Ernährungsverhalten im Wandel. Vegetarismus von der Antike bis zur Gegenwart


Akademische Arbeit, 2012

22 Seiten, Note: SEHR GUT


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Die Geschichte des Vegetarismus
2.1 Die ersten Vegetarier in der Antike
2.2 Der Vegetarismus im 19. und 20. Jahrhundert
2.2.1 Vegetarische Ernährung und Vereinswesen im 19. Jahrhundert
2.3 Aktuelle Situation im 21. Jahrhundert
2.3.1 Vegetarier in Österreich und weltweit

Literaturverzeichnis (incl. weiterführende Literatur)

Online-Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Essen ist heute Teil der individuellen Lebensphilosophie geworden: Es geht um Gesundheit, Ethik, Lebensqualität und Status.“[1]

Dass unser Ernährungsalltag nicht nur sehr komplex geworden ist sondern auch einem gesellschaftlichen Wandel unterliegt, zeigen gesellschaftliche Entwicklungen wie beispielsweise die steigende Erwerbsbeteiligung und die Flexibilisierung der Arbeitsmuster, der Wandel der Geschlechterbeziehungen und Werteinstellungen oder die Individualisierung und die strukturelle Entwicklung auf Produktions- und Marktseite (Stichworte: industrielle Massenproduktion, Globalisierung, Lebensmittelskandale, mediale Ernährungsdiskurse, usw.).[2] Wandlungsprozesse sind beispielsweise die starke Individualisierung, wo Menschen aufgrund der sich laufend veränderten Lebenslagen und –verläufen vermehrt mit Umbrüchen im Lebenslauf konfrontiert sind (z.B. Scheidungen, Auszeiten oder Umzüge durch gestiegene Mobilitätserfordernisse, Phasen der Arbeitslosigkeit usw.). Das bedeutet für jeden Einzelnen mehr Handlungsspielraum und somit aber auch einen Verlust an Sicherheit und Stabilität im Leben. Ein Beispiel zum Trend der Individualisierung in Bezug auf die Ernährung: Wo früher eine Mahlzeit für alle auf den Tisch kam, bestimmt mittlerweile jeder selbst, was er wann und wo essen will. Speisen werden mehr und mehr individuell zusammengestellt. „Nachdem Ernährungspraktiken (in unterschiedlichem Ausmaß) habitualisiert sind, können solche Umbrüche zum Überdenken bisheriger Routinen, zur Neubewertung von Esspraktiken und Lebensmitteln und zur Nachfrage nach neuen Produkten führen.“[3]

Das führt dazu, dass das Fleisch als Nahrungsmittel in den letzten Jahren verstärkt eine Neubewertung erhalten hat. In unserer Kultur zählte der Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten seit Jahrhunderten zur Selbstverständlichkeit. Jahrzehntelang war der Konsum von Fleisch Ausdruck für einen hohen Lebensstandard. Doch es wird gesellschaftlich immer weniger akzeptiert große Mengen an Wurst und Schnitzel zu verzehren. Denn der übermäßige Fleischverzehr ist für viele Menschen mit gesundheitlichen Problemen verbunden. Durch das wachsende Gesundheitsbewusstsein und die zunehmende Aufklärung sind der Verzicht auf Fleisch und der bewusst geringe Fleischkonsum in unserer Gesellschaft mittlerweise akzeptiert. Große Mengen Fleisch zu konsumieren ist nicht nur schlecht für die Gesundheit, sondern auch für das Klima und für Millionen von Tieren. Mit diesen Argumenten wird der Konsum von Fleisch in Frage gestellt. So ist in Sachen Ernährung ein Umdenken bemerkbar und Speisen ohne Fleisch finden immer öfter und gern ihren berechtigten Platz auf dem Tisch der Österreicher und Österreicherinnen. Die vegetarische Küche erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Diese Arbeit widmet sich der historischen Darstellung des Vegetarismus. Es werden die für die Entwicklung der vegetarischen Ernährung wichtige Epochen näher erläutert. Im ersten Schritt wird das Zeitalter der Antike mit dem Philosophen Pythagoras als wichtigen Wegbegleiter des Vegetarismus näher skizziert. Der Vegetarismus im 19. und 20. Jahrhundert soll als zweite bedeutende Epoche der Entwicklung der vegetarischen Ernährungsweise hervorgehoben werden, da das Zeitalter der Industrialisierung sowie das entstehende Vereinswesen für eine Verbreitung des fleischlosen Lebensstils sorgte. Abschließend soll die aktuelle Situation der Vegetarier und Vegetarierinnen im 21. Jahrhundert dargestellt werden.

2 Die Geschichte des Vegetarismus

Über lange Zeit hinweg ernährte sich die Mehrheit der Menschen aufgrund des vorhandenen Nahrungsangebotes überwiegend vegetarisch. Die Idee vom Vegetarismus als Lebens- und Ernährungsweise ist also keinesfalls eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Der Grundstein für eine vegetarische Lebensweise als Weltanschauung, mit den damit verbundenen ethisch-philosophischen Überlegungen, wurde in der Antike, insbesondere im alten Griechenland gelegt.

Es ist hier nicht möglich, die gesamte Geschichte des Vegetarismus darzustellen, da sie sehr umfangreich ist. Nachfolgend werden zwei für die Entwicklung der vegetarischen Ernährung besonders wichtige Epochen näher erläutert: der Vegetarismus und seine Wurzeln im antiken Griechenland zu Zeiten von Pythagoras im 6. Jahrhundert v. Chr. und die moderne vegetarische Bewegung im 19. und 20. Jahrhundert.

2.1 Die ersten Vegetarier in der Antike

Während Fleisch in der Antike nur von reicheren Menschen verzehrt wurde, ernährten sich das griechische und das römische Volk vorwiegend von pflanzlicher Kost wie Getreide, Gemüse und Obst. Trotzdem waren zu dieser Zeit Tierkämpfe und Hetzjagden gesellschaftlich sehr angesehen. Für das griechische Volk spielten Tieropfer eine große Rolle. Das Töten von Tieren und der Fleischverzehr hatten große Bedeutung in Zusammenhang mit Bräuchen. Wer Fleischkonsum ablehnte, verschloss sich dadurch den Höhepunkten des festlichen Lebens und hob sich bewusst als Außenseiter vom Rest der Gesellschaft ab.[4]

Eine Ablehnung der Tieropfer und des anschließend zelebrierten Fleischmahls in der griechisch-antiken Gesellschaft kam einer religiösen Revolution gleich und hatte eine radikale Selbstausgrenzung aus der Gesellschaft zur Folge.[5]

Die ersten Berichte des antiken Vegetarismus lieferte eine Gemeinschaft mit religiösem Hintergrund im 6. Jahrhundert v. Chr.: die Gruppe der Orphiker, eine religiöse Sekte. Diese Lebensweise wurde durch Platon (Philosoph, Griechenland, 427-347 v. Chr.) überliefert. Orphiker lehnten die blutigen Tieropferkulte und die religiösen Opferfeiern der Griechen ab. Durch ihren Wunsch der „Befreiung der Seele“ traten sie für Askese und Enthaltsamkeit ein und vermieden Fleisch, Eier und sogar Wolle. „Die Orphiker waren der Ansicht, die Seele sei wegen einer früheren Schuld im Körper wie in einem Grab eingeschlossen und müsse sich durch Reinigung so gut wie möglich von dieser Schuld lösen, um ein seelisches Dasein zu gewinnen. Deshalb verzichteten sie auf Fleischgenuss und lehnten Tieropfer ab.“ [6]

Viele Argumente für eine fleischlose Ernährung, die heute noch Gültigkeit haben, existierten auch in der Antike. Zunächst hatte die vegetarische Ernährung aber vorrangig religiös motivierte Wurzeln. Der religiöse Vegetarismus der Orphiker wurde anschließend von Pythagoras (Philosoph, um 570 bis um 500 v. Chr.) als Begründer des ethischen Vegetarismus mit eindeutig religiösen Wurzeln aufgegriffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Pythagoras von Samos[7]

„Wer mit dem Messer die Kehle eines Rindes durchtrennt, der ist vom Verbrechen nicht weit entfernt“, oder „Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück," so Pythagoras, der bis heute als Begründer des europäischen Vegetarismus gilt. Viele Jahrhunderte lang nannte man die Personen, die kein Fleisch verzehrten, auch nicht Vegetarier sondern Pythagoreer.[8]

Der von Pythagoras propagierte Vegetarismus ist gut belegt und geht einerseits auf das Motiv der sogenannten Seelenlehre bzw. Seelenwanderung zurück, wo die Seele des Menschen nach seinem Tod auch in einen Tierkörper eingehen kann. Das Schlachten von Lebewesen würde also bedeuten, dass man mit dem Opfertier möglicherweise einen Artgenossen oder sogar einen nahen Verwandten verzehren würde. Deshalb wurde Fleisch von Pythagoras und seinen Anhängern und Schülern, den sogenannten Pythagoreern strikt abgelehnt. Andererseits hatte unter Pythagoras auch das Motiv der Tierschonung und somit ethische Hintergründe Bedeutung in der vegetarischen Lebensweise. Der Verzehr von Eiern sowie das Tragen von Kleidung aus Wolle waren den Pythagoreern strengstens verboten. Die „pythagoreische Diät“ bestand aus Brot, Honig, Getreide, Früchten und Gemüse. Die Geschichte des Vegetarismus ist besonders stark durch das Pythagoreertum und seine Verhaltens- und Speisevorschriften geprägt. Trotzdem ist es wichtig hervorzuheben, dass es sich um eine freiwillig gewählte Lebensweise handelt, die in der antiken Gesellschaft eine Ausnahme war. Somit waren die sogenannten Pythagoreer auch eine soziale Randgruppe.[9]

Vegetarier galten einst in der Gesellschaft als Außenseiter. Heute ist die Entscheidung für eine vegetarische Ernährungsweise zwar nicht mehr mit gesellschaftlicher Isolation verbunden, trotzdem wird ein Vegetarier oft mit Akzeptanzproblemen konfrontiert. Wie in Zeiten Pythagoras sind Vegetarier heutzutage noch immer eine soziale Randgruppe, nachdem der fleischlose Essstil ausschließlich von einer Minderheit gewählt wird. Vegetarismus ist nach wie vor ein großes Thema in der Gesellschaft, das in vielen Situationen (z. B. Weihnachtsessen, Grillparty, usw.) ein besonders starkes Selbstbewusstsein des Betroffenen erfordert, nachdem dieser seine gewählte fleischlose Ernährungsweise gegenüber „Nicht-Vegetariern“ rechtfertigen und begründen muss.

Der Verzicht auf Fleisch in der Antike zur Zeit von Pythagoras war nicht nur eine Entscheidung aus persönlichen Gründen, auf der Grundlage religiöser und/oder ethischer Motive sondern auch ein Zeichen gegen die herrschende Politik. Die Anhänger Pythagoras protestierten gegen die staatlichen Opfermahle, bei denen Tiere geschlachtet und den Anwesenden je nach sozialem Status Fleischstücke zugeteilt wurden. Indem die Pythagoreer das Fleisch verweigerten, dass ihnen zugesprochen wurde, zeigten sie deutlich und öffentlich, dass sie den sozialen Status, der im Rahmen der Opfermahlzeremonien bestätigt wurde, nicht akzeptierten. Somit war die vegetarische Lebensweise der Pythagoreer viel komplexer und inkludierte nicht nur den fleischlosen Lebensstil. Vielmehr war dieser Essstil auch eine Positionierung innerhalb der Gesellschaftssysteme – insbesondere zur einflussreichen Politik und zur Religion. Diese kritische Stellung der Pythagoreer wurde im Rahmen der Nichtteilnahme an den staatlichen Opfermahlzeiten sichtbar.[10]

Auch in der heutigen Zeit hat die persönliche Entscheidung, sich vegetarisch zu ernähren unterschiedliche und oft sehr individuelle Motive, die nicht nur das Etikett „vegetarisch“ vermuten lässt. Dieser fleischlose Ess- und Lebensstil, der von vielen mit gesunder Ernährung in Zusammenhang gebracht wird, bedeutet oft auch aktiv ein (politisches) Zeichen gegen z.B. Massentierhaltung, Klimawandel, Umweltskandale oder auch Dioxin im Tierfutter zu setzen. Somit können auch hier Parallelen zu den Anfängen des Vegetarismus während Pythagoras im Sinne der politischen Aktivität gezogen werden.

2.2 Der Vegetarismus im 19. und 20. Jahrhundert

Die von Pythagoras geprägte Lebens- und Ernährungsweise betonte über Jahrtausende die vegetarische Lebensweise. Erst im 19. Jahrhundert erlebte die alternative und fleischlose Ernährungsweise eine neue Blütezeit und der Begriff der Pythagoreer wurde vom Begriff der Vegetarier verdrängt bzw. abgelöst.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts - im Zeitalter der Industrialisierung - war eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft zu beobachten. Soziale Missstände, Luftverschmutzung, harte Arbeitsbedingungen in Fabriken und die daraus hervorgerufenen gesundheitlichen Belastungen der Menschen forcierten eine neue Bewegung. Um 1890 entstand die Lebensreformbewegung, die vor allem aus dem mittelständischen Bildungsbürgertum kam. Sie wollten ihr Leben reformieren, indem sie einen natürlichen und gesunden Lebensstil verfolgten.[11]

Die Lebensreform war nicht nur auf eine vegetarische Ernährung fokussiert, sondern bestand aus vielen Einzelbestrebungen wie Naturheilbewegung, Antialkoholbewegung, Gartenstadtbewegung, Freikörper-kulturbewegung (FKK), Reformpädagogik, usw. Neben der Naturheilkunde war die vegetarische Bewegung unter dem Motto „Zurück zur Natur“ oder „Natürlichkeit, Verzicht und Gesundheit“ die treibende Kraft.[12]

Der damalige Leitsatz stammte vom wichtigsten deutschen Wegbereiter des Vegetarismus Gustav von Struve (1805 – 1870): „Der Mensch soll so einfach als möglich leben, denn Einfachheit ist die Grundlage allen sittlichen, geistigen und körperlichen Wohlbefindens.“ [13]

Durch die Aufklärung der Bevölkerung über die gesundheitlichen Vorteile bei einem Verzicht auf Fleisch und die damit verbundene gesündere Lebensführung, sollte auf ein zukünftiges „vegetarisches Zeitalter“ hingewirkt werden.[14]

Entscheidend für den Erfolg der Reformbewegung im Zeitalter der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts war die Entwicklung eines Ernährungswandels, aufgrund der Überversorgung mit (verarbeiteten) Nahrungsmitteln, Alkohol und des zunehmenden Fleischkonsums. Die Kritik an den negativen Folgeerscheinungen (wie z.B. die steigende Zahl der Zivilisationskrankheiten) aufgrund des Ernährungswandels und die Betonung einer gesunden und natürlichen Ernährung waren der Startschuss für die damalige Ernährungsreform bzw. Lebensreformbewegung. Die fleischlose Ernährung war ein wichtiger Bestandteil der Lebensreformbewegung, trotzdem lebten zu dieser Zeit bei weitem nicht alle Lebensreformer vegetarisch.[15]

2.2.1 Vegetarische Ernährung und Vereinswesen im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert, das auch als das „Jahrhundert der Vereine“ bekannt wurde, wurden nationale und lokale Vegetariervereine insbesondere in Großbritannien, den USA und in Deutschland gegründet. In Großbritannien wurde 1847 die „Vegetarian Society“ – die „Muttergesellschaft“ aller Vegetariervereine - ins Leben gerufen. Mit der Vereinsgründung wurde der Begriff „vegetarian“ (englisch für Vegetarier) die offizielle Bezeichnung für die fleischlose Ernährung, während in den Jahrhunderten davor von „pythagorean diet“ oder dem „Pythagoräismus“ gesprochen wurde.[16]

Im Rahmen der Vereine und der organisierten Vegetariergesellschaften war es erstmals möglich mittels Zeitschriften, Flugblättern und Büchern die vegetarische Idee an die Öffentlichkeit zu kommunizieren und zu verbreiten. Im Unterschied zur Antike und zur pythagoräischen Diät verstand sich der moderne Vegetarismus im 19. Jahrhundert als Bewegung und Strömung, die mit der Unterstützung der Vereine und mit zahlreichen Publikationen ganz bewusst an die breite Öffentlichkeit ging. So wurde im Jahr 1892 in Deutschland der Deutsche Vegetarier-Bund gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte sich diese Bewegung neu und die Vegetarier-Union Deutschland (VUD) knüpfte an die Arbeiten des Vegetarier-Bundes an. 1984 wurde der noch heute gültige Vereinsname Vegetarier-Bund Deutschlands e.V. (VEBU) beschlossen. Als Dachverband der nationalen Vegetarier-Verbände in Europa wurde 1985 die European Vegetarian Union (EVU) gegründet.[17]

Die Österreichische Vegetarier Union (ÖVU) wurde 1970 gegründet. Die ÖVU mit Sitz in Graz sieht sich als Interessenvertretung für alle Personen, die an einer vegetarischen Lebensweise interessiert sind. Der Vereinszweck ist die Förderung der vegetarischen Lebensweise, unabhängig davon ob diese Lebensweise aus ethischen, religiösen, gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen oder Tierschutz-Gründen gewählt wurde. Neben dem Hauptzweck der Förderung der vegetarischen (einschließlich der veganen) Ernährungsweise leistet der Verein auch Öffentlichkeitsarbeit zur Unterstützung der Einschränkung des Fleischkonsums, zur Forcierung tierische durch nicht-tierische Produkte zu ersetzen und zum Schutz der Tiere vor Ausbeutung und Quälerei.[18]

Zwei Epochen wurden zur Erläuterung der Geschichte des Vegetarismus näher erläutert: Die historische Entwicklung der vegetarischen Ernährung während der Antike sowie im Zeitabschnitt der Industriali-sierung. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass zwischen den ausgewählten Zeitabschnitten Parallelen bestehen.

Die Leitmotive für eine vegetarische Ernährung gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Natürlichkeit, Verzicht und Gesundheit. Auch in der Antike war eines der Hauptmotive für eine fleischlose Ernährung die Askese. Neu war jedoch im Industriezeitalter gegen was und wen die Vegetarier mit ihrem Fleischverzicht protestierten. In der Antike protestierte man mit der Verweigerung von Fleisch gegen die staatlichen Opferfeste, die dazu verwendet wurden, die politische Ordnung zu inszenieren. Im Industriezeitalter wurden der Kapitalismus, die Industrialisierung und die Verstädterung kritisiert, weil damit soziale Probleme verbunden waren. Die Lösung für diese Probleme wurde in einem Lebensstil gesehen, der im Einklang mit der Natur steht – der vegetarische Essstil. Der Vegetarismus zu dieser Zeit beschränkte sich nicht nur auf die fleischlose Ernährung sondern inkludierte auch andere körpergebundene Bereiche des Lebens, wie z.B. Kleidung, Sexualität oder Wohnen. Auch für die Erziehung, Bildung, Familienleben und Haushaltsführung wurden exakte Vorgaben und Richtlinien formuliert. Somit gibt es eine weitere Parallele (neben dem Verzicht) zum historischen Vorläufer: der Vegetarismus des 19. Jahrhunderts war nicht nur ein Ess-, sondern gleichzeitig ein Lebensstil.[19]

Abschließend soll festgehalten werden, dass die vegetarische Ernährungsweise in der Antike ihre Blütezeit hatte und nur die fernöstlichen Religionen das Erbe einer vegetarischen Ernährungsweise bewahrten. Die Industrialisierung ab Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts führte dazu, dass sich die vegetarische Lebensweise auch in Europa über die sogenannte Lebensreformbewegung etablieren konnte. Der zunehmende Wohlstand und die mit der zunehmenden Industrialisierung negativen Auswirkungen auf die Gesundheit und Umwelt forcierte das neue Bewusstsein, das viele Menschen überzeugte, eine vegetarische Ernährungsweise zu praktizieren.[20] Welche Bedeutung die vegetarische Ernährungsweise in der heutigen Zeit hat, zeigt der nächste Abschnitt.

[...]


[1] Bosshart D., Hauser M.: European Food Trends Report – Perspektiven für Industrie, Handel und Gastronomie, Rüschlikon/Zürich, 2008, S. 6

[2] Brunner, K.-M.: Essenskulturen in sozialen Wandel, in: Engel, G., Scholz, S.: Essenskulturen, Berlin, 2008, S. 11f

[3] Brunner, K.-M.: Risiko Lebensmittel? Lebensmittelskandale und andere Verunsicherungsfaktoren als Motiv für Ernährungsumstellungen, Wien, 2006, im Internet: www.konsumwende.de

[4] http://www.vegan.at

[5] Dierauer, U.: Vegetarismus und Tierschonung in der griechisch-römischen Antike, in: Linnemann, M., Schorcht, C.: Vegetarismus. Zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise, Erlangen, 2010, S. 11f

[6] vgl. Dierauer (2010), S. 12

[7] http://www.votsalakia.com/becher/pythagoras.jpg

[8] Büchse, N., Kruse, K.: Sind Vegetarier die besseren Menschen?, in: Stern, Ausgabe 4/2011, S. 68ff

[9] vgl. Leitzmann/Keller (2010), S. 39f

[10] Barlösius, E.: Soziologie des Essens. Eine sozial und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung, München, 2011, S. 53 und S. 119

[11] Barlösius, E.: Naturgemäße Lebensführung. Zur Geschichte der Lebensreform um die Jahrhundertwende, Frankfurt am Main, 1997, S. 165

[12] vgl. Leitzmann/Keller (2010), S. 56

[13] Struve, G.: Pflanzenkost, die Grundlage einer neuen Weltanschauung, Stuttgart, 1869, S. 12

[14] Fritzen, F.: Gesünder leben. Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert, Stuttgart, 2006, S. 336

[15] vgl. Leitzmann/Keller (2010), S. 57f

[16] Spencer, C.: Vegetarianism: a history, London, 2000, S. 238

[17] vgl. Leitzmann/Keller (2010), S. 54f

[18] http://www.vegetarier.at/

[19] vgl. Barlösius (2011), S. 120

[20] vgl. Leitzmann/Keller (2010), S. 68f

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ernährungsverhalten im Wandel. Vegetarismus von der Antike bis zur Gegenwart
Note
SEHR GUT
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V306484
ISBN (eBook)
9783668054806
ISBN (Buch)
9783668132979
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ernährungsverhalten, wandel, vegetarismus, antike, gegenwart
Arbeit zitieren
Manuela Gruber (Autor), 2012, Ernährungsverhalten im Wandel. Vegetarismus von der Antike bis zur Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306484

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