Die Entwicklung der Fegefeuerlehre in der Antike


Hausarbeit, 2008
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Die psychologische Notwendigkeit der Fegefeuerlehre aus heutiger Sicht

1. Die Eingliederung der Fegefeuertheorie in den biblischen Glauben

2. Der Begriff „Fegefeuer“

3. Der erste Keim der Fegefeuerlehre in den Visionsberichten der Märtyrerin Perpetua
3.1. Der geschichtliche Hintergrund
3.2. Die Dinocrates-Visionen
3.3. Die psycho-analytische Deutung
3.4. Die taufkatechetische Deutung
3.5. Ist der Aufenthaltsort des Dinocrates das Purgatorium?
3.6. Unterbewusste Beeinflussung durch heidnisch und christlich geprägte Bilder

4. Tertullians Vorstellungen von den Geschehnissen nach dem Tod
4.1. Zur Person des Tertullian
4.2. Tertullians Vostellungen über die Geschichte der ganzen Menschheit
4.3. Tertullians Vorstellung über die Geschichte des Einzelnen

5. Cyprians Vorstellungen von einem Reinigungsort
5.1. Zur Person des Cyprian
5.2. Cyprians Theorie entsteht aus einer “psychologische[n] und apologetische[n] Notwendigkeit” heraus.
5.3. Das Schicksal der Toten bei Cyprian
5.4. Cyprians Einstellung zum Umgang mit den Lapsi und die damit verbundene innerkirchliche Diskussion
5.5. Ep 55,20

6. Die Vollendung des Menschen

7. Literaturverzeichnis

Die psychologische Notwendigkeit der Fegefeuerlehre aus heutiger Sicht

Was geschieht mit uns nach dem Tod? Gibt es ein Weiterleben danach, und wenn ja, wie können wir uns eins solches vorstellen? Werden wir nach dem Tod für unsere Sünden zur Rechenschaft gezogen?

Diese Fragen beschäftigen den modernen Menschen mit Sicherheit genauso, wie den Menschen vor 2000 Jahren. Jedoch ist der heutige Mensch mit einer Vielzahl von möglichen Antworten konfrontiert und wählt sich aus diesen die für ihn zugänglichste aus. Die Antworten, die wir für uns selbst auf diese Fragen finden, sind allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit von unseren Wünschen oder auch Ängsten beeinflusst. Den Gedanken, dass es kein Fortleben unserer Seele nach dem Tod gibt und dass danach alles aus ist, können die meisten Menschen nicht ertragen und die Vorstellung, dass es nach dem Tod so etwas wie ein Gericht gibt, rührt bestimmt auch daher, dass die Menschen einen letzten verbindlichen Grund bzw. eine Motivation für moralisch bzw. ethisch richtiges Handeln suchen. Wenn gute Taten ohne Lohn blieben und schlechte Taten nicht bestraft würden, welchen Grund hätte der Mensch dann noch, Gutes zu tun? Zwar drängt das Gewissen des Menschen nach Ansicht des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung von Natur aus auf das Gute hin, trotzdem wünscht sich der Mensch eine Belohnung, denn der richtige Weg ist auch oft der schwierigere.

Wenn es allerdings zu diesem Gericht kommt, haben die meisten Menschen bestimmt Schwierigkeiten, sich eindeutig einer Seite (Himmel oder Hölle, wenn man so will) zuzuordnen, denn auch der grundsätzlich gute Mensch hat in seinem Leben Fehler gemacht und Sünden begangen. Dieser Mensch fühlt sich, so wie er ist, dann vielleicht noch nicht bereit, Gott mit all seinen Fehlern und Schwächen gegenüber zu treten oder in eine Gemeinschaft mit ihm einzugehen. Es muss also noch etwas geben, was uns nach dem Tod bereit für Gott macht. So könnte man aus heutiger Sicht die Vorstellung eines Reinigungsortes oder Fegefeuers erklären.

Der Gedanke an das Fegefeuer lässt in uns allerdings oft sofort grausame Bilder von Feuer, Schmerzen und Qualen aufblitzen, obwohl uns unser Verstand gleichzeitig sagt, dass diese Vorstellungen veraltet sind und wir uns wahrscheinlich schon längst eine eigene Meinung mit ganz anderen Bildern geschaffen haben.

Doch obwohl uns die zum Teil mythisch beeinflussten Unterweltsvorstellungen heute befremdlich erscheinen, sind solche Ideen auf irgendeine Weise in uns verankert und stellen immer noch ein Thema dar. Deshalb ist es interessant, zu hinterfragen, wie diese Ideen überhaupt entstanden sind. Darauf soll in der folgenden Arbeit eingegangen werden.

1. Die Eingliederung der Fegefeuertheorie in den biblischen Glauben

Die Vorstellung des Fegefeuers ist im Grunde genommen nicht Bestandteil des christlichen Glaubens, denn weder im AT, noch im NT wird eindeutig von einem solchen berichtet.

Es herrschte vielmehr die Vorstellung von einem dualistischen Modell: Die Verstorbenen kamen entweder in den Himmel oder in die Hölle, welche beide Ewigkeitscharakter hatten und so die Möglichkeit ausschlossen, zwischen den beiden Orten zu wechseln.

Hier stellt sich allerdings auch die Frage, „was mit den Seelen zwischen dem individuellen Tod und dem Jüngsten Gericht“[1], bzw. der Auferstehung der Toten geschieht, welche Jesus in Mt 8,11 folgendermaßen beschreibt: „Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen“.

Im Laufe der Zeit wurde aus dem starren dualistischen Modell ein dynamisches drei-teiliges Modell, indem sich die Vorstellung eines Zwischenortes, des Fegefeuers, einschaltete. Dieser Ort ist allerdings mehr dem Himmel zugewandt, da er eine Vorstufe für diesen darstellt. Somit haben auch diejenigen, die nicht grundsätzlich schlecht sind, aber trotzdem kein sündenfreies Leben geführt haben, noch die Chance durch das Abbüßen ihrer Schuld und durch Reinigung ihrer Seelen Eingang in die Seeligkeit zu finden.

2. Der Begriff „Fegefeuer“

Der Begriff des Fegefeuers existiert so nur im Deutschen. Er setzt sich zusammen aus ‚fegen’ im Sinne von ‚reinigen’ und ‚Feuer’. Die Kombination beider Begriffe stammt wohl aus dem Neuen Testament, denn der Apostel Paulus schrieb in 1 Kor 3,11-16:

Denn einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt.

Man geht also davon aus, dass die Verstorbenen im bzw. durch das Fegefeuer von den Sünden, die sie auf der Erde begangen haben, gereinigt werden.[2] Auch wird der Aspekt des Geprüftwerdens mit in die Vorstellung aufgenommen.

Die weit verbreitete Meinung, dass die Fegefeuerlehre im Mittelalter entstanden ist, ist so nicht richtig, denn das Purgatorium ist keine Erfindung, welche aus kirchenpolitischen oder anderen Gründen eingeführt wurde, sondern hat sich in einem jahrhundertelangen Prozess fortentwickelt.

3. Der erste Keim der Fegefeuerlehre in den Visionsberichten der Märtyrerin Perpetua

3.1. Der geschichtliche Hintergrund

Der erste Hinweis auf einen Keim der Fegefeuerlehre ist, wenn man die biblischen Andeutungen ausblendet, in den Visionsberichten der Vibia Perpetua zu finden.

Perpetua wurde etwa 181 geboren. Sie war sehr gebildet und standesgemäß verheiratet. Von ihrem Mann ist weiter nichts bekannt, außer dass sie gemeinsam mit ihm ein Kind hatte. Ihr Vater war überzeugter Heide, der Rest ihrer Familie gehörte wohl dem Christentum an.[3] Somit haben sowohl christliche, als auch heidnische Vorstellungen in Perpetuas Erziehung und in ihr Gottesbild eingewirkt. Sie selbst befand sich gerade im Katechumenat, also in der Vorbereitung auf die Taufe, als sie 203 mit ihrer Katechumengruppe festgenommen und inhaftiert wurde, weil sich die Gruppe weigerte, zum Wohle des Kaiser zu opfern.[4]

Die Gefangenen wurden dazu verurteilt, an den Pythischen Spielen teilnehmen zu müssen. Allen war klar, dass sie dies nicht überleben würden. Im Gefängnis schreibt Perpetua eine Art Tagebuch, in dem sie über ihre Erlebnisse in der Gefangenschaft berichtet. Sie erzählt unter anderem davon, wie sie die Taufe empfängt und von ihren vier Visionen.

3.2. Die Dinocrates-Visionen

Für das zu behandelnde Thema sind ganz besonders die zweite und dritte Vision wichtig, welche von Perpetuas verstorbenem Bruder Dinocrates handeln:

“Ich sehe den Dinocrates aus einem finsteren Ort hervorkommen, wo noch mehr Leute waren, fieberglühend und durstig, mit ganz schmutzigem Antlitz, bleich und mit der Wunde im Gesicht, die er hatte, als er starb. Dieser Dinokrates war nämlich mein leiblicher Bruder gewesen, der mit sieben Jahren an einem Gesichtskrebs auf schreckliche Art zugrunde ging, so daß sein Tod allen Menschen ein Ekel und Grausen war. Für ihn hatte ich also gebetet, und zwischen mir und ihm war ein großer Abstand, so daß wir beide nicht zueinander konnten. Außerdem war an jenem Ort, wo Dinocrates stand, eine ‘piscina’ voll Wasser, deren Rand höher als der Knabe war, und Dinocrates streckte sich, wie um zu trinken. Ich aber empfand Schmerz darüber, daß zwar jene ‘piscina’ voll Wasser war, und er dennoch wegen des hohen Randes nicht trinken konnte. Und ich erwachte und erkannte, daß mein Bruder in Not sei, aber ich vertraute darauf, daß ich seiner Not werde abhelfen können, und betete für ihn alle Tage, bis wir zum Staatskerker hinübergebracht wurden; denn wir sollten im Amphitheater kämpfen. Damals war (gerade) der Geburtstag des Caesaren Geta. Und ich betete für jenen (Dinocrates), indem ich Tag und Nacht stöhnte und weinte, daß mir um seinetwillen Erfüllung gewährt werde. Am Tag, an dem wir aber im Kerker verblieben, wurde mir Folgendes gezeigt: Ich sehe jenen selben dunkeln Ort, den ich damals gesehen hatte, (ganz hell) und Dinocrates mit reinem Körper wohlgekleidet sich erfrischend. Und wo die Wunde war, sehe ich eine Narbe und jene ‘piscina’, welche ich vorher sah, hatte ihren Rand bis auf Nabelhöhe des Knaben gesenkt, und er schöpfte daraus ohne Unterlaß, und auf deren Rand stand eine goldene Flasche voll Wasser, und Dinocrtes trat hinzu und begann aus ihr zu trinken, und sie wurde nicht leer. Befriedigt und erfreut ging er dann hin, um nach Art der Kinder zu spielen - und ich erwachte. Da verstand ich, daß er aus dem Ort der Strafe wegversetzt sei.”[5]

Wichtig sind die unterschiedlichen Bilder der beiden Berichte: Während die leitenden Motive in der ersten Vision Dunkelheit, Hitze, Schmutz, Durst, die Unerreichbarkeit des Wassers und Krankheit sind, herrschen in der zweiten Vision die Motive Helligkeit, Reinheit, Erfrischung, Befriedigung und Heilung.

3.3. Die psycho-analytische Deutung

Im Laufe der Zeit wurden diese Visionen immer wieder unterschiedlich gedeutet.

Die Jung-Schülerin, Marie-Louise von Franz war der Auffassung, dass die Visionen psychoanalytisch zu interpretieren sind und dass sie die innere Entwicklung Perpetuas versinnbildlichen.

Ihr zu Folge verkörpert “Dinocrates einen seelischen Inhalt in Perpetua selber, dessen dargestelltes Leiden mit ihrem eigenen Leidenszustand identisch ist und als eigene innere Not verstanden werden muß”[6] Sie sehnt sich nach der Taufe so sehr, wie Dinocrates sich nach dem Wasser sehnt. Dinocrates symbolisiert ihre noch nicht völlig überwundene heidnische Vergangenheit, das “kindliche Stück Heidentum in ihr selbst“[7]. Die ganze Vision ist mit Motiven aus heidnischen Unterweltsvorstellungen gespickt. Den “großen Abstand“, der zwischen ihr und Dinocrates liegt, deutet Marie-Louise von Franz als Distanzierung zu dieser Vergangenheit. Die Narbe im Gesicht des Dinocrates symbolisiere den Konflikt mit ihrem Vater, welcher sie immer wieder zur Umkehr bewegen wollte.

Die Erlösung des Dinocrates zeigt, dass Perpetua nun zu einer Frau herangereift ist, welcher das Christentum Kraft und Halt gibt.[8] Sie hat nun zu sich selbst gefunden.

3.4. Die taufkatechetische Deutung

Weiterhin gibt es eine taufkatechetische Deutung, bei welcher man davon ausgeht, dass die Taufe Perpetuas zwischen den beiden Visionen liegt. Der noch mit seiner ganzen Schuld beladene Dinocrates der ersten Vision erfährt durch Perpetua deren heilsbringende Taufwirkung und wird somit erlöst.

3.5. Ist der Aufenthaltsort des Dinocrates das Purgatorium?

Ganz anders deutet Augustinus diese Vorstellungen. Er geht davon aus, dass es sich bei dem Aufenthaltsort des Dinocrates um das Purgatorium oder zumindest um einen Ort der Reinigung handelt. Es sind auch gewichtige Gründe zu nennen, die für diese Vermutung sprechen: Zum einen finden wir das Motiv der Vorläufigkeit, welches ganz maßgeblich für das Fegefeuer ist. Es handelt sich in Perpetuas Visionen nicht um einen Zustand ewigen Leidens, denn dieser wird von Dinocrates überwunden.

Ein weiteres wichtiges Indiz dafür, dass es sich um das Purgatorium handelt, ist die Tatsache, dass die junge Märtyrerin davon überzeugt ist, dass sie durch ihre Gebete dem Verstorbenen helfen kann. Zudem kommt noch, dass Perpetua das Leiden ihres Bruders eindeutig als Strafe interpretiert. Hier stößt man allerdings auf die Frage, ob Dinocrates wirklich Schuld auf sich geladen hatte, denn es kann sich nur um das Fegefeuer handeln, wenn es wirklich eine Strafe für bzw. Reinigung von Schuld darstellt. Von einer Sünde erfahren wir tatsächlich nichts. Sein Gesichtskrebs deutet zwar auf eine solche hin, da man früher davon ausging, dass Krankheit immer Strafe für ein Vergehen ist, aber eindeutig klar ist dies nicht.

In der frühen Antike war man noch der Auffassung, dass frühzeitig Verstorbene, die so genannten ‘ahori’ in den Hades kommen, allerdings war diese Vorstellung zu Zeiten Perpetuas schon längst überholt und man ging von der grundsätzlichen Schuldlosigkeit von Kindern aus.

Auch wird die These des Fegefeuers dadurch in Frage gestellt, dass es sich in den Visionen der Märtyrerin nicht um einen Orts-, sondern um einen Zustandswechsel handelt. Die Fegefeuerlehre spricht allerdings ganz eindeutig von einem Ortswechsel.

3.6. Unterbewusste Beeinflussung durch heidnisch und christlich geprägte Bilder

Bei all diesen Deutungsversuchen, und vor allem bei dem letztgenannten, darf man nicht außer Acht lassen, dass man die Visionen nicht unbedingt als bloße Eingebung sehen darf, sondern dass unbewusst mit Sicherheit auch Perpetuas persönliche Vorstellungen über das Leben nach dem Tod mit eingeflossen sind. Es lassen sich nämlich ganz klare Parallelen sowohl zu christlichen, als auch zu heidnischen Bildern herstellen:

Ganz ähnliche Unterweltsvorstellungen sind zum Beispiel in Homers Odysse zu finden. Tantalos, welcher den Göttern gefrevelt hatte, indem er sie bestohlen und ihre Allwissenheit in Frage gestellt hatte, wurde von diesen in den Tartaros verstoßen und dort mit ewigen Qualen gepeinigt:

Auch den Tantalos sah ich, mit schweren Qualen belastet. Mitten im Teiche stand er, den Kinn von der Welle bespület, Lechzte hinab vor Durst, und konnte zum Trinken nicht kommen. Denn so oft sich der Greis hinbückte, die Zunge zu kühlen; Schwand das versiegende Wasser hinweg, und rings um die Füße Zeigte sich schwarzer Sand, getrocknet vom feindlichen Dämon. Fruchtbare Bäume neigten um seine Scheitel die Zweige, Voll balsamischer Birnen, Granaten und grüner Oliven, Oder voll süßer Feigen und rötlichgesprenkelter Äpfel.

Aber sobald sich der Greis aufreckte, der Früchte zu pflücken; Wirbelte plötzlich der Sturm sie empor zu den schattigen Wolken.[9] Hier sind ebenfalls die Motive Hitze (“Zunge zu kühlen“), Durst und die Unerreichbarkeit des Wassers zu erkennen.

Auch die Unterwelt aus Vergils Aeneis, durch welche Sibylle Aeneas führt, zeigt Ähnlichkeiten zu dem Aufenthaltsort des Dinocrates:

Sie gingen dahin ohne Licht, in einsamer Nacht und im Düster, durch Plutos öde Welt und sein Reich ohne Leben. So sucht man in Wäldern den Weg, wenn getrübt der Mond ihn nur kärglich erhellt, wenn Jupiter den Himmel mit Wolken überzogen und schwarze Nacht jedem Ding seine Farbe genommen hat. Gleich am Eingang, ganz vorn im Rachen der Unterwelt, haben der Gram und die rächenden Sorgen ihr Lager aufgeschlagen, hausen die bleichen Seuchen, das mürrische Alter, auch die Furcht, der Hunger, der Böses rät, und der abscheuliche Mangel […] Mitten im Raum reckt ihre Zweige und uralten Äste eine schattige Ulme, ein riesiger Baum, in dem, wie alle Welt sagt, die nichtigen Träume daheim sind und unter sämtlichen Blättern hängen. […] Von da führt der Weg hinab zu den Fluten des Unterweltflusses Acheron. Trüb von Unrat und mit gewaltigen Strudeln strömt er reißend dahin und speit seinen ganzen Schlamm in den Cocytus. Als Fährmann wacht an diesen Wassern und Flüssen, schauderhaft starrend vor Schmutz, Charon, dessen Kinn ein verwilderter grauer Bart deckt […][10] Hier sind als Parallelen zu der ersten Dinocratesvision die Motive des Mangels und des Schmutzes zu nennen.

Auch ist in Vergil ein Hinweis auf das Schicksal der ‘ahori’ zu finden:

Gleich darauf ließen sich Stimmen vernehmen und lautes Wimmern und Weinen von Kinderseelen, die an der Schwelle des Daseins ohne einen Anteil am süßen Leben, der Mutterbrust entrissen, ein Unglückstag dahinraffte und ins finstere Grab sinken ließ.[11]

Aber auch zu den christlichen Vorstellungen sind Ähnlichkeiten zu erkennen, denn zum Beispiel lassen sich die Motive von Durst und Hitze und auch der Abgrund auch in Lk 16,19-26 wiederfinden:

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.

Man darf aber nun nicht daraus schließen, dass genau diese Geschichten Einfluss auf Perpetuas Visionen hatten; diese Ausschnitte sollen exemplarisch für die allgemeinen heidnischen und christlichen Vorstellungen stehen und zeigen, dass Perpetua zumindest ähnliche Bilder bekannt waren, welche Einfluss auf ihre Visionen gehabt haben könnten.

[...]


[1] Le Goff, Jacques. Die Geburt des Fegefeuers. München: Deutscher Taschenbuchverlag 1991. S. 11.

[2] Vorgrimler, Herbert. Und das ewige Leben. Amen. Christliche Hoffnung über den Tod hinaus. Münster: Aschendorff Verlag 2007. S. 62.

[3] vgl. Marie-Louise von Franz. Passio Perpetuae. Das Schicksal einer Frau zwischen zwei Gottesbildern. Zürich: Daimon Verlag 1982. S.19.

[4] Vgl. Merkt, Andreas. Das Fegefeuer. Entstehung und Funktion einer Idee. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005. S. 17.

[5] Marie-Louise von Franz. Passio Perpetuae. S. 22 - 23.

[6] Ebd. S. 61.

[7] Ebd. S. 61.

[8] Vgl. Ebd. S. 60 - 70.

[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Tantalos [Letzter Zugriff am 04.08.2008]

[10] Vergilius Maro, Publius. Aeneis. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Gerhard Fink. Düsseldorf/Zürich: Artemis & Winkler Verlag 2005. S. 261.

[11] Ebd. S. 269.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Fegefeuerlehre in der Antike
Hochschule
Universität Regensburg  (Katholische Theologie)
Veranstaltung
Auferstehung und Jenseits im frühen Judentum, im Neuen Testament und im frühen Christentum
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V308436
ISBN (eBook)
9783668067387
ISBN (Buch)
9783668067394
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fegefeuer, Purgatorium, Antike, Himmel, Hölle, Jenseits
Arbeit zitieren
Dr. phil Sandra Herfellner (Autor), 2008, Die Entwicklung der Fegefeuerlehre in der Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308436

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