Die ‚verteufelte Humanität’ von Johann Wolfgang Goethes "Iphigenie auf Tauris"


Essay, 2013
8 Seiten, Note: bestanden

Leseprobe

Johann Wolfgang Goethes Iphigenie auf Tauris wird oft als das klassische Werk par excellence bezeichnet, das die „edle Einfalt und stille Grösse“ aufweist, die der Gründungsvater der Klassik, Johann Joachim Winckelmann, in seinen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst für griechische Kunstwerke propagiert hatte.[1] Diese „edle Einfalt und stille Grösse“, die Herder in den zeitlosen Idealbildern und Figuren der griechischen Plastik sah, lässt sich in Goethes Werk ebenfalls auf die ideale, humane und sittliche innere Haltung der griechischen Titelheldin Iphigenie übertragen. Als das klassische Werk wird es bezeichnet, da es praktisch alle Prinzipien, die die Weimarer Klassik vertritt, in sich vereint. Wie es für die Klassik typisch war, orientierte sie sich an den ästhetischen Vorbildern der griechischen Antike;[2] so hatte auch Goethe selbst griechische stoffliche Vorlagen, wie Euripides’ Drama Iphigenie bei den Taurern und sein Fragment Iphigenie in Aulis, wie auch französische Quellen, wie Jean-Baptiste Racines Drama Iphigénie en Aulide und seinen Entwurf einer Iphigénie en Tauride, die beide ebenfalls auf Euripides Stücken basieren.[3] Ganz nach den aristotelischen Forderungen weist Goethes Werk auch eine klassische geschlossene Dramenstruktur mit fünf Aufzügen auf, die sich klar in eine Exposition, eine steigende Handlung, einen Höhepunkt, eine Krisis und eine Peripetie gliedern lassen. Dabei beachtet Goethe streng die Einheit von Zeit[4], Ort[5] und Handlung[6], wie es die klassische Antike und die Weimarer Klassik mit ihren Wertmassstäben des Gesetzes, des Masses und der Formstrenge verlangt. Auch die Ständeklausel des klassischen Theaters, welche sich beim handlungstragenden Personal ausschliesslich auf adelige Individuen beschränkt, wird befolgt. Nach zwei Anläufen – 1779 (in Prosa) und 1780 (Prosa mit sporadischen jambischen Rhythmen) – gelang es Goethe 1787 auf seiner Italienreise schliesslich auch den Anforderungen des Stils und der Sprache gerecht zu werden, indem er sich bei der dritten und letzten Bearbeitung seiner Iphigenie auf Tauris schliesslich für den Blankvers, den ungereimten fünfhebigen Jambus, entschied, den Lessing als erster für sein Stück Nathan, der Weise benutzt hatte und welcher daraufhin zum typischen Versmass klassischer Dramen wurde.[7] Das Versmass wird nur an wenigen Stellen durchbrochen, um auf Zweifel und Irritationen der Protagonistin zu verweisen, wie im Fall „Sie sind – sie scheinen – für Griechen halt ich sie“[8] (V. 1889), wo vor „Griechen“ zwei Senkungen, statt nur einer auftauchen; so tanzt auch das Parzenlied[9] (V. 1726-1766) mit seinem adonischen Vers aus Daktylen und Trochäen aus der Reihe.

Doch als eigentliches Hauptanliegen der Klassik galt die Bildung und Erziehung des Menschen zu einem vollkommenen, sittlichen und selbstständig handelnden Individuum, welche Schiller mit seinem Konzept der ästhetischen Erziehung – durch die Kunst selbst – bewirken wollte. Dasselbe zentrale Anliegen bringt auch Goethe mit seinem Werk Iphigenie auf Tauris vor, indem er die Protagonistin nicht nur als vorbildliche Erzieherin des skythischen Königs Thoas von Tauris und ihres Bruders Orests, sondern auch als diejenige des Publikums fungieren lässt. Durch ihren idealen Charakter und ihre Geschichte sollen auch die Rezipienten die Chance zur eigenen Vervollkommnung zu einem sittlichen, humanen und vernunftgeleiteten Menschen erkennen und somit zu einer höheren menschlichen Existenzstufe zu gelangen können. Goethes eigener Bemerkung zufolge sei seine Iphigenie ‚ganz verteufelt human’ und schon beinahe utopisch; daher wird als zentrales Merkmal des Werks – wie auch des Übergangs von Aufklärung zur Klassik – die Humanität und das Streben Iphigenies die Wichtigkeit von humanistischen Überzeugungen anderen Menschen verständlich zu machen und sie ihnen beizubringen, angesehen. Während Herder die Meinung vertrat, dass die Wiege der Humanität im antiken Griechenland zu finden sei, muss man bezüglich des Iphigenie-Stoffs jedoch betonen, dass die Titelheldin nicht schon seit jeher als die Inkarnation der reinen Humanität galt. Bei Euripides wird die Protagonistin noch als eine von Rachegelüsten und somit noch vom Familienfluch der Tantaliden getriebene Priesterin gezeigt, die ihre Heimkehr nach Griechenland noch mit den Hilfsmitteln des Betrugs, der Lüge und des Diebstahls bewerkstelligt.[10] Goethe jedoch modifizierte ihren Charakter derart, dass sie nun, wie der Skythe Arkas feststellt, als eine „schöne Seele“[11] (V. 1493) wahrgenommen wird, die „sensibel und mitleidsfähig, um Ausgleich und Verständigung bemüht [und] zu Lüge und Täuschung gänzlich unfähig“ ist.[12] So gibt sie denn auch im Monolog des 4. Aufzugs im ersten Auftritt selbst zu: „Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten“[13] (V. 1403), nachdem sie von Pylades zur Lüge und zu einem Fluchtplan – also zum Betrug – der einzig ihm vorstellbaren Lösung für die bevorstehende Opferung und Heimkehr, überreden wird. Bei Euripides kann das Opfer von Orest und Pylades nur durch das Einschreiten der Artemis – im Sinne einer ‚dea ex machina’ – abgewendet und die Heimkehr gestiftet werden. Dabei kommt Iphigenie im euripideischen letzten Auftritt gar nicht zu Wort, da die Stummheit hier „als Mittel zum Erfolg gepriesen“ wird.[14] Im letzten Aufzug von Goethes Werk jedoch, liegt die Lösung des Konflikts nur in den Händen – oder besser gesagt: im Munde – der redegewandten und sittlichen Iphigenie. Sie selbst nämlich meistert es durch ihre Offenheit und Ehrlichkeit, aufgrund welcher sie König Thoas die Wahrheit über den anfänglich geschmiedeten Fluchtplan verrät, dass dieser sie nach der finalen Unterredung nach Hause ziehen lässt. Während also bei Euripides dem Menschen noch kein selbstständiges Handeln zumutbar und das Individuum noch von göttlicher Gnade und Willkür abhängig ist, unternimmt Goethe eine Modernisierung ganz im Sinne der Aufklärung, die somit die Autonomie des menschlichen Handelns und Willens ermöglicht, welche nach Kant das zentrale Prinzip der Sittlichkeit ausmacht. Diesbezüglich lässt sich bei Iphigenie auch eine Charakterentwicklung feststellen: Während sie zu Beginn des Stücks der Göttin Diana noch „mit stillem Widerwillen dien[t]“ (V. 36), mit der Hilfe der Götter für ihre Heimkehr zwar nicht rechnet (V. 23), aber nicht grundlegend an den Göttern zweifelt, verändert sich ihre Einstellung allmählich, bis sie schliesslich nach der Erinnerung an „das Lied der Parcen“[15] (V. 1720) die Willkürherrschaft der Götter, wie auch der irdischen absolutistischen Herrscher erkennt und später sogar Thoas, mit den grausamen Göttern vergleichend, kritisiert.[16]

[...]


[1] Vorlesungsnotizen zur VL ‚Das Klassik-Projekt. Literatur- und Kulturgeschichte der Weimarer Klassik’.

[2] Vorlesungsnotizen zur VL ‚Das Klassik-Projekt. Literatur- und Kulturgeschichte der Weimarer Klassik’.

[3] Vgl. Swales, Martin: „Die neue Sitte“ and Metaphors of Secular Existence, S. 906.

[4] Obwohl Goethe keine Zeitangaben, wie „am Morgen“ etc. macht, ist anzunehmen, dass die Handlung des Stücks lediglich 24 Stunden in Anspruch nimmt.

[5] Die Handlung spielt sich im Heiligtum der Göttin Diane auf Tauris ab; die erwähnte Meeresbucht, das griechische Schiff und die taurischen und griechischen Krieger werden lediglich angesprochen und der Vorstellung des Zuschauers überlassen.

[6] Die Handlung ist in sich abgeschlossen und zieht sich als ein zielgerichteter linearer Hauptstrang durch das Werk hindurch und wird nicht durch Nebenhandlungen unterbrochen.

[7] Vgl. Beutin, Wolfgang/ Ehlert, Klaus/ Emmerich, Wolfgang [et al.]: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2008, S. 192.

[8] Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel, hrsg. von Max Kämper, S. 58.

[9] Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel, hrsg. von Max Kämper, S. 53-54.

[10] Vgl. Alt, Peter-André: Eine Bühne für die schöne Seele. Autonomie und Androgynie der Frauen, S. 91f.

[11] Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel, hrsg. von Max Kämper, S. 46.

[12] Alt, Peter-André: Eine Bühne für die schöne Seele. Autonomie und Androgynie der Frauen, S. 92.

[13] Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel, hrsg. von Max Kämper, S. 44.

[14] Alt, Peter-André: Eine Bühne für die schöne Seele. Autonomie und Androgynie der Frauen, S. 95.

[15] Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel, hrsg. von Max Kämper, S. 53.

[16] Vgl. Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel, hrsg. von Max Kämper, S. 56.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die ‚verteufelte Humanität’ von Johann Wolfgang Goethes "Iphigenie auf Tauris"
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Das Klassik-Projekt. Literatur- und Kulturgeschichte der Weimarer Klassik
Note
bestanden
Autor
Jahr
2013
Seiten
8
Katalognummer
V296165
ISBN (eBook)
9783656940555
ISBN (Buch)
9783656940562
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
humanität’, johann, wolfgang, goethes, iphigenie, tauris
Arbeit zitieren
Jelena Zagoricnik (Autor), 2013, Die ‚verteufelte Humanität’ von Johann Wolfgang Goethes "Iphigenie auf Tauris", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296165

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