Die Rolle des Rechts im Medium Fernsehen. Eine Analyse des Phänomens Gerichtshow


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
19 Seiten, Note: 2,15

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gerichtsshow – Emotionales Theater oder informative Unterhaltung?
2.1 Die Gerichtsshow als Hybridgenre
2.2 Recht oder Fiktion?
2.3 Kultivierungseffekte durch Fernsehen?

3 Urteilsverkündung: Im Namen der Quote

4 Anhang

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Staatsanwaltschaft geht von folgender Tat aus: Am 15. September 2007 lieh die Angeklagte ihrer Freundin Sabine Pohl einen handygesteuerten Vibrator aus. Diesen hatte sie zuvor mit dem tödlichen Klapperschlangengift manipuliert. Wie von der Angeklagten erwartet, benutzte Sabine Pohl ihn noch am selben Abend. Sie verstarb an dem Schlangengift. Anna Kerner wird daher wegen Mordes angeklagt.“ In der Folge mit dem Titel „Der Killervibrator“ kann der Zuschauer 45 Minuten lang mitverfolgen wie Barbara Salesch in ihrer Gerichtsshow herausfindet, ob Anna tatsächlich ihre Freundin hinterlistig mit dem ausgeliehenen, handygesteuerten und in Schlangengift getränkten Vibrator ermordet hat oder ob beide einer tragischen Verwechslung zum Opfer fielen, die dazu führte, dass Sabine Pohl auf der Geburtstagsfeier ihres Ehemanns plötzlich leblos zusammenbrach.

Gerichtsshows dieser Art erfreuen sich seit langem großer Beliebtheit: „Richterin Barbara Salesch“, „Richter Alexander Hold“, „das Strafgericht“, „das Familiengericht“ sowie die öffentlich-rechtliche Sendung „Streit um Drei“ sind allesamt diesem Genre zuzurechnen, auch wenn sie sich jeweils etwas voneinander unterscheiden. US-Amerikanischen Vorbildern wie „The People’s Court“ oder „Judge Judy“ folgend, werden hier von echten Richtern zwar an die Wirklichkeit angelehnte aber dennoch fiktive Fälle mit Laiendarstellern verhandelt und im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt. Dass sich die gezeigten Verhandlungen nicht mit realen Gerichtsverhandlungen decken, dürfte allein durch die oben aufgeführte Anklageschrift deutlich sein, auch wenn selbst dieser Fall tatsächlich auf einer wahren Begebenheit beruhen soll (vgl. Salesch 2014).

Trotz der Tatsache, dass das Phänomen Gerichtsshow seinen Zenit der Quotenerfolge bereits hinter sich hat und lediglich Wiederholungen einzelner Shows im Nachtprogramm ausgestrahlt werden, konnte sich das Format doch lange Zeit im Medium Fernsehen etablieren und somit eine populäre Rechtskultur schaffen und mitgestalten. Eine rechtssoziologische Betrachtung von Gerichtsshows erscheint daher durchaus gerechtfertigt.

Im Folgenden soll die Forschungsfrage beantwortet werden, inwiefern solche Shows als „Medium des Rechts“ betitelt werden können. Gerade von Akteuren des Rechtssystems stehen Gerichtsshows unter dem Verdacht, ein schlechtes Licht auf das deutsche Rechtssystem und die Justiz zu werfen und das Vertrauen in die Gerichtsbarkeit zu senken (Mackenroth 2002). Weiterhin wird der These nachgegangen, dass der Konsum solcher Shows einen Kultivierungseffekt mit sich bringt, wonach Vielsehern eine Falsche Vorstellung von juristischen Verhandlungen und dem Rechtssystems im Allgemeinen vermittelt werde. Dazu werden verschiedene Studien herangezogen. Um zu einem reflektierten Ergebnis zu gelangen wird zunächst die Gerichtsshow medientheoretisch verortet und als Hybridgenre vorgestellt. Ablauf und Logik dieser Sendungen sollen hierbei umfassend dargestellt und analysiert werden um sie mit dem Ablauf tatsächlicher Verhandlungen vergleichbar zu machen. In einem abschließenden Fazit werde ich zu einem Urteil darüber kommen, ob die Gerichtsshows tatsächlich zur Diskreditierung des deutschen Rechtssystems beitragen und ein negativer Einfluss auf das Vertrauen in die Justiz verzeichnet werden kann.

2 Gerichtsshow – Emotionales Theater oder informative Unterhaltung?

“Diese Shows sind dummes Theater und haben mit der Realität nichts zu tun” (Trautwein 2005): Diese Ansicht vertritt nicht nur der Münchener Staranwalt Rolf Bossi. Viele seiner Kollegen schließen sich der Meinung an, dass Gerichtsshows ein völlig falsches Bild von der Realität vermitteln und dadurch dem Ansehen des Rechtssystems erheblich schaden. Angesichts solcher Folgen wie „Verpiss dich! - Hat Miras Vater das französische Au-pair-Mädchen Angelique geschwängert?“ scheint dies auf den ersten Blick gut nachvollziehbar. Der Vorsitzende des Deutschen Richterbunds, Geert Mackenroth, zeigt sich ebenfalls bestürzt. Die Shows zeichnen ihm zu folge ein falsches Bild von der Justiz. Dies wird allein dadurch deutlich, dass sich kein Richter die Pöbeleien, die in den Shows durchaus normal zu sein scheinen, gefallen lassen würde, sondern stattdessen mit Sanktionen reagiert. Des Weiteren habe ein Richter lediglich über den bestehenden Sachverhalt zu urteilen und keinesfalls über den moralischen Wert eines Menschen, wie es Fernsehrichter sich oft anmaßen. Mit anderen Worten: Der Gerichtsalltag sei im Vergleich zu den Gerichtsshows oft „stinklangweilig“ (Mackenroth 2002). Diese verzerrte Darstellung habe nach Mackenroth zudem Folgen, die in „echten“ Gerichten spürbar werden:

„Ich habe einen Zeugen erlebt, der mir erklärte, er kenne die Zeugenbelehrung schon von der „Richterin Salesch“-Sendung, ich könne das Verfahren ruhig abkürzen. Kollegen berichten mir, dass Kläger, Beklagte und Zeugen meinen, zunehmend vor Gericht emotionales Theater aufführen zu müssen. Wenn in einem Nachbarschaftsstreit einem Bürger durch Bäume Licht weggenommen wird, bauschen die Beteiligten den Fall auf. Der Richter steht vor der schwierigen Aufgabe, den Kern des Streits aufzuspüren. Oft schädigen Parteien durch ihr theatralisches Auftreten ihre Interessen. Der Ton wird artifizieller, die Leute kommen nicht mehr so offen zu uns, wie wir sie gern hätten.“ (Mackenroth 2002).

Dies würde eindeutig für einen negativen Kultivierungseffekt sprechen, den der Konsum solcher Fernseh-Gerichtsshows verursacht und der sich bis in deutsche Gerichtssäle auswirkt.

Man könnte daher meinen, die Macher dieser Sendungen hätten wenig mit dem Rechtssystem zu tun. Tatsächlich aber ist das gesamte in den hier vorgestellten Gerichtsshows beteiligte Rechtspersonal – egal ob Richter, Verteidiger oder Staatsanwalt – juristisch ausgebildet. Sie wurden durch aufwändige Castings ausgesucht und haben ihre echten Namen beibehalten (Rath 2012). Daneben befinden sich auch andere Akteure des Rechtssystems im Wirkungskreis der Medien. So stehen den Regisseuren von Gerichtsshows juristische Berater zu Seite, die an der Auswahl und Durchführung der Sendungsinhalte beteiligt sind (ebd.). Diese stehen den Shows in Bezug auf die Darstellung des Rechts positiv gegenüber. So betont Richter Alexander Hold den positiven Beitrag, den er und seine TV-Richter-Kollegen zur Aufbesserung des richterlichen Ansehens leisten:

„Wir leisten – ganz nebenbei – einiges für das Image der Gerichte. In Kriminalfilmen kommt die Justiz meist sehr schlecht weg: der Staatsanwalt ein korrupter Fiesling, der Richter alt und ein bisschen trottelig. Wir zeigen, dass Richter und Staatsanwälte mitten im Leben stehen und nicht – wie Bürger mitunter glauben – den Täter hätscheln und das Opfer quälen.“ (Mackenroth und Hold 2003)

Übertreibung sei Hold zufolge notwendig um die Aufmerksamkeit der Zuschauer, vor allem von Jugendlichen, aufrechtzuerhalten und das Interesse für juristische Inhalte zu wecken (ebd.). Eine Erklärung für die Beliebtheit dieser Shows wird von Befürwortern mitunter in der Vermittlung von klaren Werten und Normen gesehen (Schäfer 2004, S.68). Diese „Sehnsucht nach Normen“ werde von Gerichtsshows insofern befriedigt, als dass neben Verantwortlichkeit, Schuld und Gerechtigkeit auch und vor allem moralische Urteile gesprochen und Fragen moralischer Pflichten thematisiert werden (Hausmanninger 2002, S.41). Gerade in unserem pluralen und individualisierten Gesellschaftssystem können die Vorstellungen von einem moralisch guten und schönen Leben stark divergieren. Gerichtssendungen wären dagegen in der Lage, einen Diskurs über moralische Verpflichtungen beim Zuschauer anzuregen und gleichzeitig deutlich zu machen, dass verschiedene Ansichten moralischen Lebens innerhalb eines Rechtssystems gelten können. Normierung und Toleranz würden so gleichermaßen gefördert (vgl. ebd., S.44).

Sind Gerichtsshows nun als informatives „Medium des Rechts“ zu verstehen, indem juristische Sachverhalte einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, oder handelt es sich hierbei um ein Format, das lediglich dem Gesetz der Quote folgt und durch seine verzerrende Darstellung das Ansehen deutscher Gerichte ernsthaft in Gefahr bringt?

Von einem medientheoretischen Standpunkt aus soll zunächst bestimmt werden, welchem Genre die Gerichtsshows zuzuordnen sind, woraus sie entstanden und wie sie narrativ und darstellerisch funktionieren. Anschließend soll unter Berücksichtigung empirischer Studien von Thym und Machura untersucht werden, ob sich tatsächlich Kultivierungseffekte verzeichnen lassen, also ob das Vielsehen solcher Shows zwangsläufig mit unrealistischen Erwartungen bezüglich des Ablaufs von Gerichtsverhandlungen einhergeht. Daraufhin soll festgestellt werden, ob das Ansehen bzw. das Vertrauen in die Justiz durch Gerichtsshows torpediert wird, unverändert bleibt oder gar steigt.

2.1 Die Gerichtsshow als Hybridgenre

Die hier vorgestellten Gerichtsshows werden seit der Ausstrahlung der von „Streit um Drei“ durchgängig als „Shows“ bezeichnet. Allerdings herrscht alles andere als Einigkeit darüber, was unter diesem Begriff letztlich im Einzelnen zu verstehen ist. Die Auffassungen reichen von „menschlichen Minidramen auf den Punkt gebracht“ bei „Streit um Drei“ bis zur „informativen Unterhaltungssendung mit Fernsehspielcharakter“ bei „Richterin Barbara Salesch“ (Brauer 2007, S.35). Allerdings ist das Thema Recht schon vor Aufkommen der Gerichtsshows in das Medium Film/Fernsehen eingebunden worden. Ulbrich und Machura unterscheiden hierbei verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit Recht:

Gerichtsfilme (Filme, bei denen die wichtigsten Szenen im Gerichtssaal stadtfinden); Filme mit Justizthematik (Filme die Justiz thematisieren, jedoch ohne Gerichtsszenen auskommen); Fernsehserien mit Justizthematik (fiktionale Serien über das Thema Recht oder Akteure aus dem Rechtssystem); Ratgeber-Sendungen zum Thema Recht (Sendungen in denen „echte“ Juristen Auskunft und Ratschläge in Rechtsfragen geben); Dokumentarfilme/ Dokudramen (Dokumentarfilme, die authentische oder nachgestellte Aufnahmen von historischen Gerichtsszenen beinhalten), sowie Reality-Gerichtsshows (in denen authentische Gerichtsverhandlungen zu Unterhaltungszwecken nachgespielt werden) (Machura und Ulbrich 2001, S.119) In Deutschland dominiert 2001 die fiktionale Sendung mit Justizthematik (54%), gefolgt von Reality-Gerichtsshows wie „Richterin Barbara Salesch“ die immerhin 22% der Sendezeit einnehmen. Ratgebersendungen fanden sich dagegen nur zu 6% im deutschen Fernsehen wieder (vgl. Abbildung 1).

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Details

Titel
Die Rolle des Rechts im Medium Fernsehen. Eine Analyse des Phänomens Gerichtshow
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Medien des Rechts
Note
2,15
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V298786
ISBN (eBook)
9783656952312
ISBN (Buch)
9783656952329
Dateigröße
859 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, rechts, medium, fernsehen, eine, analyse, phänomens, gerichtshow
Arbeit zitieren
Judith Kronschnabl (Autor), 2015, Die Rolle des Rechts im Medium Fernsehen. Eine Analyse des Phänomens Gerichtshow, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298786

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