Die Rolle libyscher Stammesgesellschaften in der Revolution von 2011


Magisterarbeit, 2014
81 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Stand der Forschung

2 Definition des Stammesbegriffs
2.1 Stämme und Großfamilien Libyens

3 Geschichte Libyens in Hinblick auf die Stämme
3.1 Arabisierung
3.2 Die Sanussiya
3.3 Die Kolonialisierung durch die Italiener (1912-1942)
3.4 Monarchie von König Idris (1951-1969)

4 Die Gaddafi Ära
4.1 Gaddafis Septemberrevolution von 1969
4.1.1 Erwähnung des Stammesbegriffs im Grünen Buch
4.2 Gaddafis Umgang mit den Stämmen
4.2.1 Retribalisierung der libyschen Politik
4.2.2 Zivile Gesellschaft
4.3 „Männer des Zeltes“

5 Revolution von 2011
5.1 Opposition
5.1.1 Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen
5.1.2 National Transitional Council
5.1.3 Nato-Einsatz
5.1.4 Islamische Opposition
5.2 Revolutionäre Stämme
5.2.1 Appell der Stämme
5.3 Regimetreue Stämme
5.4 Das Ende der Revolution

6 Libyen nach Gaddafi
6.1 Der Allgemeine Nationalkongress
6.2 Stammeskonflikte im Post-Gaddafi-Libyen
6.3 Reconciliation
6.3.1 Aktuelle Ereignisse

7 Schlussbetrachtung

Literatur

Onlinequellen

Abbildungsverzeichniss

Anhang

1 Einleitung

Die aktuelle Lage in Libyen[1] ist schwer durchschaubar, immer noch wird in verschiedenen Teilen des Landes gekämpft, alte Stammeskonflikte leben wieder auf und neue ergeben sich aus den Machtkämpfen, die seit Ende der Revolution von 2011 die Stämme Libyen spalten. Die neue Regierung, der General National Congress ist gewählt, hat aber Probleme, sich gegen einige Milizen durchzusetzen, die sich bis heute weigern ihre Waffen abzulegen oder sich in den neuen Sicherheitsapparat integrieren zu lassen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Thema, das in den vergangenen zwei Jahren seit den Aufständen in Libyen und dem Sturz und Tod Muammar al Gaddafis[2] immer wieder in den Nachrichten und anderen Medien Erwähnung fand, jedoch meist nur am Rande. In Nebensätzen wurde häufig von „den Stämmen“ berichtet, die in Libyen große politische Relevanz hätten. Ziel dieser Arbeit ist es, die Rolle dieser näher zu beleuchten.

Die Konterrevolution in Libyen wird, wie auch die Ereignisse in Tunesien und Ägypten, als arabischer Frühling bezeichnet. Damit werden die Ereignisse in Libyen mit denen in den Nachbarländern gleichgesetzt. Doch die Motivation der Libyer, sich nach über 40 Jahren der Alleinherrschaft Gaddafis zu widersetzen, war eine andere; die politische Situation des Landes war mit der seiner Nachbarstaaten nicht vergleichbar.

Nach einem Überblick über den Forschungsstand im ersten Kapitel gilt es im zweiten Kapitel die ethnologisch umstrittenen Begriffe des Stammes und der Stammesgesellschaft genauer zu betrachten, um zu erkennen, warum es in den 70er Jahren eine Welle der Kritik daran gab, und um zu erläutern, warum es trotzdem sinnvoll ist, die Begriffe in Bezug auf den Vorderen Orient zu verwenden.

Konkreter geht es im dritten Kapitel um die Geschichte der Stämme in Libyen, beginnend mit der Arabisierung im 7. und 11. Jahrhundert. Die Phase der osmanischen Herrschaft in großen Teilen Libyens lasse ich bewußt aus und fahre mit der Gründung des Sanussi-Ordens 1837 fort, um dann auf die italienische Kolonialisierung und die darauffolgende kurze Zeit der Monarchie unter König Idris einzugehen.

Das vierte Kapitel wird sich nur kurz der Septemberrevolution von Muammar al Gaddafi widmen und dann der Stammespolitik, die er praktizierte. Zuerst versuchte er, die Stämme aus der Politik fernzuhalten, seit den späten 80er Jahren begann dann aber eine Phase der Retribalisierung, in der Gaddafi sich die Loyalität der Stämme erkaufte und durch geschickte Machtverteilung zu Nutze machte.

Den Hauptteil der Arbeit werden die Ereignisse des Jahres 2011 einnehmen. Auf Basisinformationen zur Revolution folgt eine Vorstellung der unterschiedlichen Akteure der Opposition: die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, der Nationale Übergangsrat, die NATO und die Islamische Opposition. Vor allem werde ich aber explizit auf einige der libyschen Stämme eingehen, und zwar sowohl auf jene, welche sich der Revolution angeschlossen hatten, als auch auf Stämme, die sich während der Revolution dem Regime gegenüber loyal verhielten.

Im sechsten Kapitel wird ein Überblick über die aktuelle Lage Libyens seit dem Tod Gaddafis skizziert, wobei zuerst kurz der Allgemeine Nationalkongress vorgestellt wird. Danach werden exemplarisch einige Konflikte zwischen unterschiedlichen Stämmen geschildert sowie die Bemühungen der neuen Regierung, diese Konflikte zu lösen. Abschließend weise ich zuletzt exemplarisch auf aktuelle Ereignisse in Libyen hin.

1.1 Stand der Forschung

Ronald Bruce St. John bemerkt zu Anfang seiner Abhandlung Libyan Myths and Realities, dass es vor dem Ausbruch der Revolution 2011 nur eine Handvoll seriöser Libyen-Forscher gab. Dies habe sich in den Wochen nach Beginn des Aufstands aber radikal geändert. Täglich tauchten neue „Experten“ in den Medien auf, was er für problematisch hält: „these newly-minded experts don’t know their subject and too often deliver incomplete, inaccurate, or biased information.“[3]

Besonders hervorzuheben in der Literatur über Libyen ist der Ethnologe Edward E. Evans-Pratchard. In seinem Buch The Sanusi of Cyrenaica von 1949 widmet er den Stämmen in der Cyrenaika ein ganzes Kapitel.

Ferner zu nennen sind die libysche Politologin Dr. Amal Obeidi, die selbst aktiv im Osten des Landes tätig ist, und der ebenfalls libysche Historiker Faraj Najem, dessen Dissertation von 2004 sich ausführlich mit dem Thema der historischen Stämme Libyens befasst und der als Experte in diversen Diskussions-Sendungen und Artikeln zu Rate gezogen wird.

Lisa Anderson, Präsidentin der Amerikanischen Universität in Kairo, veröffentlichte 1990 den Artikel Tribe and State: Libyan Anomalies in dem Sammelband Tribes and State Formation in the Middle East, herausgegeben von Philip Khoury und Joseph Kostiner. Dieser Beitrag ist für die Beschäftigung mit Stammesgesellschaften in Libyen von großer Bedeutung.

Hanspeter Mattes, stellvertretender Direktor am GIGA Institut für Nahost-Studien, dessen regionales Fachgebiet die Maghrebstaaten – insbesondere Libyen – sind, liefert in zahlreichen Beiträgen detaillierte Informationen sowohl zur Geschichte des Landes, als auch zu aktuellen Themen, wie etwa der Revolution vom 17. Februar 2011 und der darauffolgenden politischen Entwicklung.

Ein weiterer Experte ist der Ethnologe Thomas Hüsken, der besonders auf das östliche Grenzgebiet der Cyrenaika zu Ägypten und die Bewegung der Jugend spezialisiert ist; in seinem Beitrag „Politische Kultur und die Revolution in der Kyrenaika“ (2011) geht er auf die libyschen Stämme und den Anfang der Revolution ein.

Wolfram Lacher, seit 2010 Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), studierte Arabisch und International Relations in Leipzig. Seine zahlreichen Artikel sind dem Thema der vorliegenden Arbeit besonders nah. Sehr ausführlich beschreibt er vor allem die Ereignisse während und nach der Revolution 2011.

Die aktuellste Veröffentlichung vom Juni 2013 ist das von Jason Pack herausgegebene Buch The 2011 Libyan Uprising and the Struggle for the Post-Qadhafi Future. Hierbei handelt es sich um die einzige wissenschaftliche Quelle, die anschauliches Kartenmaterial präsentiert.

Da das Thema der vorliegenden Arbeit relativ aktuell ist, flossen auch zahlreiche Internetquellen mit ein; unter anderem die libyschen Nachrichten auf www.libyaherald.com, einer Seite in englischer Sprache, die das Tagesgeschehen dokumentiert. Aber auch andere Internetnachrichten-Quellen boten interessante Informationen und Fotos zu den aktuellsten Ereignissen und zur Revolution 2011.

Bei der Online Recherche fielen die vielen unseriösen Quellen auf, die eine intensive weltverschwörerische und anti-amerikanische Konnotation hatten und oftmals konsequent auf die Angabe von Quellentexten verzichteten. Eine Überraschung war hingegen die libysche Homepage für Touristen-Service, temehu.com, auf dieser Seite fanden sich unter Angabe aller genutzten Quellen detaillierte Texte zur Geschichte des Landes, insbesondere der Stämme, sowie gut recherchierte Informationen zur Revolution vom 17. Februar 2011, aber auch zu allen Libyen relevanten Themen und Orten.

2 Definition des Stammesbegriffs

Lange gehörte der Begriff Stamm zum Standardvokabular der Ethnologie, bezeichnend für eine von innen wie von außen als Einheit identifizierbare Gruppe mit eigenem Namen. Der Begriff wurde manchmal bezogen auf eine kulturelle Einheit, manchmal auf eine politische Einheit oder aber auf beides. In den 60er und 70er Jahren wurde der Begriff so stark kritisiert, dass er daraufhin nahezu gänzlich aus der Fachliteratur verschwand. Kritisiert wurde die mangelnde Präzision in seiner Definition, außerdem gab es massive Unstimmigkeiten über Inhalt und Zweck des Stammesbegriffs. Eine negative Konnotation hafte ihm an: Er galt als evolutionistisch und kolonialistisch und sei hervorgegangen aus einer eurozentristischen Perspektive, die alle fremden Gesellschaften als Stämme stigmatisiere und verallgemeinere.

Doch für einige Gruppen beziehungsweise Gesellschaften ist er der am besten zutreffende Terminus, das gilt insbesondere für ethnische Gruppen im Vorderen Orient, aber beispielsweise auch für indigene Ethnien Amerikas. Kraus definiert den Begriff der Stämme als soziale Gruppierungen, die sich bewusst gegen die weitere Gesellschaft abgrenzen, der sie sich gleichwohl zugehörig fühlen. Es handele sich um separate Identitäten mit ausgeprägtem politischem Aspekt. Derartige Gruppen, so Kraus, trachteten stets danach, sich den Herrschaftsbestrebungen der sie umgebenden staatlichen Gebilde zu entziehen.[4]

Es sei unübersehbar, schreibt Kraus, dass es innerhalb der Gesellschaften des Vorderen Orients Gruppen gibt, deren kulturelle Konzeptualisierung sich weitgehend mit dem anthropologischen Begriff des Stammes und seinen traditionellen Assoziationen deckt. Das arabische quabila bezeichnet soziopolitische Gruppierungen, die als eindeutig abgegrenzt verstanden werden und deren Einheit auf gemeinsame Herkunft – häufig als patrilineare Abstammung von einem gemeinsamen Ahnen formuliert – zurückzuführen sind. Zugleich ist es aber offensichtlich, dass man es nicht mit einer archaischen und vorstaatlichen Form sozialer Ordnung zu tun hat.[5]

Ganz im Gegenteil, die Zugehörigkeit dieser Gruppen zu einer alten Schriftkultur ermöglicht nicht nur, sondern fordert quasi eine Betrachtung ihrer historischen Entwicklung in Bezug auf die Wechselbeziehungen zu den sie umgebenden staatlichen Organisationsformen. Auf diese Weise genutzt, entfällt der abwertende Charakter der Bezeichnung Stamm, der einen globalen Anspruch erhebt.

Hinter den zu Recht kritisierten evolutionistischen Modellen stand jedoch eine Idee, deren Einfluss diese Kritik überdauerte und die in der Anthropologie für lange Zeit praktisch zu einer Grundannahme wurde: die Vorstellung nämlich, dass Verwandtschaft als Prinzip sozialer Organisation fungiert, und dass dieses Organisationsprinzip für Stammesgesellschaften typisch ist.[6]

Der ethnologische Stammesbegriff ist, vor allem in evolutionären Konnotationen, generell in Frage gestellt worden. Über seine Nützlichkeit im geographisch und historisch begrenzten Kontext des Vorderen Orients herrscht jedoch breite Übereinstimmung – nicht zuletzt deshalb, weil er, so wie er hier für gewöhnlich verwendet wird, die kulturelle Konzeption der kollektiven Identität der betroffenen Gruppen getreu reproduziert.[7]

Nach Kraus sind tribale Organisationsformen nicht isoliert zu betrachten, sondern nur in Zusammenhang mit ihrer Einbindung in politische, historische und kulturelle Kontexte. Diese haben den Islam als gemeinsamen Bezugspunkt, weshalb man es mit islamischen Stammesgesellschaften zu tun hat.[8]

Anderson schreibt, dass Stammesgesellschaften im Verlaufe der Entwicklung staatlicher Institutionen nicht nur strukturell stabil und stark blieben, sondern weiterhin eine wirkliche Herausforderung für eine Akzeptanz des Staates als primäres Vehikel für wirtschaftliche Verteilung und Konfliktresolution darstellten.[9]

Seit den Ereignissen, die man allgemein als arabischen Frühling bezeichnet, begegnet einem der Begriff Stamm oder Stammesgesellschaften wieder vermehrt in den Medien, aber auch die Wissenschaft bedient sich in Bezug auf den Vorderen Orient dieses Begriffs oder seines englischen Äquivalents tribe.

2.1 Stämme und Großfamilien Libyens

Der Ethnologe Thomas Hüsken sagt in einem Interview, die Vorstellung von Stämmen als miteinander verfeindeten, atavistischen Gemeinschaften habe mit der Realität nichts zu tun. Er beschreibt die Stammesführer als erfahrene Lokalpolitiker mit entsprechendem Wissen.[10]

Es gibt in Libyen etwa 140 Stämme, von denen nur ein kleiner Teil politisch aktiv ist; Experten sprechen von 30-40 Stämmen und Großfamilien.[11]

Libyer selbst nutzen das Wort qabila, welches am besten mit Stamm oder tribe übersetzt werden kann. Der Stammesbegriff impliziert nicht zwangsweise eine veraltete und starre soziale Struktur. In Libyen, wie auch in anderen Regionen, entwickelten sich die Stämme bis heute mit denen sie umgebenden wirtschaftlichen und militärischen Gegebenheiten und interagierten mit den jeweiligen Staatsformen. Der Ethnologe Thomas Hüsken spricht von einer historisch belegten politischen Kreativität der Stammesgesellschaft.[12]

Wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Stammes ist ein gemeinsamer Ursprung, der, ob gefühlt oder real, zu einem verbindenden und solidarisierendem Bund führt. Dabei ist die Familie die kleinste Einheit aus Vater – als Kopf der Familie –, Mutter und Kindern. Die nächstgrößere ist der Klan, bestehend aus einer Gruppe von Familien mit den gleichen Vorfahren und häufig gleichem Nachnamen. Mehrere Klans formen den Stamm, der – wie der Name schon sagt – auf eine gemeinsame Abstammung hinweist, die aber kein zwingend notwendiges Kriterium ist.

Hüsken beschreibt eine weitere Möglichkeit, er geht von der emischen Typologisierung aila für Klan, Lineage oder Großfamilie aus, die zusätzlich auch Verbündete und Geschäftspartner einschließt, die sich außerhalb der unmittelbaren Verwandtschaft bewegen. Um Missverständnissen aus dem Wege zu gehen, verwendet Hüsken in diesem Zusammenhang auch nicht den Terminus Stamm, er spricht stattdessen von Assoziationen, die für tribale Lokalpolitiker von größter sozialer, ökonomischer und politischer Bedeutung seien. Laut Hüsken repräsentieren die 140 libyschen Stämme spezifische imaginierte „communities“ mit einem bestimmten Satz von Werten und ethnischen Orientierungen wie einer möglicherweise konstruierten, gemeinsamen Abstammung, Ehre und Autonomie, Gleichheit und Solidarität. Er unterteilt die Führer der Assoziationen in „Pioniere“ und „Politik-Entrepreneure“. Erstere wurden bereits in den 1940er Jahren sesshaft und stehen – heute zwischen 70 und 90-jährig – den Assoziationen symbolisch vor. Die „Politik-Entrepreneure“, die Söhne der „Pioniere“, die im Gegensatz zu ihren Vätern über Schul- und Universitätsabschlüsse verfügen, sind erfolgreiche Händler, Geschäftsleute oder Anwälte. Als kompetente und erfahrene Akteure entfalteten sie ihre Handlungsmacht in der lokalen und regionalen Ordnung. Unter Gaddafi waren sie staatlich ernannte Amtsinhaber und gleichzeitig Stammesvertreter. Ihr Hauptinteresse sieht Hüsken darin, die politische, ökonomische und soziale Teilhabe ihrer Assoziation auszuweiten und zu gewährleisten.[13]

Bis in die 60er Jahre lebten viele Stämme im Landesinneren, als Beduinen oder badw trieben sie Viehzucht und Karawanenhandel. Mit der Bevölkerung der Städte, hadar genannt, gab es zwar regen Handel, doch Ehen wurden vermieden, und vor allem die Vorstellung, eine Frau aus der Stadt ins Zelt zu holen, galt als unmöglich. Für das Überleben der Stämme in der Wüste war die Stammessolidarität sehr wichtig. Diese gesellschaftliche Struktur blieb jedoch auch bestehen, nachdem in den 60er Jahren die beduinischen Stämme zum größten Teil sesshaft wurden.[14] Die Stammeszugehörigkeit ist nach wie vor stärker als die nationale Identität.

„Im Ausland ist man zwar Libyer, nicht aber im Inland: Dort ist man zuallererst Warfalli, Ubaidi oder Miqrahi.“[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Ethnische Karte

Libyen unterteilt sich grob in die drei historischen Provinzen Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan. Es gibt unter Libyens Stämmen große regionale, individuelle und ethnische Unterschiede. Die Handhabung von Autorität variiert unter libyschen Stammesführern von Gruppe zu Gruppe und von Sheik zu Sheik. Dieser Rechtsplurarlismus, also die Koexistenz zweier Rechtsysteme, ein beduinisches Recht oder Stammesrecht und ein staatliches, waren und sind charakteristisch für Libyen.[16] Während zum Beispiel in der Cyrenaika Stammesälteste unter Gebrauch eines bestimmten Gewohnheitsrechtes (urf) sogar mit der Sanktionierung von Mordfällen beauftragt werden, beschäftigen sich Stammespersönlichkeiten in den Küstenebenen Tripolitaniens – wenn überhaupt – nur mit kleineren Streitigkeiten.

Die libysche Politologin Amal Obeidi führte 2001 Studien zu Stammeszugehörigkeit und Identität mit libyschen Studenten durch; die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass der Stamm in der libyschen Gesellschaft immer noch eine bedeutende Quelle der persönlichen Identifikation darstellt. Der Stamm ist eine der stärksten sozialen Organisationen und die Stammeszugehörigkeit spielt nach wie vor eine signifikante soziale Rolle.[17]

Sie kategorisiert den Begriff der Stammeszugehörigkeit nach folgenden charakte­ristischen Merkmalen:

Solidarität untereinander ist das Hauptelement des Stammes als sozialer Organisation; gemeinsame Abstammung ist zwar wichtig, aber nicht zwingend notwendig. Das Alter determiniert die soziale Rolle in der Hierarchie des Stammes. Männer dominieren über die Frauen des Stammes und genießen deshalb größeren Respekt.[18]

Obeidi führte Befragungen durch, um einen Eindruck von der Haltung der Probanden zu ihrer Stammeszugehörigkeit zu bekommen. Die 492 Teilnehmer wurden zunächst befragt, ob sie einem Stamm zugehörig seien, dies wurde von 96% der Befragten mit “Ja” beantwortet. Die folgende Abbildung zeigt die Art der Beeinflussung durch den Stamm:[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Loyalität und Verbundenheit gegenüber dem jeweiligen Stamm, nach Geschlecht und Herkunft der Familie

Die nächste Abbildung zeigt den Stamme als Quelle der Identifikation im Vergleich mit anderen möglichen Identifikationsquellen wie Familie, Stadt, Staat, Islam und arabische Herkunft.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Stamm und Stammeszugehörigkeit im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Faktoren

Die Befragungen Obeidis beweisen, dass der Stellenwert der Stammeszugehörigkeit in Libyen nach wie vor sehr groß ist.

Einflussreiche Großfamilien in den Küstenstädten waren das Pendant zu den Stämmen auf dem Lande. Die städtischen Großfamilien lassen sich Hanspeter Mattes zufolge nach ethnischen Kriterien untergliedern:

- Familien rein arabischer Abstammung
- Berber/Amazigh-Familien
- Kologhlu-Familien: Sie sind auf Verbindungen mit Türken/Janitscharen (Mütter: Libyerinnen) seit dem 16. Jahrhundert zurückzuführen. Kologhlu-Familien gelten als klassische Vertreter der städtischen Kultur und stellen zahlreiche Verwaltungskader.
- islamische Familien: Aus diesen Familien stammen zahlreiche Imame und Rechtsgelehrte; sie genießen dadurch in der konservativen libyschen Gesellschaft hohen Respekt. Während der Revolutionszeit Gaddafis wurden sie als „konterrevolutionär“ eingestuft und entsprechend verfolgt.[21]

3 Geschichte Libyens in Hinblick auf die Stämme

Libyen, wie wir es heute kennen, existiert erst seit relativ kurzer Zeit. Bevor die Italiener als Kolonialisten das Land besetzten, gab es drei voneinander unabhängige Regionen: die Cyrenaika im Osten, Tripolitanien im Nord-Westen und den Fezzan im Süd-Westen. Die Geschichte dieser Regionen unterscheidet sich stark voneinander. Cyrenaika und Tripolitanien werden vom Sirte-Becken getrennt, wo die Sahara bis an die Küste reicht. Orientierte sich Tripolitanien eher nach Westen, also Tunesien, fühlten sich die Bewohner der Cyrenaika eher mit Ägypten verbunden. Die Arabisierung Libyens erfolgte durch das Einwandern arabischer Stämme im 7. und 11. Jahrhundert nach Christus. Deshalb setzt die folgende kurze Übersicht erst in dieser Zeit an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Historische Provinzen Libyens

3.1 Arabisierung

642 nach Christus stießen arabische Stammeskrieger erstmals bis in die Cyrenaika vor und erreichten 643 auch Tripolitanien und den Fezzan. Die Küstenstädte dieser Regionen standen zu diesem Zeitpunkt unter byzantinischer Herrschaft. Der schnelle Vormarsch der arabischen Krieger bedeutete aber noch keine langfristig gesicherte Eroberung. So galten die Provinzen noch nicht als eingegliedert ins Haus des Islam, „Dar al-Islam“. Die berberischen Nomadenstämme, welche in den Regionen sesshaft waren, wehrten sich gegen die arabischen Eindringlinge, so dass 661-680 eine erneute Eroberung versucht wurde. Diese sicherte zwar die Küstenstädte, erreichte aber nicht das Hinterland und führte nicht zur Islamisierung der dort lebenden Berberstämme. Dies gelang erst 690 mit Hilfe ägyptischer und syrischer Truppen. Die Geschichte der Cyrenaika war für die nächste Zeit mit der von Ägypten verknüpft, während Tripolitanien nach einer Periode der Herrschaft unabhängiger kleiner Emirate von der islamischen Entwicklung im Maghreb beeinflusst war. Verschiedene Herrscher wechselten sich in der folgenden Zeit ab, erst die Abbasiden, dann die Aghlabiden, die gestürzt wurden von den Fatimiden, welche die Ziriden als Verwalter einsetzten. Als die Ziriden sich von den Fatimiden lossagten, schickte der Fatimidenherrscher in Kairo die aufsässigen arabischen Stämme, Banu Hilal und Banu Sulaiman, aus dem ägyptisch-saharischen Hinterland weiter in Richtung Maghreb. Die Banu Hilal stießen 1049-1052 entlang der Küste nach Westen vor und siedelten sich in Tripolitanien und Tunesien an, während die Banu Sulaiman länger in der Cyrenaika verweilten und dann in den Süden weiterzogen, wo sie auch den Fezzan eroberten. Diese als Invasion zu bezeichnende Besiedelung löste politische Konflikte aus und eine damit einhergehende Zerstörung. „(…)in wenigen Jahren richteten die Hilal-Beduinen in Ifriqiya (…) den Ackerbau zugrunde, trieben die Menschen der Städte in den Schutz ihrer Mauern und zwangen die Bewohner der Häfen, ihr Glück als Seeräuber zu suchen.“[22]

Eine weitere nachhaltige Entwicklung dieser Zeit sieht Mattes im demographischen Bereich, denn erst mit der Ansiedelung der Banu Hilal und der Banu Sulaim erfolgte eine umfangreiche Arabisierung der Bevölkerung, von der nur wenige Enklaven der berberischen Bevölkerung verschont blieben, wie beispielsweise der Jebel Nafusa oder die Stadt Zuwara. Der Großteil der heutigen libyschen Bevölkerung ist arabischer oder arabisch-berberischer Prägung.[23]

Die Fatimidenherrschaft endete 1171, Libyen wurde wieder geteilt und die Provinzen Cyrenaika, Tripolitanien und Fezzan standen in den folgenden Jahrhunderten unter sich stetig verändernder Herrschaft, wobei das Hinterland, so Mattes, fast durchgehend von Nomadenstämmen und Stammeskonföderationen dominiert wurde, die den jeweiligen Lokalherrscher zwar nominell anerkannten, den Anschluss an die zentrale Verwaltung und Steuerzahlung aber verweigerten. Diese Verwaltungsorganisation mit fließenden Grenzen zwischen zentraler Administration der Küstenstädte und dezentralisierten Stammeskonföderationen im Hinterland, die oft auch untereinander zerstritten waren, sei letztendlich charakteristisch für die Geschichte Libyens bis zur Kolonialisierung.[24]

Jene libyschen Stämme, welche ihre Wurzeln in den eingewanderten arabischen Stämmen sehen, werden als Saadi bezeichnet. In der Cyrenaika sind es neun Saadi -Stämme, die auf Saada als gemeinsame Ur-Ahnin zurückblicken.[25]

3.2 Die Sanussiya

1837 wurde in Ostlibyen der al-Sanussi-Orden gegründet, eine reformistische, islamische Bruderschaft, vergleichbar mit der al-Wahabiyya-Bewegung auf der arabischen Halbinsel und der al-Mahdiyya im Sudan.

These orders brought about a religious enlightenment and called for the return to the early Islam and for adherence to the strict teachings of the Qur’an and the Sunna.[26]

Gründer des Sufi-Ordens war Muhammad ibn Ali al-Sanussi al-Kabir (1787-1859), der Große Sanussi. Seine Prinzipien waren einfach: Jeder Moslem muss Allah, dem Propheten Mohammed und den Ulama[27] dienen . Der Koran und die Sunna allein sind die Basis für das Leben eines Gläubigen.[28] Er glaubte, dass sich mit einer Rückkehr zu den Quellen des Islams alle religiösen Konflikte lösen und alle islamischen Orden vereinigen würden.

1843 entstand in Bayda das erste Sanussi-Kloster, worauf viele andere folgten. Der Sanussi-Einfluss verbreitete sich so in der ganzen Cyrenaika sowie in Tripolitanien, aber auch im Fezzan, Ägypten, Sudan und Arabien. Evans-Pritchard listet in seinem Buch über die Sanussi der Cyrenaika 146 dieser Klöster auf.[29] Ein ganzes Kapitel dieses Buches widmet Evans-Pritchard den libyschen Stämmen der Cyrenaika. Hüsken schreibt, dass basierend auf einem System dieser Ordensniederlassungen ein islamisch-tribales politisches, wirtschaftliches und kulturelles System erschaffen wurde, das sich von Libyen bis in den Tschad und in den Sudan erstreckte.[30] Die Sanussi-Bruderschaft schöpfte ihre Kraft aus der engen Verbindung mit den Stämmen. Diese wichtigen Verbindungen zu Stämmen und deren Führern waren der Grund, warum Idris, ein Nachfahre Sanussis in den 50er Jahren, als König des Landes anerkannt wurde. So entstand im Zusammenspiel der Sanussiya mit den Stämmen ein besonderes tribales Selbstbewusstsein in der Cyrenaika, welches bis heute dort verankert ist.

3.3 Die Kolonialisierung durch die Italiener (1912-1942)

Der Staat Libyen hat eine relativ kurze Geschichte. Erst mit der 1912 beginnenden Eroberung und Kolonialisierung durch die Italiener wurde 1934 aus den Regionen Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan eine zusammenhängende politische Einheit. Doch weder unter Kolonialherrschaft noch während der späteren kurzen Phase der Monarchie gelang es den jeweiligen Machthabern, die tribalen Gefüge in der Bevölkerung zu kontrollieren; im Gegenteil, die Stammesstrukturen waren die einzig zuverlässigen Strukturen, auf die sich die Bevölkerung während der Kolonialisierung verlassen konnten und gewannen daher eher an Bedeutung. Unter der Führung von Omar Muchtar (1851-1931), einem libyschen Staatsheld, kämpften die Stämme einen gleichermaßen furchtlosen wie gut organisierten Guerillakrieg gegen die italienischen Besetzer ihres Landes. Vor allem in der Cyrenaika waren die Stämme nicht gewillt, sich fremder Herrschaft zu unterwerfen.

3.4 Monarchie von König Idris (1951-1969)

Am 24.12.1951 wird Libyen als Königreich mit den drei Provinzen Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan durch die UNO proklamiert und Idris al-Sanussi, der Enkel des Gründers der Sanussiya, als König Idris I. ausgerufen. Als Dank dafür vertrat König Idris eine strikt pro-westliche Haltung. Dies kam den westlichen Bündnispartnern Großbritannien und USA nicht ungelegen, vor allem, nachdem 1959 große Mengen an Erdöl in der Sahara gefunden wurden.

Auch unter König Idris blieben die Stammesstrukturen stark. Notable und Stammesführer spielten eine zentrale Rolle bei der Beratung des Königs und der lokalen Umsetzung staatlicher Politiken. Die Stämme der Cyrenaika genossen laut Hüsken sogar eine Art De-facto-Autonomie und erlangten eine durch historische Erfahrung geprägte politische und kulturelle Identität. Die politische Macht war in dieser Zeit jedoch in den Händen der städtischen Großfamilien.[31]

4 Die Gaddafi Ära

42 Jahre sollte Gaddafis Herrschaft in Libyen dauern, bis er, wie selbst angekündigt, im Kampf für sein Regime und gegen sein Volk ums Leben kam. Eine lange Zeit, in der er Land und Menschen intensiv beeinflusst und geprägt hat; immerhin ist über die Hälfte der Libyer zwischen 16 und 35 Jahren alt und hat nie etwas anderes als die Diktatur des „Bruder Oberst“ kennengelernt.[32] Seine Auftritte in der Weltpolitik brachten ihm Titel wie „Enfant Terrible“, „Terrorpate“ und „Irrer Hund“ ein. „Ich bin der Führer der Führer Arabiens, ich bin der König der Könige Afrikas und ich bin der Imam aller Muslime“, sagte er von sich selbst.

4.1 Gaddafis Septemberrevolution von 1969

Am 1. September 1969 gelang es Gaddafi, sich in Abwesenheit von König Idris, der sich zur medizinischen Behandlung in der Türkei befand, durch einen unblutigen Militärputsch mit dem „Bund der freien Offiziere“ zum Staatsoberhaupt zu erheben. Der damals erst 27-Jährige proklamierte die Libysche Arabische Republik und wurde zum Befreier Libyens von Monarchie und Kolonialismus. Dies war der Beginn eines großen Umbruchprozesses, nicht nur in politischer, sondern ebenso in wirtschaftlicher sowie gesellschaftlicher Hinsicht und auch die Stammesfrage betreffend. Gaddafi war selbst beduinischer Herkunft und stolz darauf.

Er folgte seinem großen Vorbild Nasser in Ägypten. Er begann sofort damit, Banken und Versicherungen zu verstaatlichen und kündigte den englischen und US-amerikanischen Militärbasen die Pachtverträge. Die Libyer sahen darin eine endgültige Befreiung von der Kolonialisierung, was Gaddafi zu großem Ansehen in der Bevölkerung verhalf. 1971 wurden auch die Ölfelder verstaatlicht, und aus einem der ärmsten Länder Afrikas wurde eines der reichsten.

1977 gründete Gaddafi offiziell das Staatsmodell der Jamahiriya[33], was wörtlich „Volksmassenrepublik“ bedeutet. Theoretisch wurde Libyen basisdemokratisch von unten nach oben regiert. Den ideologischen Überbau dieses Systems bildete das Grüne Buch. Nach Gaddafis „Dritter Universaltheorie“ übt das Volk die Macht direkt aus und darf dabei nicht durch vermittelnde Institutionen gestört werden, weshalb in der Jamahiriya alle politischen Parteien sowie NGOs strikt verboten waren. Werenfels beschreibt die Praxis des libyschen Herrschaftssystems als eigentümliches Amalgam und nennt vier „Bestandteile:

1. Gewählte basisdemokratische Institutionen bildeten die unterste Ebene des politischen Systems. Sie bestanden aus ca. 500 Basiskongressen mit einer schwankenden Zahl vierteljährlich gewählter Mitglieder. Die Funktion der Basiskongresse war die Diskussion und Verabschiedung von Gesetzesvorschlägen und Vorlagen und die Bestimmung eines Delegierten für das Quasi-Parlament.

2. Nicht-gewählte (para-)militärische Einheiten mit hoher Regimeloyalität: Seit den 90er Jahren besetzte Gaddafi Schlüsselpositionen im Sicherheitsapparat nur noch mit Familien- oder Stammesangehörigen. Hierzu zählt die ihm loyale sogenannte bewaffnete Volksgarde.

3. Semi-institutionalisierte Stammesstrukturen waren die im Jahr 1993 gegründeten Volksführerschaftskomitees.

4. Gaddafi-Familie und informelle Beratergremien.

Die Funktion und Abgrenzung dieser verschiedenen Strukturen sei im höchsten Maße unklar, so Werenfels, allerdings sei unbestritten, dass Gaddafi und seine informellen Netzwerke das Zentrum der Macht in Libyen bildeten. Zu diesen Netzwerken zählt Werenfels die Familie und den Stamm Gaddafis sowie Führer anderer wichtiger Stämme, die sie im Text leider nicht näher erläutert.[34]

4.1.1 Erwähnung des Stammesbegriffs im Grünen Buch

1975 veröffentlichte Gaddafi das Grüne Buch, das als eine Art Verfassung Libyens angesehen wurde, da es keine andere Verfassung gab. Er selbst bezeichnete das Buch als „Dritte Universaltheorie“ und verstand sie als Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus.

Im ersten Kapitel geht es um Gaddafis Demokratieverständnis. Parlamente und Klassenherrschaft werden abgelehnt, stattdessen entwirft er ein kompliziertes Organisationschema, das die direkte Herrschaft des Volkes gewährleisten sollte. Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass er allein alle für den Staat wichtigen Fragen entschied.

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Der Sozialismus“ wird beschrieben, wie die Ausbeutung der Menschen abgeschafft werden soll. Es geht um Bedürfnisbefriedigung, die Abschaffung von Arbeitslosigkeit und Eigentum. (Tatsächlich hat Gaddafi in den 80er Jahren viel Land verstaatlicht und die Besitzurkunden vernichten lassen, was heute zu Konflikten zwischen Stämmen führt, die Ansprüche darauf erheben.)

Interessant für den Kontext der vorliegenden Arbeit ist insbesondere das dritte Kapitel des Grünen Buches, in dem sich der Oberst der sozialen Basis der „Dritten Universaltheorie“ widmet und auf Familie, Stamm und Nation eingeht, die für ihn aufeinander aufbauende Einheiten im Sinn eines evolutionistischen Ansatzes bedeuten. Demzufolge stellt die Nation eine logische Weiterentwicklung des Stammes dar.[35]

Die Familie wird als Grundlage beschrieben, die in den Stamm eingegliedert sei, und die Gesamtheit der Stämme bilde die Nation. Familie, Stämme und Nation werden dabei durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl verbunden. Konsens, Loyalität, Solidarität, Zusammengehörigkeitsgefühl und Freiheit sind zentrale Elemente in Gaddafis Ideologie. Der Anschaulichkeit halber wird eine Stelle aus dem Grünen Buch zitiert:

Die soziale Basis der Dritten Universaltheorie

Ein Stamm ist eine Familie, die als Ergebnis der Fortpflanzung gewachsen ist. Daraus folgt, dass der Stamm eine große Familie ist. In gleicher Weise ist eine Nation aus dem Stamm erwachsen. Und so gesehen ist die Welt eine Nation, die sich in Form von vielen Nationen verzweigt hat. Die Welt ist demnach eine große Nation. Die Beziehung, welche die Familie zusammenhält, ist auch das Bindeglied, welches für den Zusammenhalt von Stamm und überhaupt der ganzen Welt sorgt. (…) Da der Stamm eine große Familie ist, bietet er seinen Mitgliedern den gleichen materiellen Nutzen und die gleichen sozialen Vorteile, wie sie den Mitgliedern einer Familie zur Verfügung stehen. Denn der Stamm ist eine Sekundärfamilie. Hervorzuheben ist, dass das Individuum manchmal in schändlicher Weise handelt, was es sich in Anwesenheit der Familie nicht zu tun getrauen würde. Da aber die Familie zahlenmäßig klein ist, kann es sich ihrer Aufsicht entziehen im Gegensatz zum Stamm, von dem sich alle Mitglieder beobachtet fühlen. (…) Die Nation in der Weltgemeinschaft ist der Familie im Stamm vergleichbar. Je mehr Streit und Fanatismus es zwischen den Familien eines Stammes gibt, desto gefährdeter ist der Stamm. Gleiches gilt, wenn sich die Mitglieder einer Familie streiten und nur ihre eigenen Ziele verfolgen. Das gefährdet die Familie. Wenn die Stämme einer Nation zerstritten sind und nur ihre eigenen Interessen im Auge haben, ist der Fortbestand der Nation gefährdet.[36]

4.2 Gaddafis Umgang mit den Stämmen

Der Bedeutung, die er dem Stamm im Grünen Buch zuschreibt, zum Trotz verfolgte Gaddafi am Anfang einen ganz klar anti-tribalen Kurs, da er als junger Offizier der Meinung war, dass die traditionelle Stammesstruktur die nationale Loyalität untergrabe. Stammesführer, Notable und Gouverneure wurden aus der Politik verdrängt, die Strukturen im Sinne der Septemberrevolution verändert und durch Volkskongresse und revolutionäre Komitees ersetzt. Zwar betrachtete er den Stamm als wichtige soziale Organisation, versuchte aber offiziell einen tribalen Einfluss auf politischer Ebene auszuschließen. Inoffiziell aber waren die Stammesstrukturen weiterhin von lokaler Bedeutung und auch ein Grund dafür, dass Gaddafi seinen eigenen Stamm und dessen Verbündete nach allen Möglichkeiten unterstützte. Gegen Ende der 1980er Jahre erkannte er, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt sei und die Führer vieler Stämme opponieren würden, also machte er eine totale Kehrtwende.

Gaddafi hat anfangs versucht, die Stämme zu verdrängen. Das ging aber schief. Der Deal war dann, dass die Stämme Gaddafi als Führer des Landes anerkennen und er ihnen dafür Spielräume auf lokaler und regionaler Ebene gewährte und sie die Ölrente[37] verteilen ließ.[38]

[...]


[1] Eine detaillierte Karte von Libyen, sowie allgemeine Angaben zu Land und Bevölkerung befinden sich im Anhang auf S. 62f.

[2] Da die Schreibweise von Quelle zu Quelle unterschiedlich ist, werde ich im Text folgende Variante wählen: Muammar al Gaddafi[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten])

[3] Vgl. St. John, Ronald, Bruce (2011): Libyan Myths and Realities, S. 4.

[4] Vgl. Kraus, Wolfgang (2004): Islamische Stammesgesellschaften – Tribale Identitäten im Vorderen Orient in sozialanthropologischer Perspektive, S.12.

[5] Vgl. ebd., S. 44.

[6] Vgl. ebd., S. 37.

[7] Kraus, Wolfgang (1995): Segmentierte Gesellschaft und segmentäre Theorie: Strukturelle und kulturelle Grundlagen tribaler Identität im Vorderen Orient, S. 1.

[8] Vgl. Kraus, Wolfgang (2004): Islamische Stammesgesellschaften – Tribale Identitäten im Vorderen Orient in sozialanthropologischer Perspektive, S. 14.

[9] Vgl. Anderson, Lisa: Tribe and State: Libyan Anamolies, S. 288.

[10] Vgl. Hüsken, Thomas (2011a): Sie sind Politikprofis – Ethnologe über die Stämme in Libyen. taz.de

[11] Karten der libyschen Regionen mit eingezeichneten Stämmen und deren alphabetische Auflistung befinden sich im Anhang auf den Seiten 66-72.

[12] Hüsken, Thomas (2011): Politische Kultur und die Revolution in der Kyrenaika. S. 47.

[13] Vgl. Hüsken, Thomas (2011): Politische Kultur und die Revolution in der Kyrenaika, S. 53-55.

[14] Vgl. Mattes, Hanspeter (2011): Arabische Revolten: Der Sonderfall Libyen, S. 6-7.

[15] Ebd., S. 6-7.

[16] Vgl. Hüsken, Thomas (2011): Sie sind Politikprofis – Ethnologe über die Stämme in Libyen.

[17] Vgl. Obeidi, Amal (2001): Political Culture in Libya, S. 121.

[18] Vgl. ebd., S. 109.

[19] Vgl. ebd., S. 121.

[20] Vgl. Obeidi, Amal (2001): Political Culture in Libya, S. 125.

[21] Vgl. Mattes, Hanspeter (2011): Arabische Revolten: Der Sonderfall Libyen, S. 6-7.

[22] Cahen, Clause (1968): Der Islam I. Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches, S. 230.

[23] Vgl. Mattes, Hanspeter (2007): Fremdherrschaft, Kolonisation, Unterdrückung: Der lange Weg Libyens zur Selbstbestimmung, S. 8-10.

[24] Vgl. ebd., S. 10.

[25] Im Anhang (S. 64f. ) befindet sich dailliertes Kartenmaterial über die Besiedelung Libyens durch die Berberstämme vor der Arabisierung und von der Einwanderung der arabischen Stämme.

[26] El-Mogherbi, Mohamad Zahi (1992): Tribalism, Religion and the Challenge of Political Participation: The Case Libya, S. 1.

[27] Religiöse Führer

[28] Vgl.: Obeidi, Amal (2001): Political Culture in Libya, S. 39.

[29] Vgl. Evans-Pritchard, E.E. (1949): The Sanusi of Cyrenaica, S. 24-25.

[30] Vgl. Hüsken, Thomas (2011): Politische Kultur und die Revolution in der Kyrenaika, S. 49.

[31] Vgl. Hüsken, Thomas (2011): Politische Kultur und die Revolution in der Kyrenaika, S. 49.

[32] Vgl. ebd., S. 63.

[33] Al-Jamahiriya al-Arabiya al-Libiya ash-Sha'biya al-Ishtirakiya – Sozialistische Libysch-Arabische Volksmassenrepublik

[34] Vgl. Werenfels, Isabelle (2008): Quaddafis Libyen – Endlos stabil und reformresistent? S. 12.

[35] Vgl. Kohl, Ines (2007): Tuareg in Libyen – Identitäten zwischen Grenzen, S. 87.

[36] Al Qaddafi, Muammar: Das Grüne Buch – Die Dritte Universaltheorie, S. 82-84.

[37] Als Ölrente werden die Gelder bezeichnet, die der Staat durch die Erdölindustrie erzielt.

[38] Hüsken, Thomas (2011): Sie sind Politikprofis – Ethnologe über die Stämme in Libyen. taz.de

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Die Rolle libyscher Stammesgesellschaften in der Revolution von 2011
Hochschule
Universität zu Köln  (Ethnologisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
81
Katalognummer
V306909
ISBN (eBook)
9783668058187
ISBN (Buch)
9783668058194
Dateigröße
3566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Libyen, arabischer Frühling, Stammesgesellschaft, Gaddafi, Revolution 2011
Arbeit zitieren
Magister Artium Lotta Corradini (Autor), 2014, Die Rolle libyscher Stammesgesellschaften in der Revolution von 2011, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306909

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Rolle libyscher Stammesgesellschaften in der Revolution von 2011


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden