Die Bedingungen der Autonomie bei Peter Schaber und Joseph Raz

Warum bevorzugt Schaber ein deskriptives statt ein normatives Verständnis von Autonomie?


Referat (Ausarbeitung), 2013
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung.

2 Schabers Autonomiebegriff
2.1 Die Bedingungen
2.2 Gründe für ein deskriptives Autonomieverständnis

3 Die Bedingungen der Autonomie bei Raz
3.1 Die expliziten Bedingungen der Autonomie
3.1.1 Angemessene mentale Fähigkeiten
3.1.2 Eine adäquate Breite an Wahlmöglichkeiten
3.1.3 Unabhängigkeit
3.2 Die normative Bedingungserweiterung

4 Normativer oder deskriptiver Autonomiebegriff?

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im zurückliegenden SeminarMenschwürde: Neuere Arbeitenhaben wir uns intensiv mit dem für die Moralphilosophie zentralen Begriff derWürde[1]auseinandergesetzt und versucht, eine genauere Begriffsbestimmung vorzunehmen. Hierbei haben wir uns vor allem mitPeter Schabers Instrumentalisierung und Würdebefasst. Schon im zweiten Kapitel wurden wir dabei mit dem Begriff derAutonomiekonfrontiert, den Schaber – wie auch den Begriff derWürde– als einen enorm wichtigen Terminus in der Moralphilosophie ansieht, wenngleich er ebenso stark interpretationsbedürftig sei.[2]Meine Referatsgruppe hatte zu einem späteren Zeitpunkt das KapitelAutonomy and Pluralismaus der MonographieThe Morality of FreedomvonJoseph Raz[3]vorzustellen, in dem es dann deutlich ausführlicher um den Begriff der Autonomie gehen sollte. Als ich mich in diesem Kontext nochmals mit Schabers Konzeption des Autonomiebegriffs und vor allem seinen Bedingungen auseinandergesetzt habe, kam bei mir die Frage auf, warum er sich in seiner Monographie offensichtlich stark am Autonomiebegriff und den Bedingungen der Autonomie bei Raz orientiert, jedoch nicht auf dessen normatives Begriffsbild sondern auf ein deskriptives zurückgegriffen hat.

Es soll daher das Anliegen der vorliegenden Arbeit sein, zu hinterfragen, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Schaber und Raz mit Blick auf die Bedingungen der Autonomie liegen und wie sich die eben angesprochene Entscheidung begründen ließe. Ich werde mich dafür überwiegend auf die beiden genannten Autoren beschränken, die das Seminar auch inhaltlich wesentlich bestimmt haben.

Strukturell wird in Kapitel 2 zunächst von Schabers Begriff der Autonomie ausgegangen. Zum einen wird untersucht, welche Bedingungen der Autonomie sich ausmachen lassen (Kapitel 2.1) und zum anderen wird geprüft, welche Gründe er für die deskriptive Begriffsverwendung anführt (Kapitel 2.2). Anschließend gilt es, die für den Kontext der Arbeit besonders relevanten Aspekte des Autonomiebegriffs bei Raz signifikant darzustellen (Kapitel 3). Auch hier wird im ersten Schritt – nun vergleichend – nach den Bedingungen gefragt (Kapitel 3.1), bevor in Kapitel 3.2 eine Bedingungserweiterung erfolgen soll. Ehe das Fazit gezogen wird, soll in Kapitel 4 der deskriptive und der normative Begriffszugang der Autoren abschließend diskutiert werden.

2 Schabers Autonomiebegriff

2.1 Die Bedingungen

Entgegen dem Vorgehen von Raz formuliert Schaber seine Bedingungen der Autonomie nicht durchweg explizit, da der Begriff der Autonomie für ihn eher technisch ist, um den Würdebegriff und das Instrumentalisierungsverbot zu behandeln. Es lassen sich jedoch klare Bedingungen ausfindig machen. Als Ausgangspunkt bezieht sich Schaber in seinem Werk aufBarbara Herman, nach der man als Mensch genau dann autonom handele, wenn man nachden eigenen Gründenhandelt.[4]Auch wenn Schaber den Blick eher auf die Frage lenkt, wann ich jemanden als autonome Person achte, bringt er eine wichtige Bedingung hierfür ins Spiel. So könne man jemandes Autonomie nur dann achten, wenn die Person in ihrer Entscheidungs- und Meinungsfindung nicht manipuliert, getäuscht oder bedroht werde.[5]Ergo könne eine Person nur dann nach den eigenen Gründen, sprich autonom, handeln, wenn sie frei von Manipulation, Täuschung oder Bedrohung sei.

Darüber hinaus artikuliert er die Prämisse, dass man nur nach den eigenen Gründen handeln könne, wenn man „nach Gründen handel[...][t], die man für Gründe hält, wenn man angemessen darüber informiert ist, was der andere mit einem vorhat.“[6]Demzufolge formuliert Schaber auch eine epistemische Bedingung für autonomes Handeln.

In Kantischer Tradition scheint Schaber auch die Überzeugung zu vertreten, dass „nach Gründen handeln“ an die Vernunft gebunden sei, da man nur so solche Gründe auch als Gründe identifizieren könne.[7]Rationalität ist so eine weitere Bedingung der Autonomie.

Zusammenfassend lassen sich bei Schaber also drei grundlegende Bedingungen des autonomen Handelns identifizieren:

1. Freisein im Handeln von Manipulation, Täuschung oder Bedrohung
2. Ausreichendes Situationswissen für eine Handlungsentscheidung
3. Eine grundlegende Rationalität beim Handelnden.

2.2 Gründe für ein deskriptives Autonomieverständnis

Wie einleitend bereits angeführt, greift Schaber auf ein deskriptives Autonomieverständnis zurück, das – wie ihmHolger Baumannvergegenwärtigt hat – der Alltagsgebrauchsweise entspreche.[8]Wenngleich er diese Tatsache als einzigen Grund für die Verwendung der deskriptiven Autonomie anführt und man daraus nicht direkt auf die Befürwortung eines solchen Verständnisses schließen kann, erscheint es mir irrational, wenn ein Autor einen Begriff in einer Art und Weise kontinuierlich verwenden und darstellen würde, die er selbst nicht befürwortet. Er erwähnt in diesem Zusammenhang zwar die Möglichkeit, Autonomie normativ auszulegen (und verweist sogar auf Raz), doch will er sich im normativen Sinne nicht darauf festlegen, dass autonomes immer auch richtiges Handeln sein müsse und verwendet im Weiteren Autonomie deskriptiv.[9]

Inhaltlich ausgehend von der Prämisse, dass eine Person genau dann autonom handelt, wenn sie nach eigenen Gründen handelt, fährt Schaber fort. Bei diesen Gründen müsse es sich ausdrücklich umkeine moralischenbzw. keine guten Gründehandeln.[10]Somit ist die Autonomie nach Schaber nicht an einebestimmte Artvon Gründen gebunden und autonomes Handeln unabhängig von der Qualität der Gründe. Man muss sie lediglich selbst als Gründe identifizieren und sein Handeln daran ausrichten können.

3 Die Bedingungen der Autonomie bei Raz

3.1 Die expliziten Bedingungen der Autonomie

Während Schabers Bedingungen der Autonomie teils implizit zu erarbeiten waren, stand die explizite Formulierung der Bedingungen der Autonomie für Raz in seinem KapitelAutonomy and Pluralismaus dem WerkThe Morality of Freedomim Fokus des Beitrages.

Für Raz existiert ein sogenanntesIdeal der Autonomie:

„The ideal of personal autonomy is the vision of people controlling, to some degree, their own destiny, fashioning it through successive decisions throughout their lives.“[11]

Demnach gibt es ein gegenwärtig vorherrschendes Verständnis davon, was Autonomie bedeutet. Autonomie entspreche so der erfolgreichen Verfolgung selbstgesteckter Ziele. Allerdings hält Raz dem schon frühzeitig entgegen, wenn er festhält, dass sich Autonomie nicht allein im Entscheiden über die Ziele und Erreichen derer festmachen lässt. Vielmehr müsse man den Prozess der Entscheidungsfindung und Zielerreichung in den Fokus rücken.[12]Darüber hinaus ließe sich Autonomie nicht allein am Erreichen und Nicht-Erreichen der eigenen Ziele messen, da Autonomie einegraduierbare Größesei, die je nach der Erfüllung ihrer Bedingungen mehr oder weniger erreicht werden könne.[13]

Raz formuliert exakt drei Bedingungen der Autonomie (conditions of autonomy), die es im Folgenden näher zu betrachten gilt:

1. Angemessene mentale Fähigkeiten (appropriate mental abilities)
2. Eine adäquate Breite an Wahlmöglichkeiten (adequacy range of options)
3. Unabhängigkeit (independence).[14]

3.1.1 Angemessene mentale Fähigkeiten

Raz versteht unter den angemessenen mentalen Fähigkeiten vorrangig drei Kriterien, die vorliegen müssen. Zum einen müsse eine autonome Person ein Minimum an Rationalität besitzen. Damit einhergehend müsse sie in der Lage sein, auch komplexere Intentionen zu bilden und die Handlungen zur Umsetzung dieser planen zu können.[15]Vergleicht man die Bedingung der angemessenen mentalen Fähigkeiten mit dem Entwurf von Schaber, so fällt auf, dass für beide die Fähigkeit vernünftig handeln zu können, eine wichtige Voraussetzung für die Autonomie einer Person darstellt. Wenngleich Raz mit der Bildung, Planung und Durchführung komplexerer Intentionen die Ansprüche an die mental-kognitiven Voraussetzungen von autonomiefähigen Personen strenger fasst, kann man hier durchaus Parallelen bei der Bedingungsanalyse finden.

3.1.2 Eine adäquate Breite an Wahlmöglichkeiten

Dieser Bedingung widmet sich Raz sehr umfassend, da vor allem die Frage, wann man von „adäquat“ sprechen kann, einer ausführlicheren Bestimmung bedarf. Zunächst einmal könne man nicht alle Aspekte des eigenen Lebens kontrollieren und frei bestimmen (siehe z. B. politische Handlungseinschränkungen). Allerdings sei auf der anderen Seite das alleinige Vorhandensein einer Wahl nicht hinreichend, um sinnvoll von einer Wahlmöglichkeit im Sinne von autonomen Entscheidungen reden zu können. Es bedarf einer Bestimmung zwischen den Extremen, die Raz mitAdäquatheitzu fassen versucht.[16]Im weiteren Verlauf konkretisiert er sein Verständnis von Adäquatheit an zwei Beispielen. Im erste BeispielThe Man in the Pitsolle man sich folgenden Fall vorstellen. Ein Mann fällt in eine Grube, aus der er nicht mehr herauskommt und er sein restliches Leben dort verbringen muss. Er kann sich kaum bewegen und hat nur noch die Wahl, ob er schläft, isst oder ähnliche triviale Handlungen vollzieht. Im zweiten BeispielThe Hounded Womanliege der Fall vor, dass eine Frau auf einer Insel voller fleischfressender Tiere strandet und dauerhaft von diesen gejagt werde. Ihr Handeln muss daher stetig auf die Flucht vor den Tieren und somit ihr eigenes Überleben ausgelegt sein. In beiden Fällen haben die Akteure nach Raz keine adäquate Auswahl an Optionen. Während der „Mann in der Grube“ nur triviale und kurzfristige Handlungen ausüben könne, müsse die „gejagte Frau“ notwendig ihre Entscheidungen nach dem Kriterium „Flucht vor den Tieren“ ausrichten, weshalb siekonsequenzialistisch determiniertseien.[17]

Raz nutzt die Erkenntnisse aus den Fällen, um nun dieAdäquatheitnäher zu bestimmen. Eine adäquate Auswahl liegt demnach dann vor, wenn Personen in verschiedenen Lebensbereichen sowohl kurzfristige Entscheidungen mit geringen Konsequenzen sowie langfristig bedeutsame Entscheidungen treffen können, wobei die Qualität der Optionen wichtiger als die alleinige Quantität sei.[18]Das Problem der Qualität der Wahloptionen wird im Kapitel 3.2 noch von besonderer Bedeutung sein.

Sucht man diese Bedingung, die Wahlmöglichkeiten einer Handlung betreffend, bei Schaber, so fällt auf, dass er sie weniger als Bedingung von Autonomie verortet sondern vielmehr als Bedingung von Selbstachtung.[19]Leider erfährt man bei Schaber kaum etwas über das Verhältnis von Selbstachtung und Autonomie, sodass man keine gerechtfertigten Rückschlüsse über die Bedeutung des Wählens für autonomes Handeln ziehen kann.

3.1.3 Unabhängigkeit

Wie auch bei Schaber spielen Zwang und Manipulation bei Raz eine wichtige Rolle, wenn man die Bedingungen autonomen Handelns erfassen will. Während für Schaber Manipulation, Täuschung und Bedrohung das Handeln nach den eigenen Gründen verhindern oder zumindest behindern, sieht Raz in der Manipulation und dem Zwang durch andere einen Eingriff in die Willensbildung einer Person, weshalb diese nicht unabhängig – und somit auch nicht autonom – handeln könne. Zwar wirkt sich äußerer Zwang direkt einschränkend auf die Wahlmöglichkeiten der Person aus und Manipulation nicht, doch da die Entscheidung trotzdem immanent beeinflusst wird, müsse beides als grundlegende Beschränkung der Autonomie begriffen werden. Der Verlust von Optionen durch Zwang wiegt hierbei jedoch schwerer.[20]Raz vertritt dabei die Position, dass bei solch einem Fall der Verletzung der Unabhängigkeit eine Person nicht mehr als autonomes Wesen agieren kann, sondern nur noch für andere als Mittel zum Zweck bzw. Objekt fungiert, dem Schaber, wie oben bereits ausgeführt, wohl so zustimmen würde:

[...]


[1]Vgl. Peter Schaber (2010):Instrumentalisierung und Würde. S. 13.

[2]Vgl. Ebd. S. 13.

[3]Joseph Raz (1988):The Morality of Freedom.Kapitel 14. S. 369-399.

[4]Vgl. ebd. S. 43f.

[5]Vgl. Ebd. S. 44f.

[6]Vgl. Ebd. S. 44.

[7]Vgl. Ebd. S. 43f.

[8]Vgl. Ebd. S. 46.

[9]Vgl. Ebd. S. 47

[10]Vgl. Ebd. S. 44.

[11]Joseph Raz (1988):The Morality of Freedom. S. 369.

[12]Vgl. Ebd. S. 371.

[13]Vgl. Ebd. S. 373.

[14]Bei den hier formulierten Übersetzungen handelt es sich um eigene Entscheidungen. Während 2. und 3. wenig diskutabel sind, bleibt es diskussionswürdig, wie man bei 1. “appropriate“ angemessen übersetzen sollte. Neben „angemessen“ würde gerade die durchaus gängige Übersetzung „zweckmäßig“ plausibel erscheinen.

[15]Vgl. Ebd. S. 372f.

[16]Vgl. Ebd. S. 373.

[17]Vgl. Ebd. S. 373f.

[18]Vgl. Ebd. S. 374ff.

[19]Vgl. Peter Schaber (2010):Instrumentalisierung und Würde.S. 52f.

[20]Vgl. Joseph Raz (1988):The Morality of Freedom. S. 377f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Bedingungen der Autonomie bei Peter Schaber und Joseph Raz
Untertitel
Warum bevorzugt Schaber ein deskriptives statt ein normatives Verständnis von Autonomie?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Menschenwürde - Neuere Arbeiten
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V305556
ISBN (eBook)
9783668034228
ISBN (Buch)
9783668034235
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Schaber, Joseph Raz, Autonomie, Bedingungen der Autonomie
Arbeit zitieren
Marius Hummitzsch (Autor), 2013, Die Bedingungen der Autonomie bei Peter Schaber und Joseph Raz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305556

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Bedingungen der Autonomie bei Peter Schaber und Joseph Raz


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden