Die Ölliefer-Beziehungen zwischen Venezuela und den USA

Ideologie und Interessen


Bachelorarbeit, 2015
55 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung
1.Einführung in die Thematik und politische Relevanz
2.Zielsetzung der Arbeit
3.Herangehensweise und wissenschaftliche Einordnung

В Hauptteil
4.Theoretische Grundlagen
Definition wichtiger Begriffe
(Neo-)Realismus
Konstruktivismus

5.Hypothesen
Ölliefer-Beziehungen als Basis von Interessenpolitik
Ideologische Konfrontation zwischen Venezuela und den USA

6.IdeologieundInteressen: WiderspruchoderzweiSeiten derselben Medaille?

1999-2004: strategisch-ökonomische Interessen im Fokus

2005-2014: US-amerikanische Selbstversorgung und Wandel der Öl-ökonomischen Beziehungen zu Venezuela

C Schlussteil

7.Resümee

Forschungsergebnisse

Kritische Würdigung des Forschungskonzepts

8.Zur Zukunft der Ölliefer-Beziehungen zwischen Venezuela und den USA

D Zusätzliches

9.Abkürzungsverzeichnis

10.Vermerke

11.Literaturverzeichnis

A Einleitung

1. Einführung in die Thematik und politische Relevanz

Wenn Amerika1 im Fokus des politischen Interesses steht, werden häufig die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) als synonymer Begriff verwendet. Dies zeigt einerseits die Dominanz der USA in Diskurs und Lebenswirklichkeit, andererseits aber auch die periphere Wahrnehmung der restlichen Staaten des Doppelkontinents2. Mexiko und Kanada als Mitgliedstaaten der NAFTA sowie OECD oder Brasilien als Mitglied der BRICS können über den amerikanischen Kontinent hinaus erhöhte (welt-)politische Signifikanz verzeichnen, nicht aber in dem Maße wie die USA dies tun. Es drängt sich also, zumindest auf den ersten Blick, die Frage auf, warum ausgerechnet das Verhältnis Venezuelas zu den USA von politischer Bedeutsamkeit ist. Wie der Titel der Arbeit andeutet, stehen im Folgenden nicht alle Ebenen der Beziehungen zwischen den beiden Staaten im Mittelpunkt, sondern explizit die Ölliefer-Partnerschaft. Diese wiederum wirkt sich aufgrund der Wichtigkeit des Ölbereichs für beide Staaten auf das Gesamtverhältnis aus und ist daher der Dreh- und Angelpunkt venezolanisch-US-amerikanischer Beziehungen. Auch wenn andere Treibstoffe mittlerweile immer höher im Kurs liegen, ist Öl auch heute noch der wichtigste Energieträger für moderne Gesellschaften, v.a. in den Bereichen Wirtschaft, Militär und Marine. Wie Gilpin bereits 1968 herausstellte, war und ist die Kontrolle über Ölressourcen ,, (...) essential once naval ships shifted from sail to diesel, so today an independent aerospace and electronics industry, along with the supporting sciences, is seen to be crucial for a nation to enjoy diplomatic and military freedom of action.“ (nach Gilpin 1968, S.125 f.) Der sichere Zugang zu Öl ist also von bedeutendem strategischem Belang für den ökonomischen wie politischen Wettbewerb. Umso mehr rückt Venezuela in den Fokus US- amerikanischer Interessen, da das Land für die USA eine vergleichsweise zuverlässige und bezahlbare Quelle von Öl darstellt. Zudem trat Venezuela lange als Partner mit politischer und wirtschaftlicher Stabilität in einer oft instabilen südamerikanischen Nachbarschaft (dies v.a. in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts) in Erscheinung. Verbunden mit zeitweisen Demokratisierungsvorhaben auf Seiten Venezuelas und der Betonung einer gemeinsamen Wertebasis schien die Partnerschaft lange wie in Stein gemeißelt (nach Kelly u. Romero 2002, S.l f.). Allerdings sollte das Jahr 1999 einen ersten Wendepunkt markieren: der neu gewählte venezolanische Präsident Hugo Chávez forcierte von diesem Zeitpunkt an eine neue außenpolitische Agenda, um der als bedrückend wahrgenommenen amerikanischen Dominanz in der Weltpolitik zu entfliehen und die Autonomie Venezuelas in den Vordergrund zu stellen (nach Kelly u. Romero 2002, S.4). Da die gegenseitige Abhängigkeit zu diesem Zeitpunkt aber immer noch groß war - die USA waren größter Handelspartner Venezuelas, Venezuela war für die USA aufgrund kurzer Lieferwege geostrategisch attraktiver als andere Ölexport-Nationen - wurden die latent anwachsenden Spannungen zunächst durch die Verfolgung der jeweiligen nationalen Interessen überlagert. Durch diverse Schlüsselereignisse wie z.B. den nachweislich3 von den USA unterstützten, aber letztlich gescheiterten Putschversuch gegen Chávez 2002 oder schließlich der die US- amerikanische Abhängigkeit von Ölimporten reduzierenden Schiefer-Revolution drohte das Verhältnis Mitte der 2000er Jahre endgültig in Richtung ideologische Feindschaft zu kippen. De facto entsenden beide Seiten seit 2010, bis auf wenige Ausnahmen, keine Botschafter mehr in dasjeweils andere Land und das, obwohl Venezuela in 2013 immer noch ca. 900000 Bpd Öl in die USA exportierte (vgl. AFP 2013).

2. Zielsetzung der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit geht es nun darum, den oben beschriebenen Wandel in den Öl-ökonomischen Beziehungen zwischen Venezuela und den USA seit der ersten Amtszeit des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zu analysieren. Wie der Untertitel andeutet, soll damit der Frage nachgegangen werden, welcher Faktor - Ideologie oder Interesse - die Neuausrichtung des bilateralen Ölliefer-Verhältnisses innerhalb des Analysezeitraums erklären kann.

Dies bedeutet zugleich, die zwei ausgewählten Theorien der Internationalen Beziehungen4, den ökonomischen Realismus nach Robert G. Gilpin und den staatszentrierten Konstruktivismus nach Alexander Wendt, bezüglich ihrer Erklärungskraft für den ausgewählten Fall zu vergleichen.

3. Herangehensweise und wissenschaftliche Einordnung

Durch Phänomene wie die US-amerikanische Schiefer-Revolution, die zunehmende Verflechtung der nationalen Volkswirtschaften sowie eine weltweit immer stärker umgreifende Deregulierungspolitik ist der globale Ölmarkt durch eine enorme Volatilität gekennzeichnet, was für Länder mit hoher Abhängigkeit von Öl eine zunehmende Gefahr darstellt. Aufgrund einer höheren Informationsdichte und schnellerer Kommunikationswege am Markt verkürzt sich der Reaktionshorizont von Politik auf ökonomische Entwicklungen drastisch. Hinzu kommt die Anfälligkeit für Krisen, die trotz lokaler Ursprünge grenzüberschreitende Effekte zeitigen können (vgl. McKinsey 2010). Die Veränderungen auf weltwirtschaftlicher Ebene sind allerdings nur in Verbindung mit dem weltpolitischen Wandel zu verstehen, der seit dem Ende des Ost-West­Konflikts (OWK) zu beobachten ist. Nach der unipolaren Weltordnung unter US-Hegemonie in den frühen 1990ern folgte eine Multipolarität des internationalen Systems, die die Vorherrschaft der USA zumindest zeit- und/oder teilweise unterminieren sollte.

Die skizzierten Entwicklungen stellen die Sozialwissenschaften insgesamt vor die Herausforderung, vielschichtige Phänomene adäquat mit schon vorhandenen Theoriegerüsten erklären zu können bzw. Modelle zu entwerfen, die der neuen Komplexität analytisch Rechnung tragen. Da die Fokussierung auf die Ölliefer­Beziehungen nicht nur eine wirtschaftliche, sondern v.a eine politisch­strategische Reichweite hat, müssen neben materiellen, auch nicht-materielle Größen miteinbezogen werden. Eine rein ökonomistisch5 geprägte

Erklärungsstrategie würde nationalstaatliche Alleingänge bzw. Protektionismus in einer interdependenten Welt ineffizient und kostspielig erscheinen lassen, was Kooperation wahrscheinlicher machen würde (nach Wagner 2013, S.44). Wie der gewählte Fall zeigt, kommt es dennoch immer wieder zu Konfrontation in zwischenstaatlichen Beziehungen, auch wenn dies vermeintlich rationaler Interessenverfolgung im Wege steht. Der Untertitel „Ideologie und Interessen“ versucht auf dieses Spannungsfeld hinzudeuten, das mit Hilfe der Ansätze von Robert G. Gilpin und Alexander Wendt wenn nicht aufgelöst, so doch zumindest wissenschaftlich nachvollziehbar und verständlich(er) gemacht werden soll.

Die Untersuchungsebenen sind bei beiden Theorieansätzen die nationale und internationale im Zusammenspiel. Sowohl Gilpin, als auch Wendt gehen davon aus, dass Staaten als zentrale Akteure in der internationalen Politik ihr Außenverhalten nicht nur an internen, sondern auch an systemischen Logiken orientieren. Dieser Umstand drückt sich im ökonomischen Realismus wie folgt aus: die „basic driving forcefy) of change“ auf Akteursebene ist das Streben nach Macht und Wohlstand, auf Systemebene sind es Marktmechanismus und technologischer Wandel (nach Guzzini 2013, S.153). Der Konstruktivismus hingegen betont den Einfluss von Ideen auf das Außenverhalten, da letzteres nicht notwendigerweise auf kalkuliertes strategisches Handeln zurückzuführen ist. Allerdings sind die Ideen nicht nur in einen nationalen, sondern v.a. historisch-internationalen sowie institutionellen Kontext eingebettet. Institutionelle Unterstützung kann außerdem die Präferenzen und Ideen der Akteure beeinflussen (nach Guzzini 2013, S.190). Diese „dynamische“ Wechselwirkung von Strukturen und Akteuren hat für die Klärung des Forschungsproblems folgenden Vorteil: würde alleine die Struktur des internationalen Systems wie beim neorealistischen Ansatz (vgl. Waltz 1979) handlungsdeterminierend sein, müssten Venezuela und die USA entweder kooperieren (im Sinne eines Positivsummen-Spiels) oder konfligieren (im Sinne eines Nullsummen-Spiels). In diesem Fall läge aber die vorhandene Varianz zwischen Konflikt und Kooperation im Fall nicht vor. Das gewählte theoretische Gerüst kann die Varianz erklären.

Die theoretische Reichweite der vorliegenden Arbeit konzentriert sich also auf die Erklärung und Analyse der bilateralen Beziehungen zwischen Venezuela und den USA im Öl-ökonomischen Bereich, wobei die jeweilige Einbettung in internationale und regionale Organisationen sowie der eventuelle Einfluss anderer Akteure auf die Beziehungen mit einbezogen werden, sofern sie dem Verständnis des Falls dienen.

Beide Ansätze folgen jedoch unterschiedlicher Konzeptualisierung. Dem ökonomischen Realismus nach Robert G. Gilpin ist das Akteursmodell des Homo Oeconomicus zu eigen, welcher zweckrational und nutzenmaximierend agiert. Der (Zu-)Gewinn ökonomischer Ressourcen ist nicht Zweck selbst, sondern machtpolitisches Mittel zum Zweck der nationalen

Interessenverfolgung. Alexander Wendt's staats-konstruktivistischer Ansatz folgt hingegen dem Akteursmodell des Homo Sociologicus, der Staaten rollenspezifisches Verhalten nahelegt (vgl. Schimank 2010). Ideelle Bestimmungsfaktoren sind in diesem Zusammenhang den materiellen überlegen, wobei materielle Strukturen nicht gänzlich unbedeutend sind. Entscheidend ist, wie diese im Lichte von Ideen, Kultur und Identität interpretiert werden.

In Anbetracht des unterstellten Wandels in den Ölliefer-Beziehungen zwischen Venezuela und den USA wird die Analyse in zwei Phasen eingeteilt: die erste Phase, ausgehend von der 1. Amtszeit Chávez', reicht von 1999 bis 2004. Den Beginn der zweiten Phase markiert das Energiegesetz von Dick Cheney 2005, das für die amerikanische Fracking-Industrie einschneidenden Charakter hat. Die zweite Phase endet mit dem Jahr 2014. Jede Phase steht stellvertretend für eine der zwei Hypothesen, die aus den zwei genannten Theorien entwickelt werden. Im Anschluss werden die Ergebnisse zusammengeführt und die theoretischen Erkenntnisse auf deren Aussagekraft hin verglichen.

Es handelt sich vorwiegend um eine Sekundäranalyse, sprich einer Untersuchung und Zusammenführung bereits vorhandener Studien und Dokumente. Zusätzlich wird die Argumentation mit quantitativen Datenmaterial öffentlicher Stellen der beiden Länder sowie internationaler Organisationen und Institutionen unterfüttert. Aufgrund der teils stark variierenden Zahlen und Daten aus der Ölbranche - bspw. subjektiv-nationaler Schätzungen der Ölvorkommen - wird die Quellenauswahl an den jeweiligen Stellen via Verweise durch Anmerkungen im Anhang näher erläutert.

В Hauptteil

4. Theoretische Grundlagen

Definition wichtiger Begriffe

Um die theoretischen Implikationen verstehen und anwenden zu können, müssen zunächst Definitionen der für die Analyse des Falls zentralen Begriffe vorgenommen werden. Hierbei geht es nicht um die Ermittlung der vermeintlich einzigen Wahrheit und schon gar nicht um die vollständige Erfassung eines sprachlichen Ausdrucks, sondern um die korrekte Verwendung, die innerhalb der „scientific community“ gebräuchlich ist. Nur so können die Theorien und die daraus entwickelten Hypothesen im gegebenen Rahmen intersubjektiv nachvollziehbar aufbereitet werden.

Der wohl wichtigste politikwissenschaftliche Begriff ist der der Macht. Nach dem US-amerikanischen Politologen Joseph S. Nye ist Macht „die Fähigkeit, die Resultate herbeizuführen, die man haben möchte, und dabei, falls notwendig, das Verhalten anderer entsprechend zu ändern.“ (nach Nye 2003, S.24).

Dieser eher abstrakte Machtbegriff wird von Nye in die zwei Kategorien hard power und soft power unterteilt. Mit hard power ist die Möglichkeit der zwanghaften Durchsetzung eigener Interessen auf Basis des Einsatzes quantitativer Ressourcen gemeint. Hierunter subsumiert Nye militärische und wirtschaftliche Macht (vgl. Nye 2003, S.29). Hard power ist als unterstützendes Konzept vor allem für die Überprüfung der realistischen Hypothese relevant. Auf der anderen Seite ist mit soft power die Anziehungskraft von Kultur, Ideologie und systemischen Faktoren gemeint. Ein Staat kann demnach seine außenpolitischen Zielsetzungen auch dadurch erreichen, dass seine Werte und Institutionen attraktiv auf andere wirken (nach Nye 2003, S.30). Ist dies der Fall, kann die Agenda des mit soft power ausgestatteten Staates die Präferenzen des Nachahmers formen. Ist jedoch das Gegenteil der Fall, und ein staatliches oder gar universalistisches Wertesystem wirkt auf andere Akteure abstoßend, kann es zu einer Herausbildung eines Gegenentwurfs kommen. Der soft power-Ansatz ist somit eher für die Untersuchung der zweiten, konstruktivistisch geprägten Hypothese geeignet.

Der Begriff des Interesses ist v.a. für den ökonomischen Realismus von zentraler Bedeutung. Da die wesentlichen Akteure der Analyse die beiden Staaten Venezuela und die USA sind, sind explizit nationale Interessen von Belang. Nationales Interesse ist das, ,,(···) was (außen-)politischen Entscheidungsprozessen gewissermaßen als abstrakte, aus dem Handeln der beteiligten politischen Akteure amalgamierte Motivation zugrunde liegt (...)“ (nach Maull 2006, S.64). Gilpin verweist vor allem auf die ökonomischen Bedingungen von Macht als Grundlage für staatliche Interessenverfolgung. Wendt hält dieser Auffassung entgegen, dass es Ideen sind, die das nationale Interesse, im wahrsten Sinne des Wortes, konstruieren (vgl. Wendt 1999, S.140). Hier kommt es also darauf an, wie die materielle Realität von den Akteuren im Lichte eben dieser Ideen interpretiert wird.

Um einzelne Ideen in einen größeren Kontext einzuordnen, bemächtigt man sich in der Wissenschaft der Ideologie(n). Eine Ideologie ist nach Schubert und Klein der Versuch, sich ähnelnde Vorstellungen über das (Zusammen-)Leben und die Welt zu bündeln und sich dadurch von konkurrierenden Auffassungen abzugrenzen (nach Schubert u. Klein 2011). Die beschriebenen Phänomene spielen sich nicht im luftleeren Raum ab, sondern im System der internationalen Beziehungen, die ein „Beziehungsgeflecht grenzüberschreitender Interaktionen staatlicher und nichtstaatlicher Akteure“ (Schieder u. Spindler 2010, S.18) verkörpern. Für die Analyse sind vor allem die politischen und ökonomischen Beziehungsehenen von zentraler Bedeutung, da sich die Öllieferungen in dieser polit-ökonomischen Schnittstelle verorten lassen.

Eine weitere Gemeinsamkeit beider Ansätze ist die prinzipielle Anerkennung der Anarchie als Ordnungsprinzip der Staatengesellschaft. Dies bedeutet, dass in Abwesenheit eines primären überstaatlichen Gewaltmonopols ein fortdauernder Wettstreit zwischen den Staaten im Ringen um Herrschaft entsteht (nach Zangl u. Zürn 2003, S.43). Laut Wendt führt die Anarchie nicht, wie Realisten behaupten, automatisch zu Selbsthilfe und Machtkonkurrenz. Die anarchische Weltordnung ist im Konstruktivismus vereinbar mit unterschiedlichen Kulturen, Identitäten und Ideen.

(Nco-)Rcalismus

Die Beantwortung der Forschungsfragc per Phascncintcilung erlaubt cinc Zuspitzung der Hypothesen, was letztlich zur präziseren Bewertung der theoretischen Aussagekraft beiträgt. Die der ersten Phase angehörige Hypothese wird aus der realistischen Schule heraus entwickelt. Das Primat des Realismus in der Erklärung internationaler Politik liegt insbesondere an zwei Gründen: an der Bereitstellung einer lange Zeit bewährten „Anleitung zur Staatskunst“ sowie der Offenlegung zwingender Erklärungen für staatliches (Außen-)Verhalten (nach Frankel 1996, Einl.). Allerdings scheint cs sinnvoll, den Realismus nicht als Theorie, sondern vielmehr als großes Paradigma zu begreifen, aus welchem die verschiedenen theoretischen Strömungen entspringen (vgl. van Evcra 1992, S.4). Hauptaugenmerk des realistischen Paradigmas ist cs, die grundlegenden Funktions- und Handlungslogiken der internationalen Politik aufzuzcigcn, um sich einer vermeintlich objektiven Wahrheit anzunähern, die unabhängig von menschlichen Gedanken und Erfahrungen existiert. Hierzu bedient sich der ökonomische Realismus einer staatszentrierten Perspektive, die Staaten als einheitlich handelnde und cgoistisch-zwcckrationalc Akteure begreift. Der klassische Realismus ging im Gegensatz dazu von einem anthropologisch begründeten Machttrieb aus. Zwcitcrc Eigenschaft ist dem in Kapitel 3 erwähnten Modell des Homo Oeconomicus entlehnt. Dieses ursprünglich aus der Wirtschaftswissenschaft entwickelte Modell besagt, dass die Akteure ein gegebenes Ziel in einer spezifischen Situation dann bestmöglich realisieren, wenn sic die Mittel zur Erreichung des Zwecks rational abwägcn, ohne dabei emotionalen oder normativen Restriktionen zu verfallen. Rationalität kann einerseits theoretisch verstanden werden, was die Suche nach vcrallgcmcincrbarcn Kausalzusammenhängen empirischer Gegebenheiten meint - und damit den Ausschluss irrationaler Schlüsse. Andererseits gibt cs auch eine empirische Komponente von Rationalität, nämlich in Gestalt universeller Rcgclanwcndung, v.a. mathematisch-naturwissenschaftlicher Art, zur Abgrenzung von willkürlicher Argumentation. Realistische Theorien werden deshalb oft als „rational choice-Thcoricn“ verstanden (vgl. Kalbcrg 1981, Schimank 2010, Weber 1972). Eine besondere soziale Konstellation zwischen diesen mehr oder weniger rational handelnden Staaten ist das sog.

Sicherheitsdilemma', aufgrund der anarchischen Struktur des internationalen Systems und der dadurch mangelnden Durchsetzungsinstanz eines von allen Akteuren akzeptierten Normen-Gerüsts gibt es für Staaten eine hohe Ungewissheit bezüglich der Handlungsabsichten anderer (vgl. Herz 1961). Jedoch sind nicht die Absichten, sondern die Fähigkeiten der Akteure Referenzkriterium realistischen Außenverhaltens. Durch diesen von gegenseitigem Misstrauen geprägten Blickwinkel ist die gewaltsame Auseinandersetzung realistische Option, um Sicherheit und Macht zu maximieren. Kooperation gibt es demgegenüber nur dann, wenn mit einem Konflikt ein negatives Kosten-Nutzen-Verhältnis verbunden ist. Kooperation kann auch via Mitgliedschaft in internationalen Organisationen verwirklicht werden, da diese zum einen Verhandlungen erleichtern und zum anderen, weil durch Kommunikation und den Austausch von Akten die Fähigkeiten anderer Mitglieder besser abgeschätzt werden können (nach Frankel 1996, Einl.). Hierdurch wird deutlich, dass internationale Organisationen aus Sicht der Staaten einen rein instrumentellen Charakter zur Verfolgung ihrer Interessen haben und nicht, um eine normativ geprägte „internationale Gemeinschaft“ entstehen zu lassen, wie es im Konzept der „Englischen Schule“ der Internationalen Beziehungen skizziert wird. Die Anarchie ist also trotz der immer wiederkehrenden Versuche, international geltende Regelwerke zu etablieren, aus Sicht der Realisten präsent. Die (Über-)Betonung der strukturellen Wirkung auf zwischenstaatliche Beziehungen und deren quasi mechanischer Dynamiken ließ Kenneth Waltz die neorealistische Theorie als Modifikation der klassischen, eher - so die neorealistische Kritik - außenpolitischen Ansätze im Geiste Hans Morgenthau's entwickeln. Das Durchsetzungsvermögen von Staaten hängt in diesem Sinne von der relativen Machtverteilungsstruktur ab, die sich aus dem internationalen Vergleich quantitativer „capabilities“ erschließen lässt (vgl. Waltz 1979, S.80 f.). Diese Struktur wird auch als Polarität bezeichnet. Die Bipolarität spielt seit dem Ende des OWK eine eher untergeordnete Rolle, sodass Uni- und Multipolarität gegenwärtig die zwei wichtigeren analytischen Muster sind. Unipolarität bzw. Hegemonie hat den Vorteil, dass die weltpolitisch dominierende Macht für Stabilität sorgt. Der Hegemon kann hier aufgrund seiner Position eigene Regeln mit teils universellem Charakter durchsetzen und Ressourcen bereitstellen, wie dies z.B. die USA durch die (militärische) Sicherung des Zugangs zu Öl für ihre westlichen Partner tun. Der Vorteil der Multipolariät liegt darin, dass die Gewinne breiter gestreut sind und sich dadurch eine friedensstiftende Atmosphäre und Kultur der Kooperation entfalten kann. Waltz' ausschließlich systemischer Ansatz hat indes die Schwäche, die Sparsamkeit seiner strukturellen Argumentation als einen großen Vorteil gegenüber den realistischen bottom-up-Ansätzen zu sehen. Gerade die Verbindung beider Analyse-Ebenen, der nationalen und internationalen, macht die Untersuchung einer etwaigen Fragestellung oftmals erst fruchtbar. Die internationale Ebene allein, beispielsweise in Form der Struktur des globalen Ölmarkts, kann kaum die Besonderheit der venezolanisch-US-amerikanischen Ölliefer-Beziehungen erklären, indem einzig auf Polaritäten und deren Implikationen verwiesen wird. Die extrem Öl-lastige Wirtschaft Venezuelas und die ideologische Konfrontation mit den USA sind Faktoren, die ihre Wurzel auch auf national-staatlicher Ebene haben. Der ökonomische Realismus ala Gilpin versucht, genau hier anzusetzen und eine Verbindung zwischen Annahmen des Neo- und klassischen Realismus herzustellen, indem er der prinzipiell anarchischen Weltordnung die Möglichkeit zur Veränderung durch nationale und internationale Faktoren zuspricht. Zudem wird die Kategorie des nationalen Interesses stärker differenziert (ökonomische, territoriale und geopolitische Ziele) und hat nicht nur eine auf das Überleben bzw. die Sicherheit des Staates konzentrierte Reichweite. Nationale Interessen sind auch nicht unwiderruflich festgelegt, sondern durch national herrschende Eliten in Politik, Ökonomie und Militär beeinflusst. Das bedeutet, dass sie sich z.B. im Falle eines Elitenwechsels ändern können. Jedoch beruht diese subjektive Interessenausrichtung auf objektiv gegebenen Faktoren, von welchen die ökonomischen Grundlagen wegen ihrer Wichtigkeit für die Interessen fixierte außen(wirtschafts-)politische Strategie von Staaten hervorgehoben werden. Moralische Forderungen sind allenfalls dann präsent, wenn sie durch Macht gefestigt oder für Machtausbau und (rationaler) Interessenverfolgung wichtig sind (nach Gilpin 1996, S.7 f.). Dem liberalen Theorem des Freihandels steht Gilpin skeptisch gegenüber, da in der immer noch von Staaten dominierten Welt andere Effekte den ökonomischen Vorteilen entgegenstehen können. Das sog. Trittbrettfahrerverhalten kann in diesem Zusammenhang als Beispiel dienen: Staaten profitieren zwar prinzipiell von der Offenheit der Märkte im Ausland, aber schotten ihre heimischen Märkte aus Angst vor mangelnder Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Industrien mit protektionistischen Maßnahmen ab (vgl. Gilpin 1996, S.10). So verursacht diese asymmetrische Interdependenz in der internationalen Ökonomie Kosten, welche die Staaten versuchen, auf andere abzuwälzen. Transnationalen Netzwerken und multinationalen Unternehmen wird im ökonomischen Realismus durchaus Beachtung geschenkt, allerdings stehen diese laut Gilpin immer im Schatten staatlicher Macht. Letztere wird immer öfter auch durch Regionalisierung, zwischenstaatliche, aber ebenso polit-ökonomische Bündnisse gefestigt bzw. auszubauen versucht, um sich damit weltpolitisch zu positionieren - was sich wiederum mittelbar auf die relative Machtposition von Staaten in bilateralen Bündnissen auswirkt. Das Beispiel des OPEC-Einflusses auf die Preisgestaltung des Ölangebots zeigt dies eindrucksvoll. Michael Porter, Prof. an der Harvard Business School, hat die These des Vorrangs nationaler Ökonomien ursprünglich in seinem Opus Magnum der Politischen Ökonomie „The Competitive Advantage of Nations“ entwickelt (vgl. Porter 1998). Demnach sei die Weltwirtschaft in Form national verwurzelter, industrieller Cluster organisiert, welche oft durch lokale oder regionale Faktoren und Industriepolitiken „gepusht“ werden. Regierungen versprechen sich dadurch starke nationale Unternehmen, welche Arbeitsplätze vor Ort generieren und die hiesige wirtschaftliche Prosperität steigern. Der ehemalige US-Verteidigungsminister und Manager Charles Wilson prägte das Bild ökonomisch fundierter nationaler Interessen mit dem Satz „What is good for General Motors is good for the country“. Dem Ansatz von Gilpin wurde daher oft eine Nähe zu merkantilistischen bzw. wirtschaftsnationalistischen Theorien attestiert und eine zu US-amerikanische Perspektive vorgeworfen. Beide Kritikpunkte sindjedoch im vorliegenden Fall nicht von negativ korrelierender Bedeutung, sie können sich sogar als fruchtbar erweisen. Im empirischen Teil ist dementsprechend zu prüfen, inwiefern Venezuela und die USA von der Ölliefer-Partnerschaft profitieren und dies denjeweiligen Eigeninteressen der beiden Akteure dient.

[...]

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Die Ölliefer-Beziehungen zwischen Venezuela und den USA
Untertitel
Ideologie und Interessen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
55
Katalognummer
V299832
ISBN (eBook)
9783656963721
ISBN (Buch)
9783656963738
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ölliefer-beziehungen, venezuela, ideologie, interessen
Arbeit zitieren
Benjamin Weiser (Autor), 2015, Die Ölliefer-Beziehungen zwischen Venezuela und den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299832

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