Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das Gespräch zwischen Arzt und Patient, das situationsbedingt zwei Menschen zusammenführt, die sich darüber austauschen, warum und woran der Ratsuchende von ihnen erkrankt ist und welche Heilbehandlung dafür am geeignetsten erscheint. Bei einer ersten Sich-tung von Publikationen namhafter Autoren wie Balint, von Uexküll und Wesiack, die sich eingehend mit der Untersuchung der Beziehung von Arzt und Patient befassen, gewinnt der Leser sehr bald den Eindruck, das Arzt-Patienten-Verhältnis sei eine gesellschaftliche und insbesondere psychologisch be-trachtet hochrelevante Problembeziehung, die in ihrer Spezifik, in ihren Implikationen bisher viel zu wenig beachtet wurde.
Der Großteil der Autoren befaßt sich, und das zeigt der vertiefte Einstieg in das Thema, mit der Arzt-Patienten-Beziehung überwiegend aus der Perspektive des eigenen wissenschaftlichen Hintergrundes. Fraglos gehört das zu einem profunden Arbeitsstil dazu, aus dem Grund gibt es jedoch eine große Zahl an Veröffentlichungen, die das Thema entweder nur aus medizinischer oder psychologischer oder soziologischer Perspektive beleuchten. Dabei geht unvermeidlich der Eindruck darüber verloren, wie wenig die einzelnen Aspekte dieses Themas zu trennen und mit einer reduktionistischen Arbeitsweise umfänglich zu erfassen sind. Denn gerade die Bedeutung der scheinbar so alltäglichen und unspekta-kulären Arzt-Patienten-Beziehung scheint sich nur aus einer ganzheitlichen bzw. systemischen Per-spektive zu erschließen.
Die vorliegende Arbeit verfolgt deshalb das Ziel, im Sinne eines Überblicks aktuelle Forschungsergebnisse der verschiedenen Fachrichtungen in Zusammenhang zu setzen, ohne daß dabei der psy-chologische Fokus verloren geht. Veröffentlichungen über Compliance- und Interaktionsprobleme, wie sie von Ärzten berichtet werden, finden ebenso Beachtung wie Darstellungen des Kollusionsmodells und die von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen, und ein Exkurs über die Rolle des Kör-pers in der therapeutischen Gesprächssituationen schließt sich an. Ein weiterer Abschnitt ist neueren Ergebnissen der Grundlagenforschung aus Medizin und Physik gewidmet, denen, und das zeigt sich deutlich anhand der aktuellen Debatte über die Stammzellforschung und das ‚therapeutische Klonen’, ein mittelbarer Einfluß auf das Menschenbild zugemessen werden muß. Das Menschenbild stellt wie-derum das wesentliche Fundament dar, auf dem die Arzt-Patienten-Beziehung ruht.
Inhaltsverzeichnis
A. EINLEITUNG
B. KONTEXT DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG
1. GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN
a) Gesundheit und Lebensqualität als Zielsetzung ärztlichen Handelns
b) Im Kreuzfeuer der Kritik
c) Historie und gewachsene Rollen in der Arzt-Patienten-Beziehung
d) Arzt-Sein in der Gegenwart
e) Zur Übertragbarkeit von Verantwortung
f) Das System von Arzt, Patient und Öffentlichkeit
g) Technische oder Apparatemedizin
h) Geldgeber Wirtschaft
2. KRANKHEIT UND NATURWISSENSCHAFT
a) Leib-Seele-Dualismus
b) Der kranke Mensch
c) Direkte Einwirkung des Gehirns auf das Immunsystem: Psychoneuroimmunologie
d) Psychosomatik
e) Die Quantentheorie als Vorbote eines Paradigmenwechsels – auch in der Medizin?
C. PSYCHOLOGIE DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG
1. EINE TIEFENPSYCHOLOGISCHE PERSPEKTIVE
a) Narzißmuskonzept der Tiefenpsychologie
b) Narzißmus und ärztliches Handeln
c) Die oral-regressive (Patienten-)Persönlichkeit
d) Die oral-progressive (Arzt-)Persönlichkeit
e) Helfer-Schützling-Kollusion
2. SETTING
a) Ungleichgewicht in der Arzt-Patienten-Beziehung
b) Psychotherapeutische Wirkfaktoren
c) Psychotherapeutisches Setting als Sonderfall der Arzt-Patienten-Konsultation
3. ELEMENTE DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG
a) Autogene und iatrogene Krankheit
b) Kommunikation im ärztlichen Gespräch
c) Erwartungen und Information
d) Entscheidungen – der mündige Patient?
e) Affektive, kognitive und ethische Probleme der Arzt-Patienten-Beziehung
f) Bedeutung von Befunden im Arzt-Patienten-Verhältnis
g) Ein Dilemma
h) ‚The Patient Centred Method’
4. ABWEHRMECHANISMEN DER ÄRZTLICHEN SEITE
a) Zeitdruck
b) Körperlichkeit und ihre Vermeidung
c) Täuschungsmanöver
d) Manipulation
e) Ärztliche Gesprächsführung als Vorgang der Abwehr
D. SCHWIERIGKEITEN DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG AM KONKRETEN BEISPIEL
1. GRENZSITUATIONEN ÄRZTLICHEN HANDELNS
a) Zum Umgang mit unheilbarer Krankheit und baldigem Tod
b) Wie beeinflussen Patientendrohungen ärztliche Entscheidungen?
2. PSYCHOSOMATISCHE STÖRUNGEN IN IHRER AUSWIRKUNG AUF DIE ARZT-PATIENTEN BEZIEHUNG
3. DARSTELLUNGEN AUSGEWÄHLTER ERKRANKUNGEN
a) Die Arzt-Patienten-Beziehung und das Immunsystem
b) Zur Arzt-Patienten-Beziehung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
c) Die Arzt-Patienten-Beziehung im Umgang mit geriatrischen und neuropsychiatrischen Patienten
4. GEFAHR DER WANDLUNG DER ARZT-PERSÖNLICHKEIT VOM HELFER ZUM UNBETEILIGTEN BEOBACHTER
5. AUS DER SICHT DES ARZTES
E. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Arzt-Patienten-Verhältnis als eine hochrelevante, jedoch oft unterschätzte Problembeziehung, mit dem primären Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse aus Medizin, Psychologie und Soziologie in einem ganzheitlichen bzw. systemischen Überblick zusammenzuführen und dabei insbesondere die psychologischen Implikationen und psychodynamischen Aspekte sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu beleuchten.
- Multidisziplinäre Analyse des Arzt-Patienten-Verhältnisses.
- Tiefenpsychologische Aspekte der Arztpersönlichkeit und des Kollusionsmodells.
- Bedeutung von Kommunikation, Setting und Abwehrmechanismen im klinischen Alltag.
- Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und der modernen Apparatemedizin.
Auszug aus dem Buch
A. Einleitung
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das Gespräch zwischen Arzt und Patient, das situationsbedingt zwei Menschen zusammenführt, die sich darüber austauschen, warum und woran der Ratsuchende von ihnen erkrankt ist und welche Heilbehandlung dafür am geeignetsten erscheint. Bei einer ersten Sichtung von Publikationen namhafter Autoren wie Balint (Balint, M., 1957), von Uexküll und Wesiack (von Uexküll, T. & Wesiack, W., 1988), die sich eingehend mit der Untersuchung der Beziehung von Arzt und Patient befassen, gewinnt der Leser sehr bald den Eindruck, das Arzt-Patienten-Verhältnis sei eine gesellschaftliche und insbesondere psychologisch betrachtet hochrelevante Problembeziehung, die in ihrer Spezifik, in ihren Implikationen bisher viel zu wenig beachtet wurde.
Der Großteil der Autoren befaßt sich, und das zeigt der vertiefte Einstieg in das Thema, mit der Arzt-Patienten-Beziehung überwiegend aus der Perspektive des eigenen wissenschaftlichen Hintergrundes. Fraglos gehört das zu einem profunden Arbeitsstil dazu, aus dem Grund gibt es jedoch eine große Zahl an Veröffentlichungen, die das Thema entweder nur aus medizinischer oder psychologischer oder soziologischer Perspektive beleuchten. Dabei geht unvermeidlich der Eindruck darüber verloren, wie wenig die einzelnen Aspekte dieses Themas zu trennen und mit einer reduktionistischen Arbeitsweise umfänglich zu erfassen sind. Denn gerade die Bedeutung der scheinbar so alltäglichen und unspektakulären Arzt-Patienten-Beziehung scheint sich nur aus einer ganzheitlichen bzw. systemischen Perspektive zu erschließen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. EINLEITUNG: Die Arbeit beleuchtet das Arzt-Patienten-Verhältnis als komplexe Problembeziehung und verfolgt das Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse verschiedener Fachrichtungen in einer systemischen Übersicht zusammenzuführen.
B. KONTEXT DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG: Dieses Kapitel analysiert gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Gesundheitsverständnis, Kritik an der Schulmedizin, historischen Rollenwandel, Auswirkungen der modernen Apparatemedizin sowie ökonomische Einflüsse auf die ärztliche Tätigkeit.
C. PSYCHOLOGIE DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG: Hier stehen die tiefenpsychologische Perspektive, das Kollusionsmodell, das klinische Setting, Kommunikation sowie spezifische Abwehrmechanismen des ärztlichen Personals im Zentrum der Untersuchung.
D. SCHWIERIGKEITEN DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG AM KONKRETEN BEISPIEL: Dieses Kapitel illustriert theoretische Konzepte anhand praktischer Grenzsituationen, psychosomatischer Störungen, ausgewählter Krankheitsbilder und der Gefahr einer rein technisch orientierten ärztlichen Haltung.
E. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die Bedeutung des Gesprächs als zentrales, beziehungsgestaltendes Medium zusammen und plädiert für eine stärkere Berücksichtigung psychologischer Erkenntnisse in der medizinischen Ausbildung.
Schlüsselwörter
Arzt-Patienten-Beziehung, Patientenkommunikation, Tiefenpsychologie, Kollusionsmodell, Psychosomatik, Salutogenese, Apparatemedizin, Compliance, Entscheidungsfindung, psychologische Aspekte, Patientenorientierung, ärztliche Gesprächsführung, Psychoanalyse, Gesundheitssystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Arzt-Patienten-Verhältnis als psychologisch hochrelevante Problembeziehung und beleuchtet die komplexen Wechselwirkungen zwischen den beteiligten Akteuren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit umfasst ein breites Spektrum, von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der Ökonomisierung des Gesundheitswesens bis hin zu tiefenpsychologischen Aspekten, wie Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist ein systemischer Überblick, der aktuelle Forschungsergebnisse verschiedener Fachrichtungen zusammenführt, um die oft vernachlässigten, aber zentralen Aspekte der Arzt-Patienten-Interaktion besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturstudie, die medizinische, psychologische und soziologische Veröffentlichungen verknüpft, um das Phänomen aus einer integrativen Perspektive zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die psychodynamischen Hintergründe des ärztlichen Handelns (z. B. Kollusionsmodelle), die Bedeutung des Settings und der Kommunikation sowie die spezifischen Schwierigkeiten in Grenzsituationen oder bei psychosomatischen Erkrankungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Arzt-Patienten-Beziehung, Psychosomatik, Kommunikation, Kollusionsmodell, Patientenorientierung und interdisziplinäre Versorgungsansätze.
Was besagt das Kollusionsmodell in dieser Arbeit?
Das Kollusionsmodell wird verwendet, um unbewusste, neurotische Zusammenspiele zwischen Arzt und Patient zu erklären, bei denen beide Partner ihre eigenen problematischen Themen in die Beziehung einbringen und so in ein verengtes Rollenmuster geraten.
Inwiefern beeinflusst die moderne Diagnostik die Arzt-Patienten-Interaktion?
Die Arbeit zeigt, dass die zunehmende Technisierung und der Fokus auf objektivierbare Befunde oft zu einer emotionalen Distanzierung führt und die subjektive Selbsteinschätzung des Patienten gegenüber der "Scheinobjektivität" der Apparate entwertet wird.
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- Thorsten Kerbs (Autor), 2001, Das Arzt-Patienten-Verhältnis - Eine Literaturstudie zu den psychologischen Implikationen eines unterschätzten Beziehungsproblems, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3082