Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung für Auszubildende

Bedarfsanalyse und Gestaltungsansätze im betrieblichen Setting


Masterarbeit, 2013
85 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Tabellenverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problemstellung und Stand der Forschung
2.1 Gesundheit, körperliche Aktivität und psychosoziale Belastungen von Jugendlichen und Auszubildenden
2.2 Lebensphase Jugend und junges Erwachsenenalter - Herausforderungen für Prävention und Gesundheitsförderung

3 Betrieblichen Gesundheitsförderung in der Ausbildung
3.1 Betriebliche Gesundheitsförderung
3.2 Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung in der dualen Berufsausbildung
3.3 Vorstellung gesundheitsorientierter Programme für Auszubildende

4 Methodik
4.1 Zielsetzung
4.2 Studiendesign
4.2.1 Stichprobenbeschreibung
4.2.2 Erhebungsinstrumente
4.2.3 Statistische Verfahren

5 Ergebnisse
5.1 Körperliches Aktivitätsverhalten
5.2 Subjektiver Gesundheitszustand
5.3 Subjektive Stressbelastung
5.4 Wünsche für ein BGF Programm
5.5 Zusammenfassung der Ergebnisse

6 Diskussion
6.1 Methodendiskussion
6.2 Ergebnisdiskussion

7 Gestaltungsansätze zielgruppenspezifischer BGF für Auszubildende im Setting Betrieb

8 Zusammenfassung

9 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Häufig vorkommende und belastende Stressoren bei Auszubildenden

Tabelle 2: Fragestellungen und Hypothesen

Tabelle 3: Übersicht über die anthropometrischen Daten der Stichprobe

Tabelle 4: Irrtumswahrscheinlichkeit

Tabelle 5: Abstufung des Korrelationskoeffizienten nach Bühl (2012)

Tabelle 6: Gesamtaktivität pro Woche in MET-Minuten in der Gesamtgruppe sowie jeweils für Männer und für Frauen

Tabelle 7: MET-Minuten der Gesamtgruppe in den jeweiligen Subkategorien

Tabelle 8: Angaben zum subjektiven Gesundheitszustand der Gesamtgruppe, der Männer und der Frauen in Prozent

Tabelle 9: Subjektiver Gesundheitszustand der Gesamtgruppe, der weiblichen und der männlichen Auszubildenden

Tabelle 10: Korrelation zwischen MET-Minuten pro Woche und dem subjektiven Gesundheitszustand der Gesamtgruppe

Tabelle 11: Angaben zur derzeitigen Stressbelastung der Gesamtgruppe, der Männer und der Frauen in Prozent

Tabelle 12: Subjektive Stressbelastung der Gesamtgruppe, der weiblichen und der männlichen Auszubildenden

Tabelle 13: Korrelation zwischen MET-Minuten pro Woche und der derzeitigen Stressbelastung der Gesamtgruppe

Tabelle 14: Vorstellungen der Gesamtgruppe zum Thema BGF

Tabelle 15: Wünsch für BGF-Maßnahmen der Auszubildenden

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Mittelwerte des subjektiven Gesundheitszustands

Abbildung 2: Beispiele für Gesundheitstags-Aktionen

Abbildung 3: Gesundheitliche Belastungen durch den Beruf

Abbildung 4: Beispiele für ausbildungsspezifische Workshops

Abbildung 5: Beispiele für Präventionsangebote

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Übergeordnetes Ziel der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) ist die Förderung und Stärkung der Gesundheit aller im Betrieb beschäftigten Mitarbeiter. Häufig sind entsprechende Angebote jedoch nicht zielgruppengerecht gestaltet, sodass nur ein Teil der Belegschaft erreicht wird und die Maßnahmen weniger erfolgreich sind, als geplant (Reik & Mertens, 2011).

Für die Ziel- bzw. Altersgruppe der Auszubildenden stellt sich die Konzeption ei- nes maßgeschneiderten BGF-Programms als anspruchsvoll heraus, denn die Aus- bildungszeit beschreibt für viele Jugendliche eine Phase des Umbruchs, in der erstmals die Erfordernisse der Arbeitswelt auf die individuellen Ressourcen der Auszubildenden treffen (Reik et al., 2010). Mit dem Eintritt ins Berufsleben be- ginnt ein neuer Lebensabschnitt, in dem sich die Lebensführung und die Freizeit- gestaltung maßgeblich verändern. Die Auszubildenden müssen sich beruflichen und gesellschaftlichen Anforderungen stellen und Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen (Brettschneider, 2003). Zudem sehen sich viele Auszubil- dende erhöhten psychischen und physischen Belastungen wie Stress, hohem Leistungsdruck und ungewohnten körperlichen Belastungen ausgesetzt (Walter, 2011). Somit stehen junge Menschen durch den Übergang von der Schule ins Arbeitsleben zahlreichen Veränderungen gegenüber wodurch hohe psychosozia- le Belastungen auftreten, die Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen (Betz et al., 2012a). In einer Studie von Betz et al. (2012a) wiesen bereits 58% der Auszubildenden deutliche Zeichen einer stressbedingten Überforderung auf und bei 35% konnten bereits erste Anzeichen einer stressbedingten Überforderung festgestellt werden.

Die Notwendigkeit das Thema Gesundheit im Kontext der beruflichen Bildung aufzugreifen macht u.a. auch die Veröffentlichung der KIGGS-Studie deutlich: Der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher hat sich seit den 80er Jahren um 50% erhöht, knapp 17% der Kinder und Jugendlichen haben eine allergische Krankheit und ca. 15% weisen Anzeichen einer psychischen Erkrankung auf (Ro- bert-Koch-Institut, 2008). Diese Ergebnisse führen zu der Annahme, dass Jugend- liche und junge Erwachsene mit sehr unterschiedlichen gesundheitlichen Voraus- setzungen in ihre Ausbildung starten. Erschwerend hinzu kommt die negative Entwicklung der gesundheitlichen Lage in der Altersklasse der Auszubildenden im Vergleich zu jüngeren Generationen. Besonders bei den 20- bis 25-Jährigen neh- men gesundheitlich ungünstige Merkmale in der Auftrittshäufigkeit deutlich zu (Leyk et al., 2008).

Die Entwicklung der letzten 10 bis 15 Jahren zeigt, dass sich neben dem Dauersit- zen am Arbeitsplatz ein Großteil der Bevölkerung auch in der Freizeit nur selten bewegt. Besonders für junge Erwachsene kommt der hohe Medienkonsum als fester Bestandteil des Tagesablaufes erschwerend hinzu (Owen et al., 2010; Matthews et al., 2008). Viele weitere Studien zeigen auch, dass Jugendliche und junge Erwachsene die nach ihrem Aktivitätsverhalten befragt werden angeben, „nie“ bzw. „selten“ sportlich aktiv zu sein (Leyk et al., 2008; Weber & Betz, 2011; Passauer, 2003). Dabei steigt der Anteil sportlich Inaktiver über alle Altersgrup- pen hinweg an (Leyk et al., 2008). Belegt ist in diesem Zusammenhang, dass das Erlernen von gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen im jungen Erwachse- nenalter maßgeblich dazu beiträgt, das Risiko, im späteren Erwachsenenalter an Zivilisationskrankheiten zu leiden, deutlich minimieren zu können (Hood et al., 2000; Rossow & Rise, 1994;).

Über eine frühzeitige und spezifische Förderung kann eine effektive und nachhal- tige Entwicklung der Gesundheit und somit der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit der Auszubildenden erreicht werden (Reik et al., 2010), die für die Betriebe mit Blick auf die demographische Entwicklung, einer zunehmenden Arbeitsverdich- tung sowie steigenden psychosozialen Anforderungen stetig an Bedeutung ge- winnen (Weber & Betz, 2011). Da in deutschen Unternehmen erst seit einigen Jahren ein Anstieg an gesundheitsorientierten Programmen für Auszubildende festzustellen ist, muss das Bewusstsein über die Notwendigkeit und das Wissen über die Möglichkeiten der zielgruppenspezifischen Gesundheitsförderung bei den Verantwortlichen weiter verbreitet werden (Reik et al., 2010). Die vorliegen- de Arbeit gibt zunächst einen Überblick über die gesundheitliche Situation und die lebensphasenspezifischen Belastungen der Auszubildenden in Deutschland und zeigt einige erfolgreiche Programme der BGF in der Berufsausbildung auf. Auf dieser Basis sowie anhand der von den Auszubildenden geäußerten Wünsche zu entsprechenden BGF-Programmen zielt die Arbeit darauf ab, Anregungen und Impulse für zielgruppenspezifische betriebliche Präventions- und Gesundheitsförderungsstrategien für ausbildende Unternehmen darzustellen.

2 Problemstellung und Stand der Forschung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Bereichen „Subjektive Gesund- heit“ „Körperliches Aktivitätsverhalten“ und „Subjektive Stressbelastung“ bei Auszubildenden. In den folgenden Abschnitten erfolgt zunächst eine terminologi- sche Bestimmung der drei Bereiche. Im Anschluss daran wird jeweils die aktuelle Situation von Jugendlichen bzw. Auszubildenden in Deutschland in den drei Be- reichen analysiert. Um die Relevanz der Untersuchungsbereiche in Bezug auf die Gesundheitsförderung darzustellen, werden im folgenden Teilkapitel Gesund- heit, körperliches Aktivitätsverhalten und Stressbelastungen von Jugendlichen aufgezeigt um darauf aufbauend lebensphasenspezifische Besonderheiten für die Prävention und Gesundheitsförderung zu betrachten.

2.1 Gesundheit, körperliche Aktivität und psychosoziale Belastungen von Jugendlichen und Auszubildenden

Um über die Gesundheit von Jugendlichen, jungen Erwachsenen bzw. Auszubil- denden sprechen zu können, bedarf es zunächst einer Definition des Gesund- heitsbegriffs. Die WHO beschreibt den Begriff Gesundheit „als ein Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit oder Behinderung“ (WHO, 1946). Hierdurch ist die anfangs rein biomedizinische Sichtweise des Gesundheitsbegriffs der Auffassung eines Gleichgewichts von sich gegenseitig beeinflussenden körperlichen, see- lisch-geistigen und sozialen Anteilen gewichen. Gesundheit wird somit nicht mehr als ein einmal erreichter und dann stabiler und irreversibler Zustand be- trachtet, sondern ist vielmehr ein lebenslanges und ständig aktiv herzustellendes Gleichgewicht (Hurrelmann & Franzkowiak, 2011).

Was die Gesundheit von Jugendlichen anbelangt, so gerät diese zunehmend ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Mit der Veröffentlichung der bundesweiten KIGGS- Studie im Jahr 2007, liefert das Robert-Koch Institut repräsentative Daten zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren. Die Stu- die beruft sich auf die Analyse von insgesamt 17.641 Kindern und Jugendlichen und kommt zu folgenden Ergebnissen: Der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher hat sich gegenüber der 1980er und 1990er Jahre um 50% erhöht. Knapp 17% der untersuchten Kinder und Jugendlichen haben eine allergische Krankheit (Asthma, Heuschnupfen, Neurodermitis) und bereits 15% der Kinder und Jugendlichen weisen Anhaltspunkte für psychische Probleme auf. Bei etwa 5% wurde bereits eine Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diag- nostiziert, bei weiteren 5% liegen erste Anzeichen auf ADHS vor (RKI, 2008). Dennoch schätzen 85% der deutschen Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren ihren allgemeinen Gesundheitszustand als „gut“ (62%) bzw. „sehr gut“ (23%) ein. Im Altersgang nimmt der Anteil der Jugendlichen, die ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ bezeichnen von 27,9% bei den 11-Jährigen, auf 21,7% bei den 17-Jährigen ab (Lange & Erdmann, 2006). Die Ergebnisse aus der KIGGS-Studie führen zu der Annahme, dass Jugendliche und junge Erwachse- ne mit sehr unterschiedlichen gesundheitlichen Voraussetzungen in ihre Ausbil- dung starten.

Betrachtet man die gesundheitliche Lage der 16- bis 25- jährigen, also der tat- sächlich in der Ausbildung steckenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen, so ist auch weiterhin eine negative Entwicklung des Gesundheitszustandes im Al- tersverlauf zu verzeichnen, was eine Studie von Leyk et al. (2008) belegt. In der Studie „Fit fürs Leben“ wurden 12˙835 Probanden im Alter von 16 bis 25 Jahren anthropometrisch untersucht und zu ihren Lebensgewohnheiten (körperliche Aktivität, Gesundheitsverhalten, Ernährungsverhalten) befragt. Es zeigt sich, dass sich insbesondere bei den 20- bis 25-jährigen Probanden gesundheitlich ungüns- tige Merkmale deutlich verstärken. So liegt die Übergewichtsprävalenz bei den Männern insgesamt bei 32%, in der Gruppe der 25-jährigen Männer sogar bei 50%. Die weiblichen Teilnehmerinnen weisen zwar im Vergleich zu den Männern eine Übergewichtsprävalenz von „nur“ 24% auf, jedoch sind die weiblichen Stu- dienteilnehmerinnen wesentlich seltener sportlich aktiv. So nehmen die gesund- heitlich negativen Entwicklungen laut dieser Studie ab dem 20ten Lebensjahr erheblich zu (Leyk et al., 2008).

Besonders für junge Erwachsene kommt der hohe Medienkonsum erschwerend hinzu. Stundenlanges Fernsehen, Computerspielen und Surfen im Internet sind oftmals feste Bestandteile des Tagesablaufes (Owen et al., 2010; Matthews et al., 2008). So geben in der „Fit fürs Leben“ Studie ein Viertel der Befragten an, „nie“ bzw. „selten“ sportlich aktiv zu sein. Der Anteil sportlich Inaktiver nimmt über alle Altersgruppen hinweg zu. So ist die Wahrscheinlichkeit, nie bzw. selten Sport zu treiben, bei den 25-jährigen wesentlich höher als bei den 16-jährigen Proban- den. Ganze 32% der Studienteilnehmer antworten auf die Frage „Glauben Sie, dass Sie sich ausreichend bewegen?“ mit „Nein“, wobei sich wiederum ein deut- licher Unterschied zwischen den ältesten und den jüngsten Probanden, sowie zwischen den Männern und Frauen (Frauen geben häufiger an, sich nicht ausrei- chend zu bewegen) zeigt (Leyk et al., 2008).

Sich ändernde gesellschaftliche Lebens- und Arbeitsbedingungen führen neben den o.g. gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu steigenden psychosozialen Be- lastungen und einem deutlichen Anstieg entsprechender Erkrankungen (Loh- mann-Haislah, 2012). Junge Menschen stehen durch den Übergang von der Schu- le ins Arbeitsleben zahlreichen Veränderungen gegenüber und müssen sich einer Vielzahl an neuen Herausforderungen stellen (vgl. Kap. 2.2). Dadurch können hohe psychosoziale Belastungen auftreten, die Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen (Betz et al., 2012a). Betz et al. (2012a) erfassten im Rahmen von betrieblichen, überbetrieblichen und schulischen Gesundheitsprojekten u.a. all- gemeine Belastungen, das psychische Wohlbefinden sowie arbeitsspezifische Belastungen bei über 9000 16- bis 25-jährigen Auszubildenden (mittleres Alter: 19,8 ± 4,0 Jahre; 74% ♂, 26% ♀). Bezüglich der allgemeinen Belastung bzw. den belastenden Stressoren zeigen die Ergebnisse, dass sich 58% der Auszubildenden durch zu wenig Schlaf, 53% durch Zeitdruck und Hektik und 40% durch finanzielle Sorgen beeinträchtigt fühlen (vgl. Tab. 1).

Dass die Belastungen, die auf Auszubildende einwirken nicht unerheblich sind, belegt die Tatsache, dass sich bei 44% der Auszubildenden mehr als 10 häufig 5

vorkommende und belastende Stressoren finden lassen und bei knapp 25% über 20 belastende Stressoren auftreten. Diese quantitative Betrachtung erlaubt einen ersten Überblick über die zahlreichen Belastungen, die auf Auszubildende einwirken (Betz et al., 2012a).

Tabelle 1: Häufig vorkommende und belastende Stressoren bei Auszubildenden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für die arbeitsplatzspezifischen Belastungen zeigt sich in der o.g. Studie auch, dass sich fast jeder fünfte Auszubildende (19%) durch den Arbeitsplatz belastet oder stark belastet fühlt, 38% fühlen sich ab und zu belastet. Die Ursachen für die Belastungssituationen sind v.a. die hohe Arbeitsbelastung bzw. hoher Ar- beitsdruck, Konflikte mit der Führungskraft (15%) oder fehlende soziale Unter- stützung (15%) (ebd.).

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die den gesundheitlichen Beeinträchtigungen entgegenwirken können. Im Allgemeinen wird ausreichender Bewegung und körperlicher Aktivität eine hohe Gesundheitsrelevanz zugeschrieben (Sygusch, 2008). Neben positiven Einflüssen auf organische Kapazitäten (z.B. Herz- Kreislauf, Stoffwechsel, Atmung) wird eine Minimierung der physiologischen und verhaltensbezogenen Risikofaktoren (z.B. Übergewicht und Adipositas, Blut- hochdruck, Rauchen) angenommen. Bewegung und Sport fördern demnach das Wachstum und die motorische und körperliche Entwicklung. Die psychische Ge- sundheit sowie personelle Ressourcen (z.B. Selbstkonzept, Selbstwert, Kontroll- überzeugung) werden gestärkt, die soziale Integration unterstützt, was insgesamt zu einer Steigerung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität führt. (Lampert et. al, 2007).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Wechsel von der Schulzeit in die betriebliche Ausbildungszeit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor eine Vielzahl von Herausforderungen stellt. Jugendliche und junge Erwachsene star- ten mit unterschiedlichen gesundheitlichen Voraussetzungen in ihre Ausbildung, wobei sich eine negative Entwicklung des Gesundheitszustandes im Altersverlauf verzeichnen lässt (Lange & Erdmann, 2006). Auch wenn junge Menschen ihre Gesundheit größtenteils positiv bewerten, zeigt sich, dass mit dem Ausbildungs- beginn Beeinträchtigungen in vielen Lebensbereichen zunehmen, die negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der jungen Menschen einwirken (Betz et al., 2012a). Die sportliche Aktivität nimmt im Altersverlauf stetig ab (Lange & Erdmann, 2006), wobei Männer noch häufiger sportlich aktiv sind als Frauen (Leyk et al., 2008). Neben dem Wegfall der aktiven Freizeitgestaltung beeinträch- tigen u.a. Ängste um den Ausbildungsabschluss das Wohlbefinden der Auszubil- denden (Neuber & Wentzke, 2005).

2.2 Lebensphase Jugend und junges Erwachsenenalter - Herausforderungen für Prävention und Gesundheitsförderung

Die Jugendphase eines Menschen wird häufig auch als Schlüsselphase des Lebens bezeichnet. Sie löst die Phase der Kindheit ab und ist geprägt von biologischen, kognitiven und seelischen Veränderungen. Mit diesen Prozessen ist eine Vielzahl von körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen mit entsprechenden Entwicklungsaufgaben verbunden. Die Jugendzeit wird assoziiert mit Zerrissen- heit, Streit mit den Eltern und Lehrern, persönliche Krisen, neuen sozialen Bezie- hungen zu Gleichaltrigen sowie ersten sexuellen Erfahrungen, Hilflosigkeit aber gleichzeitig auch Selbstüberschätzung (Walter et al., 2011). An diese Phase schließt die Phase des frühen Erwachsenenalters an, die die Altersklasse der 20- bis 24-Jährigen umfasst. Für diese Lebensphase beschreibt Fend (2005) als Ent- wicklungsaufgaben u.a. das Lernen, mit einem Partner zu leben, den eigenen Haushalt zu führen, in den Beruf einzusteigen und Verantwortung als Staatsbür- ger zu übernehmen. Eine weitere Aufgabe im frühen Erwachsenenalter besteht darin, eignen Lebensziele- und Pläne in Auseinandersetzung mit gesellschaftli- chen Leitbildern und Rollen zu entwickeln (Hoff & Schraps, 2007). Neben den Entwicklungsaufgaben gelten die Lebensphasen Jugend und junges Erwachsenenalter auch als kritische Phasen für die Etablierung gesundheitsför- derlicher Verhaltensweisen (Nelson et al., 2008). Mit zunehmendem Lebensalter lösen sich Jugendliche immer stärker von ihren Eltern ab und beginnen damit, gesundheitsrelevante Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen (Pinquart & Silbereisen, 2004). Dies gilt zum Beispiel für den Entwicklungsprozess des Ernäh- rungs- und Bewegungsverhaltens: In den jungen Jahren entwickeln sich Verhal- tensmuster, welche sich im späteren Erwachsenenalter als relativ stabil erweisen (Lampert, 2010).

Aus Sicht der Public Health ist daher u.a. die Jugendphase für präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen ein geeignetes Zeitfenster im Lebensverlauf (Raithel, 2003). Darüber hinaus ist die Sensibilisierung für einen gesunden Le- bens- und Arbeitsstil ist in der Phase des jungen Erwachsenenalters enorm wich- tig, da das Erlernen von gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen in diesem Alter maßgeblich dazu beiträgt, dass das Risiko im späteren Erwachsenenalter an Zivilisationskrankheiten zu erkranken, deutlich minimiert wird (Gottlieb & Chen, 1985; Hood et al., 2000; Rossow & Rise, 1994). Zudem belegen Langzeitstudien, dass eine gesunde Lebensweise mit einer höheren Lebenserwartung korreliert und das Risiko für Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen sowie Stoffwechselstö- rungen deutlich verringert (Ford et al., 2009; Khaw et al., 2008).

Während das Thema „Gesundheit im Jugendalter“ bereits viel Aufmerksamkeit erfahren hat und zahlreiche Programme für Jugendliche existieren, wird die Ziel- gruppe der jungen Erwachsenen meist nicht explizit angesprochen, was aber den Charakteristika bzw. Bedürfnissen der Menschen in dieser Lebensphase wider- spricht, denn insbesondere beim Übergang von der Schule ins Berufsleben än- dert sich der Alltag der jungen Erwachsenen deutlich (Walter et a., 2011). In wieweit in dieser Lebensphase negative Verhaltensmodifikationen hinsichtlich sportlicher Aktivitäten, Ernährungsgewohnheiten und Gesundheitsverhalten er- folgen, ist schwer zu quantifizieren, da relevante Studien mit entsprechenden Daten bislang nur in geringer Anzahl vorhanden sind. Erste Daten hierzu liefern Leyk et al. (2008) mit dem Ergebnis, dass die gesundheitlich negativen Entwick- lungen nach dem 20. Lebensjahr erheblich zunehmen. Die Autoren fordern mit Blick auf ihre Ergebnisse effiziente, institutionsübergreifende Präventionskam- pagnen für die Altersklasse der jungen Erwachsenen, die einen gesundheitsbe- wussten Lebensstil fördern und begleiten.

Faktoren wie Bewegungsmangel und Adipositas belasten neben der persönlichen Gesundheit junger Erwachsener zusätzlich das gesamte Gesundheitssystem und die Finanzen. Darüber hinaus führt eine geringere und zunehmend sinkende Leis- tungsfähigkeit zu erheblichen Einbußen im beruflichen Sektor, da hier ein be- stimmtes Mindestmaß an körperlicher Leistungsfähigkeit, mit Blick auf den Be- griff der Arbeitsfähigkeit, Grundvoraussetzung ist. Aufgrund unzureichender kör- perlicher Leistungsfähigkeit haben zunehmend mehr Arbeitnehmer erhebliche Probleme, die alltäglichen beruflichen Anforderungen zu bewältigen (Hertz et al., 2004). Studien gehen davon aus, dass es in den USA zu erheblichen Produktions- ausfällen mit Milliardenverlusten kommt, die durch mangelnder körperlicher Leistungsvoraussetzungen der Beschäftigten und vermehrter Arbeitsunfähigkeit verursacht werden (Sturm, 2003). Es ist zu befürchten, dass sich diese Situation in den nächsten Jahren sogar noch verschärfen wird, weil der Anteil übergewich- tiger Heranwachsender seit Jahren sprunghaft ansteigt (Hölling, 2007). Diese Lücke ist mit Blick auf den demografischen Wandel und auf die allgemein be- sorgniserregende Gesundheitsentwicklung erstaunlich, weil die genannte Alters- gruppe nicht nur als künftige Arbeitnehmer für Wirtschaft und Gesellschaft wich- tig ist, sondern auch eine lohnenswerte Zielgruppe für Präventionsmaßnahmen darstellt (Leyk et al., 2008).

Weiterhin gilt zu beachten, dass eine Vielzahl der Risikoverhaltensweisen der jungen Erwachsenen als entwicklungsbedingt angesehen werden (z.B. Über- schätzung der eigenen Handlungskompetenz, Identitätssuche oder Reaktionen auf den Druck von Gleichaltrigen). Daher sind reine Aufklärungsprogramme mit Wissensvermittlung nur wenig zielführend. Die Akzeptanz für primärpräventive Programme wird durch das fehlende Verständnis für eine „Investition in die eigene Zukunft“ maßgeblich erschwert. Primärpräventive Programme sollten sich daher viel mehr an den Ressourcen und Bedürfnissen der Jugendlichen orientieren. Über eine Anbindung und Integration der Programme an entsprechende Institutionen (z.B. die Berufsschule oder den Ausbildungsbetrieb) kann sichergestellt werden, dass möglichst viele Jugendliche ohne die Gefahr einer möglichen Stigmatisierung erreicht werden (Warschburger, 2011).

Ein allgemeiner Aspekt, den es in der Gesundheitsförderung zu beachten gilt, darf auch in Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht ausge- lassen werden. Studien zum Status Quo des Sport- und Bewegungsverhaltens weisen auf zahlreiche Geschlechtsunterschiede hin. Demnach sind Frauen und Mädchen im Allgemeinen weniger sport- und bewegungsaktiv als Männer und bevorzugen andere Sportarten und Bewegungsaktivitäten (z.B. Individualsportar- ten und Figurtraining) als Männer (z.B. Kraft- und Kampfsport sowie Wettbe- werb). Bei der Planung, Umsetzung und Gestaltung der Maßnahmen, ist es not- wendig, auch die geschlechtsspezifischen Wünsche und Voraussetzungen zu be- achten und die Maßnahmen entsprechend zu gestalten (Europäische Kommissi- on, 2010).

Die Jugendgesundheitsforschung hat bereits früh darauf aufmerksam gemacht, dass neben Alter und sozialer Schichtzugehörigkeit auch das Geschlecht eine zentrale Rolle bezüglich des gesundheitsrelevanten Verhaltens von Jugendlichen und jungen Erwachsenen einnimmt. Männliche und weibliche Jugendliche unter- scheiden sich hinsichtlich qualitativer und quantitativer Aspekte des gesund- heitsriskanten bzw. gesundheitsförderlichen Verhaltens. Die Kenntnis über ge- schlechtsspezifische Unterschiede auf der Verhaltensebene ist eine notwendige Voraussetzung für die zielgruppengerechte Planung von Präventions- und Ge- sundheitsförderungsmaßnahmen, um schließlich die Effektivität der Angebote zu steigern (Kolip, 2002). Vor allem für das Jugendalter zeigen - bisher wenige - Evaluationsstudien dass mit geschlechtsspezifischen Effekten zu rechnen ist (Leppin et al., 1999; Jerusalem & Mittag, 1997). Demnach ist die Umsetzung des Gender- Mainstreaming- Konzepts auch in der Gesundheitsförderung für Auszubildende stets zu berücksichtigen. Gender Mainstreamings meint, dass alle geplanten Maßnahmen daraufhin geprüft werden, welche Beiträge sie zum Abbau geschlechtlicher Ungleichheit leisten (Council of Europe, 1998).

3 Betrieblichen Gesundheitsförderung in der Ausbildung

3.1 Betriebliche Gesundheitsförderung

Die Förderung und umfassende Unterstützung der Gesundheit wurde in der Ottawa-Charta erstmals mit dem Begriff der Gesundheitsförderung benannt (Schuhmayer, 2001). Auf der internationalen Konferenz zur Gesundheitsförde- rung im Jahr 1986 definierte die WHO die Gesundheitsförderung als ein Prozess, der darauf abzielt, „… allen Menschen ein höheres Maßan Selbstbestimmungüber ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Die Art und Weise, wie eine Ge- sellschaft die Arbeit, die Arbeitsbedingungen und die Freizeit organisiert, sollte eine Quelle der Gesundheit und nicht der Krankheit sein. “ (WHO, 1986).

Die Gesundheitsförderung gilt als eine wesentliche und grundlegende Vorausset- zung, um eine hohe Lebensqualität zu erreichen (Faltermaier, 2005). Neben indi- viduumsbezogenen Ansätze werden vor allem Veränderungen in ganzen Grup- pen angestrebt, um gleichwertige gesundheitsfördernde Lebensbedingungen für alle Individuen zu schaffen. Hierfür bedarf es einer Berücksichtigung politischer, sozialer, ökonomischer, kultureller sowie von Verhaltens- und Umweltfaktoren, die die Gesundheit schädigen oder positiv auf sie einwirken können (Schuhma- yer, 2001). Aufbauend auf der Definition und dem Verständnis von Gesundheits- förderung ist der Begriff des Settings aus der Ottawa-Charta heraus entstanden:

Ein Setting für Gesundheit ist ein Ort oder sozialer Kontext, in dem Menschen ihren Alltagsaktivitäten nachgehen, im Verlauf derer umweltbezogene, organisatorische und persönliche Faktoren zu- sammenwirken und Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen. “

(WHO, 1998).

Ein Setting beschreibt demnach eine eingegrenzte und überschaubare Lebens- welt, in der Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen, dort wohnen, lernen, arbeiten oder ihren Freizeitaktivitäten nachgehen. Auf diese soziale und körperli- che Umwelt des Menschen wirken zahlreiche gesundheitsförderliche wie auch krankmachende Faktoren, welche einen direkten Einfluss auf die Denk- und Ver- haltensweisen sowie die Ressourcen eines Menschen haben (Faltermaier, 2005). Über die Strategie des Setting-Ansatzes werden Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit auf die Organisationsstrukturen bzw. sozialen Systeme ange- wendet (Grossmann & Scale, 2003). Der Setting-Ansatz bietet die Möglichkeit, alle dem Setting zugehörigen Personengruppen geschlossen und wiederholt zu erreichen. Hierdurch können zielgerichtete, kontextbezogene Maßnahmen ent- wickelt und unterstützend kombiniert werden (Waller, 2006).

Von der WHO wird der Setting Betrieb seit der Ottawa-Konferenz immer wieder als zentraler Bereich für gesundheitsfördernde Maßnahmen beschrieben, denn die organisatorische Gestaltung der Arbeitssituation und die physischen Belastungen bei der Arbeit können die Gesundheit eines Menschen sowohl schädigen als auch schützen und aufbauen. Die Bedingungen, das Arbeitsumfeld und die Organisation der Arbeit nehmen einen wesentlichen Platz im Leben der erwerbstätigen Bevölkerung ein, was dazu führt, dass der Betrieb mit zu den bedeutendsten Lebensräumen zählt (Gröben & Hildebrand, 2005).

Beschäftigte verbringen häufig mehr Zeit am Arbeitsplatz als mit der eigenen Familie. In dieser Zeit unterliegen Beschäftigte häufig einem enormen Druck. Von den Beschäftigten in Unternehmen wird immer mehr Tempo, Flexibilität und Qualität sowie permanente Lernbereitschaft erwartet, denn die heutige Arbeits- welt ist geprägt durch einen immer stärker werdenden Wettbewerb, zunehmen- de Dienstleistungsorientierung und Personalabbau sowie durch neue Informati- onstechnologien und Beschäftigungsverhältnisse (z.B. Teilzeit- und Telearbeit) (Ahlers, 2011). Gerade diese Entwicklungen, die sich in einem tiefgreifenden so- zialen und wirtschaftlichen Wandel wiederspiegeln, haben enorme Auswirkun- gen für Betriebe, mehr aber noch für deren Mitarbeiter. Für Unternehmen stel- len qualifizierte, motivierte und v.a. auch gesunde Mitarbeiter eine wichtige Vo- raussetzung dar, um die wirtschaftlichen Herausforderungen von heute erfolg- reich bewältigen und ihre Chancen von morgen nutzen zu können (DNBGF, 2013).

Priester (2003) bezeichnet den Betrieb als einen zentralen Ort der Krankheitsent- stehung und stuft ihn somit ebenso als ein wesentliches Setting der Prävention und Gesundheitsförderung ein (Priester, 2003). Die Betriebliche Gesundheitsför- derung gehört mittlerweile für viele Betriebe zu den zentralen Bestandteilen ih- rer Unternehmenskultur. Waren es zunächst die gesetzlichen Bestimmungen des Arbeitsschutzes, die Arbeitgeber zum Erhalt der Gesundheit ihrer Mitarbeiter bewegten, rückt in den letzten Jahren zunehmend der Mensch als „Produktions- faktor“ in den Vordergrund des Interesses (Neuber & Wentzek, 2005).

Laut der Luxemburger-Deklaration (1997) des Europäischen Netzwerks für Be- triebliche Gesundheitsförderung (ENWPH) versteht man unter BGF „… alle ge- meinsamen Maßnahmen von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und der Gesellschaft zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens am Arbeitsplatz. Dies kann durch eine Verknüpfung folgender Ansätze erreicht werden: Verbesserung der Arbeitsorganisation, Förderung einer aktiven Mitarbeiterbeteiligung und Stärkung persönlicher Kompetenzen. “ Laut dieser Definition muss, neben der Einwirkung auf das individuelle Verhalten, eine Auseinandersetzung mit der Le- bensumwelt erfolgen. Die frühere Unterteilung der Maßnahmen in verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung ist einem ganzheitlichen Ansatz gewichen, der beide Seiten kombiniert. Wichtig für den Erfolg der Maßnahmen sind eine vorausgehende Bedarfsanalyse, die Par- tizipation der gesamten Belegschaft und die Evaluierung der durchgeführten In- terventionen (Wilke et al., 2008).

Neben dem Aspekt der Ganzheitlichkeit wird von Schwarzer et al. (2008) eine zielgruppenspezifische Ansprache und Gestaltung der Programme empfohlen. Wie zielgruppen- und stadienspezifische Maßnahmen gestaltet werden können, zeigen die Autoren auf dem IGA-Expertendialog auf (iga Experten, 2008). Sie for- dern theorie- und evidenzbasierte Interventionen, um eine grundlegende Quali- tät zu sichern und wissenschaftlich vergleichbare Ergebnisse erzielen zu können. Hierbei ist eine feste Implementierung in das entsprechende Setting unbedingt nötig - ein freies Kursangebot ist deutlich weniger nachhaltig. Eine Evaluation des Programms ist unumgänglich, um den Erfolgsschlüssel zu finden. Zentrale Forde- rungen sind zielgruppenspezifische Programmangebote in Kombination mit einer zielgerichteten und zielgruppengerechten Ansprache. Nur so kann es gelingen, jeden Menschen individuell zu erreichen (Richtert, 2008).

3.2 Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung in der dualen Berufsausbildung

Auszubildende bilden in Deutschland zahlenmäßig die größte Gruppe in der Er- werbsbevölkerung. Im Jahr 2010 befanden sich laut Statistischem Bundesamt insgesamt 1˙508˙328 Personen in einer beruflichen Ausbildung. In Deutschland beenden jährlich 950˙000 Jugendliche die allgemeine schulische Ausbildung. Et- was die Hälfe davon entscheidet sich für einen Ausbildungsberuf im dualen Be- rufsbildungssystem (Statistisches Bundesamt, 2012). Dennoch ist die Zahl der neuen Ausbildungsverträge im dualen System in den letzten Jahren rückläufig. Im Jahr 2012 wurden demnach 3,1% bzw. 17˙700 Verträge weniger abgeschlossen als im Jahr 2011 (Statistisches Bundesamt, 2013). Die Mehrheit der Auszubilden- den wird im dualen System ausgebildet, welches schwerpunktmäßig aus betrieb- lichen und schulischen Unterweisungen (Teilzeitberufsschule und außerbetriebli- che Ausbildung) besteht (BMBF, 2010). Auch die Auszubildenden der vorliegen- den Untersuchung werden im dualen System ausgebildet.

Die duale Berufsausbildung in Deutschland erstreckt sich in der Regel über einen Zeitraum von drei Jahren und findet sowohl im Ausbildungsbetrieb als auch in der Berufsschule statt, wobei im Betrieb eine überwiegend praktische Ausbil- dung vorzufinden ist. In der Berufsschule wird diese durch theoretische, berufs- bezogene und allgemeinbildende Inhalte ergänzt. Die Ausbildung zielt darauf ab, die jungen Erwachsenen auf die wandelnden Berufsanforderungen vorzubereiten und gleichzeitig auch die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten des einzelnen zu fördern (BIBB, 2013). Die Auszubildenden müssen dabei unterstützt werden, die zur Ausübung eines Berufes notwendigen Kenntnisse, Fertigkeiten, Erfahrun- gen und Fähigkeiten zu erlangen und die sozialen Anforderungen am Arbeitsplatz und in der Berufswelt zu bewältigen. Durch die gewonnene berufliche Qualifika- tion sollen den Jugendlichen langfristige Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet werden, gleichzeitig sollen Betriebe von einem qualifizierten Fachkräftenachwuchs profitieren (BiBB, 2013).

Der Tagesablauf der jungen Erwachsenen ist stark reglementiert und bietet, ver- glichen mit der vorausgehenden Schulzeit meist nur wenig Abwechslung. Die Rahmenbedingungen der betrieblichen Ausbildung können die Jugendlichen so- wohl während der Arbeitszeit als auch in der Freizeit stark einschränken (Neuber & Wentzek, 2005). Pünktliches Erscheinen und gewissenhaftes Erfüllen von Ar- beitsaufträgen wird unbedingt vorausgesetzt. Mitbestimmungsrecht und Eigen- verantwortung werden zwar formal gefordert, finden in der Ausbildungspraxis häufig aber keine Umsetzung. Für die Mehrzahl der Auszubildenden ist diese, für sie neue Verbindlichkeit die Hauptanstrengung in der Berufsausbildung. Das frü- he Aufstehen und der zunächst ungewohnt lange Arbeitstag führen dazu, dass Freizeitaktivitäten in den Abendstunden vernachlässigt oder ganz aufgegeben werden (Lemke-Goliasch, 2001).

Neben den körperlichen Belastungen am Arbeitsplatz werden die Auszubildenden mit neuen psychischen Belastungen konfrontiert. Einen guten Ausbildungsplatz bekommen zu haben, wird vom sozialen Umfeld der Auszubildenden häufig mit der Verpflichtung verbunden, allen Anforderungen gerecht zu werden und nicht versagen zu dürfen (Neuber & Wentzke, 2005).

Wenn man bedenkt, dass Auszubildende während ihrer Erstausbildung im dualen System in der Regel über drei Jahre hinweg parallel in zwei zentralen Settings (der Berufsschule und dem Betrieb) erreichbar sind, lässt sich hier vermutlich ein großes Potenzial für gesundheitsförderliche Maßnahmen und den Aufbau von Gesundheitskompetenz erkennen.

In den letzten Jahren ist nach Aussagen von Reik et al. (2010) ein Anstieg an be- trieblichen Gesundheitsförderungsprogrammen für Auszubildende zu erkennen (s. hierzu auch Kap. 3.3). Im Jahr 2005 dagegen beschrieben Neuber und Went- zek (2005), dass sich Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung fast ausschließlich an Erwachsene im mittleren und höheren Lebensalter richten, wodurch die spezifischen Bedingungen und Belastungen von Auszubildenden oft vernachlässigt werden. Nach wie vor besteht die Herausforderung, dass entspre- chende Angebote der BGF nicht maßgeschneidert sind, sodass die Zielgruppe nur schwer erreicht werden kann. Gerade für die Altersgruppe der Auszubildenden stellt sich die Gestaltung und Realisierung passender Programme als besonders anspruchsvoll heraus, da die Jugendlichen sich wie in Kapitel 2.1 beschrieben in einer Umbruchphase befinden (Reik et al., 2010).

Gesundheitsförderung bei Auszubildenden unterscheidet sich von anderen Ziel- gruppen: Junge Erwachsene leben im „Hier und Jetzt“, sodass Argumente über längerfristige Folgen von gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen nur wenig überzeugend sind. Die Interventionen sollten daher über Inhalte wie Lebenslust, Vitalität und Wohlbefinden beworben werden (Helfferich, 1995). Übergeordne- tes Ziel der gesundheitsfördernden Programme sollte die Förderung der Gesund- heitskompetenz der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sein. Dies umfasst neben der Vermittlung von gesundheitsbezogenem Wissen die Motivation zu gesundheitsförderlichem Verhalten sowie das Einüben von gesundheitsgerech- tem Handeln (Weber & Betz, 2011). Motivierende Konzepte für Jugendliche und junge Erwachsene sollten daher emotional verstärkt sein, da die jungen Men- schen nicht ausschließlich auf der rein kognitiven Ebene erreichbar sind. Maß- nahmen und Programme müssen an positiven Erfahrungen anknüpfen und dür- fen nicht als „Attacken“ auf die Lebensfreude erlebt werden (Paletta, 2001, S.110).

Da gesundheitliche Beeinträchtigungen, insbesondere die Zivilisationskrankhei- ten, zahlreiche Ursachen haben, ist eine Kombination von gesundheitsfördern- den Maßnahmen aus den Bereichen Ernährung, Bewegung und Stress zielfüh- render, als Einzelinterventionen (Weber & Betz, 2011). Die Integration der Ge- sundheitsförderungsprogramme in die Ausbildungszeit bringt folgende Vorteile mit sich:

- Es werden alle Auszubildenden gleichermaßen angesprochen und er- reicht, unabhängig von den unterschiedlichen gesundheitlichen Voraussetzungen (vgl. Kap. 2.2).

[...]

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung für Auszubildende
Untertitel
Bedarfsanalyse und Gestaltungsansätze im betrieblichen Setting
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln  (Bewegungstherapie)
Veranstaltung
Gesundheitsmanagement
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
85
Katalognummer
V294881
ISBN (eBook)
9783656926535
ISBN (Buch)
9783656926542
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Betrieblichen Gesundheitsförderung, Auszubildende, Gesundheit, Betriebliches Gesundheitsmanagement, altersgerechte und geschlechtsspezifische Zielgruppenansprache, Leistungsfähigkeit, Arbeitsfähigkeit
Arbeit zitieren
Monika Zähringer (Autor), 2013, Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung für Auszubildende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294881

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