Johann Wolfgang Goethes "Iphigenie auf Tauris" wird oft als das klassische Werk par excellence bezeichnet, das die „edle Einfalt und stille Grösse“ aufweist, die der Gründungsvater der Klassik, Johann Joachim Winckelmann, in seinen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst für griechische Kunstwerke propagiert hatte. Diese „edle Einfalt und stille Grösse“, die Herder in den zeitlosen Idealbildern und Figuren der griechischen Plastik sah, lässt sich in Goethes Werk ebenfalls auf die ideale, humane und sittliche innere Haltung der griechischen Titelheldin Iphigenie übertragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und kontextuelle Einordnung
2. Analyse des klassischen Dramenaufbaus und der Struktur
3. Humanität als zentrales Motiv der Weimarer Klassik
3.1 Transformation von der Rachegöttin zur humanen Priesterin
3.2 Affektbändigung und rationale Selbstbeherrschung
4. Selbstbestimmung und Emanzipation durch Sprache
5. Die Bedeutung von Wahrheit als moralische Instanz
6. Fazit und Ausblick auf das klassische Ideal
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Rolle der Humanität in Johann Wolfgang Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und analysiert, wie die Protagonistin als moralische Erzieherin zur Emanzipation von religiösen und politischen Fremdbestimmungen beiträgt.
- Die Entwicklung des Humanitätsideals im Kontext der Weimarer Klassik.
- Der Wandel der Iphigenie-Figur von der griechischen Sage zum klassischen Drama.
- Die Funktion von Sprache, Rhetorik und Wahrheit als Instrumente der Konfliktlösung.
- Die Abgrenzung von Aufklärung und klassischem Autonomiekonzept.
- Der erzieherische Einfluss der Titelheldin auf König Thoas und Orest.
Auszug aus dem Buch
Die ‚verteufelte Humanität’ von Johann Wolfgang Goethes Iphigenie auf Tauris
Johann Wolfgang Goethes Iphigenie auf Tauris wird oft als das klassische Werk par excellence bezeichnet, das die „edle Einfalt und stille Grösse“ aufweist, die der Gründungsvater der Klassik, Johann Joachim Winckelmann, in seinen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst für griechische Kunstwerke propagiert hatte. Diese „edle Einfalt und stille Grösse“, die Herder in den zeitlosen Idealbildern und Figuren der griechischen Plastik sah, lässt sich in Goethes Werk ebenfalls auf die ideale, humane und sittliche innere Haltung der griechischen Titelheldin Iphigenie übertragen.
Als das klassische Werk wird es bezeichnet, da es praktisch alle Prinzipien, die die Weimarer Klassik vertritt, in sich vereint. Wie es für die Klassik typisch war, orientierte sie sich an den ästhetischen Vorbildern der griechischen Antike; so hatte auch Goethe selbst griechische stoffliche Vorlagen, wie Euripides’ Drama Iphigenie bei den Taurern und sein Fragment Iphigenie in Aulis, wie auch französische Quellen, wie Jean-Baptiste Racines Drama Iphigénie en Aulide und seinen Entwurf einer Iphigénie en Tauride, die beide ebenfalls auf Euripides Stücken basieren. Ganz nach den aristotelischen Forderungen weist Goethes Werk auch eine klassische geschlossene Dramenstruktur mit fünf Aufzügen auf, die sich klar in eine Exposition, eine steigende Handlung, einen Höhepunkt, eine Krisis und eine Peripetie gliedern lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und kontextuelle Einordnung: Dieses Kapitel verortet das Drama innerhalb der Weimarer Klassik und erläutert die ästhetischen und strukturellen Grundlagen unter Einbeziehung antiker und französischer Vorbilder.
2. Analyse des klassischen Dramenaufbaus und der Struktur: Hier wird die Einhaltung der klassischen Einheiten von Zeit, Ort und Handlung sowie die Bedeutung des Blankverses für die formale Strenge des Werks dargelegt.
3. Humanität als zentrales Motiv der Weimarer Klassik: Der Abschnitt konzentriert sich auf die erzieherische Funktion Iphigenies und ihre psychologische Entwicklung von der belasteten Priesterin zur selbstbeherrschten, humanen Identifikationsfigur.
4. Selbstbestimmung und Emanzipation durch Sprache: Es wird analysiert, wie Iphigenie ihre Rolle als Frau durch die Gewalt der Argumentation und die Kraft des Wortes neu definiert und sich damit von Fremdbestimmung emanzipiert.
5. Die Bedeutung von Wahrheit als moralische Instanz: Dieses Kapitel verdeutlicht die zentrale Rolle der Wahrheit als Mittel zur Entsühnung und zur Transformation der Charaktere, insbesondere in Bezug auf König Thoas.
6. Fazit und Ausblick auf das klassische Ideal: Zusammenfassend wird das Werk als Modell für eine aufklärerische und humane Lebenshaltung gewertet, die den Menschen zur Selbstverantwortung führen soll.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang Goethe, Weimarer Klassik, Humanität, Autonomie, Sittlichkeit, Menschenbild, Selbstbestimmung, Affektbändigung, Wahrheit, griechische Antike, Dramenstruktur, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und untersucht, wie das Humanitätsideal der Weimarer Klassik durch die Titelheldin verkörpert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Protagonistin, der Rolle der menschlichen Autonomie, der Bedeutung von Wahrheit und Sprache sowie der erzieherischen Wirkung des Dramas auf seine Figuren und das Publikum.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Goethe durch Iphigenie ein modernes, aufklärerisches Menschenbild entwirft, das auf Selbstverantwortung und ethischer Integrität basiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine werkinterne Analyse unter Einbeziehung literaturgeschichtlicher Kontexte und philosophischer Konzepte wie der ästhetischen Erziehung und der Autonomie des Individuums.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Charakterentwicklung Iphigenies, ihre Rhetorik gegenüber Thoas und die Überwindung des Familienfluchs durch die Kraft der Wahrheit und Vernunft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Humanität, Klassik, Autonomie, Selbstbestimmung, Wahrheit, Affektbändigung und moralische Erziehung.
Wie verändert sich das Bild des Königs Thoas durch Iphigenie?
Thoas wandelt sich vom anfangs autoritären, barbarischen Herrscher durch den Einfluss der humanen Erziehung Iphigenies zu einem aufgeklärten Fürsten, der Konflikte friedlich löst.
Warum ist das "Parzenlied" für die Interpretation wichtig?
Das Lied markiert einen Wendepunkt, da Iphigenie durch das Erkennen der Willkürherrschaft der Götter ihre eigene moralische Autonomie festigt und sich gegen das fatalistische Schicksal stellt.
Inwiefern unterscheidet sich Goethes Iphigenie von der euripideischen Vorlage?
Goethe modernisiert den Stoff, indem er Iphigenie vom göttlich abhängigen Opfer zu einer autonom handelnden, vernunftgeleiteten Persönlichkeit macht, die ohne den deus ex machina auskommt.
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- Jelena Zagoricnik (Autor), 2013, Die ‚verteufelte Humanität’ von Johann Wolfgang Goethes "Iphigenie auf Tauris", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296165