Augustinus und die Frage der Theodizee. Wie erklärt Augustinus das Böse?


Essay, 2011
12 Seiten, Note: 1,0
Alexander Meyer (Autor)

Leseprobe

Die Frage nach der Rechtfertigung Gottes ist auch immer gleichursprünglich mit der Frage nach dem Bösen[1]. So wird sich jeder christlich-gläubige Mensch dann und wann die Frage stellen, wie er seinen Gottesbegriff mit dem Bösen[2] in der Welt vereinbaren kann. Er wird sich fragen: Schließen sich die postulierten christlichen Gottesattribute (Allmacht, Allgüte und Allwissenheit) und das Böse nicht gegenseitig aus? Oder sind sie doch irgendwie miteinander zu vereinbaren? Und wie ist überhaupt das Moralisch-Böse in der Welt zu erklären?

- Eine mögliche Antwort auf diese letztgenannte Frage gibt Augustinus in seinem Werk Vom Gottesstaat. Um diese Erklärungsversuche soll es nun im Folgenden gehen.

Dabei soll zunächst das Augenmerk auf Augustinus' Verständnis von menschlicher Schlechtigkeit gelegt werden, wodurch sich bereits wesentliche Strukturen der menschlichen Wesensnatur zeigen werden. Dadurch werden gleichsam auch die Strategien deutlich werden, mit welchen Augustinus das Böse innerhalb seines christlichen Verständnishorizontes erklären möchte. Es wird sich also zeigen, dass Augustinus das Böse hinsichtlich dreier Strategien zu erklären versucht. Dabei handelt es sich um folgende Strukturen: Das Böse als funktionalisierende Kontraposition des Guten; das Böse als Privation des Guten; das Böse als Folge des Sündenfalls.

All diese Erklärungsansätze von Augustinus werden zunächst zur Sprache gebracht, ehe sie in einer kurzen abschließenden Reflexion kritisch betrachtet werden. Dadurch wird sich zeigen, dass Augustinus' Erklärungsansätze wesentlich auf eine Entlastung der göttlichen Verantwortlichkeit angesichts des Übels zielen und folglich den Menschen selbst für das Böse[3] verantwortlich machen, d.h. eine Entlastung Gottes hinsichtlich seiner Verantwortlichkeit bedeutet zugleich - ganz dialektisch - eine Belastung des Menschen.

Zu Beginn soll betont werden, wie Augustinus die Natur des Menschen definiert. Für ihn steht fest, dass die menschliche Natur, also das innerste Wesen des Menschen, so geschaffen ist, dass es bei Gott, dem schlechthin höchsten Gut, sein möchte. Sein berühmtes Diktum macht dies bekennend deutlich, wenn Augustinus zum Herz, zum Wesen des Menschen, emphatisch konstatiert, dass es ruhelos ist, „bis daß es seine Ruhe hat in Dir“[4], also in Gott ist.

Das macht bereits deutlich, dass die Natur des Menschen naturgemäß zu Gott strebt, der das schlechthin Gute ist. Aber warum gibt es dann hinsichtlich des Menschen doch moralisches Übel, wenn er doch von Gott so geschaffen ist, dass er seinem Wesen nach gut ist und zu diesem höchsten Gut idealiter strebt? Hier stellt sich also für Augustinus deutlich die Frage nach dem Bösen in der menschlichen Natur, also nach der Schlechtigkeit des Menschen.

Um das denkbar Böse in der menschlichen Natur mit seinem christlichen Gottesbegriff harmonisierend zu verknüpfen, fragt Augustinus zunächst nach dem Seinsstatus des Bösen. Und er kommt rasch zu der Erkenntnis, dass dem Verderb der menschlich-wandelbaren Natur eine unverderbte Natur vorausgehen muss, schließlich ist der Mensch erstens von Gott naturgemäß gut geschaffen und zweitens kann nur etwas verdorben werden, was vorher unverdorben war[5]. Das heißt sowohl, dass das Gute einen vorgängigen Seinsstatus besitzt, als auch, dass der Verderb selbst „wider die Natur“[6] ist. In der Folge heißt das freilich auch, dass nur der Gute verdorben werden kann, weshalb Augustinus auch davon spricht, dass „gerade der böse Wille ein starkes Zeugnis für die gute Natur“[7] ist.

Hier wird bereits eine erste Erklärungsstrategie von Augustinus hinsichtlich des Bösen deutlich: Er funktionalisiert das Böse, d.h. durch das Böse wird überhaupt erst kontrastiv das Gute sichtbar. Das Gute kann überhaupt erst auf Grundlage des Bösen als solches sichtbar aufscheinen und als solches erkannt werden. Das zeigt, dass Augustinus gleichsam dem Bösen, dem Malum, eine positive Funktion innerhalb seiner metaphysischen Überlegungen einräumt, nämlich eine didaktische Dimension als Prüfstein für das Gute. Die Guten werden durch das Böse gleichsam in ihrem guten Handeln bestärkt.

Diese Überlegungen unterstreicht Augustinus sogar noch deutlich dadurch, dass er den vorsehenden Charakter Gottes hervorhebt. So meint Augustinus, dass Gott das Böse qua seines Vorherwissens vorausgesehen hat und sich folglich des Negativen positiv bedienen wollte. Dieser Gedanke wird sehr eindringlich am Beispiel des Teufels von Augustinus verdeutlicht. Auch dieser ist von Gott zum Guten geschaffen worden, schließlich kann Gott, der das höchste Gut ist, nur Gutes hervorbringen. Aus dem Guten kann folglich zunächst nichts Negatives entstehen[8]. So kann der Teufel[9] im Sinne Augustinus' als ein Objekt des Spottes von den guten Menschen zur bewussten Bejahung des Guten genutzt werden, also als bekennende Bejahung zum höchsten Gut, zu Gott[10]. Diese Verspottung des Teufels, des personifizierten Übels, unterstreicht abermals die didaktisch-funktionalisierende Dimension des Bösen.

Vorläufig lässt sich also zu dieser ersten Erklärungsstrategie von Augustinus festhalten, dass er durch eine Funktionalisierung des Bösen das scheinbar Negative in etwas Positives verkehrt.

Was Gott im Sinne Augustinus' hinsichtlich des Teufels vermochte, das vermochte er auch, als er den Menschen erschuf, d.h. Gott hat den Menschen letztlich in seiner Natur so geschaffen, dass er sich dessen möglicher Schlechtigkeit durch den Abfall vom höchsten Gut auch positiv bedienen kann. Das heißt: Auch die Schlechtigkeit des Menschen kann als Nutzen für die Guten herangezogen werden, so Augustinus[11].

Zu diesen Überlegungen lässt sich vorläufig festhalten, dass Augustinus dem höchsten Gut, dem unwandelbaren Gott[12], eine voraussehende Eigenschaft zuschreibt, wodurch dieser zugleich auch eine ordnende Funktion einnimmt, d.h. durch seine Vorsehung konnte Gott beim Erschaffen der Welt alles zueinander in Ordnung stellen. Gott wird also von Augustinus als „der gerechteste Ordner des bösen Willen“[13] verstanden.

Aber wie lässt sich diese weltschöpferische Ordnung genauer spezifizieren? Für Augustinus steht jedenfalls fest, dass sich die Welt wie ein schönes Gedicht ausnimmt, das durch „Antithesen“[14] besonders schön erscheint. Folglich räumt Augustinus dem Bösen in der Welt einen metaphysischen Sinn ein, oder etwas provokant und pointiert formuliert heißt das auch: Augustinus meint die Schönheit des Bösen in der Weltordnung zu erkennen[15].

[...]


[1] Vgl. Rommel, H., Zum Begriff des Bösen bei Augustinus und Kant. Der Wandel von der ontologischen zur autonomen Perspektive, Frankfurt am Main 1997, S. 56.

[2] Wenn in dieser Arbeit vom Bösen gesprochen wird, so ist damit stets nur das moralische Übel gemeint. Metaphysisches und physisches Übel, wie es in der Philosophiegeschichte später von Leibniz verstanden und untersucht wurde, wird nicht explizit zur Sprache gebracht, weil Augustinus selbst noch nicht einen differenzierten Begriff des Bösen entwickelt hat, also auch nicht mit einem solchen denkt.

[3] Es wird also deutlich, dass Augustinus hinsichtlich des Bösen nur das Böse im Verantwortungsbereich des Menschen betrachtet.

[4] Augustinus, A., Bekenntnisse, Lateinisch und Deutsch. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Joseph Bernhart, Frankfurt am Main 1987, S. 13.

[5] Vgl. Augustinus, A., Vom Gottesstaat, Teilband II, übers. von Wilhelm Thimme, München 2007, S. 28.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Allerdings kann aus einer vermeintlich positiven Handlungsabsicht etwas Negatives entstehen. Diesen Einwand würde Augustinus entweder übergehen oder er würde sagen, dass die Ordnung von Negativem und Positivem für den Menschen aufgrund seines geschöpften begrenzten Erkenntnisvermögens nicht immerzu einsehbar ist.

[9] Unter einem Teufel versteht Augustinus einen von Gott abgefallenen Engel, der nicht das höchste Gut, sondern sich selbst qua seines freien Willens als Liebesobjekt gewählt hat.

[10] Vgl. Augustinus, A., Vom Gottesstaat, Teilband II, S. 28.

[11] Vgl. ebd., S. 29.

[12] Vgl. ebd., S. 59.

[13] Augustinus, A., Vom Gottesstaat, Teilband II, S. 28.

[14] Ebd., S. 29.

[15] Hierzu vergleicht Augustinus den Schöpfergott mit einem Rhetoriker: „Wie also diese Gegenüberstellung von Gegensätzen die Rede verschönt, so bewirkt die göttliche Redekunst die statt der Worte sich der Dinge bedient, durch dieselbe Gegenüberstellung von Gegensätzen die Schönheit des Weltalls.“ Ebd., S. 30.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Augustinus und die Frage der Theodizee. Wie erklärt Augustinus das Böse?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Augustinus, "Vom Gottesstaat"
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V309747
ISBN (eBook)
9783668080546
ISBN (Buch)
9783668080553
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
augustinus, frage, theodizee, böse
Arbeit zitieren
Alexander Meyer (Autor), 2011, Augustinus und die Frage der Theodizee. Wie erklärt Augustinus das Böse?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309747

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