Die Theorie der "großen Syntagmatik". Filmsemiotik aus Sicht des französischen Filmtheoretikers Christian Metz


Hausarbeit, 2014

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die große Syntagmatik des Films
2.1. Die autonome Einstellung
2.2. Das parallele Syntagma
2.3. Das Syntagma der zusammenfassenden Klammerung
2.4. Das deskriptive Syntagma
2.5. Das alternierte Syntagma
2.6. Die Szene
2.7. Die gewöhnliche Sequenz
2.8. Die Sequenz durch Episoden

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Filmverzeichnis

Die Theorie der „Großen Syntagmatik“ von Christian Metz

1. Einführung

Christian Metz war ein französicher Filmtheoretiker und Vertreter der Filmsemiotik. Er betrachtete und untersuchte das Medium Film also vorrangig als Zeichensystem.

In der vorliegenden Arbeit soll seine Theorie der „großen Sytagmatik“ vorgestellt und anhand verschiedener Filmbeispiele veranschaulicht werden. Ich beziehe mich dabei auf Texte, welche von ihm selbst verfasst wurden

Im Vorwort des Buches Semiologie des Films1, welches verschiedene Aufsätze von Metz zum Thema bündelt, stellt W. A. Koch fest, dass die „wissenschaftliche Verwandtschaft“ zwischen der Film- und der Literaturwissenschaft „nicht zu leugnen“ sei. Der Film sei schon früh das Ziel textwissenschaftlicher Überlegungen gewesen.2

Christian Metz sei dabei einer der ersten Filmtheoretiker gewesen, welcher eine „generelle, übertragbare, strukturelle Formulierung des filmischen Verstehungsprozess anstrebten“3. Daher entwickelte er die Theorie der großen Sytagmatik, welche die Möglichkeiten der Montage systematisch erfasst, indem sie ein Regelwerk aufstellt, welches acht Varianten vorgibt Einstellungen miteinander zu verknüpfen. Die große Syntagmatik kann daher auch als eine Filmgrammatik bezeichnet werden und ist ein wichtiger Ausgangspunkt für eine struktural orientierte Untersuchung des Films.

2. Die große Syntagmatik des Films

Christian Metzs semiologischer Ansatz stellt den Versuch dar, einige der Kategorien, die sich bereits für die Textanalyse als ergiebig erwiesen hatten, auf die Filmanalyse zu übertragen und den Film mit der verbalen Sprache zu vergleichen. In Anlehnung an die Sprachwissenschaft nennt er die acht Sequenztypen des Films, welche er in seinem Aufsatz Probleme der Denotation im Spielfilm4 definiert hat, Syntagmen.

Die kleinste Einheit des Films ist für ihn die Einstellung. Werden dann mehrere Einstellungen verknüpft entstehen Sytagmen.5

Es gibt seiner Meinung nach die autonome Einstellung, das parallele Syntagma, das Syntagma der zusammenfassenden Klammerung, das deskriptive Sytagma, das alternierte Sytagma, die Szene, die gewöhnliche Sequenz und die Sequenz durch Episoden.

Metz ist der Ansicht, dass alle Sequenzen im Film an diese Grundkonstruktionen gebunden sind. Allerdings müssen nicht alle Sequenztypen in einem Film vorkommen, genauso wenig wie in einem geschriebenen Text alle Typen grammatikalischer Konstruktionen vorkommen müssen.6 Aus diesem Grund werde ich für die Veranschaulichung der Theorie der großen Syntagmatik auch keinen einzelnen Film analysieren, sondern die Sequenztypen anhand verschiedener Beispiele erklären.

2.1. Die autonome Einstellung

Die autonome Einstellung ist laut Metz eine einzelne Einstellung, welche nicht mit anderen Einstellungen zu einer Sequenz zusammengefasst wird und unterscheidet sich daher stark von den restlichen sieben Syntagmen, welche eine Verknüpfung mehrere Einstellungen darstellen. Streng genommen kann man die autonome Einstellung daher dem Wortsinn nach nicht als „Syntagma“ bezeichnen. Da es aber Fälle gibt, in denen eine Handlung innerhalb einer einzigen Einstellung vermittelt wird und diese so einen Sequenzcharakter erhält, kann auch eine einzelne Einstellung autonom sein und einen eigenen Sequenztypen bilden. Das bedeutet aber, dass nur manche Einstellungen im Film eigene Sequenztypen sind und nicht alle. Viele Einstellungen sind nur Teil eines anderen Sequenztyps.7

Ein Beispiel für eine autonome Einstellung mit Sequenzcharakter sind die so genannten „Plansequenzen“. Eine Plansequenz ist eine Szene, die in einer Einstellung abgedreht wird. Es wird also ein Handlungssegment ohne Schnitt dargestellt. Eine solche Plansequenz findet sich zum Beispiel im Film Casino 8, um den Schauplatz einzuführen. Die Kamera folgt einem Mann, welcher durch die verschiedenen Räume eines Kasinos läuft.9 Generell werden Plansequenzen häufig am Beginn von Filmen genutzt um den Ort und die Personen vorzustellen. Auf diese Weise kann die Orientierung des Zuschauers nicht durch die Montage gestört werden.

2.2. Das parallele Syntagma

Das Parallele Syntagma ist laut Christian Metz eine Form der Parallelmontage, bei welcher mindestens zwei Motive verflochten werden, indem sie abwechselnd gezeigt werden. Allerdings stehen diese Motive in keinem raum-zeitlichen Kontext zueinander, sondern stellen eine symbolische Verknüpfung dar.10 Es soll bei der Verwendung des parallelen Syntagmas also ein inhaltlicher Vergleich stattfinden und so die Aussage des Films vermittelt werden. Solche Vergleiche können beispielsweise die zwischen arm und reich, Stadt und Land, Tier und Mensch oder ähnlichem sein. Ein sehr berühmtes Beispiel hierfür findet sich im Film Streik 11 von Sergej Eisenstein. Am Schluss des Films sieht man eine Gegenüberstellung der Schlachtung eines Tieres und der Zerschlagung eines Streiks, bei welcher viele der Streikenden getötet werden.12 Da hier keine raum-zeitliche Beziehung vorhanden ist, kann sich der polemische Unterton der Verknüpfung unabhängig von erzählerischen Zusammenhängen entfalten.

2.3. Das Syntagma der zusammenfassenden Klammerung

Beim Syntagma der zusammenfassenden Klammerung werden laut Christian Metz Szenen miteinander verknüpft, welche zwar keinen temporalen, aber einen thematischen Zusammenhang bilden und so „als typisches Beispiel für eine bestimmte Realität“13 angesehen werden können. Es werden also Einstellungen miteinander verknüpft, welche erst durch diese Verknüpfun eine Bedeutung erhalten. Er nennt diese Montage deshalb Syntagma der zusammenfassenden Klammerung, weil sie zwischen den Einstellungen ein ähnliches Verhältnis schafft wie eine Klammer, welche Worte einschließt. Der Unterschied zum parallelen Sytagma liegt darin, dass beim Syntagma der zusammenfassenden Klammerung Einstellungen zu einer Gruppe zusammengefasst werden, während beim parallelen Syntagma zwischen Einstellungen gewechselt wird und sie so gegenübergestellt werden. Als Beispiel für ein Syntagma der zusammenfassenden Klammerung nennt Metz „die erotischen Evokationen“ in Eine verheiratete Frau. Diese skizzieren seiner Meinung nach eine „globale Bedeutung wie ‚moderne Liebe‘“14.

2.4. Das deskriptive Syntagma

Das deskriptive Syntagma besteht, wie der Name schon sagt, aus beschreibenden Einstellungen. Diese Einstellungen stehen im Verhältnis der Gleichzeitigkeit. Dies bedeutet, dass die aufeinanderfolgenden Bilder zwar räumlich miteinander verbunden sind, aber nicht zeitlich aufeinanderfolgen.15 Dies ist zum Beispiel bei der filmischen Beschreibung von Landschaften der Fall. Die verschiedenen Komponenten werden zwar hintereinander gezeigt, sind aber gleichzeitig vorhanden. Der Zuschauer muss das Gesehene in diesem Fall nicht in Gedanken zeitlich aneinanderreihen. Fast jede Einführungssequenz von Filmen ist ein Beispiel für ein deskriptives Syntagma, da hier häufig der Schauplatz des Films durch mehrere Einstellungen aus verschiedenen Perspektiven vorgestellt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Eröffnungssequenz von Einer flog über das Kuckuksnest 16, in welcher die psychiatrische Anstalt beschreibend vorgestellt wird.

2.5. Das alternierte Syntagma

Das alternierte Syntagma ist ein Sequenztyp, den man als klassische Parallelmontage bezeichnen könnte. Im Gegensatz zum parallelen Syntagma haben die beim alternierten Syntagma gezeigten Einstellungen einen temporalen und nicht nur einen thematischen Bezug zueinander. Sie werden zwar nacheinander im Wechsel gezeigt, sollen aber als gleichzeitig stattfindend erkannt werden.17 Klassische Beispiele für das alternierte Syntagma sind Verfolgungsjagden. Hier sieht man häufig den Verfolgten und den Verfolger im Wechsel. Aber es gibt auch untypischere Beispiele, wie zum Beispiel eine Szene in der Pate 18, in welcher man eine Taufe und die Vorbereitung sowie die Ausführung verschiedener Morde im Wechsel sieht.19 Diese beiden Handlungsstränge laufen gleichzeitig ab, was durch das Alternieren deutlich wird.

[...]


1 Christian Metz: Semiologie des Films, München: Fink 1972.

2 W. A. Koch: „Vorwort zur deutschen Ausgabe“, in: Ders.: Semiologie des Films, München: Fink 1972, S.11 - 16, hier S. 11.

3 Koch: „Vorwort zur deutschen Ausgabe“, S. 12.

4 Christian Metz: „Probleme der Denotation im Spielfilm“, in: Texte zur Theorie des Films, Hg. Franz-Josef Albersmeier, Stuttgart: Reclam 42001, S. 321 - 370.

5 Vgl. Christian Metz: „Einige Gedanken zur Semiologie des Kinos“, in: Ders.: Semiologie des Films, München: Fink 1972, S. 130 - 150, hier S. 149.

6 Vgl. Christian Metz: „Syntagmatische Analyse des Films ‚Adieu Philippine‘ von Jacques Rozier“, in: Ders.: Semiologie des Films, München: Fink 1972, S. 232 - 237, hier S. 232.

7 Vgl. Metz: „Probleme der Denotation im Spielfilm“, S. 336f.

8 Casino, Regie: Martin Scorsese, US/FR 1995; TV-Ausstrahlung, Arte 16.05.2011.

9 Vgl. Casino, 0h06' - 0h08'.

10 Vgl. Metz: „Probleme der Denotation im Spielfilm“, S. 338.

11 Stachka, Regie: Sergej M. Eisenstein, RU 1924; DVD-Video, Strike, Eureka Video 2000.

12 Vgl. Stachka, 1h32' - 1h34'.

13 Metz: „Probleme der Denotation im Spielfilm“, S. 338.

14 Metz: „Probleme der Denotation im Spielfilm“, S. 339.

15 Vgl. Metz: „Probleme der Denotation im Spielfilm“, S. 340.

16 One flew over the cuckoo's nest, Regie: Miloš Forman, US 1975; DVD-Video, Einer flog über das Kuckucksnest, München: Süddeutsche Zeitung 2005.

17 Vgl. Metz: „Probleme der Denotation im Spielfilm“, S. 341.

18 The Godfather, Regie: Francis Ford Coppola, US 1972; DVD-Video, Der Pate, Los Angeles: Paramount Pictures 2005.

19 Vgl. The Godfather, 2h30'-2h34'.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Theorie der "großen Syntagmatik". Filmsemiotik aus Sicht des französischen Filmtheoretikers Christian Metz
Hochschule
Universität Wien
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
8
Katalognummer
V302798
ISBN (eBook)
9783668012516
ISBN (Buch)
9783668012523
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, syntagmatik, filmsemiotik, sicht, filmtheoretikers, christian, metz
Arbeit zitieren
Annika Pech (Autor), 2014, Die Theorie der "großen Syntagmatik". Filmsemiotik aus Sicht des französischen Filmtheoretikers Christian Metz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302798

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