Sterbehilfe und Schulung der ethischen Urteilskompetenz (Philosophie, 11. Klasse)


Unterrichtsentwurf, 2015

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sachanalyse

3. Didaktische Analyse
3.1 Unterrichtszusammenhang
3.2 Legitimation
3.3 Schwerpunktsetzung und Reduktion
3.4 Transformation und Antizipation
3.5 Ziel der Stunde

4. Methodische Analyse
4.1 Entscheidung fur bestimmte Sozialformen
4.2 Steuerungsverhalten
4.3 Material und Medien

5. Verlaufsplanung

6. Anhang
6.1 Fallbeispiele aus der Erarbeitungsphase
6.2 Texte fur die Vertiefungsphase

7. Quellenverzeichnis
7.1 Literaturquellen
7.2 Internetquellen

1. Einleitung

Die folgende Arbeit ist ein Unterrichtsentwurf zu dem Thema Sterbehilfe, der sich an die 11. Jahrgangsstufe richtet. Der Entwurf ist fur eine Doppelstunde vorgesehen. Da das Fach Philosophie kein Kerncurriculum besitzt, wie die ubrigen Facher in Niedersachsen, liegt es an mir selbst, den Unterricht sinnvoll zu gestalten und Themen auszuwahlen, die ich als Lehrer als geeignet und wichtig empfinde. Zu einem dieser Themen gehort fur mich die Sterbehilfe.

Wiederholt wird in Deutschland in den letzten Jahren uber die Selbstbestimmung im Sterbeprozess debattiert. Man diskutiert uber die Gultigkeit von Patientenverfugungen, rechtmaBigem Behandlungsabbruch und daruber, ob die Totung von unheilbar Kranken auf deren ausdrucklichen Wunsch hin nicht nur ausnahmsweise moglich, sondern ein ethisches Erfordernis sein kann Auch die Schulerinnen und Schuler (SuS) konnen von diesem Phanomen fruher oder spatere betroffen sein. Vielleicht haben sie auch schon einen langen Sterbeprozess miterlebt. Dieses Thema vereint Aktualitat und die Schulung von der ethischen Urteilskompetenz, welche im weiteren Verlauf des Lebens ein wichtiges Gut darstellt.

Der Unterrichtsentwurf gliedert sich in drei Teile: Im ersten Schritt soll die Sterbehilfe selbst erortert werden. AnschlieBend erfolgt die didaktische Analyse der Unterrichtsstunde und zum Schluss geht es um die Methodik, die naher beschrieben werden soll. Eine Lerngruppenbeschreibung bleibt bei diesem Entwurf aus, da er sich nicht an eine bestimmte Lerngruppe richtet.

2. Sachanalyse

Sterbehilfe ist in Deutschland ein stark umstrittenes Thema und auch rein rechtlich eine heikle Angelegenheit. Viele Deutsche reisen daher in ein anderes Land, um die Moglichkeit der aktiven Sterbehilfe zu nutzen. Es gibt vier Arten von Sterbehilfe (aktive, passive, indirekte Sterbehilfe sowie die Beihilfe zur Selbsttotung), die ethisch und rechtlich komplett verschieden voneinander zu beurteilen sind. In der hier vorgestellten Stunde soll es insbesondere um die Differenzierung dieser Arten gehen und daher sollen sie an dieser Stelle sorgfaltig aufgefuhrt werden:

Die erste ist die sogenannte „aktive Sterbehilfe“ oder auch Euthanasie genannt. Diese Art bedeutet die gezielte Totung eines Menschen z. B. durch die Verabreichung von Tabletten, Spritzen oder ahnlichem. Sie ist in Deutschland gesetzlich verboten und wird strafrechtlich verfolgt, sogar wenn die Totung der ausdruckliche Wunsch eines Menschen ist. Sollte die betroffene Person nicht mehr in der Lage sein, diesen Wunsch zu auBern, so kann zum Beispiel eine Patientenverfugung Aufschlusse geben. Sollte der Wille der Person nicht vorliegen oder eindeutig geauBert worden sein, so wird die Tat als Mord oder Totschlag aufgefasst.[1] Das Verbot der aktiven Sterbehilfe ist im Strafgesetz in §216 manifestiert:

(1) Ist jemand durch das ausdruckliche und ernstliche Verlangen des Getoteten zur Totung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu funf Jahren zu erkennen.

(2) Der Versuch ist strafbar.[2]

Diese Regelung findet man auch in der Schweiz und Osterreich wieder. In den Niederlanden hingegen ist aktive Sterbehilfe nur strafbar, wenn sie privat und nicht von einem Arzt unter Einhaltung von einigen bestimmten Regelungen und Kriterien geleistet wurde. Sollte jedoch die Person selbst und freiwillig ein Praparat zur Herbeifuhrung des Todes einnehmen, welches zuvor von einer anderen Person organisiert wurde, so liegt gemaB schweizer und deutscher Rechtsauffassung keine Sterbehilfe, sondern straflose Beihilfe zur Selbsttotung vor, welche im spateren Verlauf der Analyse naher beleuchtet wird.[3]

Die Legalisierung aktiver Sterbehilfe in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und im Bundesstaat Oregon, lasst die Totung schwerstkranker und sterbender Menschen in diesen Landern unter bestimmten Bedingungen zu.[4]

Die zweite Art ist die „passive Sterbehilfe“. Sie bewirkt ein Sterbenlassen, insbesondere dadurch, dass eine lebensverlangernde Behandlung (z. B. Verzicht auf kunstliche Ernahrung, kunstliche Beatmung oder die Verabreichung von Medikamenten wie z. B. Antibiotika) bei einem unheilbar kranken Menschen nicht weitergefuhrt oder gar nicht erst aufgenommen wird. Sie setzt sein Einverstandnis voraus (z.B. durch Patientenverfugung) und ist rechtlich zulassig (auBer in Polen). Sollte dieses Einverstandnis fehlen, so entscheidet in solchen Fallen der Vorsorgebevollmachtigte bzw. (falls der Patient keinen Bevollmachtigten benannt hat) der gerichtlich bestellte Betreuer. Gegebenenfalls benotigt dieser fur die Beendigung lebenserhaltender MaBnahmen die Zustimmung des Vormundschaftsgerichts.[5]

Viele Menschen halten die Bezeichnung „Passive Sterbehilfe“ fur unglucklich gewahlt und sind der Meinung, man solle lieber von „Sterbenlassen“ sprechen. Die Arzteschaft spricht ebenfalls ungern von passiver Sterbehilfe, sondern bevorzugt den Begriff Sterbebegleitung. In einer reprasentativen Umfrage in Deutschland im Jahr 2008 auBerten 72% der Befragten, sie seien fur das Gewahren von passiver Sterbehilfe.[6]

Des Weiteren gibt es die „indirekte Sterbehilfe“. Sie wird geleistet, wenn Sterbenden arztlich verordnete schmerzlindernde Medikamente gegeben werden, die als unbeabsichtigte Nebenfolge den Todeseintritt beschleunigen konnen. Dies erfolgt in Krankenhausern regelmaBig mit Morphin im Endstadium einer Krebserkrankung.[7] Dieser Fall ist sehr schwierig zu beurteilen und ist daher in der Strafrechtswissenschaft in Deutschland diskutiert worden. Im Endeffekt gehen jedoch alle alle Meinungen in die gleiche Richtung und meinen, dass der Arzt hier straffrei bleiben muss, da er gerechtfertigt ist, weil es sich um einen Notstand handelt. Ganz im Gegenteil kann sogar die Nichtverabreichung notwendiger Schmerzmittel mit der Begrundung, keinen vorzeitigen Tod veruursachen zu wollen, als Korperverletzung oder unterlassene Hilfeleistung bestraft werden. Es entsteht also eine Ambivalenz zwischen dem Verabreichen und dem Nichtverabreichen, die sehr schwer zu beurteilen ist. Aus medizinischer Sicht ist die „indirekte Sterbehilfe“ in der Praxis sehr selten, weil korrekt eingesetzte palliativmedizinische MaBnahmen oftmals das Sterben entgegen fruheren Ansichten nicht verkurzen, sondern sogar leicht verlangern.[8]

Zum Schluss gibt es noch die "Beihilfe zur Selbsttotung“. Sie bedeutet die Selbsttotung mit Hilfe einer Person, die ein Mittel hierfur bereitstellt. Eine Selbsttotung liegt aber nur dann vor, wenn die betroffene Person noch in der Lage ist, den letzten Schritt selbst zu tun, um die Totung eigenhandig vorzunehmen. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein und die andere Person vollendet die todbringende Handlung, so liegt kein Suizid mehr vor und es kommt dann eine Strafbarkeit wegen §216 des Strafgesetzbuches zur Geltung. Die Beihilfe zur Selbsttotung ist in Deutschland grundsatzlich nicht strafbar, da der Suizid sich nicht gegen dritte Personen richtet und ist daher kein Totungsdelikt, sodass auch die Hilfe hierzu keine strafbare Handlung darstellt. Oft findet man jedoch juristische Falle, in denen die Rechtsprechung von dieser grundsatzlichen Straflosigkeit umstrittene Ausnahmen macht. So vertritt der Bundesgerichtshof eine Ansicht, dass eine Strafbarkeit wegen unterlassener Hilfeleistung in Betracht kommen konne, denn die Rechtsprechung interpretiert den Suizidversuch generell als "Unglucksfall". Oftmals kann auch ein VerstoB gegen das Arzneimittelgesetz vorliegen, sofern fur den Suizid Arzneimittel zur Verfugung gestellt worden sind. Besonders wichtig ist an dieser Stelle jedoch zu erwahnen, dass die ethisch- moralische Beurteilung des Verhaltens dabei von der strafrechtlichen Sicht deutlich zu trennen ist.[9] Allgemein ist zu sagen, dass es sich bei dem Thema um ein sehr schwieriges und sensibles handelt und es deshalb wichtig ist, dass man diesem respektvoll entgegen tritt.

Ich habe an dieser Stelle bewusst das Hospiz nicht erwahnt, da ich die Stunde auf das Thema Sterbehilfe fokussieren mochte. Das Thema Hospiz wird in der darauffolgenden Doppel stunde besprochen, um eine Alternative zur Sterbehilfe aufzuzeigen.

3. Didaktische Analyse

3.1 Unterrichtszusammenhang

Die komplette Unterreichseinheit steht unter der Uberschrift „ Sterbehilfe - ein umstrittenes Thema“. Die SuS sollen am Ende der Einheit in der Lage sein, folgende Fragen zu beantworten: Welche Formen der Sterbehilfe gibt es und welche juristischen Probleme sind damit verbunden? Wo verlauft die Grenze zwischen den verschiedenen Sterbehilfen? Was bedeutet Beihilfe zum Suizid? Haben wir das Recht auf einen selbstbestimmten Tod? Mussen lebensverlangernde MaBnahmen unterbleiben, wenn dies dem Willen des Patienten entspricht? Durfen Arzte gezwungen werden passive Sterbehilfe zu leisten? Stellt das Hospiz eine Alternative zur „Totung auf Verlangen“ dar? Gerade zu Beginn der Einheit geht es erst einmal darum, dass die Begriffe und die Rechtslage zum Thema Sterbehilfe detailliert betrachtet werden, sodass dort ein fundiertes Grundwissen seitens der SuS entsteht. AnschlieBend sollen die SuS in die Ethik eintauchen und am Ende in der Lage sein, ihr eigenes begrundetes Urteil zu benennen.

Die nachfolgende Tabelle dient als kurze Ubersicht der Unterrichtseinheit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] vgl. Schmiedebach/Woellert, 2008, S. 19.

[2] vgl. http://dejure.org/gesetze/StGB/216.html abgerufen am 18.5.2015.

[3] vgl. Schmiedebach/Woellert, 2008, S. 19.

[4] vgl. Wissen aus der Vorlesung „Biomedizinische Ethik“

[5] vgl. http://www.sterbehilfeinfo. de/sterbehilfe-was-bedeuten-die-begriffe-eigentlich/ abgerufen am 4.5.2015

[6] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1399/umfrage/pro-und-kontra-zu-passiver-sterbehilfe/

[7] vgl. Schmiedebach/Woellert, 2008, S. 19.und vgl. Hoerster, 1998, S. 11.

[8] vgl. a.a.O., S. 20f.

[9] vgl. Ridder, 2010, S.198.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sterbehilfe und Schulung der ethischen Urteilskompetenz (Philosophie, 11. Klasse)
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V305212
ISBN (eBook)
9783668044029
ISBN (Buch)
9783668044036
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einsetzbar für den Philosophieunterricht sowie für Werte und Normen.
Schlagworte
Sterbehilfe, Unterrichtsentwurf, indirekte Sterbehilfe, passive Sterbehilfe, Selbstbestimmungsrecht, aktive Sterbehilfe, Beihilfe zum Suizid, Sachanalyse, didaktische Analyse, Methodische Analyse
Arbeit zitieren
Jennifer Jollet (Autor), 2015, Sterbehilfe und Schulung der ethischen Urteilskompetenz (Philosophie, 11. Klasse), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305212

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