Polyvalenz als eines der Hauptkriterien für Kanonizität eines Werkes ist in der vorliegenden Arbeit zentral. Anhand dieser Eigenschaft soll aufgezeigt werden, dass Lessings „Emilia Galotti" auch heute noch seine Berechtigung im literarischen Kanon findet. Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung ist der Dramenschluss.
Wie Horst Steinmetz zu Beginn seines Aufsatzes „Emilia Galotti“ feststellt, gehören „Untergang und Tod des Protagonisten [...] zum üblichen, wenn nicht notwendigen Strukturreper- toire der Tragödie.“ Die Analyse von Ursachen und Anlässen eines solchen Todes sind Teil der Interpretationsarbeit. Das literaturgeschichtlich Besondere bei Emilia Galotti ist, dass auch 240 Jahre nach der Uraufführung immer noch nach neuen Anhaltspunkten, die nach dem Motiv für den Tod der Protagonistin fragen, gesucht wird.
Es gilt zu klären, an welchen Stellen die letzten beiden Auftritte des Stücks Polyvalenz aufweisen und wie verschieden diese gedeutet werden können. Dazu soll zunächst gezeigt werden, inwiefern der Schluss offen ist. Ist der Tod Emilias letztlich Mord oder könnte man ihn auch als Selbsttötung deuten? Oder ergeben sich vielleicht noch andere Sichtweisen?
Je nachdem, welche Figur man als die tragische im Stück betrachtet, eröffnen sich unterschiedliche Sichtweisen bezüglich der Deutung des Dramenausgangs. Dies wird an den Figuren der Emilia Galotti, dem Prinzen Hettore Gonzaga, Odoardo Galotti und an dem Kammerherrn Marinelli geprüft. Folgend soll hinterfragt werden, in welcher Art und Weise sich eine bewusste Offenlassung des Schlusses für die Bühne als politische Öffentlichkeit als nützlich erweist.
Verschiedene Deutungsrichtungen legen dem Vorangegangenen, das sich primär an den Text hält, anschließend dar, in welchem Sinne der Dramenschluss beurteilt wird. Hierfür wird einzelne Literatur ausgewertet und gegenübergestellt. Die Richtungen gehen vom Politischen, welches normativ, polemisch die Taten der Figuren an politischen und gesellschaftsverändernden Idealen misst, über die literatursoziologische Deutung, welche beschreibt wie das Handeln durch den sozialen Kontext bedingt ist, zum geistesgeschichtlichen Ansatz, der die Notwendigkeit für Emilias Verhalten aus dem zeitgenössichen Menschenbild zu erklären versucht. Abschließend wird kurz auf die feministische und genderorientierte Deutungsrichtung dargestellt werden. In einem Fazit werden die gewonnenen Ergebnisse zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Offenheit des Dramenschlusses
2.1 Der Moment des Sterbens – Tötung oder Selbsttötung?
2.2 Die tragische Figur im Stück
2.2.1 Emilia Galotti
2.2.2 Prinz Hettore Gonzaga
2.2.3 Odoardo Galotti
2.2.4 Marchese Marinelli
2.3 Die Bühne als politische Öffentlichkeit
3. Verschiedene Deutungsansätze
3.1 Politische Deutung
3.2 Literatursoziologische Deutung
3.3 Geistesgeschichtliche Deutung
3.4 Psychoanalytische und feministische Deutung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die fortdauernde Kanonizität von Lessings „Emilia Galotti“ durch die Analyse der Polyvalenz des Dramenschlusses zu rechtfertigen, wobei insbesondere die Frage nach dem Charakter des Todes der Protagonistin im Zentrum steht.
- Analyse der Offenheit des Dramenschlusses (Mord vs. Selbsttötung)
- Untersuchung der tragischen Figurenkonstellationen im Stück
- Erörterung der Bühne als politische Öffentlichkeit
- Gegenüberstellung verschiedener literaturwissenschaftlicher Deutungsansätze
- Kritische Reflexion der Rolle von Tugend und Sinnlichkeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Moment des Sterbens – Tötung oder Selbsttötung?
Um zu klären, wieso Emilia sterben muss, muss zunächst der Moment des Sterbens an sich im Stück analysiert werden. Zuvor jedoch sollen Definition gegeben werden, um den Begriff des Tötungsdelikts zu spezifizieren. Nach § 211 des deutschen Strafgesetzbuches (StGB) wird ein Mord „[…] aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Bewegründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken […]“ begangen. Als Totschläger gilt „wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein […]“, es liegen demnach keine Mordmerkmale vor. Bei einer Tötung aus Verlangen „ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden […]“.
Rein formal betrachtet, wird Emilia im siebenten Auftritt des letzten Aufzuges durch ihren Vater erdolcht und Emilia stirbt im letzten Auftritt des Dramas: ODOARDO: „Doch, meine Tochter, doch! (indem er sie durchsticht) – Gott, was hab ich getan! (Sie will sinken, und er faßt sie in seine Arme.)“ […] EMILIA: Ah – mein Vater – (sie stirbt, und er legt sie sanft auf den Boden.) (179-180)
Demnach handelt es sich im Allgemeinen um eine Tötung Odoardos an seiner Tochter. Dazu kann der sechste Auftritt als Vorausdeutung gelesen werden, nachdem Odoardo den Prinzen bittet, seine Tochter unter vier Augen zu sprechen. Unter dem Vorwand des göttlichen Willens, deutet Odoardo sein Vorhaben, Emilia zu töten, an: ODOARDO: (Ihm nachsehend: nach einer Pause) Warum nicht? – Herzlich gern. Ha! ha! ha! (blickt wild umher) Wer lacht da? – Bey Gott, ich glaub, ich war es selbst. – Schon recht! Lustig, lustig! Das Spiel geht zu Ende. So oder so! – Aber – (Pause) wenn sie mit ihm sich verstünde? Wenn es das alltägliche Possenspiel wäre? Wenn sie es nicht wert wäre, was ich für sie tun will? – (Pause) Für sie tun will? Was will ich denn für sie tun? – Hab ich das Herz, es mir zu sagen? – Da denk ich so was! So was, was sich nur denken läßt! – Gräßlich! Fort, fort! Ich will sie nicht erwarten. Nein! – (gegen den Himmel) Wer sie unschuldig in diesen Abgrund gestürzt hat, der ziehe sie wieder heraus. Was braucht er meine Hand dazu? Fort! (er will gehen und sieht Emilien kommen) Zu spät! Ah! er will meine Hand; er will sie! (176)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz der Polyvalenz für die Kanonizität von „Emilia Galotti“ ein und stellt den Dramenschluss als Ausgangspunkt der Untersuchung vor.
2. Offenheit des Dramenschlusses: Dieses Kapitel analysiert die Mehrdeutigkeit des Todes Emilias zwischen Mord, Selbsttötung und Tötung auf Verlangen, untersucht die tragischen Figuren und die Funktion der Bühne als politische Öffentlichkeit.
3. Verschiedene Deutungsansätze: Hier werden politische, literatursoziologische, geistesgeschichtliche sowie psychoanalytische und feministische Interpretationen gegenübergestellt, um die Vielschichtigkeit des Werkes zu verdeutlichen.
4. Fazit: Das Fazit resümiert die Ergebnisse der Untersuchung und betont, dass die Polyvalenz des Stücks und die Unbeantwortbarkeit der zentralen Fragen die fortwährende Berechtigung des Werkes im Kanon begründen.
Schlüsselwörter
Emilia Galotti, Lessing, Kanonizität, Polyvalenz, Dramenschluss, Tragik, Tugend, Sinnlichkeit, Tötungsdelikt, Politische Öffentlichkeit, Literatursoziologie, Geistesgeschichte, Feministische Literaturkritik, Interpretationsansätze.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Gotthold Ephraim Lessings Drama „Emilia Galotti“ unter dem Aspekt der Polyvalenz, insbesondere mit Fokus auf den offenen und interpretierbaren Dramenschluss.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition des Todes von Emilia (Mord oder Suizid), die Analyse der tragischen Figurenkonstellation, das Verhältnis von Tugend und Sinnlichkeit sowie die Rolle der Bühne als politische Öffentlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Lessings Werk gerade aufgrund der Vieldeutigkeit seines Schlusses und der daraus resultierenden Interpretationsvielfalt seine Berechtigung im literarischen Kanon behält.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene theoretische Deutungsansätze (politisch, literatursoziologisch, geistesgeschichtlich, psychoanalytisch und feministisch) auf den Text anwendet und gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Ambiguitäten des Sterbens von Emilia und die Rollen der Hauptfiguren analysiert, gefolgt von einer tiefgreifenden Diskussion verschiedener literaturwissenschaftlicher Interpretationsrichtungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kanonizität, Polyvalenz, Tugendideal, Dramenanalyse und verschiedene literaturhistorische Deutungsmodelle charakterisieren.
Wie deutet die Arbeit die Rosensymbolik im Drama?
Die Rosensymbolik wird als Voraussage der Selbsttötung Emilias gelesen und als Ausdruck ihres Schicksals zwischen Unschuld und moralischer Zerstörung interpretiert.
Inwiefern spielt das politische Umfeld eine Rolle für die Interpretation des Schlusses?
Die Arbeit diskutiert, inwieweit Lessing das Stück als Kritik am Absolutismus nutzt oder ob die politischen Implikationen hinter den menschlichen und moralischen Konflikten der Figuren zurücktreten.
- Citar trabajo
- Sophie Thümmrich (Autor), 2012, Rechtfertigung der Kanonpräsenz des Werkes „Emilia Galotti“ aufgrund der Polyvalenz der Interpretation des Dramenschlusses, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304286