Veränderungen des Selbst- und Demokratieverständnisses durch den Klimawandel


Seminararbeit, 2012

13 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DER KLIMAWANDEL UND DIE MORALISCHE KORRUPTION
2.1 Selbstverständnis und Werte-System – ein Wandel?
2.1.1 Werte und Präferenzen
2.1.2 Grenzen der Kontrolle

3. DEMOKRATIEVERSTÄNDNIS
3.1 Selbstgesetzgebung und Selbstreferenz
3.2 Gleichheit und Fairness

4. Auf dem weg zu einem Globalen Selbstverständnis

5. Literatur

1. EINLEITUNG

Der Klimawandel ist ein Phänomen, das in direkter oder indirekter Weise jeden Menschen auf der Erde betrifft. Ob als Verursachende, Betroffene, unbewusst oder bewusst, jedes Individuum wird mit der Veränderung des Klimas und den damit verbundenen Folgen konfrontiert. Eine Besonderheit dieser Betroffenheit besteht darin, dass kein Mensch allein für den Klimawandel verantwortlich ist und sich, um dem Problem in gerechter Art und Weise zu begegnen, als Teil der Menschheit verstehen müsste. Diese abstrakte Ebene eines Selbstverständnisses ist nur schwer zu verinnerlichen. Die soziale Identität eines Menschen bezeichnet einen „Teil des Selbstkonzepts einer Person, der sich aus dem Wissen über die Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe (oder sozialen Gruppen) und dem Wert und der emotionalen Bedeutung dieser Mitgliedschaft ableitet [...]“ (Kessler & Mummendey, 2007, S. 500). Kessler und Mummendey (2007) unterscheiden in der Definition der sozialen Identität die Zugehörigkeit zur Eigengruppe und Abgrenzung zu einer oder mehreren Fremdgruppen. Die soziale Identität hält sich an den elementaren Prozess der sozialen Kategorisierung, bei welcher der soziale Kontext in Eigen- und Fremdgruppe differenziert wird, wofür beispielsweise Geschlechterrollen, ethnischer Hintergrund oder auch Religion als Unterscheidungsmerkmal herangezogen werden (Kessler & Mummendey, 2007).

Die Identitätsfrage bezieht sich auf gesellschaftliche Kreise, die somit auch eine Abgrenzung zu anderen Gruppierungen ermöglichen, man versteht sich als Schweizer oder Deutsche, als Frau oder Mann, als Studentin oder Kaufmann, Sohn von Peter oder Schwester von Sarah, als Teil der Ober- oder Mittelschicht. Aber wer versteht sich selbst als Teil der Menschheit? Oder noch genauer, als Teil der Menschheit mit Verantwortung für die Mitglieder dieser „Gruppe“ und ebenso für die Nachfolger der jetzigen Mitglieder?

Der Klimawandel als globales Problem mit seiner geografischen Verschiebung und zeitlichen Verzögerung von Ursachen und Auswirkungen, wirft Fragen der Verantwortung auf. Wie sehen wir uns in Anbetracht des globalen Ausmasses dieses Problems im Kontext mit dem Rest der Welt? Inwiefern wird unser eigenes Selbstverständnis durch dieses Phänomen verändert? Diese Frage stellt sich nicht nur auf der individuellen Ebene. Vorwiegend in den westlichen Kreisen ist das Selbstverständnis stark an die demokratischen Elemente der Freiheit, Gleichheit und Autonomie geknüpft. Wie lässt sich eine globale und intergenerationelle Verantwortung mit der Souveränität demokratischer Nationalstaaten vereinbaren? Und wie wirkt sich das durch den Klimawandel veränderte Selbstverständnis auf unser Verständnis der Demokratie aus?

In einem ersten Teil gehe ich der Frage unseres Selbstverständnisses im Kontext des Klimawandels nach und eruiere danach die Veränderung dessen. Dabei versuche ich zu erarbeiten, inwiefern eine Veränderung des Selbstverständnisses bereits eingetreten ist, aber auch wie sie möglicherweise zukünftig erfolgen wird. In einem zweiten Teil werde ich das Verständnis von Demokratie anhand ihrer Grundprinzipien erläutern und in den Kontext des zuvor untersuchten Selbstverständnisses setzen, um dann auf die Veränderung des Verständnisses von Demokratie einzugehen.

2. DER KLIMAWANDEL UND DIE MORALISCHE KORRUPTION

Mit dem Klimawandel gehen eine zeitliche und geografische Verteilung von Ursache und Wirkung einher. Was heute verursacht wird, zeigt seine Auswirkungen erst im Jahr 2050, es betrifft die Enkel, möglicherweise auch lediglich die Enkel anderer. Oder aber die Folgen des Klimawandels betreffen Menschen in fernen Erdteilen, beispielsweise fremde Bangladeshi. Man spürt die Folgen des Klimawandels nicht direkt, was nach Gardiner (2010) zur moralischen Korruption führt. Eine weitere Besonderheit, die mit dem Klimawandel in Verbindung steht, ist die Fragmentierung der Handlung. Sie beschreibt die Unmöglichkeit, festzulegen, wer den Klimawandel verursacht (vgl. Gardiner, 2010). Mein persönlicher Beitrag hat den Klimawandel und dessen Folgen nicht ausgelöst und angetrieben, sondern die kumulierte Handlung aller Weltbewohner. Die Diffusion von Ursache und Auswirkung erschwert den Zugang zur Frage der Verantwortung. Das Problem der Identifikation eines Verursachers zeigt die Schwierigkeit auf, einen Verantwortlichen oder mehrere Verantwortliche für die Ursachen und Folgen des Klimawandels zu finden, um diese dann als angemessene Reaktion und Lösung des Problems zur Rechenschaft ziehen zu können.

Jamieson (1992) argumentiert, dass nicht nur die Unauffindbarkeit der Verantwortlichen problematisch, sondern unser Werte-System für die heutigen Umstände unangemessen ist, indem es uns ein falsches Konzept der Verantwortung auferlegt. Jamieson (1992) ist der Meinung, dass unser Werte-System mit dem Aufstieg der modernen Wissenschaften und des Kapitalismus zusammenfällt. Es entwickelte sich in Gesellschaften mit geringer Einwohnerdichte, minderentwickelten Technologien und scheinbar unlimitiertem Zugang zu Land und anderen überwiegend natürlichen Ressourcen. Neben Technologie und Konsum betreffen die Werte dieses Systems auch Völker, soziale Gerechtigkeit und die Umwelt. Davon ausgehend, dass Schäden und Ursachen individuell und in Ort und Zeit lokal sind, können sie schnell identifiziert werden. Wendet man das von Jamieson (1992) beschriebene Werte-System auf die globalen Umweltprobleme an, gibt es einhergehend mit der Idee der moralischen Korruption von Gardiner (2010) drei Dimensionen entlang deren es nicht mehr genügt: Scheinbar unschuldige Handlungen können verheerende Folgen haben, Ursachen und Schäden sind diffus und möglicherweise fern in Ort und Zeit.

2.1 Selbstverständnis und Werte-System – ein Wandel?

Das Selbstverständnis von Menschen, deren Werte-System sich, wie Jamieson (1992) festhält, in Zeiten entwickelte, als die Globalisierung noch in ihren Anfängen steckte, setzt keine Einbettung in den Kontext der Umwelt voraus. Man musste sich ohne Vernetzung mit den Teilen der Welt, auf die man keinen unmittelbaren Einfluss oder zu denen man keinen direkten Bezug hatte, nicht in dem unüberschaubaren Zusammenhang mit dem Rest der Welt verstehen und erfassen. Betrifft das Selbstverständnis eine enge soziale Einbettung, die eigene Familie und die direkte soziale Umgebung, sind die Taten und Auswirkungen mit einer starken Unmittelbarkeit verbunden. Durch gewisse Handlungen kann man direkt von seinem sozialen Umfeld profitieren, durch andere benachteiligt werden. Agiert man in einer die anderen schädigenden Weise, ist man sich dessen zumeist bewusst, falls nicht im Moment der Tat zumindest bald danach. Dazu kommt, dass in einem kleinen Rahmen auch andere Personen die Verantwortlichen für eine bestimmte Tat ausfindig machen können. Die soziale Sanktion führt zu einer relativ verlässlichen moralischen Kontrolle. In Zeiten der Globalisierung sind die Auswirkungen einer Tat nicht in der Nachbarschaft aufzufinden, sondern möglicherweise in grosser geografischer Ferne.

Gardiner (2004) führt die vom IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), eine von der Weltorganisation für Meteorologie und dem Umweltprogramm der UNO gemeinschaftliche Einrichtung, vorgelegten Berichte auf, die eine Darstellung des bislang beobachteten Klimawandels aufzeigen. Dabei werden besonders im 20. Jahrhundert Temperaturanstiege, eine Zunahme von Schneedeckenabbau und Schwund der Masse des Eises, verstärkte Niederschläge, sowie der Anstieg des Meeresspiegels und des Wärmeinhalts der Ozeane aufgezeigt. Als hauptverantwortliches Treibhausgas wird CO2 genannt, das in den letzten 260 Jahren um 31% angestiegen ist und am längsten in der Atmosphäre verweilt (Gardiner, 2004). Was bedeuten aber diese Fakten für mich als Individuum? Und ferner für jede einzelne Person in einem industrialisierten westlichen Land? Stoße ich mit meinem Auto in Zürich CO2 aus, was zum Anstieg der Treibhausgase führt, was wiederum eine Teilursache der Klimaerwärmung ist, diese aufgrund schmelzenden Landeises den Meeresspiegel ansteigen lässt, bin ich nicht sichtlich beeinträchtigt durch Hochwasser vor meiner Wohnungstür - im Gegensatz zu Menschen in Küstengebieten am anderen Ende der Welt. Dass meinen umweltunfreundlichen Handlungen eine scheinbare Harmlosigkeit innewohnt, führt nicht nur zur Unmöglichkeit der Identifikation von Verantwortlichen für den Klimawandel und dessen Folgen. Vielmehr bin ich mir der Auswirkungen meiner Taten selber gar nicht bewusst. Was Jamieson (1992) mit dem falschen Konzept der Verantwortung postuliert, vertieft er in der Unangemessenheit der ökonomischen Analyse als Reaktion auf den Klimawandel.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Veränderungen des Selbst- und Demokratieverständnisses durch den Klimawandel
Hochschule
Universität Zürich  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Demokratie und Klimawandel
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V299363
ISBN (eBook)
9783656959618
ISBN (Buch)
9783656959625
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klimawandel, Demokratie, Ethik
Arbeit zitieren
Nicole Hauser (Autor), 2012, Veränderungen des Selbst- und Demokratieverständnisses durch den Klimawandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299363

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