Figurative Anthropophagie bei Dante und Montaigne. Die "Ugolino"-Episode in "Divina commedia" und der Essay in "Des cannibales"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Dantes "Ugolino-Episode": Textumfeld und realgeschichtliche Hintergründe

Poetologische und philosophische Deutungsansätze der Anthropophagie-Allegorie bei Dante

Montaignes Essay "Des cannibales": Zeitgeschichtlicher Bezugsrahmen

Kulturtheoretische, topographische und ethnographische Deutungsansätze

Komparatistischer Lösungsansatz und Vergleich

Bibliographie

Einleitung

Der eine: Dante Alighieri, 1265 in Florenz geboren und 1321 in Ravenna gestorben, der Dichter der "Göttlichen Komödie". Am Ausgang des Spätmittelalters stehend und den Übergang zur Frührenaissance markierend, den Lehren der Scholastik verpflichtet. Der andere: Michel Eyquem de Montaigne, 1533 geboren und 1592 gestorben, ein Renaissance- Schriftsteller par excellence, der Erfinder des literarischen Essays. Fast 300 Jahre europäische Geistesgeschichte und -entwicklung zwischen ihnen, und es scheint schwer, einen literarischen Vergleich auch nur zu beginnen. Sucht man nach Parallelen, so fällt ein erstes Augenmerk auf die soziopolitischen Umstände, die zu Lebzeiten der beiden Literaten herrschten. Dante war bereits als junger Mann tief in die Streitigkeiten zwischen weltlicher und geistiger Macht, zwischen Guelfen und Ghibellinen in seiner italienischen Heimat verstrickt: Als 24-jähriger Florentiner kämpfte er auf Seiten der Guelfen als Reitersoldat in der Schlacht von Campalbino (1289) gegen das ghibellinische Arezzo. Die neunziger Jahre des 13. Jahrhunderts und die ersten Jahre des 14. Jahrhunderts waren in Florenz vom Machtkampf zweier politischer Stadtparteien, den papsttreuen Republikanern (den sogenannten "schwarzen Guelfi" oder "Neri") und den kaiserlich orientierten, gegenüber den territorialen Ansprüchen des Papstes ablehnend eingestellten "weißen Guelfen" ("Bianchi") geprägt, deren Vorherrschaft in Florenz zwischen 1295 und 1307 ständig hin und her wogte.1 Dante, der sich für die Wiedereinsetzung des Kaisertums als der gottgewollten, weltlichen Ordnungsmacht und für eine nur den geistigen Belangen zugeordnete, allen weltlichen

Ansprüchen entsagende Kirche einsetzte, gehörte den Bianchi zu. Im Jahre 1301 wurde er als deren wichtigster florentinischer Fürsprecher und politischer Vertreter in Rom festgesetzt, während Abgesandte des Papstes Bonifatius VIII. in Florenz die Herrschaft der Neri über die Stadt bewirkten und es zu Plünderungen, Morden und Brandschatzungen gegen die weißen Guelfen und deren Besitztümer kam. Daraufhin (ab 1302) wurde Dante wegen des Widerstands gegen den Papst zum Exil, schließlich gar zum Tode verurteilt, und fortan konnte er seine Heimatstadt nicht mehr betreten. Es begann eine lange Pilgerzeit, die den Dichter durch ganz Italien führte und während der er die "Göttliche Komödie" schrieb (das "Inferno" wahrscheinlich zwischen 1304 und 1307).

Auch Montaigne war politisch aktiv, bevor er als 39-jähriger Privatmann 1572 begann, seine "Essais" zu verfassen; er saß zwischen 1557 und 1570 als Richter und Rat im Stadtparlament von Bordeaux und war dort ab 1581 sogar für einige Jahre Bürgermeister, was angesichts der von 1562 bis 1598 andauernden Hugenottenkriege in Frankreich alles andere als ein leichtes Amt gewesen sein muss. Frankreich, das mit diesem tiefen Konflikt, dem aufkeimenden Protestantismus und der im selben Jahrhundert stattfindenden Besiedelung der "Neuen Welt" Südamerikas eine der bewegendsten Epochen seiner Geschichte erlebte, befand sich in ähnlicher Weise in einer Stimmung des Aufbruchs und der Erneuerung wie das Italien Dantes zu Anfang des 14. Jahrhunderts.

Doch stehen neben diesen scheinbaren Parallelen zwischen den beiden Persönlichkeiten die völlig unterschiedlichen Arten der Verwurzelung in geistigen Traditionen. Dantes mythisch- seherische Dichtung und Montaignes Essays, die im zitierenden Rückgriff auf antike Dichter eine ganz neue Selbsttechnik ins Werk setzten, sind als literarische Formen nicht nur wegen ihrer verschiedenen Epochen- und Gattungszugehörigkeit schwer nebeneinander zu stellen. Die einzige Klammer finden sie in der vorliegenden Hausarbeit in einem ihrer Motive, der Anthropophagie. Im 32. Gesang des "Inferno" trifft der Pilger Dante in Begleitung des Dichters Vergil im letzten, dem 9. Höllenkreis auf den Grafen Ugolino della Gherardesca, der, bis zum Halse eingefroren im Eismeer der Verdammten, am Kopf seines Mörders nagt. Dante, der mit Ugolino die zeitgenössischste Figur der Komödie vorstellt, lässt ihn die schlimmste Höllenstrafe erleiden, schildert mit knappen, aber sehr präzisen poetischen Worten das Geschehen und lässt Ugolino seine Leidensgeschichte erzählen. Dabei erschließt sich die grausame Handlung weniger auf dem Hintergrund einer ausschweifenden Beschreibung des höllischen Tuns von Ugolino, als vielmehr auf dem der Verwerflichkeit der Sünde, für die der kannibalische Akt vom Dichter Dante als göttliche Strafe vorgesehen ist.

Bei Montaigne hingegen ist der Kannibalismus kein literarisches Motiv in dem Sinne, dass es poetologisch gebrochen bzw. mythologisch versetzt wird. Vielmehr bedient sich Montaigne zeitgenössischer Berichte von aus Brasilien zurückgekehrten Missionarsreisenden, die er als Quellen heranzieht, und verwertet das Neue und de facto Fremde, das aus diesen Berichten über die Kulte und Riten bislang unbekannter Völker spricht, in einer bestimmten, noch zu benennenden Weise für eine kulturkritische Analyse. Während Dante den Gedanken, dass Menschen einander auffressen, im wahrsten Wortsinne in das beschriebene Umfeld miteinfriert und - in figurativer Nähe zu Luzifer - in einem materialisierenden Sinne zur Wirkung kommen lässt, verklärt Montaigne das Menschenfressertum zu einem kulturellen Akzidens, das sozusagen von außen Botschaften an den sendet, der es beobachtet. Ganz dem Tenor von "Des cannibales" gemäß findet er den Kannibalismus der Indianer keineswegs verwerflich, sondern das Moralische zeigt sich erst durch die gebrochene Perspektive, mit der ein (vermeintlich) zivilisierter Mensch auf ein (vermeintlich) barbarisches Tun sieht, es aber versäumt, durch diese Betrachtung die eigene Rohheit zu entdecken.

Bei Dante scheint es schwer vorstellbar, dass der anthropophage Akt anders als allegorisch gemeint ist. Und ebenso klar scheint es zu sein, dass es nur um die individuelle Sünde bzw. die individuelle Strafe geht, die einem bestimmten Fall des Vergehens (dem Verrat) zugeordnet wird. Das niedrigste Allgemein-Menschliche wird an einem besonders grausamen Fall exemplifiziert. Bei Montaigne hingegen scheint es sich gerade umgekehrt zu verhalten: Hier wird das Grausame als das Zufällige, Normale und Unspektakuläre dargestellt, das jederzeit durch eine andere Grausamkeit, die Menschen einander zuzufügen imstande sind, ersetzt werden kann. Das Grausame erscheint somit nur als Ausdruck eines Missverstehens, dessen Grund in einer individuellen Unfähigkeit liegt, das AllgemeinMenschliche höher zu schätzen.

Diese verschiedenen Sichtweisen auf ein und dasselbe, literarisch behandelte Motiv (die Anthropophagie) gilt es an den Texten zu entdecken und auf ihre jeweilige sprachliche Ausgestaltung hin zu betrachten. Der erklärte Anspruch dieser Hausarbeit besteht darin, die religiösen, philosophischen und ästhetischen Konnotationen der von Dante und Montaigne verwendeten stilistischen und textimmanenten Deutungsmöglichkeiten des Anthropophagie-Motivs zu benennen und auf dem Hintergrund einer vergleichenden Analyse zu entfalten. Im abschließenden komparatistischen Teil werde ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Textanalysen noch einmal hervorheben.

Dantes "Ugolino-Episode": Textumfeld und realgeschichtliche Hintergründe

Die sogenannte "Ugolino-Episode" bildet den Hauptteil des 33. Gesangs des "Inferno", und sie ist, zusammen mit dem 5. Gesang (der Geschichte der beiden Liebenden Francesca und Paolo), die in der Dante-Literatur am meisten rezipierte und weiterentwickelte Textstelle aus dem Höllen-Teil der "Göttlichen Komödie". So verfasste etwa Heinrich Wilhelm von Gerstenberg 1768 die Tragödie "Ugolino" und unterzog sich dem schwierigen Unterfangen, die epische Dichtung Dantes in eine dramatische Form zu bringen.2 Die Handlung hebt wie folgt an: Der Pilger Dante erreicht mit seinem Begleiter Vergil im 31. Gesang den letzten, den 9. Kreis der Hölle: Sie nähern sich "einer Zone, wo Hilfe weit ist und der Untergang nahe."3

Aus der Ferne hören die Wanderer einen gewaltigen Hornstoß.4 Im Halbdunkel nähern sie sich einigen angeketteten, bis zur Mitte in Steinbrunnen versenkten Riesen, die rund um den 9. Höllenkreis stehen und die die beiden Höllenbesucher zunächst mit riesigen Türmen verwechseln; unter ihnen sind Prometheus, Ephialtes und Nimrod. Einer der Riesen, Antäus, erliegt der Schmeichelei Vergils und lässt die beiden Pilger auf seiner Hand zum Kokytos - dem zugefrorenen Höllenfluss, aus dem der letzte Höllenkreis besteht - herab. Hier, wie im 32. Gesang beschrieben, befinden sich die Verräter und Hochverräter. Dante macht eine erste Begegnung mit den versammelten Bestraften, die im Eise bis zu den Köpfen eingefroren sind und deren Tränen zu Eisklumpen gefrieren: Er tritt versehentlich gegen den Kopf einer der vielen tausend Kreaturen, die dort im Eise gefangen sind. Es ist Bocca degli Abati, der aber seinen Namen nicht nennen will; erst ein anderer der eingefrorenen Sünder verrät ihn Dante schließlich aus Bosheit.

Ich meine, die Erwähnung Boccas ist in einem gewissen Sinne von Dante als Vorbereitung auf den Auftritt des Grafen Ugolino angelegt worden. Es handelt sich um eine Figur, die in der Schlacht zwischen Guelfen und Ghibellinen bei Montaperti am 4. September 1260 eine hässliche Rolle spielte: Der guelfischen Armee angehörend - der Armee also, "deren Erfolg das Geschlecht der Alighieri lebhaft wünschte"5 -, wurde Bocca von den Ghibellinen bestochen und hackte kurz vor der Schlacht dem guelfischen Fahnenträger den rechten Arm ab, so dass die Armee in Verwirrung geriet und dieser Umstand zur ihrer Niederlage beitrug.

Der Pilger Dante sieht daraufhin im Eis einen Kopf, der mit den Zähnen auf einen anderen Kopfunter ihm einhaut und an ihm eine Mahlzeit hält. Dieser ist also der Graf Ugolino und der, den er zernagt, ist Erzbischof Ruggieri. Auch für diese Konstellation gibt es einen zeitgenössischen Hintergrund6: Graf Ugolino aus Pisa war das Haupt einer Gruppe innerhalb der guelfischen Partei, der sich, um die Oberhand über eine andere, von seinem Schwiegersohn Nino Visconti geführte Parteigruppe zu gewinnen, mit dem Erzbischof von Pisa (Ruggieri degli Ubaldini) verbündete. Nach der Niederlage Ninos aber verklagte Ruggieri Ugolino beim Volk, er habe gegen Geld den Florentinern und Lucchesen einige Kastelle überlassen. Das aufgebrachte Volk nahm daraufhin Ugolino und seine beiden Söhne Gaddo und Uggocione, sowie seine Enkel Brigata und Anselmucchio gefangen und sperrte sie auf Geheiß des Bischofs 1288 in den Turm der Gualandi, einer mit Ruggieri befreundeten, vornehmen Familie aus Pisa. Dort - wie es bei Dante heißt: "in einem Falkenkäfig" - wurden sie lange Wochen gefangen gehalten und schließlich dem Hungertod überlassen.

Poetologische und philosophische Deutungsansätze der Anthropophagie- Allegorie bei Dante Ugolinos Erzählung seines im Turm erlittenen Schicksals im 33. Gesang beschreibt in menschlich anrührender Weise die Gefühle des Vaters angesichts seiner über viele Tage hinweg vor seinen Augen sterbenden Kinder, bevor er selbst den Hungertod stirbt. Dies läuft der dem "Inferno" eigentümlichen erzählerischen Intention - der zufolge der Bericht Ugolinos an Dantes Adresse nur erfolgt, um dem ebenfalls anwesenden Ruggieri Schande zu bereiten - jedoch seltsam zuwider. Die entsprechende, die Episode einleitende Passage aus Inf. XXXII (42. und 43. Terzine) lautet:

„Wir hatten diesen Sünder [Bocca; Anm. von mir] schon verlassen, Da sah ich zwei vereist in einem Loche;

Der Kopf des einen schien der Hut des andern. Wie in das Brot gebissen wird aus Hunger, So biß der obre jenen mit den Zähnen Dort, wo das Hirn dem Nacken sich verbindet.“

Auffallend und verwirrend an dieser rohen und detaillierten Schilderung sind zunächst zwei Elemente: Ugolino ist hier, entgegen dem realen Hintergrund dieser Personenkonstellation, "nicht der Verräter, sondern der Verratene. (...) In Ugolino spricht nicht der Verräter, sondern der Verratene, der in sich selbst und seinen Söhnen beleidigte Mensch."7 Das von Dante im Inferno durchgehend angewandte Grundprinzip der "vendetta", der göttlichen Rache (bzw. die mittelalterliche Idee des "contrapasso", nach der mit der Bestrafung im Prinzip Gleiches mit Gleichem und rückwirkend vergolten werden soll8 ) wird hier von Dante modifiziert. Während Bocca noch der politische Verrat an der guelfischen Sache anhaftete und von Dante im 32. Gesang auch als "garstiger Verräter" beschimpft und "Sünder" genannt wird, lässt Dante Ugolino eine andere Behandlung widerfahren: Er hört ihm geduldig zu und lässt ihm schließlich beinahe Mitleid angedeihen (vgl. etwa die 29. Terzine).9 Anstatt dessen Verrat an Pisa zu thematisieren oder auch nur zu erwähnen, ergeht er sich in Anschuldigungen an diese Stadt ("0 Pisa, Schandmahl du des ganzen Volkes" - 27. Terzine) und wünscht ihr, sie solle vom Arno überflutet werden. Der Verrat Ugolinos wiegt also, weil er Boccas Vergehen im Verlauf des Pilgergangs durch die Hölle chronologisch nachgeordnet ist, in Dantes Moralkategorien offenbar schwerer als dieses. Andererseits scheint gerade Ugolinos Person (dessen und seiner Kinder menschenunwürdiges Schicksal in dem Turm Dante so sehr bewegt, dass er es ihn über 24 Terzette hinweg in anrührenden Worten schildern lässt) zum Inbegriff eines liebenden und somit tragisch endenden Wesens zu werden. De Sanctis schreibt: "Dieser Mensch [Ugolino; Anm. von mir] hasst sehr, weil er sehr geliebt hat. Der Hass ist unendlich, weil die Liebe unendlich ist, und der Schmerz ist verzweifelt, weil es keine Rache gibt, die der Beleidigung gleichkäme."10

Das zweite Element erschließt sich, wenn man beachtet, dass der anthropophage Akt selbst vom Dichter Dante erst nach Abschluss der Erzählung Ugolinos von seinem langsamen 6 Hungertod und der Tragödie vom Tod der Kinder fortgesetzt wird und so gleichsam ein rahmenhaftes Zeichen, ein "bestial segno", bildet:

„Nach diesem Wort griff er, die ugen rollend,

Den armen Schädel wieder mit den Zähnen

Und nagte kräftig, wie ein Hund den Knochen.“ (26. Terzine)

[...]


1 vgl. das Nachwort von Manfred Hardt in: Alighieri, Dante (2003); S. 539 ff. Aus diesem Band stammen auch die nachfolgenden Dante-Zitate aus der „Göttlichen Komödie“, deren Übertragung aus dem Italienischen von Hermann Gmelin vorgenommen wurde. Da ich nur aus dem „Inferno“, dem ersten der drei Teile der „Divina Commedia“ zitieren werde, erscheinen in dieser Hausarbeit die Dante-Zitate nur mit Angaben des Gesangs und der Terzinennummerierung.

2 vgl. Hölter (2002); S. 93. Als weitere deutschsprachige Umsetzungsversuche der Ugolino-Episode nennt Hölter die Dramen „Der Hungerthurm in Pisa“ von J. J. Bodmer (1769) und C. U. Boehlendorffs „Ugolino Gherardesca“ (1801).

3 Lagercrantz (1997); S. 99.

4 Nach Lagercrantz (ebd.; S. 101) ist das Hornsignal ein Zeichen, das auf das Geschehen im 9. Höllenkreis selbst, wie es der 32. und der 33. Gesang beschreiben, vorausweist: „Der Hornstoß diente eigentlich dazu, den Auftritt des Grafen Ugolino und der wilden Naturen, die zusammen mit ihm gepeinigt werden, vorzubereiten.“

5 ebd.; S. 102.

6 Die folgenden Informationen stammen aus den Anmerkungen zum 33. Gesang von Rudolf Baehr in der Reclamausgabe der „Göttlichen Komödie“ (2003); S. 431 f.

7 vgl. De Sanctis in: Friedrich (Hg., 1968); S. 31: „Ugolino ist der Verratene, den die göttliche Gerechtigkeit an diesen Schädel geheftet hat, aber er ist nicht nur der Scharfrichter, der Vollstrecker von Befehlen, die seiner Seele fremd bleiben, sondern er ist zugleich der Beleidigte, der von sich aus den Haß und die Rache zufügt.“

8 vgl. hierzu De Sanctis, ebd.; S. 32 und Hardt, a.a.O.; S. 548.

9 Nun ist, wie Benedetto Croce (in: Friedrich (Hg., 1968); S. 56) feststellt, der fehlende Abscheu vor den Verdammten in der Hölle, dafür aber „Vertraulichkeit, Zärtlichkeit, Neigung, Ehrerbietung für viele von ihnen“ eine durchgängige Haltung Dantes gegenüber den Sündern in den Malebolgen des Inferno. Im Falle Ugolinos meine ich aber zudem ein gewisses Absehen Dantes von Ugolinos Person bzw. von der persönlichen Schuld dieses Mannes, dafür einen umso deutlicheren, negativ konnotierten Hinweis auf Pisa, die mit Florenz durch den Fluss Arno verbundene Stadt, herauslesen zu können. Die wirtschaftliche Abhängigkeit Florenz' vom ghibellinischen Pisa zu Zeiten Dantes, die aufgrund der Tatsache bestanden hat, dass Pisa wegen seiner geographisch günstigeren Lage an der Arnomündung höhere Zölle als Florenz für die auf dem Wasserweg nach Osten gelangenden Waren erheben konnte, mag also für Dante das größere und verdammenswertere Übel gegenüber der persönlichen Verräterschaft, der "Sünde" Ugolinos gewesen sein.

10 De Sanctis in: Friedrich (Hg., 1968); S. 36.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Figurative Anthropophagie bei Dante und Montaigne. Die "Ugolino"-Episode in "Divina commedia" und der Essay in "Des cannibales"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Komparatistisches Seminar)
Veranstaltung
Kannibalen
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V302656
ISBN (eBook)
9783668008274
ISBN (Buch)
9783668008281
Dateigröße
969 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figurative, anthropophagie, dante, montaigne, ugolino, divina, essay
Arbeit zitieren
Frederik Schlenk (Autor), 2005, Figurative Anthropophagie bei Dante und Montaigne. Die "Ugolino"-Episode in "Divina commedia" und der Essay in "Des cannibales", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302656

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