Rache und Rachsucht begleiten die Menschen von Anbeginn ihrer Existenz.
In der Literatur begegnet man ihr darum ebenso selbstverständlich wie jedem anderen Gefühl, das zum Mensch Sein dazugehört.
Auch das altenglische Heldenlied "Beowulf" kreist um dieses Thema. Der Rachegedanke schaukelt den Fortgang der Erzählung immer höher.
Wie diese Dynamik zustande kommt und wie sie den Helden Beowulf in die drei Kämpfe verwickeln, soll in der vorliegenden Arbeit gezeigt werden.
Da das Epos zwar ein altenglisches ist, aber in Skandinavien spielt, werden nicht zu christliche, sondern auch heidnische Elemente mit einbezogen. Zwar lässt der Verfasser oftmals seinen christlichen Hintergrund durchscheinen, doch pagane Kulte und Werte werden deswegen nicht einfach gestrichen.
Inhaltsverzeichnis
Der Begriff Rache
Beowulf und Grendel – Verteidigung in Stellvertretung
Beowulf und Grendels Mutter – Rache als Ausdruck von Leid und Zorn
Beowulf und der Drache – Tod beendet den Kreislauf der Rache
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Dynamik des Rachemotivs im Beowulf-Epos anhand der drei zentralen Kampfepisoden. Dabei wird analysiert, wie sich der Rachebegriff durch den Wechsel zwischen aktiven Handlungen und passivem Erleiden entwickelt und welche Rolle religiöse sowie gesellschaftliche Normen für die Durchbrechung des Rachekreislaufs spielen.
- Analyse des Rachebegriffs im Kontext germanischer und christlicher Vorstellungen
- Untersuchung der Stellvertretung bei der Racheausübung
- Darstellung der emotionalen Beweggründe der verschiedenen Kontrahenten
- Betrachtung der göttlichen Vorsehung bei der Beendigung von Fehden
- Die Entwicklung Beowulfs vom stellvertretenden Helfer zum eigenständigen Rächer
Auszug aus dem Buch
Beowulf und Grendels Mutter – Rache als Ausdruck von Leid und Zorn
Im zweiten Kampf erscheint dann ein klassisches Motiv für Rache: Als Mutter des Getöteten ist Grendels Mutter darauf besessen, das ihr und ihrem Sohn widerfahrene Unrecht zu rächen (V. 1278).
So tötet sie Hrothgars liebsten Kämpfer und trübt dadurch das Hochgefühl in der Halle Heorot, das sich nach dem Mord an Grendel eingestellt hat. Die Situation erinnert an Lev 24, wo es heißt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (V. 1304-1306). Jedoch ist hier zu bedenken, dass nicht der Mörder des Sohnes (Beowulf), sondern ein Sippenmitglied Hrothgars getötet wird. Der Brauch, den besten Krieger einer Gemeinschaft zu töten, wobei es unerheblich ist, ob er in die Handlung verwickelt ist oder nicht, war weit verbreitet in frühen Gesellschaften.
Grendels Mutter rächt sich also nicht an dem stellvertretenden Kämpfer Beowulf, sondern an der hinter ihm stehenden Gemeinschaft Heorots. Diesen Umstand kann man allerdings als Versehen betrachten, da der Text deutlich zu verstehen gibt, dass Grendels Mutter von den Kämpfern überrascht wird und in Eile nach irgendeinem der Kämpfer langt (V. 1288-1295). Sie nimmt Hrothgar damit unwissentlich, was ihm lieb und teuer ist.
Beowulf bleibt hier unbetroffen bzw. höchstens von dem Verlust des Kriegers indirekt betroffen.
Zusammenfassung der Kapitel
Der Begriff Rache: Dieses Kapitel definiert den Rachebegriff unter Rückgriff auf philologische und historische Quellen und unterscheidet dabei zwischen privater Selbsthilfe und rechtlichen Vergeltungsnormen.
Beowulf und Grendel – Verteidigung in Stellvertretung: Es wird dargelegt, wie Beowulf in der ersten Episode als von Gott gesandter Stellvertreter handelt, um die Dänen zu rächen, ohne dass der Begriff der Rache explizit in den Vordergrund tritt.
Beowulf und Grendels Mutter – Rache als Ausdruck von Leid und Zorn: Der Fokus verlagert sich auf die emotionalen Motive der Gegnerin, wobei Grendels Mutter aus Zorn handelt und die Gemeinschaft anstelle des eigentlichen Täters bestraft.
Beowulf und der Drache – Tod beendet den Kreislauf der Rache: In dieser abschließenden Kampfepisode agiert Beowulf erstmals als direkt Betroffener, wobei der Rachekreislauf erst durch den beidseitigen Tod der Kontrahenten und Gottes Eingreifen beendet wird.
Zusammenfassung: Das letzte Kapitel resümiert die zentrale Bedeutung der Rache als ordnendes Element im Beowulf-Epos und betont die Rolle Gottes bei der Konfliktlösung.
Schlüsselwörter
Beowulf, Rache, Fehde, Blutrache, Stellvertretung, germanische Tugenden, Christentum, Zorn, Leid, Handlung, Vergeltung, Grendel, Drache, Hrothgar, Wiglaf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und der Dynamik des Rachemotivs im altenglischen Heldenepos Beowulf.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Darstellung von Recht und Unrecht, der Wechsel zwischen aktivem Handeln und passivem Erleiden sowie die Rolle göttlicher Vorsehung in der Racheethik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die drei Hauptkämpfe Beowulfs hinsichtlich ihrer Rachedynamik zu analysieren und aufzuzeigen, wie diese zur erzählerischen Struktur des Epos beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die das Racheschema nach Fabian Bernhardt auf die Kampfepisoden des Epos anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Kämpfe gegen Grendel, Grendels Mutter und den Drachen, jeweils unter Berücksichtigung der individuellen Motive und gesellschaftlichen Hintergründe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Beowulf, Rache, Stellvertretung, Ehre, Zorn, Fehde und das Spannungsfeld zwischen heidnischen und christlichen Werten.
Warum spielt die Figur des Wiglaf eine besondere Rolle?
Wiglaf zeigt im letzten Kampf eine eigene Motivation zur Rache, die Beowulfs Wirken ergänzt und die doppelte Betonung des Rachemotivs im Finale verdeutlicht.
Welche Bedeutung kommt dem Rachebegriff "wrecan" und "forgyldan" zu?
Die Unterscheidung dieser Begriffe verdeutlicht die historische Differenzierung zwischen Rache als subjektiver Regung und Vergeltung auf Basis einer objektiv gültigen Norm.
- Citation du texte
- B.A. Sarah K. Weber (Auteur), 2015, Die Dynamik der Rache im Beowulf-Epos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295162