Das Bestreben zum Wandel, der seit den achtziger Jahren in Ostmitteleuropa von statten ging, wirft noch heute Fragen auf. Das öffentliche Leben, die wirtschaftlichen Prozesse, Politik und Gesellschaft, dies alles war einer starken Umstrukturierung unterzogen. Ungarn ist bis auf sein schweres Erbe dem gescheiterten Aufstand gegen das kommunistische Regime, welcher von Sowjettruppen niedergeschlagen wurde, ein herausragendes Beispiel für eine friedliche Transformation. Diese Transformation ist natürlich das Werk vieler Unternehmungen. Opposition und Dissidenz spielten hier eine tragende Rolle.
Der Begriff „Transformation“ bezieht sich auf eine ganze Epoche, welche in drei charakteristische Phasen zu unterteilen ist: Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung. Die vorliegende Arbeit fundiert auf den theoretischen Ansätzen von Wolfang Merkel, welche die Transformation im Hinblick auf seine großen Mitspieler, die Eliten, untersucht hat. Der zu untersuchende Gegenstand dieser Arbeit soll Ungarn sein. Der Transformationsprozess in Ungarn stellt sich als gut zu gliedern heraus, besonders in die drei oben genannten Phasen. Auch lassen sich die Aktivitäten der Eliten gut nachvollziehen. In der hier vorliegenden Arbeit soll der Frage auf den Grund gegangen werden, ob man Ungarn schon nach den ersten Wahlen bzw. nach der Verfassungsgebung als eine konsolidierte Demokratie betrachten kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Wann ist Wandel abgeschlossen?
2. Akteurstheorien
2.1 Der Deskriptiv-empirische Ansatz
2.2 Rational-Choice-Ansätze
2.3 Theoriesynthese
2.4 Hybride Übergangsformen nach Maćków
3. Ungarn – Eine friedliche Transformation
3.1 Liberalisierung
3.2 Demokratisierung
3.3 Konsolidierung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Transformationsprozess Ungarns nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes anhand des akteurstheoretischen Modells von Wolfgang Merkel. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, ob Ungarn bereits nach den ersten freien Wahlen und der Verfassungsgebung als konsolidierte Demokratie betrachtet werden kann.
- Anwendung von Akteurstheorien zur Analyse politischer Systemwechsel
- Unterscheidung zwischen Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung
- Rolle der politischen Eliten im ungarischen Transformationsprozess
- Bewertung der ungarischen Systemtransformation unter Berücksichtigung von Maćkóws hybriden Übergangsformen
- Analyse der Wahlbeteiligung und der Akzeptanz demokratischer Institutionen in Ungarn
Auszug aus dem Buch
3.1 Liberalisierung
Schon in den 1950er Jahren brachen in den Kommunistischen Parteien Flügelkämpfe aus, „diese […] eröffneten zugleich auch für Akteure außerhalb der Parteiführung Gelegenheiten für die Artikulation kritischer bzw. nonkonformistischer politischer Bestrebung.“ Auch die Niederschlagung des Volksaufstandes konnte den Widerstand nicht unterdrücken. János Kádár definierte seine eigene Strategie danach schon als Kampf an zwei Fronten, denn er trat für die Entstalinisierung ein, stellte sich aber während des Widerstandes gegen die Reformer. Szabó schreibt: „ Auf der einen Seite repräsentierte und wahrte er den Moskauer Hegemonialanspruch. Auf der anderen wurden unter seiner Führung signifikante Liberalisierungsprozesse eingeleitet oder zumindest toleriert.“ Kádár kann also durchaus als Wegbereiter für das spätere Voranschreiten der Transformation verstanden werden, denn er machte durch ideologische Öffnungen und eine tolerante Haltung gegenüber Regimekritikern der oppositionellen Bewegung Zugeständnisse. Amnestien wurden erlassen und Anhänger und Unterstützer des gescheiterten Widerstandes wurden nicht mehr verfolgt.
Dies machte einen Pluralismus im Untergrund möglich. Nach 1968 teilte sich das Regime in Soft- und Hardliner. Zu den Hardliner gehörten z.B. János Kádár, János Berecz und Károly Grósz. Bekannte Softliner waren Imre Pozsgay und Istvan Horváth. Die Initiierung der Spaltung, die eine Liberalisierung möglich macht, geschah durch die Erkenntnis, dass es auch politische Alternativen gibt. Schon nach dem von der Roten Armee niedergeschlagenen Volksaufstand regten sich die ersten Softliner, was endgültig mit der Besetzung von Prag vorangetrieben wurde. Die Beteiligung ungarischer Truppen an der sowjetischen Intervention am Prager Frühling weckte in den zahlreichen ungarischen Intellektuellen einen Glauben an die Demokratisierung, womit dann der Aufruf der Mitglieder der Budapesterschule zur Solidarisierung mit der tschechoslowakischen Demokratiebewegung einherging. Dies war seit der gescheiterten Revolution 1956 die erste öffentliche Artikulation von Protest und läutete den Übergang zur nicht-kommunistischen Ära ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wann ist Wandel abgeschlossen?: Einführung in das Thema der Transformation in Ostmitteleuropa und Darlegung der theoretischen Grundlage sowie der Forschungsfrage bezüglich Ungarns.
2. Akteurstheorien: Erläuterung der akteurstheoretischen Ansätze, unterteilt in deskriptiv-empirische Ansätze, Rational-Choice-Modelle, eine Theoriesynthese und die Betrachtung hybrider Formen nach Maćków.
3. Ungarn – Eine friedliche Transformation: Detaillierte Analyse des ungarischen Transformationsprozesses, unterteilt in die Phasen der Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Anwendbarkeit des Drei-Phasen-Modells auf Ungarn und Diskussion des Konsolidierungsgrads unter Einbeziehung alternativer Erklärungsansätze.
Schlüsselwörter
Transformation, Ungarn, Systemwechsel, Akteurstheorie, Demokratisierung, Konsolidierung, Liberalisierung, Eliten, Kádárismus, Opposition, Runder Tisch, Parlamentswahlen, politische Partizipation, politische Kultur, Transformationstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den politischen Transformationsprozess in Ungarn von der Ära des Kommunismus bis zur Etablierung eines neuen demokratischen Systems nach 1990.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Systemwechsel, die Rolle von politischen Eliten (Softliner vs. Hardliner), die Phasen der Demokratisierung und die Konsolidierung demokratischer Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit das Drei-Phasen-Modell der Transformation nach Wolfgang Merkel auf Ungarn anwendbar ist und ob Ungarn nach den ersten Wahlen als konsolidierte Demokratie gelten konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf einen akteurstheoretischen Ansatz, der Systemwechsel als das Ergebnis subjektiver Entscheidungen und Strategien relevanter Akteure betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch verschiedene Akteurstheorien und eine empirische Anwendung dieser Theorien auf die Phasen der Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung in Ungarn.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Transformation, Ungarn, Akteurstheorie, Demokratisierung, Konsolidierung und Kádárismus.
Wie bewertet der Autor die Rolle von János Kádár?
Der Autor sieht Kádár als ambivalenten Wegbereiter, der einerseits den Moskauer Hegemonialanspruch vertrat, aber durch ideologische Öffnungen und Zugeständnisse an Regimekritiker den späteren Wandel erst ermöglichte.
Warum war die Wahlbeteiligung bei den ersten freien Wahlen laut Autor "verwunderlich"?
Der Autor findet die Beteiligung von 65,1 % verwunderlich, da er erwartet hätte, dass ein Volk, das sich so sehr nach Demokratie sehnte, eine nahezu hundertprozentige Wahlbeteiligung erzielen würde.
Zu welchem Schluss kommt der Autor bezüglich des Modells von Maćków im Vergleich zu Merkel?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass im Hinblick auf die Konsolidierung der Ansatz von Maćków, der auf der Verinnerlichung demokratischer Prozesse basiert, schlüssiger ist als das Modell von Merkel.
- Citation du texte
- Philipp Amadeus Skudelny (Auteur), 2015, Die Ungarische Transformation. Eine friedliche Revolution vom Volk gewollt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302755