Lassen sich Phrasen bzw. ganze Sätze in Wortstrukturen einbetten? Intuitiv betrachtet würde man eine solche Frage wohl verneinen oder zumindest wesentliche Einschränkungen erwarten. Dies geschieht nicht ohne Grund, denn in einem traditionellen Grammatikmodell werden beide Ebenen,
Wort- und Satzstruktur, für gewöhnlich strikt voneinander abgegrenzt. Als ein Sonderfall im Bereich der Wortbildung qua Komposition scheinen Phrasenkomposita diese Unterscheidung in Frage zu stellen: Ihre Erstkonstituente lässt sich in der Terminologie der generativen Grammatik als Phrase beschreiben, wohingegen der Kopf der Zusammensetzung eine lexikalische Kategorie darstellt, wie die folgenden Beispiele illustrieren (entnommen aus Wiese 1996:184):
(1)
a. die Wer-war-das-Frage
b. der Zwischen-den-Zeilen-Widerstand
c. der Von-Albert-geküsst-worden-zu-sein-Alptraum
d. die Ein-Kerl-wie-ich-Visagen
Die Daten in (1) lassen den Schluss zu, dass neben der Bildung rein lexikalischer Zusammensetzungen die Möglichkeit besteht, das Erstglied in Komposita durch eine Phrase unterschiedlicher
syntaktischer Kategorie zu realisieren. (1-a) macht beispielsweise Gebrauch von einer CP mit Fragepronomina in der Vorderkonstituente, wohingegen in (1-b) die Erstgliedposition durch eine Präpositionalphrase besetzt wird.
Die vorliegende Arbeit wirft eine morphosyntaktische Perspektive auf derartige Phrasenkomposita des Deutschen. In einer ersten Annäherung sollen in Teil II grundlegende Konzepte
definiert sowie Eigenschaften von Phrasenkomposita behandelt werden. Es wird gegen eine Limitierung der Komposition auf den morpholexikalischen Bereich argumentiert, was sich vor allem aus der Beobachtung ergibt, dass die Erstkonstituenten in Phrasenkomposita eine Reihe genuin syntaktischer Phänomene aufweisen, die auf eine Generierung im Syntax-Modul schließen lassen.
Daher lässt sich davon ausgehen, dass Produkte der Syntax im Rahmen der Komposition mit lexikalischen Einheiten kombiniert werden können. Mit einer solchen ‚Öffnung‘ der Komposition gegenüber der Syntax gelingt es zudem, die Phrasenkomposition theoretisch sicher zu erfassen,
anstatt sie als marginale Erscheinung betrachten zu müssen. Die im Rahmen der vorliegenden Arbeit dargelegte Erstgliedphrasenbedingung (EPB) fasst die syntaktischen Eigenschaften der Kompositionserstglieder zusammen und fungiert darüber hinaus als ein heuristisches Instrument bei der empirischen Untersuchung phrasaler Zusammensetzungen. [...]
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Präliminarien zum Untersuchungsgegenstand
1 Komposition: Kreativität und Restriktionen
2 Die Phrasenkomposition – ein Subtyp
2.1 Im Anfang war – die Phrase? Zum Status des Erstglieds
2.1.1 Extrahierbarkeit
2.1.2 Prosodie: Identisches Akzentmuster
2.1.3 Anaphorische Referenz auf Erstgliedelemente?
2.1.4 Syntaktische Abhängigkeitsrelationen
2.1.5 Die Erstgliedphrasenbedingung (EPB)
2.2 Rechtsköpfigkeit
2.3 Phrasenkomposita als Determinativkomposita
2.4 Binäre Strukur
2.5 Abgrenzung gegen andere Typen phrasaler Wortbildung
3 Rezeption und Forschungslage
3.1 Ein Randphänomen?
3.2 „Gar nicht so töricht, wie sie gewöhnlich aufgefaßt werden“
3.2.1 Die Vorläufer
3.2.2 Behandlung in der modernen Theoriebildung
3.3 Eine sprachübergreifende Betrachtung
3.3.1 ‚Angst vor Eis mit Schlagsahne‘: Phrasenkomposita im Niederländischen und Afrikaans
3.3.2 Phrasenkomposita in den romanischen Sprachen?
4 Zwischenfazit
III Empirischer Teil
5 Kritik an bisherigen Korpusstudien
6 Eine explorative Korpusstudie
6.1 Methodisches
6.1.1 Wahl des Korpus
6.1.2 Formulierung der Suchanfrage
6.2 Bearbeitung der Rohdaten
6.2.1 Die EPB in der Praxis: Anmerkungen zu exkludierten Tokens
6.2.2 Annotation
6.3 Ergebnisse und Diskussion
6.3.1 Anzahl genuiner Phrasenkomposita
6.3.2 Verteilung nach Phrasentypen im Erstglied
6.3.3 Lexikalisierte Erstglieder und Zitate
6.3.4 Zwischen fast food und bad boys: Bilinguale Bildungen
6.3.5 ‚Kopfsache‘: Zum Status der Zweitglieder
7 Zweites Zwischenfazit
IV Theoretischer Teil
8 Lineare Modelle: Erst Morphologie, dann Syntax
8.1 Zitatanalyse (Wiese 1996)
8.2 Konversionsanalyse (Gallmann 1990)
9 Syntaktische Modelle: Unifikation
9.1 Lieber (1988, 1992)
9.2 Sato (2008), Harley (2009)
10 Gemischte Modelle: Interaktion
10.1 Lawrenz (2006)
10.2 Ackema & Neelemann (2004), Meibauer (2007)
11 Drittes Zwischenfazit und Ausblick
V Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Phrasenkomposita im Deutschen aus einer morphosyntaktischen Perspektive. Ziel ist es, nachzuweisen, dass Erstglieder in solchen Konstruktionen genuine Produkte der Syntax sind und somit das traditionelle Modell einer strikten Trennung von Wort- und Satzebene herausfordern. Durch eine explorative Korpusstudie wird das Vorkommen und die Struktur dieser Phrasen analysiert, um eine theoretische Modellierung zu untermauern, die eine Interaktion zwischen Morphologie und Syntax erlaubt.
- Morphosyntaktische Analyse von Phrasenkomposita
- Die Rolle der Erstgliedphrasenbedingung (EPB)
- Empirische Korpusstudie auf Basis des COLIBRI-Korpus
- Theoretische Modellierung: Lineare, syntaktische und gemischte Ansätze
- Integration pragmatischer Bedingungen in die Grammatik
Auszug aus dem Buch
2.1.5 Die Erstgliedphrasenbedingung (EPB)
Fasst man die Ergebnisse des vorigen Kapitels zusammen, so ergibt sich ein recht klares Bild: Es ist davon auszugehen, dass in genuinen Phrasenkomposita die Erstglieder durch Syntagmen instantiiert werden, welche aufgrund interner syntaktischer Phänomene und Interaktionen mit syntaktischen Prozessen im Bereich der Satzdomäne als Phrasen und somit als Output der Syntax zu verstehen sind. Damit ließe sich eine Modifikation der Kompositionsbedingungen in (3) rechtfertigen, da empirisch untermauert werden kann, dass die Menge potentieller Erstglieder nicht nur lexikalische, sondern auch phrasale Kategorien umfasst.
Zudem helfen die Beobachtungen des vorangegangenen Abschnitts, genuine Phrasenkomposita von verwandten Bildungen zu differenzieren, wie es an einigen Stellen bereits durchgeführt wurde. Damit dieses Vorgehen auch bei der Durchsicht größerer Datenmengen im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit beibehalten werden kann, bietet sich eine Zusammenstellung der relevanten Kriterien an, die erfüllt sein müssen, damit für das Vorderglied der Status als Phrase bzw. für den Gesamtkomplex die Bezeichnung Phrasenkompositum zutrifft. Diese Zusammenstellung soll unter dem Begriff Erstgliedphrasenbedingung (EPB) angewandt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Phrasenkomposita ein, formuliert die zentrale morphosyntaktische Fragestellung und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
II Präliminarien zum Untersuchungsgegenstand: Dieser Teil definiert grundlegende Konzepte der Wortbildung und Komposition, führt die Erstgliedphrasenbedingung (EPB) ein und diskutiert die Forschungslage sowie sprachübergreifende Phänomene.
III Empirischer Teil: Der empirische Teil präsentiert eine explorative Korpusstudie auf Basis des COLIBRI-Korpus, analysiert die Daten mittels der EPB und diskutiert die Ergebnisse hinsichtlich Phrasentypen, Lexikalisierung und bilingualer Bildungen.
IV Theoretischer Teil: Dieser Teil setzt sich kritisch mit verschiedenen theoretischen Modellen zur Modellierung von Phrasenkomposita auseinander, differenziert zwischen linearen, syntaktischen und gemischten Ansätzen und plädiert für eine interaktionistische Sichtweise.
V Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die wesentlichen Erkenntnisse der morphosyntaktischen Untersuchung und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten unter Einbeziehung pragmatischer Aspekte.
Schlüsselwörter
Phrasenkomposita, Wortbildung, Syntax, Morphologie, Erstgliedphrasenbedingung, Korpuslinguistik, COLIBRI-Korpus, Lexikalisierung, determinative Komposita, sprachliche Ökonomie, Inflektiv, bilinguale Bildungen, Grammatiktheorie, Sprachwissen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Phrasenkomposita im Deutschen – also Wortbildungen, bei denen das Erstglied keine einfache lexikalische Einheit, sondern eine syntaktische Phrase ist – und untersucht deren morphosyntaktische Eigenschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft theoretische Modelle der Wortbildung und Syntax mit einer empirischen Analyse von Korpusdaten, um den Status von Phrasenkomposita im Grammatiksystem zu klären.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass Phrasenkomposita keine marginale Erscheinung sind, sondern durch eine "Öffnung" der Komposition gegenüber der Syntax theoretisch sicher erfasst werden können, wobei die Erstgliedphrasenbedingung (EPB) als heuristisches Instrument dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Literaturanalyse mit einer explorativen, korpuslinguistischen Studie, bei der aus dem COLIBRI-Korpus über 1.441 Tokens gewonnen und anhand der EPB manuell annotiert und ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen empirischen Teil, der die Datenbasis und methodische Vorgehensweise detailliert, sowie einen theoretischen Teil, der lineare, syntaktische und gemischte Modelle der Grammatikarchitektur im Kontext von Phrasenkomposita bewertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Phrasenkomposita, Erstgliedphrasenbedingung (EPB), Syntax-Morphologie-Interaktion, Lexikalisierung und Korpuslinguistik charakterisiert.
Welche Rolle spielt der sogenannte Inflektiv in der Arbeit?
Der Inflektiv tritt in Phrasenkomposita mit verbalem Erstglied auf und wird als morphosyntaktische Besonderheit analysiert, die zeigt, wie Wort- und Phrasenstrukturen ineinandergreifen, wenn Verbalstämme ohne Suffix im Kompositum erscheinen.
Wie bewertet die Arbeit bilinguale Phrasenkomposita?
Bilinguale Phrasenkomposita werden als Vehikel für Entlehnungen (vor allem aus dem Englischen) betrachtet, wobei die alliterative Struktur bestimmter Nominalphrasen als treibender Faktor für ihre Integration ins Deutsche identifiziert wird.
Warum ist die Erstgliedphrasenbedingung (EPB) so zentral?
Die EPB ist das zentrale analytische Instrument der Arbeit, um genuine Phrasenkomposita systematisch von anderen, verwandten Wortbildungen abzugrenzen, und ermöglicht so eine transparente und reproduzierbare Korpusanalyse.
- Citar trabajo
- Hans-Joachim Particke (Autor), 2015, "Mehr-Personen-Gespräche" über den "Etwas-ins-Bier-schütten-Scherz", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295466