Können Gesamtschulen einen Beitrag dazu leisten, die Reproduktion sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem zu reduzieren?
Im Sinne der Klärung dieser Fragestellung ist diese Arbeit wie folgt aufgebaut: Zunächst werden die zentralen Begrifflichkeiten „soziale Ungleichheit“, „Bildungsungleichheit“ und „Chancengleichheit“ definiert beziehungsweise diskutiert, um im gesamten Kontext der Ausarbeitung ein eindeutiges Verständnis dieser zu ermöglichen.
Im Anschluss wird im zweiten Teil mit Hilfe der Theorie der primären und sekundären Herkunftseffekte von Raymond Boudon eine mögliche Erklärung für die Produktion und Reproduktion von sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem in den Blick genommen. Weiterhin wird das Bildungssystem als Ort der Entstehung sozialer Ungleichheiten näher betrachtet. Dies dient vor allem dazu, die Aspekte in der Struktur des traditionellen dreigliedrigen Schulsystems zu identifizieren, die soziale Ungleichheiten bedingen und fördern.
Der dritte Teil stellt anschließend die historischen Entstehungsbedingungen und die aktuelle Situation der Gesamtschulen in Deutschland vor. Zudem wird die Konzeption von Gesamtschulen in den Blick genommen, um herauszustellen, welche Aspekte der Schulstruktur das vergleichsweise geringere Maß der Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit theoretisch bedingen sollen.
Im vierten Teil wird die empirische Forschungslage vor dem Hintergrund der zuvor geschilderten theoretischen Sachverhalte diskutiert. Abschließend werden in der Schlussfolgerung die wichtigsten Inhalte der vorliegenden Ausarbeitung noch einmal zusammengefasst und eine Stellungnahme bezüglich der Fragestellung formuliert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit und „Chancengleichheit“
3. Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem
3.1 Wie wird soziale Ungleichheit im Bildungssystem reproduziert?
3.2 Wo wird im Bildungssystem soziale Ungleichheit reproduziert?
4. Integrierte Gesamtschulen
4.1 Entstehung und heutige Situation
4.2 Konzeption
5. Reduktion sozialer Ungleichheit an Gesamtschulen
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit integrierte Gesamtschulen dazu beitragen können, die Reproduktion sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem zu verringern, indem sie herkunftsbedingte Benachteiligungen durch spezifische Förderkonzepte und längeres gemeinsames Lernen ausgleichen.
- Analyse der Mechanismen sozialer Ungleichheit im dreigliedrigen Schulsystem
- Theoretische Fundierung durch das Konzept der primären und sekundären Herkunftseffekte
- Untersuchung der Konzeption und Differenzierungsmöglichkeiten an Gesamtschulen
- Kritische Diskussion der empirischen Forschungslage zur Effektivität von Gesamtschulen
Auszug aus dem Buch
3.1 Wie wird soziale Ungleichheit im Bildungssystem reproduziert?
Wie bereits eingangs erwähnt äußert sich die Bildungsungleichheit in Deutschland unter anderem darin, dass Kinder aus sozial besser gestellten Schichten häufiger aufs Gymnasium gehen als Kinder aus weniger gut gestellten sozialen Schichten und erstere zudem auch häufiger ein Hochschulstudium abschließen. In der Literatur finden sich unterschiedliche Erklärungsansätze für diesen Sachverhalt. Im Folgenden soll der Ansatz von Raymond Boudon, der sich mit Selektionsentscheidungen im Bildungssystem und herkunftsspezifischen Effekten auf die Bildungsbeteiligung beschäftigte als eine mögliche Erklärung angeführt werden (Maaz, Baumert & Trautwein, 2009, S. 13). Boudon (1974, S. 29ff.) unterscheidet bezüglich der Ursachen für die Bildungsungleichheit zwischen zwei verschiedenen Effektarten, nämlich den so genannten primären und den sekundären Herkunftseffekten.
Im Fall der primären Herkunftseffekte handelt es sich um direkte Auswirkungen der sozialen Herkunft auf die schulischen Leistungen und die Kompetenzentwicklung (ebd.; vgl. auch Neugebauer, 2010, S. 203; Maaz, Baumert & Trautwein, 2009, S. 14f.). Gemeint ist damit unter anderem die Tatsache, dass Schülerinnen und Schüler aus besser gestellten sozialen Schichten meist über eine deutlich bessere Ausstattung mit kulturellen und ökonomischen Ressourcen verfügen als Schülerinnen und Schüler aus weniger gut gestellten sozialen Schichten (Maaz, Baumert & Trautwein, 2009, S.14f.). Dies hat zur Folge, dass Letztere häufiger nicht in der Lage sind, die „Selektionshürden des Bildungssystems“ (Neugebauer, 2010, S.203) erfolgreich zu bewältigen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Elternhäusern hängen stark von deren Schichtzugehörigkeit ab. Maaz, Baumert & Trautwein (2009, S. 15) sprechen hier sogar von „schichtspezifisch habitualisierten Lerngewohnheiten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Bildungsungleichheit in Deutschland ein und formuliert die zentrale Fragestellung, ob Gesamtschulen zur Reduktion der Reproduktion sozialer Ungleichheit beitragen können.
2. Soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit und „Chancengleichheit“: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe und diskutiert das Spannungsfeld zwischen Chancengleichheit und der selektiven Allokationsfunktion des Bildungssystems.
3. Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem: Das Kapitel beleuchtet theoretische Erklärungsansätze, insbesondere primäre und sekundäre Herkunftseffekte, und identifiziert die Übergangsselektion als zentrale Hürde.
4. Integrierte Gesamtschulen: Es werden Entstehungsgeschichte, Zielsetzungen und das didaktische Konzept der Gesamtschule, insbesondere die Binnendifferenzierung, vorgestellt.
5. Reduktion sozialer Ungleichheit an Gesamtschulen: Auf Basis der empirischen Forschungslage wird kritisch diskutiert, ob und inwieweit Gesamtschulen die theoretisch erwarteten Ausgleichseffekte erzielen.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit beantwortet die Ausgangsfrage positiv im Sinne eines Beitrags zur Nachteilsminderung, weist jedoch auf weiteren Forschungsbedarf bezüglich der Leistungsentwicklung hin.
Schlüsselwörter
Bildungsungleichheit, Soziale Ungleichheit, Gesamtschule, Chancengleichheit, Primäre Herkunftseffekte, Sekundäre Herkunftseffekte, Bildungsübergang, Selektion, Binnendifferenzierung, Leistungsdifferenzierung, Integration, Schulsystem, Bildungsbeteiligung, Heterogenität, Bildungserfolg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rolle des deutschen Bildungssystems bei der Reproduktion sozialer Ungleichheit und untersucht, ob integrierte Gesamtschulen durch ihre spezifische Struktur und Pädagogik dazu beitragen können, diese Ungleichheiten abzumildern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen sozialer Herkunftseffekte, die Kritik am dreigliedrigen Schulsystem, die Konzeption und historische Entwicklung der Gesamtschule sowie die Diskussion empirischer Befunde zum Schulerfolg in heterogenen Lerngruppen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, inwieweit Gesamtschulen einen Beitrag dazu leisten können, die Reproduktion sozialer Ungleichheit zu reduzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Auswertung erziehungswissenschaftlicher und soziologischer Fachliteratur sowie der kritischen Diskussion vorliegender empirischer Forschungsbefunde basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Entstehung von Ungleichheit (Boudon-Modell), eine detaillierte Darstellung der Organisationsformen von Gesamtschulen und eine Diskussion der Forschungsergebnisse zur Effektivität dieser Schulform.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildungsungleichheit, Soziale Herkunft, Integrierte Gesamtschule, Binnendifferenzierung, Selektion und Bildungsgerechtigkeit.
Welche Bedeutung haben die primären und sekundären Herkunftseffekte für die Argumentation?
Diese Effekte dienen als theoretische Erklärung dafür, warum Kinder aus sozial schwächeren Familien trotz vergleichbarer Begabung häufiger geringere Bildungsabschlüsse erreichen, und bilden das Fundament, um den Ausgleichsbedarf an Schulen zu begründen.
Warum wird die „Binnendifferenzierung“ an Gesamtschulen so intensiv diskutiert?
Sie gilt als das zentrale pädagogische Instrument, um trotz gemeinsamer Beschulung in heterogenen Klassen sowohl individuelle Förderung als auch leistungsgerechte Ansprüche zu bedienen.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin bezüglich der Gesamtschule?
Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass Gesamtschulen zwar kein Allheilmittel sind, aber durch den Wegfall früher Selektionshürden und gezielte Förderkonzepte einen Beitrag zur Reduktion sozialer Ungleichheit leisten können.
- Citation du texte
- Ann-Kathrin Diederich (Auteur), 2015, Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem. Können Gesamtschulen Abhilfe schaffen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310071