Wassergewöhnung und -bewältigung bei 4-jährigen. Theoretische Grundlagen und Dokumentation eines Lehr-/Lernprozesses


Seminararbeit, 2015

26 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1 Einleitung – Warum überhaupt Schwimmen lernen?

2 Theoretischer Hintergrund des Schwimmen-Lernens
2.1 Das physikalische Verhältnis von Wasser und Mensch
2.2 Voraussetzungen, Angst und Furcht
2.3 Wassergewöhnung
2.4 Wasserbewältigung

3 Rahmenbedingungen und Zielformulierung
3.1 Die Schwimmanfänger und mit ihnen verbundene Anforderungen
3.2 Ziele der Wassergewöhnung und -bewältigung
3.3 Ort und Zeitrahmen des Lehr-/Lernprozesses
3.4 Sicherheit und Aktionsrahmen

4 Der Lehr-/Lernprozess

5 Leistungsüberprüfung
5.1 Motivationsschwimmabzeichen
5.2 Leistungsüberprüfung

Literatur

Anhang I – Hilfestellung für Leistungsüberprüfung

1 Einleitung – Warum überhaupt Schwimmen lernen?

In einer Höhle des Gilf Kebir in der Libyschen Wüste wurden ca. 6000-Jahre-alte Felsmalereien gefunden, die das vermutlich älteste Schwimmbild der Welt darstellen (Krauß, 2002). Natürlich war der Mensch schon immer in irgendeiner Weise mit dem lebensnotwendigen Element Wasser konfrontiert und das gegenseitige Verhältnis wies und weist dabei immer noch viele Aspekte auf. Die Felsmalereien verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise, dass hierbei auch das Schwimmen als eine spezielle Art des menschlichen Umgangs damit schon lange eine Rolle spielt. Die wenigsten Menschen in unserem Kulturkreis hinterfragen heutzutage wahrscheinlich, warum es sinnvoll ist, das Schwimmen zu erlernen. Und dennoch ist die Frage natürlich interessant.

Die Bedeutung des Schwimmens bewegt sich grundsätzlich zwischen absoluter Notwendigkeit und der Möglichkeit, das eigene Handlungsfeld in der Freizeit zu erweitern. Denn neben dem Schutz vor dem Ertrinkungstod bietet das Schwimmen-Können auch die Gelegenheit, viele attraktive Freizeitangebote wahrzunehmen. Beispielsweise verbringen immerhin über 60 % der Europäer ihren Urlaub am Strand (Dr. Klaus Wilken, Präsident der DLRG im Vorwort von Wilke, 2007). Neben der Tatsache, dass Schwimmen ein Teil der Bewegungskultur ist, werden ihm für die sportliche Entwicklung und Bewegungsförderung auch sozial-integrative, emotionale und affektive, motorische, Lifestyle- sowie präventive und rehabilitative Bedeutung und damit große Wichtigkeit zugesprochen (Hafner & Reischle & Schmid & Donalies-Vitt, 2012 nach Scherler, 1995).

Dabei lernen die Kinder im Wasser laut Ahrendt (2002) in erster Linie über die Haut, in der viele Nervenzellen und -bahnen liegen. Sie meint weiter, „[...] wer Kinder fördern will, wer sie aktiv, aufmerksam und wissbegierig erleben möchte, der sollte ihnen diese „Nervennahrung“ im Wasser anbieten und sie dabei begleiten“ (S. 9). Häufige positive Nebeneffekte, welche den Kindern auch im Schulleben zugute kommen, seien eine höhere Leistungsfähigkeit, eine stabilere Gesundheit, eine bessere Konzentrationsfähigkeit und eine höhere Disziplin in der Gemeinschaft. Der Einstieg in das Schwimmen-Lernen noch vor der Einschulung sei deshalb sinnvoll. Bereits Berühmtheiten wie Locke, Rousseau und Guts-Muths erkannten die pädagogische Bedeutung des Schwimmens (Krauß, 2002).

In der vorliegenden Seminararbeit wird gezeigt, inwieweit zwei 4-1/2-jährige Schwimmanfänger bei der Wassergewöhnung und -bewältigung Unterstützung erfahren. Hierfür werden zunächst die theoretischen Grundlagen sowie die Rahmenbedingungen und die Zielformulierung dargestellt, worauf eine tabellarische Dokumentation des Lehr-/Lernprozesses und eine letzte Leistungsüberprüfung folgen.

2 Theoretischer Hintergrund des Schwimmen-Lernens

Das Ziel des planmäßigen Schwimmen-Lernens ist die größtmögliche Schwimmfähigkeit und Wassersicherheit in Bade- und Naturgewässern (Wilke, 2007). Dabei erfolgt das Erlernen des Schwimmens grundsätzlich in der Reihenfolge Wassergewöhnung, Wasserbewältigung und Fortbewegung (u.a. Ahrendt, 2002).

Zunächst wird das physikalische Verhältnis von Wasser und Mensch dargestellt, soweit es für das Anfängerschwimmen sinnvoll erscheint. Eine erschöpfende Behandlung dieses Themas, die für eine Optimierung der Schwimmstile nutzbar wäre, erübrigt sich. Anschließend werden Voraussetzungen für den Einstieg in das Schwimmen-Lernen gezeigt, wobei der Umgang mit der Angst einen Schwerpunkt einnehmen wird. Zuletzt folgen Ausführungen zur Wassergewöhnung und -bewältigung.

2.1 Das physikalische Verhältnis von Wasser und Mensch

Die höhere Dichte des Wassers im Vergleich zu der der Luft, in der wir uns sonst bewegen, wirkt vor allem als Wasserdruck, Wasserauftrieb und Wasserwiderstand (Wilke, 2007). Zusätzlich soll hier noch kurz auf die Oberflächenspannung und die Temperatur des Wassers eingegangen werden.

Der hydrostatische Druck steigt um 0,1 bar pro einem Meter Tiefe an. Bemerkbar macht er sich insbesondere auf dem Brustkorb, weil er die Einatmung etwas erschwert, und durch das Einströmen des Wassers in die Körperöffnungen, was vor allem in den Augen als unangenehm empfunden werden kann. Beim Tauchen hat der Druck dann schmerzhafte Auswirkungen, sobald kein automatischer Druckausgleich mehr mit der Umgebung vollzogen werden kann (Hahn, 2013).

Beim Auftrieb kann zwischen dem statischen und dem dynamischen Auftrieb unterschieden werden. Er ist es, der den menschlichen Körper je nach Tiefe seines Eintauchens und der vorangegangen Einatmung schweben lässt. Und zwar dann, wenn das Körpergewicht und das Gewicht des verdrängten Wasser gleich groß sind (Hahn, 2013; Wilke, 2007).

Beim Schwimmen muss mit und gegen Wasserwiderstand gearbeitet werden. Krauß (2002, S. 92) beschreibt dies folgendermaßen: „Der Schwimmer drückt sich quasi von der dichten Masse Wasser ab (wie sich der Läufer von der dichten Masse Erde abstößt), aber der Schwimmer muss auch die dichte Masse Wasser überwinden (wie der Läufer den Luftwiderstand überwinden muss)“. Dabei muss der Widerstand in Vorwärtsrichtung möglichst klein und in Rückwärtsrichtung möglichst groß gehalten werden (Wilke, 2007). Hahn (2013) unterscheidet bei den Widerstandsarten im Wasser den Abstoß- oder Abdruckwiderstand, den Frontal- oder Stirnwiderstand, den Wirbel- oder Formwiderstand, den Wellenwiderstand und den Reibungswiderstand. Ersterer ist derjenige Widerstand, der den Schwimmer vorwärts bringt. Die Summe der bremsenden Widerstandsarten steigt bei zunehmender Geschwindigkeit überproportional an.

Die Oberflächenspannung schluckt beim Schwimmen Energie, was durch eine verbesserte Technik reduziert werden kann. Für das Anfängerschwimmen spielt sie im Rahmen der Wasserbewältigung eine Rolle, da sie beim Sprung ins Wasser deutlich spürbar bzw. schmerzhaft werden kann, wenn die Landung auf dem Wasser mit großer Körperoberfläche geschieht, wie dies beispielsweise beim „Bauchplatscher“ der Fall ist (Hahn, 2013).

Als letztes ist für diese Seminararbeit noch die Temperatur des Wassers erwähnenswert, da die Wärmeleitfähigkeit des Wassers um ein Vielfaches höher ist als die der Luft. Aufgrund dessen muss der Körper mehr Energie verbrennen, um den Verlust an Wärme zu kompensieren. Kinder verlieren schneller an Körperwärme als Erwachsene, weshalb die mindeste Wassertemperatur beim Anfängerschwimmen je nach Alter variiert. Wilke (2007) empfiehlt bei Vier- und Fünfjährigen eine Wassertemperatur zwischen 27° und 29° C, Ahrendt (2010) bei Drei- bis Fünfjährigen sogar von rund 30° C. Je wärmer das Wasser ist, desto höher ist der zu erwartende Lernerfolg. Hinzu kommt, dass die Indifferenztemperatur, bei der ein Wasseraufenthalt von über 45 Minuten möglich ist, erst zwischen 32° C und 35° C liegt (Wilke, 2007).

2.2 Voraussetzungen, Angst und Furcht

„Das Wasser ist ein freundliches Element für den, der damit bekannt ist und es zu behandeln weiß“ (Johann Wolfgang von Goethe in Wilke 2007, S. 9). Umgekehrt ist es leider so, dass das Ertrinken bei Kindern zu den häufigsten Verletzungsgeschehen mit Todesfolge gehört (Ellsäßer, 2014). Angst vor dem Wasser hat also gute Gründe. Es kann eine existentielle Bedrohung darstellen. Allerdings ist das persönliche Verhältnis dazu sehr individuell verschieden und hängt von den jeweiligen Erfahrungen in körperlicher, intellektueller und emotionaler Hinsicht ab. Denn obwohl die physikalischen Eigenschaften und dessen physikalisch-physiologische Wirkungen bei jedem stark ähneln, ist die Verarbeitung der damit verbundenen Gefühle sehr unterschiedlich (Wilke, 2007).

Die Angst als eines dieser Gefühle muss im Anfängerschwimmen besonders berücksichtigt werden, weil die damit einhergehende muskuläre Anspannung und die beschleunigte Atmung sich negativ auf den Lernerfolg auswirken und sich die Angst unter Umständen noch verstärkt. Sie sollte jedoch nicht als einzige Größe in den Prozess des Schwimmen-Lernens einfließen. Denn Angst kann von den Schwimmschülern bei ausreichender Erfolgswahrscheinlichkeit akzeptiert werden. Wenn die Bewegungsaufgaben im Wasser zum Schwimmanfänger und dessen Lernumwelt passen, können durch einen spielerischen Umgang mit dem neuen Element und attraktiven Lernformen positive Erlebnisse vermittelt und Motivation für weitere Herausforderungen geschaffen werden. So gehen der schwimmerische Fortschritt und der Abbau der Angst miteinander einher (Wilke, 2007; Hafner et al., 2012; Karbe, 1966 in Wilke, 2007; Rech, 1983 in Wilke, 2007).

Wilke (2007) unterscheidet beim Schwimmen-Lernen weiterhin Furcht (als Angst vor etwas Konkretem) zwischen

- „Furcht vor dem Misserfolg, vor der Blamage,
- Furcht vor dem Lehrer,
- Furcht vor der Tiefe oder Weite des Wassers,
- Furcht vor dem Wasserschlucken,
- Furcht vor der Bedrohung durch das Wasser“ (S. 12f)

und meint weiter, dass sich die Furcht durch eine ausgiebige und vielseitige Wassergewöhnung auf natürliche Weise reduzieren lasse, indem die „Nichtschwimmer erfahren, dass sie sich – zunächst im flachen Wasser – orientieren, zurechtfinden, bewegen und wohlfühlen können“ (S. 17).

Als notwendige Voraussetzungen für das Schwimmen-Lernen ergeben sich vor allem hieraus, dass das Kind dem Lehrenden vertrauen und der Lehrende dem Kind gegenüber geduldig sein soll (Hafner et al., 2012).

2.3 Wassergewöhnung

Bei der Wassergewöhnung geht es also darum, sich auf die besonderen Eigenarten des Wassers und deren Wirkungen auf den Menschen einzustellen. Das Ziel ist es, dadurch den Zustand der Lernfähigkeit im Wasser herzustellen und auf die anschließende Wasserbewältigung vorzubereiten. Insbesondere gehört dazu die Gewöhnung an die geringere Temperatur des Wassers, seine Flüssigkeit, seinen Druck auf den Körper sowie die wirkende Auftriebs- und Widerstandskraft. Es muss sich dementsprechend so oft und so lange wie möglich im flachen Wasser aufgehalten und vielseitig bewegt werden, bis man sich an die anfangs zum Teil störenden physikalischen Wasserreize angepasst hat. Hierzu gehören maßgeblich die Tatsachen, dass Wasser durch seine Flüssigkeit und den Druck in alle Körperöffnungen eindringt, was vor allem bei den Augen unangenehm sein kann und dass durch den Druck und den Widerstand Bewegungen – und damit auch das Wiederfinden des Gleichgewichts – schwieriger werden. Die damit verbundenen neuen Erfahrungen faszinieren und verunsichern zugleich (Wilke, 2007; Ahrendt, 2002).

2.4 Wasserbewältigung

Auf die Wassergewöhnung folgt die -bewältigung. Es geht nun darum, die physikalischen Wassereigenschaften für das Schwimmen nutzbar zu machen, wobei die Angst vor dem Wasser bereits abgebaut sein muss. Vor dem Erlernen der Fortbewegung im eigentlichen Sinne des Begriffs „Schwimmen“ werden hierfür hilfreiche Verhaltensweisen erlernt, um das Wasser zu bewältigen. Diese beinhalten das Atem-, das Tauch-, das Auftriebs- und das Gleitverhalten und manifestieren sich in den Bewegungsformen Tauchen, Schweben, Gleiten und Springen (Wilke, 2007; Ahrendt, 2002).

Als Abschluss der Wasserbewältigung nennt Ahrendt (2010) die freie Ganzkörperschwebe und das gezielte An- und Abgleiten vom Beckenrand mit ersten Fortbewegungen.

3 Rahmenbedingungen und Zielformulierung

Nach einer kurzen Charakterisierung der beiden Schwimmanfänger werden die aus den theoretischen Grundlagen herausgearbeiteten angestrebten Ziele dargestellt. Anschließend werden die örtlichen Begebenheiten und der Zeitrahmen sowie der vorgegebene Sicherheits- bzw. Aktionsrahmen erläutert.

3.1 Die Schwimmanfänger und mit ihnen verbundene Anforderungen

Es handelte sich bei den beiden Schwimmanfängern um jeweils 4-1/2-jährige Kinder, die hier kurz charakterisiert werden:

E war männlich und zeichnete sich insbesondere durch seinen Mut und seine Risikofreude aus. Spielerische Angebote und Wettbewerbe nahm er gerne an. Seinen Körper konnte er aufgrund vielfältiger Bewegungserfahrungen v.a. im informellen Rahmen gut einschätzen. Bei Gefahren von außen gelang ihm das noch weniger. Bei Fehleinschätzungen und Rückschlägen ließ er sich in der Regel nicht von der nächsten Herausforderung abhalten.

S war weiblich, zeigte sich spielerischen Übungsformen gegenüber sehr aufgeschlossen und konnte sich auch auf konkrete Bewegungsvorgaben gut einlassen. Ihren Körper konnte sie aufgrund vieler Bewegungserfahrungen u.a. im formellen Rahmen gut einschätzen. Bei Herausforderungen wog sie gut ab und lehnte diese bei subjektiver Überforderung selbstbewusst ab. Der Vergleich mit anderen war für sie nachrangig.

Beide Kinder hatten gemeinsam, dass sie sportlich und kontaktfreudig waren. Da beide bereits seit einigen Monaten ohne Stützräder Fahrrad fuhren, konnte von einer ausreichenden Koordinationsfähigkeit bzw. ‑fertigkeit für das Schwimmen-Lernen ausgegangen werden.

Der unterschiedliche Umgang mit Herausforderungen im Wasser und die unterschiedliche Priorisierung der Übungsformen machte beim Schwimmlehrer unterschiedliche Vorgehensweisen bzw. eine höhere Methodenvariabilität erforderlich. Die Übungseinheiten waren geprägt von „geplanter Offenheit“ (Hafner et al., 2012, S. 28) mit der Absicht, Anregungen und Wünsche der Kinder ernst zu nehmen und aufzugreifen. Dies geschah unter Beachtung einer möglichst vielseitigen Ausbildung.

Aufgrund des Alters und der Anzahl der Schwimmschüler war es für den Lehr-/Lernprozess sinnvoll, dass der Schwimmlehrer mit im Schwimmbecken war (Wilke, 2007).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Wassergewöhnung und -bewältigung bei 4-jährigen. Theoretische Grundlagen und Dokumentation eines Lehr-/Lernprozesses
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Sportwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar mit Fitnessprojekt mit "Service-Learning"
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V308422
ISBN (eBook)
9783668065888
ISBN (Buch)
9783668065895
Dateigröße
867 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Schwimmen, Schwimmenlernen, Wassergewöhnung, Wasserbewältigung, praxisnah, Training, Übungseinheiten, Angst, Physik
Arbeit zitieren
Michael Schmitt (Autor), 2015, Wassergewöhnung und -bewältigung bei 4-jährigen. Theoretische Grundlagen und Dokumentation eines Lehr-/Lernprozesses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308422

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