"Über den Prozeß der Zivilisation" von Norbert Elias ist unzweifelhaft eines der bedeutendsten Werke der Soziologie. Wem es zu Zeitaufwendig ist, die zwei Bände im Original zu lesen, dem sei diese Arbeit wärmstens ans Herz gelegt. Nachdem das Werk allgemein besprochen wurde, wird im Anschluss näher auf Elias' Theorie der modernen Nationalstaatenbildung eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff „Zivilisation“
3. Das Menschenbild und die Methodologie von Norbert Elias
4. Psyochogenese und Zivilisierung des Verhaltens
5. Die Soziogenese des Nationalstaates
5.1 Feudalismus und zentrifugale Kräfte
5.2 Die Vorrausetzungen für die Zentralisierung der Herrschaft
5.3 Die Monopolisierung und Zentralisierung der königlichen Herrschaft
5.4 Vom königlichen zum öffentlichen Herrschaftsmonopol
6. Der Wandel der Nationalstaatlichkeit im Zeitalter der Globalisierung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zivilisationsprozess und die Entstehung des Nationalstaates basierend auf der Figurationssoziologie von Norbert Elias. Ziel ist es, die Entwicklung von Fremdzwängen hin zu Selbstzwängen im historischen Kontext nachzuvollziehen und diese Erkenntnisse auf moderne gesellschaftliche Strukturen sowie die Herausforderungen der Globalisierung zu übertragen.
- Figurationssoziologie und das Menschenbild nach Norbert Elias
- Psychogenese: Zivilisierung von Verhalten und Affektkontrolle
- Soziogenese: Entstehung des Gewalt- und Steuermonopols
- Transformation vom privaten zum öffentlichen Herrschaftsmonopol
- Staatlichkeit unter den Bedingungen von Globalisierung und Interdependenz
Auszug aus dem Buch
Die Monopolisierung und Zentralisierung der königlichen Herrschaft
Werden in einer naturalwirtschaftenden Gesellschaft die Herrschafts- und Besitzverhältnisse über die Verteilung des Bodens bestimmt, so geschieht dies in einer auf Geldwirtschaft gründenden Gesellschaft über den Besitz bzw. Nicht-Besitz von Geld. Durch das aufkommen der Geldwirtschaft sah die Zentralgewalt zum ersten mal die Möglichkeit zur Erhebung von Steuern. Sind in einer naturalwirtschaftenden Gesellschaft die desintegrierenden und zentrifugalen Kräfte langfristig stärker, so sind in einer geldwirtschaftenden Gesellschaft die integrierenden und zentralisierenden Kräfte im Vorteil. Bei einer auf Boden basierenden Herrschaft gehen dem König mit der Zeit immer größer Teile seiner Herrschaft verloren. In einer auf Geld basierenden Gesellschaft gelingt es der Zentralgewalt, aufgrund irrer Fähigkeit Steuern zu erheben, Geld zu akkumulieren. Dem Geld liegt die Dynamik zur Akkumulation und zur Monopolbildung inne.
Durch die Steuern kann ein wachsender Verwaltungsstab und ein wachsendes Heer, das sich aus der immer größer werdenden bürgerlichen Schicht rekrutiert, bezahlt werden. Indem der König seine Krieger und seinen Verwaltungsstab nicht mehr mit Land auszahlen muss, sondern sie besolden kann, macht er sie in einem viel größerem Maße von sich abhängig. Sukzessive über die Jahrhunderte hinweg vermehrt die Zentralgewalt ihre Steuereinnahmen und baut ihren Verwaltungs- und Kriegsapparat aus. Wurden anfangs noch Steuern nur in Ausnahmefällen, zur Finanzierung laufender Kriege verwendet, werden sie in der frühen Neuzeit immer mehr zur Regel. Eine wachsende Geldmenge und eine wachsendes immer vermögenderes Bürgertum machen ein immer höher werdendes Steueraufkommen möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung nutzt das Beispiel des Flugverkehrs, um die Notwendigkeit von Selbstkontrolle und zentraler Regelung in einer hochgradig vernetzten Gesellschaft zu verdeutlichen.
2. Der Begriff „Zivilisation“: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Ambivalenz des Zivilisationsbegriffs und definiert ihn im Sinne von Norbert Elias als einen langfristigen Prozess des Wandels der menschlichen Persönlichkeitsstruktur.
3. Das Menschenbild und die Methodologie von Norbert Elias: Es wird der Elias’sche Ansatz der Figuration vorgestellt, der den Einzelnen immer als in soziale Geflechte eingebunden betrachtet und die Trennung von Individuum und Gesellschaft ablehnt.
4. Psyochogenese und Zivilisierung des Verhaltens: Dieses Kapitel erläutert, wie zunehmende Interdependenzen den Menschen zwingen, seine Affekte stärker zu regulieren und seine Triebe zu kontrollieren, was zu einer Verfeinerung der Sitten führt.
5. Die Soziogenese des Nationalstaates: Das Kapitel analysiert den Übergang von feudaler Zersplitterung zu zentralisierten Herrschaftsstrukturen durch die Etablierung von Gewalt- und Steuermonopolen.
6. Der Wandel der Nationalstaatlichkeit im Zeitalter der Globalisierung: Die Arbeit schließt mit der Betrachtung, wie transnationale Abhängigkeiten den Nationalstaat herausfordern und ob klassische Monopolmechanismen im 21. Jahrhundert noch greifen.
Schlüsselwörter
Zivilisationsprozess, Norbert Elias, Soziogenese, Psychogenese, Nationalstaat, Gewaltmonopol, Steuermonopol, Figurationssoziologie, Interdependenz, Affektkontrolle, Feudalismus, Herrschaftsmonopol, Globalisierung, Selbstzwang, Fremdzwang
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Untersuchung des Zivilisationsprozesses und der Entstehung des modernen Nationalstaates auf Basis der Theorien von Norbert Elias.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit (Psychogenese) und der Wandel staatlicher Organisationsformen (Soziogenese) im historischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Prozesse der Herrschaftszentralisierung und die Verfeinerung des menschlichen Verhaltens zu analysieren und deren Gültigkeit sowie Herausforderungen in einer globalisierten Welt zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der Figurationssoziologie verwendet, bei der gesellschaftliche Phänomene als Prozesse in interdependenten Beziehungsgeflechten betrachtet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der psychischen Zivilisierung, die Entstehung des Nationalstaates durch den Übergang zur Geldwirtschaft und die heutige Problematik des Staates im Kontext der Globalisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Zivilisationsprozess, Figurationssoziologie, Gewaltmonopol, Interdependenz und Nationalstaat.
Wie unterscheidet sich die Geldwirtschaft von der Naturalwirtschaft in Bezug auf die Herrschaft?
In der Geldwirtschaft kann die Zentralgewalt durch Steuern Geld akkumulieren, was den Aufbau eines stehenden Heeres und einer effizienten Verwaltung ermöglicht, während in der Naturalwirtschaft Macht oft durch Bodenbesitz dezentralisiert wurde.
Warum stellt der Autor die Frage nach der Zukunft des Staates im 21. Jahrhundert?
Weil der Staat heute mit einer zunehmenden Komplexität und globalen Interdependenzen konfrontiert ist, die seine Handlungsfähigkeit einschränken und die Frage nach dem Verhältnis zwischen privatem und öffentlichem Monopol neu aufwerfen.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Steidle (Autor:in), 2011, Der Prozess der Zivilisationen und die Genese des Staates, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302075