Es ist eine aus der Schulmathematik bekannte Tatsache, dass man aus drei beliebigen Angaben über ein Dreieck – seien es Längenangaben, Winkel oder der Flächeninhalt – (fast) alle anderen Maße berechnen kann. Philosophisch ist daran zunächst nichts erstaunlich. Anders ist es, wenn man diese Berechnung an einem beliebigen dreieckigen Objekt in der realen Welt anstellt. Man kann durch reines Denken die meisten Maße eines realen Dreiecks berechnen, wenn man nur drei Maße nachgemessen hat. Die angewandten Berechnungsmethoden sind nicht durch Induktion erworben, sondern Teil eines rein apriorischen, auf Axiomen beruhenden mathematischen Systems, das völlig unabhängig von der Außenwelt erkannt und angewandt werden kann. Wie kann man mit reinem Denken völlig sichere und notwendige Aussagen über die Außenwelt treffen? Dies ist eine Frage, die durchaus philosophische Reflexion zulässt oder sogar erfordert.
Immanuel Kant hat dieses Problem gesehen und in dem Abschnitt über die Transzendentale Ästhetik in seinem Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft, eine Lösung vorgeschlagen. Der Raum, auf dessen Anschauung die geometrischen Grundsätze beruhen, ist in Kants Augen, neben der Zeit, eine reine Anschauungsform. Wie der Begriff schon andeutet, steht die reine Anschauung zwischen dem reinen, apriorischen Verstand, und dem Empirischen, dem anschaulich Gegebenen; sie ist, in den Worten von Clemens Thaer, „nicht Verstand und nicht volle Sinnlichkeit“. Der Raum ist nichts den Dingen an sich Anhängendes, sondern liegt in uns, und dient zur Strukturierung und Ordnung der Sinneswahrnehmungen. Zugleich ist der Raum die Grundlage der geometrischen Grundsätze. Durch diese Mittlerposition des Raumes ist es verständlich, wie aus reinem Denken gewonnene geometrische Sätze auf die Außenwelt anwendbar sind, und dabei auch noch zu notwendig sicheren Ergebnissen führen.
Die Frage ist, ob der Begriff der reinen Anschauung an sich schlüssig ist. Wie begründet Kant die Möglichkeit eines solchen Konzepts, das ja auf den ersten Blick als Paradoxie erscheint? Und welche Probleme ergeben sich bei genauerer Analyse seiner Argumente? Das sind die Fragen, denen in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden soll. Selbstverständlich kann dabei nicht einmal im Ansatz Vollständigkeit angestrebt werden, deshalb soll sich lediglich auf einige Einzelprobleme konzentriert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Fundierung der Begriffe „Anschauungsform“ und „reine Anschauung“
3. Reine Anschauung – ein Widerspruch in sich?
4. Die Apriorität des Raumes
5. Der Anschauungcharakter des Raumes
6. Die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori in der Geometrie
7. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch Kants Begriff der „reinen Anschauung“ sowie die Herleitung von Raum und Zeit als apriorische Anschauungsformen in der „Transzendentalen Ästhetik“. Ziel ist es, die Konsistenz von Kants Argumentation zu prüfen und aufzuzeigen, an welchen Stellen die Prämissen unzureichend begründet oder durch spätere mathematische Erkenntnisse, wie die nicht-euklidische Geometrie, in Frage gestellt sind.
- Kritische Analyse des Begriffs der reinen Anschauung
- Untersuchung der Argumente für die Apriorität des Raumes
- Diskussion des Anschauungscharakters des Raumes gegenüber Begriffen
- Bewertung synthetischer Urteile a priori in der Geometrie
- Reflektion der Gültigkeit von Kants Raumtheorie im Kontext moderner Wissenschaft
Auszug aus dem Buch
3. Reine Anschauung – ein Widerspruch in sich?
Um zu untersuchen, ob der Begriff der reinen Anschauung einen Widerspruch enthält, sollen hier die Einzelbegriffe „rein“ bzw. „a priori“ und „Anschauung“ analysiert werden.
Kant nennt am Beginn der Transzendentalen Ästhetik zwei Bedingungen einer Anschauung: Die Anschauung bezieht sich unmittelbar auf Gegenstände (A19/B33; vgl. auch A68/B93); die Gegenstände werden uns gegeben, indem sie das Gemüt affizieren (A19/B33).
Trifft dies auch auf reine Anschauungen zu? Bei der zweiten Bedingung vermutet Hans Vaihinger, dass sie nur für die empirische Anschauung gültig ist, da die reine Anschauung nicht durch Affektion entsteht. Marcus Willaschek jedoch bietet eine Interpretation an, nach der auch der Begriff der reinen Anschauung mit dieser zweiten Bedingung vereinbar wäre, nämlich indem man annimmt, dass die reine Anschauung aus der Affektion durch die Beschaffenheit unseres eigenen Gemüts entsteht. Dies lässt sich aber nur schwer mit dem Text vereinbaren, da wenige Zeilen später die Affektion durch einen Gegenstand als Empfindung definiert wird, welche wiederum ein Definitionsmerkmal der empirischen Anschauung ist (A19f./B34). Soll man also nur die erste, nicht die zweite Bedingung für die reinen Anschauungen zulassen? Dagegen sprechen die Fomulierungen im Text, die suggerieren, dass sich beide Bedingungen auf die selbe Klasse von Phänomenen beziehen („Diese findet aber nur statt […]“; „dieses aber ist […] nur dadurch möglich [...]“). Tatsächlich nimmt Vaihinger an, dass auch die erste Bedingung nur für die empirischen Anschauungen gilt. Demnach würden sich die reinen Anschauungen nicht unmittelbar auf Gegenstände beziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die philosophische Problematik ein, wie durch reines Denken notwendige Aussagen über die reale Welt möglich sind, und stellt Kants transzendentale Ästhetik als Lösungsansatz vor.
2. Die Fundierung der Begriffe „Anschauungsform“ und „reine Anschauung“: Es wird untersucht, wie Kant die Begriffe „Anschauungsform“ und „reine Anschauung“ einführt, wobei die kritische Schwäche seiner Beweisführung bezüglich der Trennung von Materie und Form hervorgehoben wird.
3. Reine Anschauung – ein Widerspruch in sich?: Das Kapitel analysiert die begriffliche Konsistenz der „reinen Anschauung“ und kommt zu dem Schluss, dass kein logischer Widerspruch vorliegt, sofern man die Sinnlichkeit nicht auf empirische Daten beschränkt.
4. Die Apriorität des Raumes: Hier werden Kants Argumente für die Apriorität des Raumes einer Prüfung unterzogen und aufgezeigt, dass Kant lediglich die logische Notwendigkeit des Raumes für die Erfahrung begründet, nicht aber dessen Status als Anschauungsform im Subjekt.
5. Der Anschauungcharakter des Raumes: Dieses Kapitel prüft Kants Abgrenzung des Raumes als Anschauung gegenüber dem Begriff und kritisiert, dass diese auf unbewiesenen und terminologischen Annahmen beruht.
6. Die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori in der Geometrie: Es wird dargelegt, dass Kants Argumentation zur Begründung des Raumes durch die Geometrie aufgrund der Entwicklung der nicht-euklidischen Geometrie und der Infragestellung der Apodiktizität seiner Prämissen an Überzeugungskraft verloren hat.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Die Arbeit fasst die Kritik an Kants Argumenten zusammen, betont aber die fortwährende Bedeutung seines transzendentalen Idealismus für die Philosophie.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Transzendentale Ästhetik, Reine Anschauung, Anschauungsform, Raum, Zeit, A priori, Synthetische Urteile, Geometrie, Erkenntnistheorie, Transzendentaler Idealismus, Empfindung, Sinnlichkeit, Nicht-euklidische Geometrie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Analyse der kantischen Theorie der reinen Anschauung, wie sie in der „Transzendentalen Ästhetik“ der „Kritik der reinen Vernunft“ dargelegt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Begriffsdefinitionen von „Anschauungsform“ und „reiner Anschauung“, die Apriorität des Raumes, die Unterscheidung von Anschauung und Begriff sowie die Gültigkeit geometrischer Urteile a priori.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Konsistenz und Überzeugungskraft von Kants Argumenten zur Etablierung des Raumes als reine Anschauungsform zu prüfen und mögliche Schwachstellen in seiner Beweisführung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit verwendet eine textnahe philosophische Analyse, bei der Kants Argumente anhand seiner eigenen Texte („Kritik der reinen Vernunft“) sowie unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur und wissenschaftshistorischer Entwicklungen bewertet werden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Begriffsherleitungen durch Kant, die Analyse der spezifischen Argumente für die Apriorität des Raumes sowie die kritische Prüfung der Beziehung zwischen Raum und geometrischen Urteilen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Transzendentaler Idealismus, reine Anschauung, Raumtheorie, Erkenntnistheorie und die kritische Auseinandersetzung mit Kants geometrischen Grundannahmen charakterisieren.
Warum hält der Autor die Begründung für die Apriorität der Anschauungsformen für fehlerhaft?
Der Autor argumentiert, dass Kant unbewiesene Prämissen verwendet, insbesondere die Behauptung, dass eine reale Trennung zwischen Materie und Form der Erscheinung bestehen müsse, die zudem unterschiedliche Ursprünge hätten.
Welche Rolle spielt die nicht-euklidische Geometrie in der Argumentation der Arbeit?
Die Entdeckung der nicht-euklidischen Geometrie entzieht laut Autor Kants Prämisse der Apodiktizität geometrischer Sätze die Grundlage, wodurch Kants Argument für die Apriorität des Raumes als „Bedingung“ für derartige Sätze hinfällig wird.
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- Dennis Hogger (Author), 2015, Die reine Anschauung bei Kant. Zur Interpretation und Problematik eines zentralen Begriffs der Kantischen Transzendentalphilosophie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308905