Märchen und Mythen scheinen eng mit den Kindheitserinnerungen verbunden zu sein und auch für das Erinnern eine wichtige Rolle zu spielen. Kaum ein Kind wächst ohne „Grimms Märchen“ oder mythologische Geschichten auf. Die Phantasie eines Kindes ist nahezu unbegrenzt, sodass es nicht verwunderlich ist, dass gerade diese Art von Erzählungen bei Kindern so beliebt ist.
Gegenstand der Untersuchung dieser Ausarbeitung soll Walter Benjamins Erzählung „Berliner Kindheit um 1900“ sein, die aus mehreren Erinnerungstexten aus der Kindheit besteht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zu Autor und Werk
2.1 Über Walter Benjamin
2.2 Zur Entstehungsgeschichte
3. Mythologische Elemente
3.1 Mythen in „Berliner Kindheit um 1900“
3.2 Das Labyrinth und das Motiv des sich Verirrens
3.3 Das Telefon
3.4 Die Siegessäule
4. Die Betrachtung der märchenhaften Elemente
4.1 Märchen in „Berliner Kindheit um 1900“
4.2 Die Funktion von Märchen
4.3 „Der Nähkasten“
5. Fazit mit Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion intertextueller Verweise auf Märchen und Mythen in Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“. Dabei wird analysiert, wie diese Elemente die kindliche Wahrnehmung sowie das spätere Erinnern des Autors prägen und welche Rolle sie bei der Charakterisierung von Personen oder der Konstruktion von Alltagsmythen spielen.
- Analyse mythologischer Motive wie des Labyrinths und des Gottes Zeus.
- Untersuchung märchenhafter Strukturen in Kindheitserinnerungen.
- Vergleich der Erzählerfigur mit Märchenfiguren aus den „Grimms Märchen“.
- Herausarbeitung der fragmentarischen Struktur des Werkes als „Kaleidoskop der Erinnerungen“.
- Deutung der Verbindung zwischen individueller Kindheitserinnerung und gesellschaftlichen Mythen.
Auszug aus dem Buch
Das Labyrinth und das Motiv des sich Verirrens
Bereits am Anfang der Episode „Tiergarten“ wird das Motiv des sich Verirrens aufgegriffen, indem die Stadt mit einem Wald verglichen wird, in dem man sich leicht verirrt.15 Nicht nur die Labyrinthe auf den Löschblättern der Schulhefte, sondern besonders auch das Labyrinth im Park „dem seine Ariadne nicht gefehlt hat“16 scheinen eine prägende Kindheitserinnerung zu sein. Ziel des Kindes ist die prunkvolle Statue der Königin Luise, die umgeben von einem Wasserlauf im Berliner Tierpark auf einem Sockel steht.17 Mit der Vorstellung, dass Ariadne dort in der Nähe des Labyrinths ihr Lager gehabt haben müsse, wird der griechische Theseus-Mythos aufgegriffen und mit den Empfindungen des Kindes verbunden.18 Durch die Ariadne erfährt das Kind, für das das Wort Liebe erst später ein Begriff werden soll, erstmals was Liebe ist.19
Nach dieser griechischen Sage ist König Minos verpflichtet, dem Minotaurus – ein grausames Wesen halb Mensch, halb Stier – das in dem von Daidalos erbauten Labyrinth auf Kreta lebt, regelmäßig Menschopfer darzureichen.20 Theseus erhält die Aufgabe, den Minotaurus zu erlegen und wählt, wie das Orakel zuvor geraten hat, Aphrodite als Führerin für die Fahrt über das Meer.21 Diese entfacht in der Königstochter Ariadne die Liebe zu Theseus, was sie dazu veranlasst, ihm ein Knäuel zu geben, damit er mithilfe des Fadens nach der Erlegung des Minotaurus aus dem Labyrinth herausfindet.22
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Märchen und Mythen für Kindheitserinnerungen ein und definiert den Fokus der Untersuchung auf Benjamins Werk.
2. Zu Autor und Werk: Dieses Kapitel liefert biografische Eckdaten zu Walter Benjamin und beleuchtet die komplexe Entstehungsgeschichte der Erinnerungstexte.
3. Mythologische Elemente: Hier werden zentrale Mythen wie das Labyrinth oder der Gott Zeus analysiert, um ihre Funktion bei der Charakterisierung der Vaterfigur und der Aufdeckung gesellschaftlicher Mythen zu verdeutlichen.
4. Die Betrachtung der märchenhaften Elemente: Dieser Abschnitt untersucht die Verwendung von Motiven aus den „Grimms Märchen“ und zeigt am Beispiel des „Nähkastens“ die Verschränkung von Fiktion und Realität.
5. Fazit mit Ausblick: Das Fazit fasst die Funktionen der Mythen und Märchen als Mittel der Erinnerung zusammen und schlägt eine weiterführende Betrachtung vor.
Schlüsselwörter
Walter Benjamin, Berliner Kindheit um 1900, Märchen, Mythen, Kindheitserinnerung, Labyrinth, Theseus-Mythos, Intertextualität, Grimm, Erinnerungsarbeit, fragmentarische Struktur, Alltagsmythen, Ariadne, Schneewittchen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die intertextuellen Bezüge zu Märchen und Mythen in Walter Benjamins autobiografischem Werk „Berliner Kindheit um 1900“.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Im Zentrum stehen die griechische Mythologie (z. B. Theseus-Mythos), Märchen von den Gebrüdern Grimm sowie deren Funktion für die Erinnerung und die Charakterisierung von Personen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Benjamin mithilfe dieser Mythen und Märchen seine Kindheitserinnerungen strukturiert und zugleich gesellschaftliche Mythen entlarvt.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Textminiaturen durchgeführt, bei der spezifische Textpassagen auf ihren mythologischen und märchenhaften Gehalt hin untersucht werden.
Welche Aspekte werden im Hauptteil näher behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung mythologischer Elemente (wie Labyrinth, Telefon, Siegessäule) und märchenhafter Bezüge (wie Schneewittchen-Motiv im Nähkasten).
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Intertextualität, Erinnerungsfragment, Mythos, Märchen und die spezifische „Kaleidoskop“-Struktur von Benjamins Texten.
Wie deutet die Autorin den Vergleich des Vaters mit dem Gott Zeus?
Der Vergleich dient dazu, den Vater als mächtig, gefährlich und unnahbar zu charakterisieren und somit den „verhüllten Mythos“ eines fürsorglichen Vaters kritisch zu hinterfragen.
Welche Bedeutung hat das Bild des Nähkastens für die Kindheitserinnerung?
Der Nähkasten wird als Ort der Ordnung und des Chaos gedeutet, wobei die „losen Fäden“ das Erinnern an sich symbolisieren und die Mutter durch Märchenmotive in eine mächtige, königliche Rolle rücken.
- Citar trabajo
- Stefanie Poschen (Autor), 2015, Die Funktion von Märchen und Mythen in Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306076