynamik de Kapitalismus, a.a.O. S.290.

8 vgl. Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Erfstadt, 2006.

9 vgl. Weber, Max: Die protestantische Ethik, a.a.O. S.66.

10 Ebd.

11 vgl. Boltanski, Luc; Chiapello, Eve: Der Neue Geist des Kapitalismus, a.a.O., S.46.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der neue Geist des Kapitalismus und die Rolle der Kritik bei Boltanski und Chiapello
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie der Kritik oder kritische Soziologie?
Note
2,0
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V294819
ISBN (eBook)
9783656926139
ISBN (Buch)
9783656926146
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, kritische Soziologie, Kapitalismus, Boltanski, Chiapello
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Der neue Geist des Kapitalismus und die Rolle der Kritik bei Boltanski und Chiapello, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294819

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