„Cinco siglos igual". Historiographie und Zeit in der "nueva canción" in Lateinamerika


Seminararbeit, 2012

26 Seiten, Note: 1,0

Susanne Becker (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Die Geschichte Lateinamerikas
1.1 Ausbeutung
1.2 Die Situation der Gegenwart

2 Die Entstehung der „ nueva canción

3 Analyse ausgewählter Lieder
3.1 Canción para Carito
3.2 Cinco siglos igual
3.3 Hombre en el tiempo
3.4 Canción para un niño en la calle

Fazit

Bibliographie

Internetquellen

Anhang

Vorwort

Cinco siglos igual1 “ – fünf gleiche Jahrhunderte. Diese für die Geschichte Lateinamerikas essenziellen Worte sind zentraler Inhalt und zugleich Titel einer in der vorliegenden Arbeit analysierten nueva canción. Überhaupt scheint die Historiographie des Kontinents eng mit jener Gattung verbunden zu sein. Doch was überhaupt ist eine nueva canción, wodurch zeichnet sie sich aus und welche Bedeutung kommt ihr seit ihrer Entstehung in Südamerika zu? Diese zentralen Fragen sind zu klären, bevor anhand der vier Beispiele „ Cinco siglos igual “, „ Canción para Carito “, „ Hombre en el tiempo “ und „ Canción para un niño en la calle “ genauer untersucht wird, auf welche Art und Weise die Geschichte Lateinamerikas in diese Liedgattung eingearbeitet ist und welche Rolle der Faktor Zeit im Allgemeinen in den genannten Stücken spielt. Neben der musikalischen und literarischen Analyse der Liedtexte ist dafür an erster Stelle auch historisches Hintergrundwissen über die Kolonialisierung und Ausbeutung Lateinamerikas erforderlich.

1 Die Geschichte Lateinamerikas

Um die Entstehung der nueva canción zu verstehen, ist es nötig, die Geschichte und das Schicksal des südamerikanischen Kontinents näher zu erläutern. Nur so können auch in den (Lied-)Texten enthaltene, mit der Vergangenheit Lateinamerikas zusammenhängende Metaphern entschlüsselt werden. Diese Dechiffrierung ist wiederum zwingend nötig, um die Aussagen der Lieder richtig zu verstehen.

1.1 Ausbeutung

Das Leid der südamerikanischen Einwohner begann im Jahre 1492 mit der Ankunft des spanischen Seefahrers Cristóbal Colón in Amerika. Bereits zwei Jahre später hatten die Kolonialmächte Spanien und Portugal den Kontinent unter sich aufgeteilt und etwa 1502 Jahre entstanden die ersten Siedlungen spanischer Einwanderer in Argentinien, Venezuela und Kolumbien. Wegen den enormen Bodenschätze in vielen Bereichen Südamerikas trieben die Spanier die „conquista“, die Phase der Eroberung, voran und plünderten auf brutale Weise riesige Mengen an Gold und Silber aus Minen, Grabstätten und privatem Besitz.2

Aber auch Ureinwohner, die keine materiell wertvollen Gegenstände besaßen, wurden von den Spaniern zwecks Machtübernahme systematisch ermordet. Daher ist es wenig verwunderlich und umso tragischer, dass 1581 ein Drittel der Eingeborenen Südamerikas durch Krankheiten und den Massenmord der Spanier ums Leben gekommen waren.3 Die Überlebenden wurden ausgenommen, indem sie Abgaben für die Toten entrichten mussten sowie verkauft und versklavt wurden. Man setzte sie als Zwangsarbeiter in den Quecksilberminen ein, wo sie meist innerhalb von vier Jahren an den Folgeerscheinungen der Inhalation von Giftgasen starben. Die Situation war dermaßen aussichtlos und desolat, dass Mütter ihre Kinder töteten, um ihnen dieses Schicksal zu ersparen.4 Welch trauriger Beweis für das Ausmaß der Terrorisierung der Ureinwohner durch die Spanier!

Die Ausbeutung bezog sich allerdings nicht nur auf die Menschen Lateinamerikas, sondern auch auf das Land: Durch Zuckerrohrplantagen und andere Monokulturen wurden Böden und Wälder zerstört, sodass der verbliebenen Bevölkerung nichts anderes übrig blieb, als die Dekadenz ihrer Kultur und ihres geliebten Landes machtlos mit anzusehen. Um auf das Zitat „ cinco siglos igual “ aus dem Vorwort zurückzugreifen, kann man zusammenfassend sagen, dass die Bevölkerung Lateinamerikas eben diese fünf gleiche Jahrhunderte erlebt hat – Jahrhunderte der Entwürdigung, Terrorisierung, Ungerechtigkeit und Ausbeutung.5

1.2 Die Situation der Gegenwart

Heute ist die Situation in vielen Ländern Lateinamerikas vergleichbar. Infolge der Landflucht und Verstädterung kommt es zur Konzentration der Bevölkerungsmehrheit auf die Hauptstädte, welche sich durch zusätzliche Immigranten aus anderen Ländern sowie den eigenen Geburtenüberschuss zu Megacities entwickelt haben.6

Da die Mehrheit der Bevölkerung zu arm ist, um sich Mietwohnungen leisten zu können, entstehen riesige Slums, die die Stadt in die Breite wachsen lassen und immer unüberschaubarer machen. In diesen Elendsvierteln leben die Menschen in provisorischen Hütten aus Pappe und Wellblech oft am Rande der Existenz. Daneben – meist sogar im wörtlichen Sinne – existieren Luxusviertel, in denen die großen Probleme der Stadt wie Wasserknappheit sowie mangelnde Energieversorgung und Kanalisation keine Rolle spielen und private swimming pools, bewässerte Rasenflächen und noble Villen wie selbstverständlich zum Leben dazugehören.7

Des Weiteren besteht die Tendenz, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, sodass die Bevölkerungsschichten wie die Schneiden einer Schere weiter und weiter auseinander klaffen. Cinco siglos igual – schon seit fünf Jahrhunderten führt der Reichtum der Eroberer zur Verarmung und Unterdrückung der Ureinwohner sowie zu sozialer Apartheid.8

2 Die Entstehung der „ nueva canción “

Schon vor der Entstehung der nueva canción glaubte man an die enorme kommunikative Kraft der Musik, was sich in der besonders in Lateinamerika verbreiteten politisch-kulturellen Tradition und der Idee, Schwierigkeiten und Erfolge der Menschen zu besingen, zeigt.9 Der Begriff „nueva canción“ setzte sich 1967 gegen Beschreibungen wie „canción protesta“ oder „canción políticamente revolucionaria“ durch, die die politische Ideologien beinhaltende und demokratische Rechte fordernde Gattung jedoch auch treffend beschreiben.10 Als unblutige Waffe des Volkes war die nueva canción „instrumento para un mundo mejor“11 und spielte eine große Rolle im Unabhängigkeitskampf gegen den nordamerikanischen Imperialismus und allgemein gegen den Kolonialismus.12 Auch in die nationale Politik mischt sich die nueva canción ein, was sich erstmals 1970 mit der klar unterstützenden Haltung gegenüber der Kandidatur von Salvador Allende für das Amt des chilenischen Präsidenten zeigte.13 In der Geschichte der nueva canción wurden nicht wenige Musiker ins Exil geschickt, weil sie die „falsche“ politische Position bezogen.14 Doch warum nueva canción, wenn es doch bereits Lieder politischen Inhalts schon lange davor gibt? Das Besondere und Neue dieser Gattung ist die enge Verbundenheit der Musik mit der echten und nicht der touristischen Folklore des jeweiligen Landes sowie des gesamten südamerikanischen Kontinents.15 Schon in den späten 1950er Jahren reiste die bedeutende chilenische nueva canción-Komponistin und -Interpretin Violeta Parra in entlegene Regionen ihres Landes. Bei den dort lebenden Menschen nahm sie vergessene Volkslieder und folkloristische Elemente auf Kassette auf, um sie später in ihre eigenen Lieder einzuarbeiten. Dies ist eindeutiger Beweis für ihr unermüdliches Engagement für die Wiederentdeckung und Konservierung traditioneller chilenischer Musik.16 Vom Volk wird sie daher als eine Art „ bridge between the rural and urban and the popular poets and the new generation of young musicians17 angesehen. Diese Verbindung mit dem Volk ist in der nueva canción sehr erwünscht und war gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass diese Liedgattung Teil des sozialen und politischen Wandels in Südamerika werden konnte.18

3 Analyse ausgewählter Lieder

Die im Folgenden analysierten Lieder sollen das Ausgeführte nun in der Praxis veranschaulichen. Darüber hinaus untersucht die vorliegende Arbeit die Werke auf inhaltlich und musikalisch relevante Elemente, die mit der Geschichte des Kontinents oder dem Faktor Zeit im Allgemeinen zu tun haben, um sie anschließend zu analysieren.

3.1 Canción para Carito

Das von León Gieco und Antonio Tarragó Ros komponierte Lied „ Canción para Carito “ ist sehr melancholisch und handelt von Carito, einem Jungen, der auf der Spur seines Traumes vom glücklichen Leben die schwierige und umstrittene Entscheidung zum Umzug vom Land in die Stadt Buenos Aires getroffen hat. Anders als in seinem Heimatdorf sitzt er mitten in der Stadt vollkommen alleine auf einer Bank. Durch die Verwendung des Gerundiums wird der zumindest innerhalb des Liedes nicht endende Zustand des Jungen skizziert. Er denkt immerzu sehnsüchtig an die Küste seiner Heimat zurück – ein maritimes Motiv, das musikalisch durch das Akkordeon unterstützt wird. Des Weiteren beschreibt das Lied das vermeintlich bessere Leben, das sich viele Bewohner der ländlichen Regionen vom Leben in der Großstadt versprechen (Z.5). Doch wie sich Hoffnungen oft nicht immer vollständig erfüllen, ist auch das Glück Caritos in Buenos Aires nun geteilt, halb wahr und halb gelogen, da er für den Traum vom würdigen Leben in die Stadt emigriert ist. Allein findet er es hier jedoch auch nicht. Demzufolge kann man auch den Jungen als partido (dt.: verlassen) bezeichnen. Zwar ist er Bürger der Stadt, doch in seinem Inneren sieht er sich immer noch in der heimischen Region

In der zweiten Strophe läuft der Junge – abermals allein – durch den grauen Regen der Stadt, während er angestrengt versucht, sich klarzumachen, dass dies nun seine Heimat ist. Die nicht endende Situation der Tristesse und der Sehnsucht nach der Heimat wird durch den grauen Regen sowie durch das Gerundium andando verdeutlicht. Für den Zuhörer entsteht durch die vielen Gerundien ein Gefühl der Zeitlosigkeit und dem nie endenden Umhergehen Caritos auf der Suche nach seinem Glück. Andererseits werden durch die folgende Verwendung einer Vergangenheitsform zwei weitere zeitliche Ebenen geschaffen. Neben der bis dahin vorherrschenden Unendlichkeit existieren nun klar die Ebene des Präsens und die der Vergangenheit, die sich von nun an durch das gesamte Stück ziehen. Inhaltlich wird daran erinnert, wie Carito in seiner Heimat un mar de gente (dt.: ein Meer von Leuten) verändert, meiner Meinung nach überzeugt hat, mit in die Stadt zu gehen. Auch in dieser Formulierung wird das maritime Motiv aufgegriffen. Mit der Erwähnung des río (dt.: Fluss) und der flor (dt.: Blume), die im Gegensatz zur llovizna gris (dt.: grauer Sprühregen) bunt ist und positive Assoziationen hervorruft, wird das Landlebens Caritos verbildlicht und gleichzeitig unterstrichen, dass er ebenso wie der Fluss immer das bleiben wird, was er ist. In der Bildsprache heißt es „ nunca regaló el color“ (dt.: schenkte nie ihre Farben). Mit dieser Formulierung wird die farbige Gegenüberstellung der Naturräume von Land und Stadt abschließend zusammengefasst.

Im Refrain, der sich sowohl musikalisch als auch formal durch sechs statt fünf Zeilen von den Strophen abhebt, wird Carito vom lyrischen Ich direkt angesprochen. Dies schafft eine weitere komplexe zeitliche Ebene, die sich zwar außerhalb des Liedtextes in der Realität befindet, jedoch mit dem intradiegetischen Carito verknüpft ist. Deutlich wird dies in Zeile elf, in der die Erzählstimme den Jungen dazu auffordert, seinen Kummer nicht zu verstecken und ihm durch die Formulierung „ se haga diamante tu lágrima “ (dt.: aus deiner Träne werde ein Diamant) (Z. 12) zeigt, wie viel Wert er auf dessen Gefühle legt. Dass sich die Träne zwischen Saiten oder im weiteren Sinne während des Gesangs in einen Diamant verwandelt, weist direkt darauf hin, dass es sich um eine reale Situation des Singens, genauer gesagt, der nueva canción, handelt, die die traurigen Situation zahlreicher Indios in den Großstädten wahrnimmt, ihnen eine Stimme gibt und ihre Gefühle wertschätzt. Darüber hinaus wird mit der Drossel im Refrain ein weiteres Motiv der Natur gewählt, um dem Jungen in der Großstadt neue Kraft zu geben. Abermals wird Carito direkt angesprochen und nun dazu aufgefordert, seine Last abzulegen und einen Neuanfang zu wagen, der sich bildlich im Wort „ primavera “ (dt.: Frühling) (Z.16) wiederfindet.

Auch in der nächsten Strophe werden die bereits angesprochenen Erzählebenen dargestellt. Zunächst wird jedoch das Bild der modernen Schuhe, die in einem Dorf etwas ganz Besonderes sind, in der Großstadt Buenos Aires jedoch gar nicht auffallen (Z.17f), beschrieben und somit die Einsamkeit der Ureinwohner in der Stadt trotz – oder gerade wegen- der Masse von Menschen, hervorgehoben. Auf diese Weise wird das Motiv des Alleinseins aus der ersten Strophe wieder aufgegriffen. Nach dieser Beschreibung einer realen Situation wird nun wieder Carito in einer Verniedlichungsform angesprochen und dazu aufgefordert, neuen Mut in der „canción“ zu suchen (Z.19ff).

[...]


1 Vgl. http://www.cancioneros.com/nc/4193/2/cinco-siglos-igual-leon-gieco-luis-gurevich

2 Eduardo Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas: Die Geschichte eines Kontinents von der Entdeckung bis zur Gegenwart. Las venas abiertas de America Latina <dt.>, Wuppertal, Hammer 1983, 20.

3 Ibid., 50.

4 Ibid., 33.

5 Ibid., 79.

6 Urs Müller Plantenberg: „Ungeheure Städte – Das Ausmaß der Verstädterung in Lateinamerika“, in: Dietmar Dirmoser (Hrsg): Vom Elend der Metropolen, Hamburg, Junius 1990, 26.

7 Ibid., 30.

8 Ibid., 31.

9 Fairley, Jan: 107,110.

10 107,114

11 114

12 107

13 Vilches, Patricia, 195.

14 Faireley, 109

15 Ibid., 114

16 Vilches, 199

17 Fairley, 110

18 Ibid, 109.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
„Cinco siglos igual". Historiographie und Zeit in der "nueva canción" in Lateinamerika
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V302031
ISBN (eBook)
9783668002920
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cinco siglos igual, Hombre en el tiempo, Canción para carito, Canción para un nino en la calle, Ausbeutung, Lateinamerika, Eroberer, Historiographie, Zeit
Arbeit zitieren
Susanne Becker (Autor), 2012, „Cinco siglos igual". Historiographie und Zeit in der "nueva canción" in Lateinamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302031

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