Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts im Wandel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Verständnis der Grammatik

3 Der traditionelle Grammatikunterricht und seine Grundsteine

4 Grammatikmodelle und –theorien von 1970 bis heute
4.1 Situativer Grammatikunterricht
4.2 Grammatikwerkstatt
4.3 Funktionaler Grammatikunterricht

5 Ansätze aktueller Diskussionen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

Im Zuge der Industrialisierung, technischer Neuerungen und gesellschaftlicher Veränderungen bekommen die Schulen neue Aufgaben zugewiesen. Mit der neuen Position der Schule wächst die Bedeutung von Unterricht. Die Inhalte, welche gelehrt werden sollen, werden mit Bedacht ausgewählt. Der Grammatikunterricht wird seit weit über 200 Jahren gelehrt. Dass die Muttersprache Teil des schulischen Unterrichts sein soll, darüber sind sich alle Experten und auch Schulen einig (Erlinger, 1988, S.8).

Allerdings existiert genau so lang die Diskussion darüber, welche Vermittlungsmethode die Richtige sei. Die Auswahl beginnt bei der traditionellen Methode, geht über zur situativen, systematischen, erstreckt sich weiterhin zu handlungsorientierten Ansätzen und schließt mit experimentellen Verfahren. Darüber hinaus kann jeder Ansatz an ein linguistisches Modell anlehnen oder sich der Hilfe der Grammatikvermittlung aus anderen Sprachen verhelfen. Aus dem Grund wurde im 19. Jahrhundert der Grammatikunterricht zum Politikthema (ebd., S.8).

Obwohl der Grammatikunterricht von Schülern sowie von Lehrern mehr gehasst als geliebt wird, ist er vor allem in der Primar- sowie in der Sekundarstufe I ein Kernthema. Nach Köller (1997, S.9) entwickelt die Grammatik eine eigentümliche Faszinationskraft für alle, die sich näher mit ihr beschäftigen. Ihr Ursprung liegt zumeist in der philosophischen Natur sowie in der grammatischen Neugier, „[…] wenn die im praktischen Umgang vertrauten Phänomene plötzlich zu Problemen werden […]“ (Köller, 1997, S.9). Aus dem Grund sollte vor jeder Konzeption eines neuen Grammatikmodells, zunächst die Definition „Was Grammatik überhaupt sei“, aufgegriffen werden. Mit dieser Erklärung beginnt auch das zweite Kapitel. Im dritten Kapitel wird kurz die Geschichte der Grammatikdidaktik aufgezeigt und die Anfänge in Form des traditionellen Grammatikunterrichts vorgestellt. Das Kapitel schließt mit einer kritischen Auseinandersetzung und mit einer Zusammenfassung der Arbeitsweise des Modells. Das darauffolgende Kapitel diskutiert methodische Konzepte der Sprachlehre in ihrer Entwicklung. Hier wird die Frage beantwortet, wie der Grammatikunterricht in Erscheinung tritt und mit welchen Vorzügen der Grammatikunterricht revolutioniert werden soll(te). Als erster Gegenentwurf zum traditionellen Grammatikunterricht gilt der situative Grammatikunterricht aus den 1970er Jahren. Die Begründer dieses Modells beantworten die Frage, wie ein anderer Grammatikunterricht (Boettcher & Sitta, 1978, S.5) gestaltet werden könnte. Daneben stellt diese Arbeit auch neuere Modelle vor. Zum einen wird die Grammatik-Werkstatt von Wolfgang Menzel und zum anderen der funktionelle Grammatikunterricht von Wilhelm Köller näher analysiert. Das Kapitel stellt zunächst die Begründer des jeweiligen Modells vor und zeigt die didaktischen Besonderheiten. Wie im zweiten Kapitel wird jedes Modell mit einer kritischen Diskussion sowie einer Zusammenfassung abgeschlossen. Im letzten Kapitel des Hauptteils werden aktuelle Tendenzen und Perspektiven erörtert.

2 Zum Verständnis der Grammatik

Laut Duden umfasst die Grammatik Teile der Sprachwissenschaft. Es existieren bereits verschiedene Formen, wie z.B. als generative, historische oder traditionelle Grammatik. Sie beschäftigt sich mit den Regularitäten sowie dem Aufbau einer Sprache, worunter auch sprachliche Formen und deren Funktionen im Satz zählen. Als Synonym wird oft der Begriff Sprachlehre genutzt (Duden online, 2015).

Ferner wird unter dem Begriff Grammatik die systematische Ordnung von sprachlichen Größen zu eingrenzten Klassen sowie Kategorien verstanden. Allerdings bedient sich die Schulgrammatik einer etwas hageren Erklärung. Die Schulgrammatik stellt lediglich die didaktisch vereinfachte Variante dar. Im Unterricht wird diese Tatsache den Lernenden darüber hinaus nicht mitgeteilt. Aus dem Grund erhalten sie den Eindruck, dass Grammatik mit der Sprache gleichzusetzen ist (Menzel 2010, S.8). Schüler lernen die Grammatik als grammatische Regeln im Unterricht kennen. Auf eine solche Systematisierung kann kein Modell verzichten, jedoch kann die Annäherungsweise variieren. Weder Sprecher noch Hörer haben während der Artikulation ein explizites Bewusstsein für die Grammatik. Sie tritt erst in Erscheinung, wenn mit ihr anders als erwartet, umgegangen wird (Köller, 1997, S. 9).

Hartmann (1975, S. 9) stellt in seinem Werk Grammatik im Deutschunterricht sechs verschiedene Bedeutungen von Grammatik vor. Die erste Definition ähnelt der des Dudens. Die Grammatik umfasst ein Regelsystem in der Eigenschaften einer Sprache zusammengefasst werden. Darüber hinaus verdeutlicht sie die Strukturen, Zusammenhänge sowie Wirkungsmöglichkeiten der deutschen Sprache in verschiedenen Kontexten. Die deutsche Sprachlehre kann ebenfalls die Wissenschaft meinen, die sich mit diesem Konstrukt beschäftigt. Daneben wird als Grammatik auch das Verfahren, womit die Wissenschaft arbeitet, beschrieben. Mit Hilfe dieser Verfahren können neue Erkenntnisse über die eigene Sprache gesammelt werden. Eine weitere Definition umfasst die Fähigkeit eines Menschen, die eigene Sprache korrekt verwenden zu können. Die korrekte Verwendung wird dabei an grammatischen Regularitäten gemessen, die üblicherweise von einer Lehrkraft berichtigt werden. Allerdings kann auch jeder Einzelne seine eigenen Prinzipien aufstellen, die ihm bei der Befähigung, Sätze einer Sprache zu formulieren, behilflich sind. Abschließend kann unter Grammatik auch ein Lehrbuch gemeint sein, womit sie vermittelt wird. Jeder Schüler kommt meist mit dieser Form der Grammatik das erste Mal in Berührung (Hartmann, 1975, S. 9f.).

3 Der traditionelle Grammatikunterricht und seine Grundsteine

Die wachsende Bedeutung wirtschaftlichen Lebens ist der Beginn des Deutschunterrichts. Hinsichtlich dessen hat sich das Interesse urbaner Mitbürger an deutschsprachiger Schriftlichkeit verändert. Aufgrund der notwendigen Korrespondenz zwischen den Kaufleuten ist die Nachfrage im 15. Jahrhundert nach Kenntnissen im Lesen und Schreiben gestiegen. Es wurden private Schreibschulen errichtet, in deren Lehrplänen sich neben Rechnen, auch Orthografie sowie das Verfassen von Briefen wiederfinden. Nicht nur Kaufleute durften im Unterricht teilnehmen, sondern auch für Kinder wurden Klassen eröffnet (Steinig & Huneke, 2007, 52ff.). Zu dieser Zeit kam auch die erste deutsche Fibel von Kristofferus Hueber heraus. In der wurde erstmals die Verknüpfung eines Buchstabens zu einem Bild gezeigt, z.B. der Buchstaben „i“ in Verbindung mit dem Bild eines Igels. Diese Methode hat sich bis heute bewährt (Ossner, 2014, S.8). Den Schreibschulen wurde es von der Reformation verboten, über den Lehrplan hinaus zu unterrichten. Denn das Privileg der Weiterbildung sollte den Lateinschulen vorbehalten werden. Im 17. bzw. 18. Jahrhundert haben sich die Schreibschulen zu öffentlich städtischen Schulen entwickelt, die unter kirchlicher Aufsicht standen. Neben der nun wichtigen religiösen Erziehung der Schüler rückte in Folge die Stilbildung in den Vordergrund, um sich in angemessener deutscher Sprache ihrem Schöpfer zu zuwenden. In den Ausbau des deutschsprachigen Unterrichts fällt ebenfalls die Herausbildung einer normierten, einheitlichen, überregional verwendbaren Sprachausprägung (Steinig & Huneke, 2007, 52ff.).

Der erste Versuch einer einheitlichen Grammatik kann 1534 Valentin Ickelsamer mit „Teütschen grammatica“ zugeschrieben werden. In dieser bekräftigt er, dass eine Grammatik für den Deutschen gebraucht wird und nicht nur für den deutschen Donat. Im 17. Jahrhundert entwickelt Ratke (auf Grundlage der Grammatik von Johannes Kromayer) einen Entwurf, mit Hilfe dessen er für alle damaligen Schulsprachen (Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch, Italienisch) Grammatiken nach der „Lehrart Ratichii“ anfertigen lässt (Ossner, 2014, S.8).

Die Bedeutung des Grammatikunterrichts ist erst im 19. Jahrhundert deutlich gestiegen. 1819 veröffentlicht Jakob Grimm die „Deutsche Grammatik“, mit der er in der Sprachforschung ein neues Exempel entwirft. Schulisch bedeutsam wird die Grammatik jedoch erst durch Karl Ferdinand Beckers Band „Organism der Sprache“ aus dem Jahr 1827. Als Sprachdenklehre wird sein Entwurf bekannt und hatte eine anhaltende Wirkung bis nach dem zweiten Weltkrieg (Ossner, 2014, S. 9f.). Dank des Lehrers Raimund Jakob Wurst wurde Beckers Werk 1836 unterrichtspraktisch in Form eines Schulbuches umgesetzt. Die Grammatik baut nach logischen Gesetzen auf und fördert in dieser Weise das Denkvermögen der Lernenden (Steinig & Huneke, 2007, S.57).

Rudolf Hildebrand kritisierte die Sprachdenklehre und war eher der Überzeugung, daas sie zu einem formalistischen Drill führt. Hildebrand hat sich nach eigenen Angaben über 25 Jahre mit dem Grimm’schen Wörterbuch beschäftigt und es nach deren Tod fortgeführt. 1867 erschien sein Werk „Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule“, welches in der 27. Auflage noch 1962 verlegt wurde. Gerade beim tatsächlichen Sprachgebrauch der Kinder soll der Deutschunterricht anknüpfen. Aus dem Grund beschreibt Hildebrand vier Prinzipien.

1) „Der Sprachunterricht sollte mit der Sprache zugleich den Inhalt der Sprache voll und frisch und warm erfassen.
2) Der Lehrer des Deutschen sollte nichts lehren, was die Schüler selbst aus sich finden können, sondern alles das sie unter seiner Leitung finden lassen.
3) Das Hauptgewicht sollte auf die gesprochene und gehörte Sprache gelegt werden, nicht auf die geschriebene und gesehene.
4) Das Hochdeutsch, als Ziel des Unterrichts, sollte nicht als etwas für sich gelehrt werden, wie ein anderes Latein, sondern im engsten Anschluß an die in der Klasse vorfindliche Volkssprache.“ (Hildebrand, 1920, S.5)

Um die Schüler im Unterricht kognitiv zu aktivieren, soll die Lehrkraft mit den mündlichen Äußerungen der Lernenden arbeiten. Dies liegt vor allem daran, dass die Mündlichkeit lebendiger ist, als das geschriebene Wort. Allerdings beschränkt sich diese Lehre auf das Wort, weswegen Hildebrand seine Ausführungen um den Bereich der Wortbildung erweiterte. Auf diese Regeln haben sich Reformpädagogen noch in den DDR-Zeiten berufen. Darüber hinaus wurde mit seinem Werk der Grundstein zur situativen Grammatik gesetzt, auf die im nächsten Kapitel eingegangen wird (Ossner, 2014, S.13).

Im Folgenden wird auf die Besonderheiten des traditionellen Grammatikunterrichts eingegangen, welches den Ansatz für weitere Entwicklungen bildet.

Die Anfänge des traditionellen Grammatikunterrichts sind im damaligen Latein- und Griechischunterricht zu finden, welche als wichtigstes Zeichen hoher Bildung stand. Anhand des Erlernens der grammatischen Regeln dieser Sprachen sollten die Schüler Erkenntnisse für die eigene Sprache erlangen. Sie analysieren das Gelernte aus der Fremdsprache und ziehen daraus Schlüsse für die eigene Sprache. Lange Zeit wurde der Grammatikunterricht dadurch getragen. Mit Schwinden des Latein- und Griechischunterrichts ist auch der deutsche Grammatikunterricht immer problematischer geworden, da die „Stütze“ fehlte (Nilsson, 2002, S. 45ff.).

Das Vorgehen der traditionellen Grammatik orientiert sich an der Sprachtheorie des Karl Ferdinand Becker. Daraus schließt sich eine eher kleinschrittige, methodische Arbeitsweise, deren deduktive Vermittlung charakteristisch ist. Der Unterricht ist vor allem lehrerzentriert, das bedeutet, dass die Schüler zunächst einen Beispieltext erhalten, welcher ein bestimmtes grammatisches Phänomen beinhaltet. Die Lehrkraft übernimmt die Erklärung und Analysierung dieses Phänomens (Gornik, 2006, S.816f.). Zur Beschreibung der formal sprachlichen Eigenschaften der deutschen Sprache wird ein terminologischer Apparat genutzt, welcher sich, wie bereits erwähnt, am Lateinischen bzw. Griechischen orientiert (Bredel, 2007, S. 227f.). Aufgrund dessen folgen im Unterricht Übungen, an denen Schüler ihr vorher erworbenes Wissen anwenden (Gornik, 2006, S.816f). Dabei liegt der Fokus grundsätzlich darauf, dass die Schüler sprachliche Strukturen und Einheiten korrekt ihren Bezeichnungen zuordnen (Bredel, 2007, S. 227f.). Zu diesen Übungen zählen z.B. die Deklination von Substantiven oder das Zergliedern von Sätzen, um ihnen grammatische Termini zuordnen zu können.

Folglich konstruieren die Lernenden weder ihr grammatisches Wissen aktiv, noch erfahren sie wie diese Terminologie entstanden ist oder welche kategorialen Zusammenhänge existieren. Als Konsequenz kann der Schüler kein grammatisches Wissen erwerben, welches ihm bei der Sprachproduktion sowie beim Sprachverstehen weiterhilft (Gornik, 2006, S.816f.). Die Grammatik wird von der Lehrkraft vorgegeben und folglich auswendig gelernt. Darüber hinaus dient die traditionelle Grammatik auch der Sprachnormierung. Das bedeutet, dass sprachliche Strukturen und Erscheinungen augenblicklich mit einer festen Bezeichnung versehen werden. Änderungen an der Bezeichnung, aufgrund des Sprachwandels, oder Zweifelsfälle, welche z.B. durch ihre ungenaue Einordnung in eine grammatische Kategorie entstehen, werden entweder ignoriert oder ohne jegliche nähere Erklärung parallel genutzt (Bredel, 2007, S. 227f.). Insgesamt werden Punkt drei und vier von Hildebrands Prinzipien der „Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule“ verletzt. Denn hiernach soll die gesprochene und gehörte Sprache und dadurch die Dialektik o.ä. Anklang im Unterricht finden und nicht als etwas Fehlerhaftes interpretiert werden. Daran anschließend wurde im vierten Punkt darauf hingewiesen, dass die hochdeutsche Sprache nicht isoliert von der Volks- bzw. Haussprache unterrichtet wird. Vielmehr sollte sie in Korrespondenz mit dieser vom Schüler erlernt werden (Ossner, 2014, S.13).

Zusammengefasst kann der traditionelle Grammatikunterricht wie folgt beschrieben werden: Der traditionelle Grammatikunterricht handelt größtenteils präskriptiv, deklarativ, autonom sowie deduktiv. Ferner thematisiert er das Sprachsystem und ist handlungsentlastet. Im Unterricht wird zunächst mit dem Einfachen begonnen. Infolgedessen steht das Wort oder der reine Text am Anfang der Vermittlung. Nach diesem Themenfeld führt der Weg zum Zusammengesetzten, d.h. zum Satz oder zur semantischen Äußerung des Textes. Hieraus wird das übergeordnete Ziel, der Bau der Sprache, erkennbar (ebd., S. 228).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts im Wandel
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
M.EDU-FD-GER.01 Welchen Grammatikunterricht brauchen wir?
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V298346
ISBN (eBook)
9783656947738
ISBN (Buch)
9783656947745
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grammatik, Modell, Konzept, Chomsky, Grammatikwerkstatt, funktional, systematisch, strukturell, Deutsch, Unterricht, Schule, Germanistik, Tradition, situativ, KMK, Grammatikmodell
Arbeit zitieren
Sophia Bayer (Autor), 2015, Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298346

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