Der Einsatz von Hörspielen im Literaturunterricht. Auditives Medium mit Zukunft?


Hausarbeit, 2011

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Abgrenzung und Definition
2.1 Hörbuch
2.2 Hörspiel

3 Allgemeiner Stellenwert von Hörspielen
3.1 Entwicklung des Hörspielmarktes
3.2 Nutzung von Hörspielen im Alltag des Kindes

4 Stellenwert von Hörspielen im Literaturunterricht
4.1 Vorurteile und Skepsis
4.2 Bezugnahme auf den Bildungsplan Baden-Württemberg

5 Einfluss von Hörspielen auf Lernprozesse
5.1 Erwerb literarischer Bildung
5.2 Schulung des bewussten Hörens
5.3 Erwerb mündlicher und schriftlicher Fähigkeiten
5.4 Erwerb von Medienkompetenz

6 Hörspiele in der Unterrichtspraxis
6.1 Hördidaktik – Besonderheiten gesprochener Literatur
6.2 Qualitätskriterien
6.3 Möglichkeiten methodischer Umsetzung

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Thematik von Hörspielen im Literaturunterricht. Anlass zu diesem Thema war die Erinnerung an das Seminar „Tontechnische Medien“ im Rahmen meines Studiums im Fach Musik. Um die erfolgreiche Teilnahme dieses Seminars zu gewährleisten, hatten wir als Kleingruppe von drei Studentinnen die Aufgabe, ein eigenes Hörspiel zu entwickeln sowie dieses anschließend auf CD aufzunehmen. Ich empfand diese Zeit als sehr intensiv und lehrreich. Ich lernte technische Aspekte, wie den Umgang mit dem Mikrofon und verschiedene Aufnahmeprogramme kennen sowie die künstliche Herstellung von Geräuschen und das Wissen über die Hintergründe einer Aufnahme. Allein der Austausch in der Gruppe über die Verteilung der Sprecherrollen und das Kürzen und Umschreiben der Textvorlage in eine dramatische Form, haben mich viele Erfahrungen machen lassen. Es entsteht die Frage, ob derartige Hörspielprojekte oder aber der generelle Umgang mit Hörspielen im Unterricht bereits praktiziert wird oder realisierbar ist.

Durch den fortgeschrittenen Stand der Technik und die damit verbundene Reizüberflutung von Medien im Alltag der Kinder könnte man durchaus davon ausgehen, dass auch auditive Medien wie das Hörspiel einen Platz in der Unterrichtspraxis haben. Allerdings ist deutlich zu beobachten, dass das Hörspiel, sogleich es in der Freizeit der Kinder weitreichend vertreten ist, innerhalb der Schule nicht in Erscheinung tritt.1 Dabei ist es Aufgabe der Schule, Kinder in eine sinnvolle Mediennutzung einzuführen und Medienkompetenzen zu vermitteln.2 Gegenüber Hörspielen im Unterricht verbreitet sich nun mehr breite Skepsis. Der Gebrauch von Hörspielen ist mit Vorurteilen belastet. Durch die Ergebnisse von Pisa 2000, welche das Lesen als Schlüsselkompetenz definierte, rückte die Vermittlung von Medienkompetenz in den Hintergrund.3 Es wird befürchtet, der Erwerb der Lesekompetenz käme zu kurz.

Es stellt sich demnach die Frage, wie die Bedeutsamkeit von Hörspielen im Literaturunterricht begründet werden kann, sodass Hörspiele einen größeren Stellenwert im Unterricht erlangen können. Außerdem ist es interessant zu erforschen, ob der Gebrauch von Hörspielen den Erwerb der Lesekompetenz einschränkt oder aber sogar positive Auswirkungen auf die Sprachentwicklung und die Lesekompetenz erzielen kann.

Zu Beginn möchte ich die Begriffe Hörbuch und Hörspiel voneinander abgrenzen sowie die Verbindung beider Begriffe deutlich machen. Daraufhin vergleiche ich den allgemeinen Stellenwert von Hörspielen mit dem Stellenwert von Hörspielen im Literaturunterricht. Innerhalb des allgemeinen Stellenwerts geht es um die Entwicklung des Hörspielmarktes und um die Nutzung von Hörspielen im Alltag des Kindes. Innerhalb des Stellenwerts von Hörspielen im Literaturunterricht begründe ich die Skepsis gegenüber der Verwendung von Hörspielen und analysiere, welche Berücksichtigung Hörspiele im Bildungsplan Baden-Württemberg finden. Fortlaufend schildere ich den Einfluss von Hörspielen auf Lernprozesse der Schüler und möchte damit untersuchen, welche Ziele des Literaturunterrichts mit der Verwendung von Hörspielen umgesetzt werden können und so die Bedeutsamkeit des Hörspiels im Unterricht begründen. Anschließend wird die Umsetzung von Hörspielen in der Unterrichtspraxis erläutert. Hierbei gehe ich näher auf die Besonderheiten gesprochener Literatur ein sowie auf Qualitätskriterien für die Auswahl der ‚richtigen‘ Hörspiele für den Unterricht und weise Möglichkeiten der methodischen Umsetzung von Hörspielen auf. Die Hausarbeit schließt mit einem Fazit ab.

2 Abgrenzung und Definition

2.1 Hörbuch

Das Hörbuch gehört zu der Gruppe auditiver Medien. Ein Medium ist auditiv, wenn es ausschließlich über den Hörsinn rezipiert wird.4 Weiterhin wird zwischen Musiktonträger und Worttonträger unterschieden, wobei das Hörbuch zu letzerem zugehörend ist, da bei ihm das gesprochene Wort überwiegt.5 Der Begriff Hörbuch wird als Oberbegriff verwendet, unter dem verschiedene Arten des gesprochenen Worts auf Tonträgern zusammengefasst werden, wie auch unter anderem Hörspiele.6

Das Hörbuch wird auch ‚Lesung‘ genannt, da es von der Gattung Buch als Vorlage ausgeht; es dreht sich dabei meistens um Prosatexte.7 Hauptsächlich ist während der Lesung die Stimme des Sprechers oder Autors zu hören, weswegen die Beigabe von Musik sehr gering ausfällt. Bei der Transformation des Textes in die Hörfassung ist darauf zu achten, den Text so wenig wie möglich zu verändern.8 Denn das Ziel einer Vertonung ist nicht die Entstehung eines eigenständigen Werkes, sondern die Nähe und Vergleichbarkeit mit dem Original. Daher sind Abweichungen gegenüber dem Original als negativ zu betrachten. Überarbeitungen lassen sich jedoch insofern nicht vermeiden, als dass es zu Kürzungen kommen kann, da die Vertonung umfangreicher Bücher mit zusätzlichen Kosten und zeitlichem Aufwand verbunden sind.

2.2 Hörspiel

Da das Hörspiel als Unterkategorie des Hörbuchs anzusehen ist, gehört es auch der Gruppe auditiver Medien sowie der Kategorie der Worttonträger an. Im Gegensatz zum Hörbuch ist das Hörspiel nicht zwingend an eine Vorlage von Literatur in Form eines Buches gebunden, sondern bedient sich auch Fernsehserien, Kinofilmen, Theateraufführungen oder Drehbüchern, die eigens für die Vertonung von Hörspielen geschrieben wurden.9 Das Medium Radio hat bei der Entwicklung des Hörspiels immer schon einen wesentlichen Bezugspunkt dargestellt.10 Das Hörspiel stellt eine eigene literarische Form dar, deren Ziel es ist, die jeweilige Vorlage in eine dramatische Form zu transformieren; sie ähnlich einem Bühnenstück zu inszenieren. Die Überarbeitung beim Hörspiel gilt somit als selbstverständlich.11 Dabei spielt die Zugabe von Musik, Geräuschen und Klängen einen großen Wert sowie die Umsetzung des Ausgangstextes in eine dialoge Form, sodass der Text von verschiedenen Sprechern und gegebenenfalls dem Erzähler in Szene gesetzt werden kann.12 „Das heißt, das Hörbuch als Lesung macht einen literarischen Text hörbar, das Hörspiel bringt die Geschichte, die erzählt wird, zu Gehör.“13

3 Allgemeiner Stellenwert von Hörspielen

3.1 Entwicklung des Hörspielmarktes

Der Hörbuchmarkt boomt.14 Seit Ende der neunziger Jahre ist ein steigendes Interesse an Hörmedien ersichtlich. 2003 ließen sich 10.000 Titel auf dem Markt zählen. Dieses Repertoires wird im Jahr um 700-800 Titel erweitert, die von unterschiedlichen Hörbuch-Verlagen produziert werden. Der DHV (derhörverlag) ist mit 540 Titeln anführender Vertreter des Hörbuchmarktes15 und kann im Jahr 2001 ein Umsatzwachstum von 160 Prozent aufweisen.16 Außerdem bestehen ungefähr 500 weitere Verlage, die ihre Hörmedien erfolgreich verkaufen. „Die Anzahl der Anbieter wächst ständig.“17 Zusätzlich hat sich die Nutzung von Hörbüchern in nur sechs Jahren (zwischen 1996 und 2002) mehr als verdoppelt. Diese Entwicklung zeigt, dass der Gebrauch von Hörmedien wächst und sich weiterhin verbreitet.

Um dieses Wachstum weiter zu fördern, entstand 1997 vom Hessischen Rundfunk die Hörbuch-Bestenliste, die zum Ziel hatte, noch nicht populär gewordene Hörbücher an die Öffentlichkeit zu bringen.18 Zusätzlich entstand vom Hessischen Rundfunk in Zusammenarbeit mit der ‚Stiftung Hören‘ die Initiative, Hörverbände in Schulen einzuführen, um anspruchsvolle Hörmedien zu verbreiten. Inzwischen lassen sich sämtliche Hörbuchproduzenten im Internet wiederfinden. Dort wird für die unterschiedlichsten Hörspiele Werbung gemacht und Hörproben veröffentlicht. 45,8% der Hersteller verkaufen sogar bereits online Hörmedien.19 Durch die Vermarktung der Hörmedien über das Internet in Form von MP3-Dateien entstehen bemerkenswerte Vorteile: Anfallende Kosten für Produktion, Lagerhaltung, Verpackung und Versand entfallen. Außerdem gibt es nie Titel, die ausverkauft sind. Das Sortiment bleibt konstant vielfältig. Durch die Weiterentwicklung der Mobiltelefone und deren Zugang zum Internet, besteht außerdem die Möglichkeit, Hörspiele problemlos unterwegs käuflich zu erwerben und diese beispielsweise während der Autofahrt zu hören.

Auf dem Hörspielmarkt bestehen verschiedene Hörspielgenres.20 Es gibt ‚Funnies‘, die hauptsächlich durch ihren humoristischen Gehalt geprägt sind. Märchenhaft-Phantastische Elemente sowie abenteuerliche Elemente haben dabei auch ihren Stellenwert. Beispiele hierfür sind ‚Benjamin Blümchen‘ oder ‚Bibi Blocksberg‘. Weiterhin existieren Kriminal- und Kinderdetektivserien, wie zum Beispiel ‚TKKG‘ oder ‚Die drei ???‘ und Abenteuer- und Fantasyserien, wie ‚Power Rangers‘, ‚Sailor Moon‘ oder ‚Gänsehaut‘. Diesen Serien wohnt ein hoher Bekanntheitsgrad inne, wodurch sie den Hörspielmarkt dominierend prägen.21 Dieser Wiedererkennungswert wird nicht von dem Hörmedium allein veranlasst. Viele Hörspiele sind Fortführungen oder Wiederaufnahmen von Fernsehserien oder Kinofilmen. Außerdem werben viele weitere Konsumartikel durch den jeweiligen Helden der Geschichte für den Kauf solcher Hörspiele. Sie erfahren somit eine „Einbindung […] in einen kommerziellen multimedialen Verbund“22. Weiterhin veranlasst der niedrige Preis solch bekannter Hörspiele zum sofortigen, spontanen Kauf. Derartige Serien werden von den marktführenden Firmen wie ‚Ariola-Miller‘ und ‚Polygram‘ produziert. Durch den großen Anteil der bekannten Serien auf dem Markt, scheint dieser auf den ersten Blick sehr einseitig, was jedoch täuscht. Weitaus über 4000 Titel finden nur geringe Beachtung, obwohl diese anspruchsvoll und engagiert hergestellt werden. Diese Situation führt zu der Schwierigkeit, die gewünschten Titel ausfindig zu machen sowie die ‚richtigen‘ Hörmedien für Kinder auszuwählen.

3.2 Nutzung von Hörspielen im Alltag des Kindes

In der Freizeit der Kinder kommt der Benutzung eines Worttonträgers große Bedeutung zu. Circa 50% von Kindern im Alter zwischen 3-13 Jahren hören täglich Hörspiele.23 Ab ungefähr 12 Jahren wird über Tonträger hauptsächlich nur noch Musik gehört. Für jüngere Kinder stellt der Tonträger jedoch eine hohe Attraktivität dar. Nach dem Fernsehkonsum stehen Hörmedien gleich an zweiter Stelle. Es ist das einzige Medium, welches Kinder in dem Alter ohne Kontrolle und Störungen durch die Eltern in Anspruch nehmen können. Außerdem ist es für Kinder über portable Abspielgeräte überall zu nutzen.

Das Hörspiel kann unterschiedliche Funktionen im Alltag des Kindes haben: Unabhängig vom hauptsächlichen Wert des Unterhaltens, bietet das Medium die Möglichkeit des Rückzugs und es kann Kindern helfen, Langeweile und Alleinsein angenehmer zu gestalten. Es kann bestimmte Stimmungen im Kind wecken oder einen Tagtraum anregen, es kann Trost oder eine Ablenkung von Problemen bedeuten oder aber auch das Verlangen nach Informationen stillen und in einer späteren Situation den Austausch und die Kommunikation mit Freunden anregen.24 Jedoch sollte darauf geachtet werden, dass mit dem Konsum von Hörspielen weder eine soziale Isolation, ein Ersatz von Kommunikation noch ein Realitätsverlust einhergeht.25 Dies ist jedoch nicht zu befürchten, wenn das Kind als Ausgleich zu Hörmedien über soziale Kontakte, sonstige Freizeitaktivitäten und Möglichkeiten der Kommunikation mit Freunden verfügt.

Verbreitete Serien, wie ‚Benjamin Blümchen‘ fallen dabei unter die Rubrik ‚Lieblingshörspiele‘. Wesentlichen Beitrag dazu, leisten deren Hauptcharaktere selbst, die für die Kinder einen großen Helden darstellen. Sie finden darin ihre eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Vorstellungen wieder und lassen sich von der Geschichte verzaubern. Dazu tragen wiederum literarische Verfahren, wie das der ‚Einfachheit‘26 bei, das sich in der Eindimensionalität der Charaktere, der leicht wiedererkennbaren Stimmen und dem geradlinigen Handlungsverlauf niederschlägt.27 Diese Hörspiele werden nicht nur einmal angehört und danach weggelegt. Es besteht vielmehr „eine gefühlsmäßige Beziehung zwischen dem Thema einer Hörkassette und dem inneren Thema eines Kindes.“28 Teile des Hörspiels, die das Kind beeindrucken sowie an den Erfahrungsschatz des Kindes anknüpfen, werden immer wieder gehört, sodass sie nach einiger Zeit auch mitgesprochen werden können. Welche Teile des Hörspiels von Kindern kommuniziert werden, lässt darauf schließen, welche Themen oder Inhalte sie momentan am meisten emotional beschäftigen.29

4 Stellenwert von Hörspielen im Literaturunterricht

4.1 Vorurteile und Skepsis

Hörspiele im Literaturunterricht wurden aktuell noch nicht entdeckt. Sie „fristen […] ein Dornröschendasein“30, obwohl der Hörspielmarkt in den letzten Jahren stark angestiegen ist und dazu das Sortiment an Vielfalt und Qualität gewonnen hat.31 Begründet werden kann diese Situation durch eine allgemein herrschende Skepsis gegenüber Hörspielen sowie Vorurteile und mutmaßliche Schwierigkeiten, die damit in Zusammenhang stehen sollen.

Die größte Befürchtung beim Gebrauch von Hörspielen im Unterricht ist die damit einhergehende Vernachlässigung des Aufbaus von Lesekompetenz.32 Es heißt, Lieder und Musik könne man hören, doch Literatur sei zum Lesen da. Es besteht die Besorgnis, wenn Bücher nun gehört würden, lernten die Schüler das Lesen nie. Durch die erleichternde Methode des Hörens bekämen sie keinen Zugang mehr zum Lesen. Weiterhin besteht der Vorwurf, das Hören habe im Literaturunterricht keinen Platz, da man das Hören nicht mehr zu lernen bräuchte, das könne man bereits. Lediglich der Erwerb des Schreibens und Lesens müsse unterrichtet werden. Außerdem sei das Hören zu passiv, als dass man davon etwas lernen könne. Ferner sehen sich Lehrer überfordert, zusätzliche Zeit mit der Einführung von Hörmedien in den Unterricht einzukalkulieren und bedauern die zeitliche Bedrängung, die durch die Fülle der schon bestehenden Aufgaben des Deutschunterrichts entsteht.

4.2 Bezugnahme auf den Bildungsplan Baden-Württemberg

Im Folgenden ist wird untersucht, inwiefern die Thematik ‚Hörspiele im Deutschunterricht‘ bezogen auf die Grundschule im Fach Deutsch im aktuellen Bildungsplan von Baden-Württemberg wiederzufinden ist.

Zu Beginn ist auffällig, dass das Hören und dessen Einfluss auf die Lernprozesse des Kindes innerhalb der zentralen Aufgaben des Deutschunterrichts keine Berücksichtigung zu finden scheint. Es ist lediglich die Sprache, die „als wichtigstes Mittel zur zwischenmenschlichen Verständigung, zur Wahrnehmung, Verarbeitung und Vermittlung der realen Welt, zur Entwicklung von Vorstellungswelten und zum Nachdenken über sich selbst erfahrbar und nutzbar“33 gemacht werden sollte. Weiterhin ist zu vermerken, dass der Deutschunterricht sich „in die Arbeitsbereiche Sprechen, Lesen, Schreiben und Sprachbewusstsein entwickeln“34 untergliedert. Der Wert des Hörens ist dort nicht wiederzufinden.

In dem Bereich ‚Umgang mit Texten und Medien‘ ist von einem „selbstverständliche[n] Umgang mit Hörbüchern“35 die Rede sowie von Medien allgemein als Unterrichtsgegenstand und deren damit verbundene Vermittlung von Medienkompetenz.36 Innerhalb der Kompetenz ‚Sprachbewusstsein entwickeln‘ wird die Kompetenz ‚Hören‘ nicht berücksichtigt.37 Es wird lediglich von dem Ziel des bewussten Spracheinsatzes gesprochen. Unter der Rubrik ‚Didaktische Hinweise und Prinzipien für den Unterricht‘ ist die „Arbeit an Artikulation, Rhythmus, Klang und Tempo“38 als unterstützend für die Sprachentwicklung dargestellt. Unter der Überschrift ‚Kompetenzen und Inhalte‘ für Klasse 2 wird in der Spalte ‚Sprechen‘ auf die Kompetenz „anderen verstehend zuhören“39 Bezug genommen. In der Spalte ‚Umgang mit Texten und Medien‘ wird auf die Kompetenz, mit Hörkassetten umzugehen, eingegangen.40 Im Bereich der ‚Kompetenzen und Inhalte‘ von Klasse 4 geht es in der Spalte ‚Sprechen‘ um aktives Zuhören sowie in der Spalte ‚Umgang mit Texten und Medien‘ um die Nutzung von Hörkassetten.41 Schüler sollen dadurch die Kompetenz entwickeln, „Anreize zum Schreiben, zum Lesen und zum Gestalten eigener Medienbeiträge [zu] gewinnen“42.

Es lässt sich demnach feststellen, dass der Bildungsplan das aktive Zuhören als eine wichtige Kompetenz ansieht sowie den Umgang mit Hörkassetten und die damit verbundene Medienerziehung beleuchtet. Allerdings werden der Kompetenzerwerb und die Lernprozesse, die durch Hörspiele erworben werden können, nicht innerhalb der zentralen Aufgabenbereiche des Deutschunterrichts aufgeführt. In diesem Zusammenhang steht lediglich die Sprachentwicklung im Mittelpunkt. Im Zuge dessen wird im Folgenden erläutert, wie sich die Arbeit mit Hörspielen auf die Lernprozesse der Kinder auswirkt.

5 Einfluss von Hörspielen auf Lernprozesse

5.1 Erwerb literarischer Bildung

Mit literarischer Bildung ist hier das Wissen über Literatur gemeint, wie über Werke, Autoren oder Einblicke in geschichtliche Epochen.43 Literarische Bildung als Unterrichtsziel ist nicht zwingend an das Medium Buch gebunden und kann somit bereits vor dem Erwerb der Lesekompetenz auch über Hörmedien erworben werden.

Das Hören beziehungsweise der Hörsinn spielt bei Kindern eine bedeutsame Rolle.44 Dieser Sinn ist schon frühzeitig sehr gut ausgeprägt und befähigt zu ganzheitlichen Erfahrungen. Früher kam dem Hören von Literatur eine große Bedeutung zu.45 In der Zeit, in der die Mehrheit der Menschen noch nicht Lesen und Schreiben konnten, wurde Literatur größtenteils mündlich überliefert oder durch Theater zum Ausdruck gebracht; auch Mythen, Märchen und Sagen wurden so verbreitet. Auch in der griechischen Antike spielte das Lesen eine untergeordnete Rolle. Der öffentliche Vortrag und das Schauspiel stellten die beliebteste Form des Literaturgenusses dar. Heute wird jedoch das stille Lesen als Idealform für literarisches Lernen angesehen.46

Innerhalb der Lesesozialisation, in der Phase des Lesenlernens, sind Kinder stark an Texte gebunden, die ihrem Stand der Lesefertigkeit entsprechen und können infolgedessen nur sehr einfach gehaltene Inhalte und Satzkonstruktionen aus Fibeln oder Erstleseliteratur rezipieren.47 Dagegen bietet das Hören von Literatur bereits vor dem Erwerb der Lesekompetenz erste Möglichkeiten für Kinder, literarische Erfahrungen machen zu können.48 Schon durch Vorlesen, Erzählen und Hören können Kinder Bezug zu Literatur aufnehmen. Sie entdecken die Freude an Literatur, werden neugierig auf weitere literarische Stoffe und bekommen so die Möglichkeit, sich frühzeitig an literarischen Gesprächen zu beteiligen. Ein großer Vorteil des Hörens von Literatur ist somit die frühzeitige Rezeption weitaus anspruchsvollerer Literatur, die zusätzlich den Interessen der Kinder nachkommt.

[...]


1 Vgl. Müller (2006), S. 4

2 Vgl. Vach (2009b), S. 10

3 Vgl. Vach (2009b), S. 10

4 Vgl. Müller (2006), S. 5

5 Vgl. Köhler (2005), S. 12

6 Vgl. Köhler (2005), S.13

7 Vgl. Wermke (2004), S. 53

8 Vgl. Wermke (2004), S. 54

9 Vgl. Köhler (2005), S. 11

10 Vgl. Wermke (2004), S. 53

11 Vgl. Wermke (2004), S. 54

12 Vgl. Köhler (2005), S. 11

13 Wermke (2004), S. 53

14 Müller (2004), S. 6

15 Der Begriff Hörbuch wird fortan als Oberbegriff verwendet und schließt somit das Hörspiel ein.

16 Vgl. Fey (2004), S. 9

17 Fey (2004), S. 9

18 Vgl. Rogge (2000), S. 601

19 Vgl. Fey (2004), S.15 f.

20 Vgl. Heidtmann (2000), S. 53f.

21 Vgl. Rogge (2000), S. 600 f.

22 Rogge (2000), S. 601

23 Vgl. Heidtmann (2000), S. 52

24 Vgl. Rogge (2000), S. 593 f.

25 Vgl. Rogge (2000), S. 606

26 Im Seminar behandelter Aufsatz von Maria Lypp

27 Vgl. Heidtmann (2000), S. 55

28 Rogge (2000), S. 603

29 Vgl. Rogge (2000), S.605

30 Müller (2006), S. 4

31 Vgl. Müller (2006), S. 4

32 Vgl. Müller (2006), S. 4 ff.

33 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 42

34 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 42

35 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 44

36 Vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 44

37 Vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 46

38 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 47

39 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 48

40 Vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 48

41 Vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 50

42 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2004), S. 50

43 Bezug zu Deutsch Modul 2, Reader Fachdidaktik: Spinner, K.H.: Zielsetzungen des Literaturunterrichts

44 Vgl. Rogge (2000), S. 604

45 Vgl. Müller; Schilcher (2010), S. 4

46 Vgl. Müller; Schilcher (2010), S. 4

47 Vgl. Müller; Schilcher (2010), S. 5

48 Vgl. Müller (2006), S. 4 ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Einsatz von Hörspielen im Literaturunterricht. Auditives Medium mit Zukunft?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg  (Deutsche Sprache)
Veranstaltung
Sprachliche Normierung, Sprachbewusstheit, Sprachreflexion
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V308390
ISBN (eBook)
9783668066243
ISBN (Buch)
9783668066250
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einsatz, hörspielen, literaturunterricht, auditives, medium, zukunft
Arbeit zitieren
Gesine Ueberfeldt (Autor), 2011, Der Einsatz von Hörspielen im Literaturunterricht. Auditives Medium mit Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308390

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