In der vorliegenden Arbeit soll sowohl die Rolle des künstlerischen Selbstbilds in Zeiten der Selfie-Kultur überdacht als auch umgekehrt das Selfie als zeitgeistiges Update des klassischen Selbstporträts aufgefasst und untersucht werden. Als Einstieg dient ein erster, allgemeiner und daher weitgefasster Überblick über die Begriffe Selbstbildnis beziehungsweise Selbstporträt und Selfie.
Es folgen ausführlichere Einblicke in die Geschichte des Genres Selbstporträt aus kunsthistorischer Sicht – zunächst in der Malerei und später der Fotografie. Zur konkreten Vertiefung dienen ausgewählte Beispiele. Der Fokus dieser Arbeit liegt bei einer Betrachtungsweise des Selfies, die eine Verbindung zwischen Künstlerinnen, deren Selbstbildnisses eine herausgehobene Stellung in ihrem Werk einnehmen und den explizit nicht-künstlerischen Selfies von Mädchen und Frauen, wie sie tagtäglich millionenfach produziert und via Facebook, Twitter oder Instagram veröffentlicht werden, herstellt.
Inhaltsverzeichnis
04 Einführung
Panorama
07 Selbstdarstellungen: Selbstbildnis – Selbstporträt – Selfie
Annäherungen
Kunstgeschichte
09 Entwicklungslinien: Das Selbstbildnis in der Kunstgeschichte
11 Das sakrale Selbstbildnis bei Albrecht Dürer
12 Selbstbild und Psyche in der vormodernen und modernen Malerei
14 Das Selbstbildnis seit der Moderne
16 Das Selbstbildnis zwischen Egozentrik und Selbstreflexivität
17 Seltenheitswerte: Frauen-Selbstbildnisse in der Malerei
Fotografie
20 Das besondere „Wesen“ der Fotografie
21 punctum und studium bei Barthes
22 Weitere Überlegungen zur Betrachtung fotografischer Selbstbilder
25 Inszenierung und Pose
Fokus
Frauen und Selbstbild(nis)
26 Frauen – Kunst – Urteile
28 Künstlerin und Selbstbildnis
29 Technische Medien und die Inszenierung von Weiblichkeit
31 Das Spiel mit der Weiblichkeit bei Cindy Sherman
32 Identität und Intimität in Katharina Sieverdings Close-ups
33 Das Selfie zwischen Duckface und Female Empowerment
Perspektiven
Das Selfie und das Selbst
38 Me, My Selfie & I: Selfie und Identität
40 Ich-Archivierung und fotografische Autobiografie
42 “Wiederauferstehung“ des Autors?
43 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Selfies als zeitgenössisches Update des klassischen Selbstporträts. Dabei wird erforscht, inwieweit die Praxis der Selbstdarstellung in den sozialen Medien identitätsstiftende Funktionen übernimmt und welche Rolle das Medium Fotografie bei der Konstruktion und Wahrnehmung von Weiblichkeit sowie bei der Repräsentation des modernen Individuums spielt.
- Historische Entwicklung des Selbstbildnisses von der Malerei bis zur Fotografie
- Analyse von Inszenierung, Pose und der Rolle des Betrachters
- Gegenüberstellung künstlerischer Positionen (z.B. Cindy Sherman, Katharina Sieverding) mit nicht-künstlerischen Alltags-Selfies
- Untersuchung von Gender-Aspekten und der Repräsentation von Weiblichkeit im digitalen Raum
- Diskurs über Narzissmus, Impression Management und "Ich-Archivierung"
Auszug aus dem Buch
Das Spiel mit der Weiblichkeit bei Cindy Sherman
Das Werk von Cindy Sherman ist eine andauernde visuelle Auseinandersetzung mit der abendländischen Inszenierung von Weiblichkeit – vor allem derjenigen des Medienzeitalters. Die Untitled Film Stills, Herzstück in Shermans Werk und gleichzeitig ihre wohl populärste Arbeit, macht sich den ambivalenten Charakter der Fotografie zu nutze und “spielt“ mit den Sehgewohnheiten und Erwartungen des film- und fernsehverrückten Publikums. Sherman inszeniert sich selbst in fiktiven Filmszenen, ist quasi Regisseurin und Hauptdarstellerin in Personalunion.
So wie die Fotografie ambivalent hinsichtlich ihrer Darstellungsweise von Weiblichkeit ist, gelingt es Sherman, beim Betrachter gleichzeitig Vertrautheit und Befremden angesichts der inszenierten Fotografien entstehen zu lassen: Vertrautheit, weil die Szenen tatsächlichen Film Stills, wie man sie aus den Schaufensterkästen der Kinos kennt, zum Verwechseln ähnlich sind. Das Befremden und Unbehagen entsteht fast zeitgleich, wenn der Betrachter realisiert, dass etwas innerhalb dieser so vertraut wirkenden Szenerien nicht stimmig ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Das Kapitel führt in das Phänomen des Selfies als neue, visuelle Kulturpraktik ein, die trotz ihrer scheinbaren Oberflächlichkeit tiefere Einblicke in Identitätskonstruktionen und gesellschaftliche Rollenbilder ermöglicht.
Selbstdarstellungen: Selbstbildnis – Selbstporträt – Selfie: Hier werden die begrifflichen Grundlagen geklärt und die Gemeinsamkeit aller drei Formen – die Beschäftigung mit dem eigenen Ich – herausgearbeitet.
Entwicklungslinien: Das Selbstbildnis in der Kunstgeschichte: Der Abschnitt skizziert die kunsthistorische Entwicklung vom Selbstbildnis der Renaissance bis hin zum Aufkommen der Fotografie.
Das sakrale Selbstbildnis bei Albrecht Dürer: Das Kapitel beleuchtet Dürer als zentralen Akteur, der durch seine Selbstporträts den Status des Künstlers emanzipiert und sakrale Referenzen nutzt.
Selbstbild und Psyche in der vormodernen und modernen Malerei: Es wird analysiert, wie sich der Fokus von der rein handwerklichen Abbildung hin zur Darstellung psychischer Verfassungen und menschlicher Emotionen verschob.
Das Selbstbildnis seit der Moderne: Die Einflüsse von Abstraktion, Performance und Body Art auf die künstlerische Selbstinszenierung im 20. Jahrhundert werden dargelegt.
Das Selbstbildnis zwischen Egozentrik und Selbstreflexivität: Das Spannungsfeld zwischen dem persönlichen Ego und dem künstlerischen Anspruch, allgemeingültige Erkenntnisse zu liefern, steht hier im Mittelpunkt.
Seltenheitswerte: Frauen-Selbstbildnisse in der Malerei: Das Kapitel thematisiert die geringere Sichtbarkeit von Künstlerinnen und fordert eine eigenständige Betrachtung ihrer Selbstbildnisse.
Das besondere „Wesen“ der Fotografie: Es wird untersucht, wie die technischen Bedingungen der Fotografie die Wahrnehmung von Zeit und Realität verändert haben.
punctum und studium bei Barthes: Die Anwendung der Theorie von Roland Barthes auf das Selfie ermöglicht eine Differenzierung zwischen oberflächlicher Betrachtung und punktueller Bedeutung.
Weitere Überlegungen zur Betrachtung fotografischer Selbstbilder: Dieses Kapitel verortet das Selfie im sozialgeschichtlichen Kontext und diskutiert die Intentionen hinter der medialen Selbstinszenierung.
Inszenierung und Pose: Es wird erörtert, wie das Posieren als kulturelle Prägung und automatische Reaktion auf das Blickregime verstanden werden kann.
Frauen – Kunst – Urteile: Hier wird die binäre Geschlechterlogik in der Kunstkritik kritisch hinterfragt und die heutige Rezeption von "weiblicher" Kunst analysiert.
Künstlerin und Selbstbildnis: Die Motivation von Künstlerinnen, sich in einer maskulin geprägten Domäne durch Selbstbildnisse zu positionieren, wird anhand bedeutender Beispiele illustriert.
Technische Medien und die Inszenierung von Weiblichkeit: Es wird analysiert, wie moderne Medien einerseits zur Stilisierung von Frauen als Lustobjekte beitragen, andererseits aber auch als Instrument der Emanzipation dienen.
Das Spiel mit der Weiblichkeit bei Cindy Sherman: Das Werk von Sherman dient als prominentes Beispiel für die subversive Nutzung von Rollenklischees und Maskerade.
Identität und Intimität in Katharina Sieverdings Close-ups: Das Kapitel beleuchtet, wie Sieverding ihr Gesicht als Projektionsfläche für Fragen nach Identität und Geschlechtergrenzen nutzt.
Das Selfie zwischen Duckface und Female Empowerment: Die Diskussion um das Duckface-Selfie wird als ambivalenter Akt zwischen feministischer Ermächtigung und reaktionärer Klischee-Reproduktion gedeutet.
Me, My Selfie & I: Selfie und Identität: Hier wird das Konzept des Impression Managements auf die Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken übertragen.
Ich-Archivierung und fotografische Autobiografie: Das Selfie als Mittel der "Ich-Archivierung" und als "visuelle Autobiografie" steht im Fokus dieser Analyse.
“Wiederauferstehung“ des Autors?: Das Kapitel diskutiert das Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt im Kontext digitaler Sichtbarkeit.
Schlüsselwörter
Selfie, Selbstporträt, Kunstgeschichte, Identität, Weiblichkeit, Cindy Sherman, Katharina Sieverding, Fotografie, Inszenierung, Pose, Duckface, soziale Netzwerke, Impression Management, Visual History, Gender-Debatte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit untersucht das Phänomen des Selfies im Kontext der Kunstgeschichte und vergleicht dieses mit künstlerischen Formen der Selbstdarstellung durch Frauen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Kernbereichen zählen die Geschichte des Selbstbildnisses, die theoretische Einordnung der Fotografie, die Inszenierung von Geschlechterrollen sowie die identitätsstiftende Funktion digitaler Selbstdarstellung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob das Selfie lediglich ein narzisstisches Produkt der Moderne ist oder ob es eine ernstzunehmende, neue Form der visuellen Autobiografie und Identitätsfindung darstellt, die Bezüge zur Kunstgeschichte aufweist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt kunsthistorische Analysen, Theorien zur Fotografie (insbesondere von Roland Barthes) sowie soziologische Konzepte des Impression Managements, um die mediale Praxis des Selfies zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einleitung, die Analyse der technischen Bedingungen der Fotografie, den Fokus auf die Repräsentation von Weiblichkeit durch Künstlerinnen wie Cindy Sherman sowie die kritische Reflexion des Selfies als Alltagskultur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Selfie, Identität, Weiblichkeit, Inszenierung, Fotografie und kulturelle Codierung bestimmt.
Inwiefern unterscheiden sich Künstlerinnen-Selbstbilder von Alltags-Selfies?
Während Künstlerinnen wie Cindy Sherman oder Katharina Sieverding durch gezielte Maskerade und Reflexion bestehende Geschlechterklischees dekonstruieren, wirken viele Alltags-Selfies oft affirmativ und reaktionär, indem sie gängige Schönheitsideale reproduzieren.
Welche Rolle spielt die Ironie in modernen Selfies?
Ironie, beispielsweise beim sogenannten "Duckface", wird als postmodernes Kriterium diskutiert, das es ermöglicht, mit bestehenden Klischees zu spielen und eine Distanz zum eigenen Bild zu inszenieren.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2015, Selbstbildnisse in der gegenwärtigen Selfie-Kultur. Das Selfie als Verbindung zwischen Künstler und Werk, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310145