Syphilitische Schelme und Schelminnen. Simplicissimus, Courasche und die europäische Pikareske des 17. Jahrhunderts im Zeichen der ‚lieben Franzosen‘


Seminararbeit, 2010

25 Seiten, Note: 1,0

Alexander Bauerkämper (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Pathologie und (Literatur-)Geschichte der Lues venerea
2.1 Was ist Syphilis?
2.2 Etymologie und Werdegang einer ‚genuin literarischen Krankheit‘
2.3 Forschungsstand und gesellschaftlicher Diskurs im 17. Jahrhundert

3 Zum Stellenwert der Syphilis im spanischen und französischen Schelmenroman des 17. Jahrhunderts
3.1 Francisco López de Úbeda: La pícara Justina (1605)
3.2 Charles Sorel: Histoire comique de Francion (1623)
3.3 Francisco de Quevedo: Historia de la vida del Buscón (1626)

4 Grimmelshausens Schriften und die Syphilis
4.1 Simplicius Simplicissimus ‚Syphiliticus‘ (1668)
4.2 Courasche oder Trutz Simplex (1670)

5 Vergleichende Zusammenfassung

6 Schlussbemerkung

7 Bibliographie

1 Einleitung

Mit Ende des 15. Jahrhunderts bricht eine bis dahin unbekannte Plage verheerender Wirkung über die Alte Welt herein: Lues venerea, die Syphilis. Aufgrund der anhaltenden Ungewissheit über Ursprung, Übertragungsweg, Therapie und damit auch über die metaphysische Verfasstheit der Krankheit ging ihre sprung-hafte Verbreitung immer auch mit einer Polyphonie von (pseudo)medizinischen, religiös motivierten und sozialpolitischen Diskursen einher. Diese betteten die Krankheit im Laufe der Zeit in ein Geflecht pathologischer Mythen ein. Erst mit Entdecken des Penicillins zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Schrecken der Syphilis gänzlich gebannt und entmystifiziert. So kann die ‚Lustseuche‘ heute auf einen wackeren Werdegang von über 400 Jahre zurückblicken, wobei sie ab 1880 nicht mehr wie seit der Renaissance primär mit körperlichen Entstellungen der Haut verbunden [wird], sondern mit ihrer Folgekrankheit, der „progressiven Paralyse“, im älteren Sprachgebrauch auch „Gehirnerweichung“ genannt. Damit steht die Krankheit […] im Kontext der zeitgenössischen Genie-und-Wahnsinn-Thematik (Helduser 2009: 225)

Krankheit ist und war, ob in Gestalt siecher Körper oder Geister, ein grund-legendes Thema der Literaturen aller Epochen. Die Syphilis spielt dabei als literarisches Motiv eine außerordentliche Rolle, wie Anja Schonlau in Syphilis in der Literatur herausarbeitet: „Die pathologischen Eigenschaften der Syphilis und deren kulturelle Deutungen machen die Geschlechtskrankheit zum Schmelztiegel verschiedener Diskurse über Ästhetik, Moral, Genie und Medizin“ (Schonlau 2005: Klappentext), und zwar in einer Art und Weise wie keine andere Krankheit.

Die philologische Forschung über das Zusammenspiel von Syphilis und Literatur konzentrierte sich bisher meist auf die Renaissance oder die Moderne.[1] Dabei wurde das 17. Jahrhundert zwar nicht ausgespart. Eine eingehende Vertiefung fand jedoch noch nicht statt, obwohl auch in zahlreichen barocken Schriften der Syphilis Platz eingeräumt wird. In diesem Sinne will die vorliegende Arbeit Vorschläge einer tiefergehenden Behandlung der literarischen Verarbeitung der Syphilis-Thematik im 17. Jahrhundert wagen. Ganz speziell wollen wir dabei Beispiele der europäischen Pikareske dieses Jahrhunderts betrachten, denn:

Die Veränderung der Sexualmoral [Anfang des 17. Jahrhunderts] macht venerische Infektionen zur Schande und ihre Träger zu Sündern. So erfolgt die Poetisierung der Syphilis zwar weiterhin gemäß der klassischen Ästhetik in komischen und polemischen Satireformen, aber erheblich seltener als im 16. Jahrhundert. Einschlägig bleibt für die Syphilis das Umfeld des pikaresken Romans. (Schonlau 2005: 66)

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen schuf mit seinem Pikaro Simplicissimus und der Pikara Courasche zwei der gewichtigsten Figuren des europäischen Schelmenromans überhaupt. Ziel unseres Beitrags soll sein, herauszuarbeiten, wo und wie sich der Simplicissimus Teutsch und die Courasche (bzw. Trutz Simplex) in Bezug auf ihre literarische Verarbeitung der Syphilis im Kontext anderer europäischer Schelmenromane verorten lassen. Denn wird auch der Syphilis in all diesen Romanen zunächst nur Platz als „Nebenmotiv in komischer Funktion“ (Schonlau 2005: 60) zugestanden, so müssen wir uns dennoch fragen, weshalb gerade die Syphilis in der barocken pikaresken Welt immer wieder auftaucht und weshalb Grimmelshausen seinen beiden Protagonist_innen[2] die Krankheit auf den Hals jagt[3].

Es geht also um die Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten in Darstellung und Symbolik der Syphilis-Thematik der einzelnen Romane. Hierbei werden wir insbesondere feststellen, dass den weiblichen Syphilitikerinnen in Abgrenzung zu ihren männlichen Leidensgenossen eine besondere Rolle zugesprochen werden kann. Der eigentlichen Untersuchung und Abgleichung der Primärtexte werden wir zunächst eine (literar)historische und pathologische Einführung der Syphilis voransetzen.

2 Pathologie und (Literatur-)Geschichte der Lues venerea

In der Literatur des 17. Jahrhunderts wird zumeist nicht in direkter Weise auf die Lues venerea referiert. Vielmehr geschieht dies in verschlüsselter, satirischer Form, so dass in vielen Fällen nur der sachkundige Leser der Allusion gewahr wird. Um die generell verwendeten zeitgenössischen Codes weit möglichst aufzudecken, wollen wir in diesem ersten Teil der Arbeit auf die Pathologie, die Geschichte, die verschiedenen Bezeichnungen und Schmähnamen der Syphilis sowie auf den Forschungsstand und den gesellschaftlichen Diskurs im 17. Jahrhunderts eingehen.

2.1 Was ist Syphilis?

Syphilis ist „eine durch Treponema pallidum verursachte Geschlechts-krankheit. Der Verlauf ist […] chronisch-stadienhaft und unbehandelt wenig vorhersehbar“ (Kittler 2009: 159). Das klassische Symptom der Krankheit ist das genitale Ulcus, ein „aus einer Papel entstehende[s] schmerzlose[s] Geschwür[] mit harten Rändern“ (Classen/Diehl/Kochsiek 2009: 725), welches zusammen mit einer harten Schwellung der Lymphknoten etwa drei Wochen nach der Infektion auftritt. Während der zweiten Phase (ca. acht Wochen nach Auftreten des Primäreffekts) entwickelt sich meist ein mehr oder weniger großflächiger Hautausschlag, der zu Haarausfall führen kann. Außerdem „kommt es zum Auftreten von nässenden, hochinfektiösen Papeln […]. Nach einer Latenzzeit von einigen Monaten bis Jahren […] tritt die Lues in das 3. Stadium […] ein. […] mehrere Manifestationen […] Neurosyphilis […] progressive Paralyse […] mit entsprechenden psychisch-intellektuellen Folgen bis hin zur Demenz […] Tabes dorsalis: Degeneration der Hinterstränge des Rückenmarks und anderer Nervenbereiche“ (Classen/Diehl/Kochsiek 2009: 725) und so weiter.

Kurz: Wenn sich die Krankheit auch in drei verschiedene Phasen einteilen lässt, so ist sie doch durch den schleichenden Prozess der Zerstörung des infizierten Körpers zu charakterisieren. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass die oben gemachten Angaben auf Erkenntnissen der modernen Medizin basieren. Die Ausbreitung der Symptome, die Brutalität der körperlichen Zersetzung und die Mortalitätsrate (bei unbehandelten Infizierten) muss in der Frühen Neuzeit ungemein fataler ausgefallen sein. Da die Syphilis zwischen der Zeit ihrer ersten großen Epidemien Ende des 15. Jahrhunderts bis heute deutlich an Virulenz verloren hat[4].

2.2 Etymologie und Werdegang einer ‚genuin literarischen Krankheit‘

Erste schriftliche Zeugnisse über das Aufkommen der Syphilis auf europäischem Boden gibt es Mitte der Neunzigerjahre des 15. Jahrhunderts,

wobei nicht geklärt ist, ob die Krankheit im März 1493 von Kolumbus und seinen Seeleuten aus der Neuen Welt mitgebracht wurde oder ob es sich lediglich um eine neue Form einer alten Krankheit handelt, die 1495 von den französischen Truppen Karls VIII. aus Neapel [nach Frankreich und Deutschland] hereingeschleppt wurde – daher die Bezeichnungen „malafranzos“, „morbus Gallicus“, „die französische Krankheit“ bzw. „mal de Naples“, „die neapolitanische Krankheit“. (Flood 1994: 222)

Je nachdem, in welchem Landstrich man sich also befand, trug die Krankheit den Namen derjenigen Region, aus welcher sie eingeschleppt wurde. Bei Grimmelshausen findet sich meist schlicht die Bezeichnung ‚die Franzosen‘[5]. Daneben etablierten sich des weiteren Lues, Lues venerea oder zu Deutsch ‚die Lustseuche‘, welche den Aspekt der genitalen Ansteckungsweise betonen, sowie ‚der (harte) Schanker‘, was sich auf den Primäreffekt der Syphilis, den oben erwähnten Ulcus durum, bezieht. Die Bezeichnung ‚Syphilis‘ erhielt die Krankheit nach dem Lehrgedicht Syphilides sive de morbo Gallico (1530) des italienischen Arztes Girolamo Fracastoro.

Es erzählt die Fabel vom Ursprung der Krankheit als einer Strafe Gottes, die den Schweinehirten Syphilus als ersten ereilt und daher dessen Namen erhalten habe. [...] Mit Fracastoros Text, dem ‚Schrift-Ursprung‘ der Syphilis, stellt sich der medizinische Diskurs insofern als genuin literarisch dar (Schmidt 1994: 39).

Ganz generell zeugt mit Aufkommen der Krankheit also der Versuch, ihren Ursprung und metaphysischen Sinn mithilfe zumeist religiös oder (pseudo)wissen-schaftlich begründeter Mythen zu erklären, von einer besonderen Literarizität der Syphilis. Gleichwohl sich diese – nach Anja Schonlau – erst und erstmals mit Henrik Ibsens Gengangere (1881) vollkommen entfaltet, spricht auch sie von einer „genuin subversive[n] poetische[n] Qualität der Syphilis“ (Schonlau 2005: 17). Insofern stellt sich uns der Werdegang dieser seit 500 Jahren umgehenden Geschlechtskrankheit als interessantes Phänomen literarischer und medizinischer diskursiver Verknüpfungen dar. Ihre literarische Nachfolge dürfte die Syphilis in diesem Sinne wohl mehr oder weniger nahtlos an die Immunschwächekrankheit AIDS abgetreten haben.

2.3 Forschungsstand und gesellschaftlicher Diskurs im 17. Jahrhundert

Die Medizin des 17. Jahrhunderts hatte der Syphilis keine anderen Mittel entgegenzusetzen als jene, die man auch schon Hundert Jahre zuvor anwendete – mit eher weniger als mehr Erfolg: „Als das Gebet versagte, griff man nach alten und neuen Heilmitteln: zunächst nach dem gefährlichen Quecksilber, das entsetzliche Nebenwirkungen hatte, und dann nach dem Harz des Guajakbaums“ (Flood 1994: 228), mit welchem Schwitzbäder bereitet wurden. „So unangenehm es auch war, manchen hat es schon geholfen, und so erhielt das Holz bald den Namen ‚lignum vitae‘ und ‚lignum sanctum‘“(Flood 1994: 228). Mag diese Behandlung insgesamt auch effektiver gewesen sein als der ebenfalls sehr beliebte Aderlass, so war die Genesungs-wahrscheinlichkeit eines Patienten vor allem von seiner Zahlungskraft abhängig.

Zur Herkunft der Syphilis entwickelten sich in der Frühen Neuzeit die verschiedensten Theorien. So glaubte man beispielsweise, sie sei durch eine bestimmte Planetenkonstellation (vgl. Flood 1994: 223) hervorgerufen worden. Natürlich wurde auch im Sinne der Humoralpathologie argumentiert, welche eine Störung des Säftegleichgewichts des Infizierten als Ursache ausmachte. Tragischerweise wurde immer auch gerne ‚dem Juden‘ die Schuld an den Syphilis-Epidemien zugeschoben. Ein Stereotyp, der sich noch verstärkte, als es im Laufe des 16. Jahrhunderts schließlich immer mehr als erwiesen galt, dass sich die Syphilis nicht über eine Verpestung der Luft (vgl. Bentley 1989: 10) sondern durch Geschlechtsverkehr verbreitete. Hier liegt der Mythos des syphilitischen Juden begründet, welchem sich der deutsche National-sozialismus bediente.

Natürlich interpretierte die Frühe Neuzeit die lues venerea als Strafe Gottes und spätestens mit dem Publikwerden ihrer genitalen Übertragbarkeit im Laufe des 16. Jahrhunderts galt der syphilitisch infizierte Mensch als „physically and morally ‚tainted‘“ (Bentley 1989: 7), als gottgestrafter Sünder, der wegen seiner aus-schweifenden Lebensweise (der luxuria) eine Infizierung verdient hatte.

Im medizinhistorischen Sinne ist das 17. Jahrhundert also eine Zeit der Dauerkrise ohne Durchbruch, welche sich unmittelbar an die Ratlosigkeit der Renaissance anschließt. Diese Ratlosigkeit wird chronisch. Die einzige gesellschaftlich akzeptierte Antwort – Syphilis als Strafe Gottes an den Sündhaften – verschärfte sich zunehmend in barocker Manier und führte zur verstärkten Stigmatisierung und Isolation der Erkrankten (z.B. in Form der Quarantäne).

Was die typischen Symptome des Syphiliskranken angeht, so erzählen Literatur und medizinische Traktate des 17. Jahrhunderts gleichwohl von denselben: grässliche Hautausschläge, pestilente Gesichtsteile (wie z.B. abfallende Nasen), Haarausfall, faulig nässende Beulen und so weiter. Da die Pathologie der Krankheit noch lange nicht geklärt war, vermischten sich die als syphilitisch vermuteten Symptome mit jenen anderer Krankheiten wie Lepra, Gonorrhöe, Pest. Was den Syphilitiker in jedem Falle auszeichnete war sein zunächst nach außen hin verwesender, gezeichneter Körper, der sich in späteren Stadien dann auch innerlich selbst zerfraß[6] und seine Spuren an den Seelen der Sünder ließ.

3 Zum Stellenwert der Syphilis im spanischen und französischen Schelmenroman des 17. Jahrhunderts

Wir wollen uns in dieser Arbeit der Frage nähern, welche Rolle der Syphilis in Grimmelshausens zwei Hauptwerken zugesprochen wird. Da uns aber das Phänomen der Syphilis als literarisches Motiv insbesondere im pikaresken Kontext als nicht isolierbar erscheint, möchten wir zunächst anhand der wichtigsten spanischen und französischen Schelmenromane sowie einigen ihnen nahestehenden Werken klären, wie das Syphilis-Thema in der europäischen Barock-Pikareske verhandelt wird. In diesen europäischen Rahmen eingebettet wird es uns am Ende möglich sein, quantitative und qualitative Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der von uns untersuchten Romane bezüglich ihrer Syphilis-Bezüge festzumachen.

Als erster Schelmenroman der Literaturgeschichte gilt der Lazarillo de Tormes (1554). Hier, wie auch im Guzmán de Alfarache (1599) von Mateo Alemán scheint die Syphilis keine Rolle zu spielen. Im Werk von Miguel de Cervantes, des großen Romanciers der Zeit, gibt es wohl nur einen Text, der die Syphilis thematisiert. Es handelt sich um die Kurzgeschichte El casamiento engañoso (erschienen 1613 in der Sammlung Novelas ejemplares), welche von einer Heiratsschwindlerin und einem Heiratsschwindler handelt, die sich gegenseitig zu betrügen versuchen. Am Ende gehen beide leer aus, einzig erkrankt der Mann an einer Krankheit, die ihm eine Glatze beschert und ihn zwing, eine teure Schwitzkur durchzustehen (vgl. Cervantes 1987: 292); eine klare Referenz auf die Lues venerea. Da es sich dabei um keinen pikaresken Text handelt, wollen wir zunächst aber nicht näher auf ihn eingehen, werden im Laufe unseres Beitrags jedoch bei Gelegenheit auf ihn zurückkommen.

Die wichtigsten spanischen pikaresken Romane des 17. Jahrhunderts sind Quevedos Buscón und – mit der ersten pikaresken Held in der Literatur – die Pícara Justina von López de Úbeda. Im Folgenden werden wir diese beiden Romane sowie Charles Sorels Francion[7] eingehender untersuchen, um herauszufinden, ob und wie dabei jeweils die Syphilis-Thematik eingebunden wird. Aufgrund des geringen Umfangs dieser Arbeit beschränken wir uns auf diesen Textcorpus, wenngleich es natürlich sinnvoll wäre, unter anderem auch einen Blick in die englische, holländische und italienische Romanproduktion des 17. Jahrhunderts zu werfen, um einen tatsächlich ‚europäischen‘ Querschnittsrepräsentation zu erlangen.

Trotzdem aber werden bezüglich unserer Fragestellung nicht bloß spezifische, sondern auch generelle Schlüsse zu ziehen sein. Es wird sich zeigen, dass mit den drei folgenden Romanen eben auch drei der wichtigsten Schelmenromane überhaupt die Syphilis poetisch aufnehmen. Dies passiert entweder in recht umfangreicher, überaus codierter Weise, oder aber auf direkte Art, wobei es sich dann um nicht mehr als ein Nebenmotiv handelt. Dabei geht es immer darum, einen im satirisch-komischen Effekt zu erzielen, wie es typisch ist für den barocken Schelmenroman:

Es ist so wenig wie das Lachen in der barocken Komödie ein beglückendes Lachen. Anlaß zur Komik ist stets etwas, was eigentlich zum Weinen ist, ein Unglück oder eine Untugend, am meisten aber das Grundgebrechen der Welt: der Widerspruch zwischen Schein und Sein und zwischen Wahn und Wirklichkeit. (Alewyn 1969: 406)

[...]


[1] So zum Beispiel bei Flood (1994), Schmidt (1994) und größtenteils auch Schonlau (2005).

[2] In Bezug auf die hier behandelten Schelminnen und Schelmen wählen wir die Gender-inkludierende Unterstrich_Form, mit welcher wir insbesondere auf die zwischengeschlechtliche Konstitution des Simplicissimus und der Courasche (vgl. Zeuch 2009, Solbach 2003 und Strobel 1995) hinweisen wollen. Vor allem Courasches Neigung zum Hermaphroditischen, das sich in der Wechselwirkung ihrer ‚männlichen‘ und ‚weiblichen‘ Rollen ergibt, erzeugt eine erotische Symbolik welche auch ihre Eigenschaft als Syphilitikerin betreffen könnte. Denn: „Was den Hermaphroditen mit der sexuell unersättlichen Frau verbindet, ist die Transgressivität des Körpers“ (Strobel 1995: 93).

[3] Tatsächlich wird Simplicissimus – anders als oft behauptet – nicht mit der Lues venerea infiziert, sondern mit den „Kindsblattern“ (Grimmelshausen 2007b: 252), also den Pocken. Wir werden im Kapitel 4.1 auf diesen Sachverhalt näher eingehen und – mit ein Wenig interpretatorischem Spielraum – erklären, weshalb man Simplicissimus trotzdem als quasi-infiziert ansehen könnte.

[4] Vgl. dazu das Kapitel „Was ist Syphilis?“ bei Schonlau (2005: 25-45), insbesondere: „Die hier geschilderte Eigenschaft als schwere Ganzkörperkrankheit macht einen bedeutenden Teil der kulturellen Relevanz der Krankheit aus. Dabei spielen die sichtbaren Folgen wie die variationsreichen Hautausschläge für ihre Konstruktion in Bezug auf Moral und Ästhetik eine besondere Rolle. […] Diese pathologischen Erscheinungen stigmatisieren den Syphilitiker“ (Schonlau 2005: 31).

[5] „nemlich die liebe Frantzosen mit wohlgeneigter Gunst“ (Grimmelshausen 2007a: 131).

[6] Wie Schmidt (1994: 45) herausarbeitet, stand die Vorstellung des sich selbst zerfressenden Leibes der angeblichen Sündhaftigkeit des Onanisten sehr nahe.

[7] Ob der Francion tatsächlich als Schelmenroman gelten darf, dieser Frage wollen wir uns hier nicht widmen. Es sei lediglich darauf verwiesen, dass es grundlegende Unterschiede zwischen der ‚klassischen‘ pikaresken Form und der dieses als erster französischer Pícaro-Roman geltenden Werkes gibt. Dazu gehören insbesondere die erhöhte Polyphonie des Romans und die allwissende Erzählinstanz anstelle des autobiographischen Ich-Erzählers.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Syphilitische Schelme und Schelminnen. Simplicissimus, Courasche und die europäische Pikareske des 17. Jahrhunderts im Zeichen der ‚lieben Franzosen‘
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Grimmelshausen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V306692
ISBN (eBook)
9783668047334
ISBN (Buch)
9783668047341
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Abenteuerliche Simplicissimus, Mutter Courasche, Pikareske, Schelm, Schelmenroman, Frühe Neuzeit, Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, Satire, 16. Jahrhundert, Syphilis, Krankheit und Literatur, Seuche, Pest, Cholera, Lues venerea, Franzosenkrankheit, Francisco López de Úbeda, La pícara Justina, Charles Sorel, Histoire comique de Francion, Francisco de Quevedo, Historia de la vida del Buscón, Trutz Simplex
Arbeit zitieren
Alexander Bauerkämper (Autor), 2010, Syphilitische Schelme und Schelminnen. Simplicissimus, Courasche und die europäische Pikareske des 17. Jahrhunderts im Zeichen der ‚lieben Franzosen‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306692

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