Das Thema der vorliegenden Bachelorarbeit ist die Chorraumwandbemalung in der St. Ludwig-Kirche in Ibbenbüren. Sie erscheint mit ihrer formal reduzierten Gestaltung als ein Paradebeispiel für moderne, abstrakte Kunst. Womit bereits hier eine erste Begriffsklärung angebracht ist: Wenn in dieser Arbeit die Sprache stellenweise auf abstrakte Kunst im allgemeinen Sinn kommt, also über das Kunstwerk Rupprecht Geigers hinausgehend, ist damit stets jegliche vom Gegenstand gelöste Kunst gemeint. Der Grund hierfür liegt in dem Anliegen, damit bestmöglich auf die für diese Arbeit wichtigen bildtheologischen und -didaktischen Schriften der beiden Autoren Günther Lange und Alex Stock Bezug nehmen zu können, die diesbezüglich ebenfalls auf eine weitere Differenzierung verzichten.
Allerdings ist es die Verwendung des Kunstwerkes in der Ibbenbürener Kirche, welche die grundlegende Fragerichtung für diese Arbeit ausmacht. Denn derart in einen religionspädagogischen Bezugsrahmen gestellt, fällt zunächst die Andersartigkeit gegenüber dem Status quo auf. Durch den Vorsprung von vielen Jahrhunderten ist die gegenständliche Kunst in den christlichen Kirchen traditionell vorherrschend und gewissermaßen die Norm. Wenn nun in diesem vorliegenden Fall ein anderer Weg beschritten wurde, liegt die Frage nach dem ‚Warum’ auf der Hand. Genauer: Warum wird im Zusammenhang mit religiöser Bildung ein abstraktes Bild verwendet? Was ist das Besondere an Rupprecht Geigers Kunstwerk und inwieweit scheint es geeignet Erkenntnisse zu vermitteln? Schließlich: Worin liegt denn das Thema dieser Arbeit? Schließlich ist zu erwarten, dass es einen religiösen Bezug gibt. Wie genau lässt er sich beschreiben?
Um sich diesen Fragen anzunähern, erscheint es angezeigt aus verschiedenen Blickwinkeln Untersuchungen anzustellen. Dabei sind theologische Perspektiven ebenso zu berücksichtigen wie didaktische und künstlerische. Auch verschiedene andere angrenzende Wissensbereiche sind geeignet aus ihrem jeweiligen wissenschaftlichen Horizont heraus Wichtiges beizusteuern. Deshalb werden bei dieser fächerübergreifenden Arbeitsweise auch Positionen z.B. aus Philosophie und Wahrnehmungsforschung hinzugezogen.
Nach einer Beschreibung des Gerundeten Rots von Rupprecht Geiger werden im dritten Kapitel ausgewählte, allgemeine Aspekte aus dem Umfeld des religiösen Lernens konkret auf das vorliegende Wandgemälde bezogen. Dabei geht es zunächst um die theoretische Basis, auf der sich Für und Wider einer (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beschreibung: Der Rote Punkt
3. Aspekte und Akzente von Kunst im Kontext religiösen Lernens
4. Zwei Voraussetzungen für die Erschließung von Erkenntnispotenzialen der abstrakten Kunst
4.1 Aufmerksamkeit
4.2 Ein neues Verstehen von Kunstwerken
5. Methodische Schritte zur adäquaten Annäherung an abstrakte Kunst
5.1 Spontane Wahrnehmung
5.2 Analyse der Formensprache
5.3 Innenkonzentration
5.4 Analyse des Bildgehaltes
5.5 Identifizierung mit dem Bild
6. Fazit
7. Bildteil
8. Anhang: Auszug aus einer Predigt von Pfarrer Bernhard Honsel
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Voraussetzungen für die religionspädagogische Einbindung moderner abstrakter Kunst am Beispiel des Werks „Gerundetes Rot“ von Rupprecht Geiger in der St. Ludwig-Kirche in Ibbenbüren.
- Analyse der Wirkung abstrakter Kunst im Kirchenraum
- Erkenntnistheoretische und ästhetische Grundlagen der Bildbetrachtung
- Bedeutung der Wahrnehmung für religiöse Bildungsprozesse
- Anwendung methodisch-didaktischer Schritte (nach Günther Lange) auf abstrakte Kunstwerke
- Herausforderungen und Chancen für Betrachter im Umgang mit nicht-gegenständlicher Kunst
Auszug aus dem Buch
2. Beschreibung: Der Rote Punkt
Im Jahr 1971 wurde der Innenraum der St. Ludwig-Kirche in Ibbenbüren renoviert. Dabei ging es nicht nur um die Beseitigung von Abnutzungsmängeln und entsprechend dem Wiederherstellen des ursprünglichen Standes der Nutzbarkeit. Vielmehr ging mit den Maßnahmen eine völlige Neugestaltung einher.
Eines der markantesten Bestandteile stellt sicherlich die Chorraumwand dar. Sie ist mit einer ca. sechs Meter durchmessenden, intensiv leuchtenden roten Kreisfläche bemalt. Realisiert wurde die Wandgestaltung von Rupprecht Geiger, und zwar nach Entwürfen des Münsteraner Architekten Dieter G. Baumewerd – welcher bei der Konzeption der Gestaltung übrigens an eine Sonne dachte.
Die umgangssprachliche Bezeichnung dieser Wandgestaltung: Roter Punkt. Gestalterisch präziser ist die Bezeichnung Gerundetes Rot, mit der das monochrome Bild in verschiedenen einschlägigen Publikationen betitelt wird. Denn die rein geometrische Grundform der Kreisfläche (so man diese als flächige Erweiterung eines Punktes – im geometrischen Sinne zwar falsch, aber im künstlerischen Kontext nicht unüblich – ansieht) wird vom Künstler verändert: „Das Rot rundet sich weder genau kreisförmig, noch elliptisch, noch ungleichseitig wie ein Oval, sondern plattet sich vorbildlos an vier Seiten ab“ (siehe z.B. Abb. 04). Diese Formgebung muss bezüglich ihrer Intention aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Neben der Eröffnung des möglichen Assoziationsraumes ‚Sonne’ entschied sich der Architekt in seinem Entwurf dafür, mit der monochromen Farbfläche auf die baulichen Gegebenheiten einzugehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in das Thema der Chorraumwandbemalung in der St. Ludwig-Kirche ein und definiert den Begriff der abstrakten Kunst für diese Arbeit.
2. Beschreibung: Der Rote Punkt: Dieser Abschnitt beschreibt das Kunstwerk „Gerundetes Rot“ von Rupprecht Geiger, seine formale Gestaltung und die Intention der Wandbemalung.
3. Aspekte und Akzente von Kunst im Kontext religiösen Lernens: Hier wird untersucht, wie die Strahlkraft des Kunstwerks als Lernort fungieren kann und welche theoretischen Grundlagen dies stützen.
4. Zwei Voraussetzungen für die Erschließung von Erkenntnispotenzialen der abstrakten Kunst: Das Kapitel behandelt die notwendige Aufmerksamkeit und die Entwicklung neuer Sehgewohnheiten für den Zugang zu moderner Kunst.
5. Methodische Schritte zur adäquaten Annäherung an abstrakte Kunst: Dieser Hauptteil erläutert die fünf Stufen der Bildbegegnung nach Günther Lange und ihre Anwendung auf abstrakte Kunstwerke.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, insbesondere im Hinblick auf die religiöse Relevanz der Wahrnehmungsschulung durch moderne Kunst.
Schlüsselwörter
Abstrakte Kunst, Kirchenraum, Religionspädagogik, Rupprecht Geiger, Gerundetes Rot, Bilddidaktik, Ästhetische Wahrnehmung, Bildrezeption, religiöse Bildung, moderne Kunst, Erkenntnispotenzial, Farbe, St. Ludwig-Kirche, Bildbetrachtung, Anthropologische Wende.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk „Gerundetes Rot“ des Künstlers Rupprecht Geiger in der St. Ludwig-Kirche in Ibbenbüren unter religionspädagogischen Gesichtspunkten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Bilddidaktik, die Wahrnehmungstheorie, die christliche Ästhetik und die Frage, wie abstrakte Kunst im religiösen Kontext verstanden werden kann.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie abstrakte Kunst durch methodische Annäherungsprozesse Erkenntnispotenziale entfalten kann, die auch für religiöse Bildungsprozesse relevant sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine fächerübergreifende Analyse, die theologische, didaktische, kunstwissenschaftliche und wahrnehmungspsychologische Ansätze kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Voraussetzungen der Bildbetrachtung und leitet daraus konkrete methodische Schritte ab, um sich anspruchsvoller abstrakter Kunst adäquat zu nähern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Kernbegriffe sind abstrakte Kunst, religiöse Bildung, Bilddidaktik, Wahrnehmung und ästhetische Erschließung.
Warum wird in der Kirche überhaupt ein abstraktes Bild verwendet?
Das abstrakte Bild dient dazu, Sehgewohnheiten aufzubrechen und durch die ästhetische Konzentration auf die Farbe einen Raum für neue Erfahrungen zu schaffen, die über konventionelle Darstellungen hinausgehen.
Inwiefern unterscheidet sich die Annäherung an Geigers Werk von traditioneller Kunst?
Anders als bei abbildender Kunst, die oft eine eindeutige inhaltliche Deutung zulässt, erfordert Geigers Werk eine bewusste Verlangsamung des Sehens und die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung als Teil der Deutung zu begreifen.
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- Thomas Lappe (Author), 2011, Abstrakte Kunst im Kirchenraum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299345