Der Äquivalenz-Begriff in der Theorie und Praxis der Übersetzung


Bachelorarbeit, 2011
49 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Übersetzungswissenschaft
2.1 „Äquivalenz“-Begriff
2.1.1 „Äquivalenz“ in der Mathematik
2.1.2 „Äquivalenz“ in der Logik
2.1.4 „Äquivalenz“ in der Elektrotechnik
2.2 „Äquivalenz“ in verschiedenen übersetzungswissenschaftlichen Aufsätzen
2.2.1 Güttinger
2.2.2 Jakobson
2.2.3 Kode und Popovic
2.2.4 Luhmann
2.3 „Äquivalenz“ nach Koller
2.3.1 Denotative Äquivalenz
2.3.2 Konnotative Äquivalenz
2.3.3 Textnormative Äquivalenz
2.3.4 Pragmatische Äquivalenz
2.3.5 Formal-ästhetische Äquivalenz
2.3.6 Hierarchie in der Übersetzung zu erhaltenden Werte

3. Empirische Übersetzungswissenschaft
3.1 Zbigniew Herbert - „Brewiarz IV [Panie wiem że dni moje są policzone]“
3.2 Brevier2 - Vergleich der Übersetzungen von Karl Dedecius und Henryk Bereska
3.3 „Brevier“ - Bemerkungen und Zusammenfassung
3.3.1 Denotative und Konnotative Äquivalenz
3.3.2 Textnormative und pragmatische Äquivalenz
3.3.3 Formal-ästhetische Äquivalenz
3.4 „Brevier“ - Die Hierarchie der in der Übersetzung zu erhaltenden Werte und die intersubjektive Überprüfbarkeit

4. Angewandte Übersetzungswissenschaft

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang Nr. 1

Anhang Nr. 2

1 Einleitung

Das Leben eines Menschen verlangt von ihm die permanente Auseinandersetzung mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Ohne das gegenseitige Verständnis wäre das Zusammenleben nicht möglich. Die Kommunikation, insbesondere die Sprache, ist dabei das wichtigste Mittel, um das zu gewährleisten. Einerseits ist es die Sprache, die wir erworben oder gelernt haben, und somit von uns behaupten können, dass wir dank ihr in der Lage sind, zu kommunizieren. Schon in diesen Fall sind Missverständnisse und Unstimmigkeiten nicht ausgeschlossen. Anderseits ist es eine fremde Sprache, die meistens noch in einem für uns unbekannten Kulturkreis benutzt wird. Somit vermehren sich die Verständigkeitsprobleme, die ganz unterschiedliche, negative Konsequenzen haben können.

Um das zu vermeiden oder mindestens zu schlichten, versuchen die Menschen das Fremde in das für sie Bekannte zu übersetzen. Eine korrekte Translation hatte schon bei dem ersten Aufeinanderstoßen verschiedener Völker eine entscheidende Rolle gespielt. In der Gegenwart ist sogar das alltägliche Leben kaum ohne die Übersetzertätigkeit möglich. Deswegen wird Übersetzen „heute weltweit in großem Umfang betrieben. Im Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt spielen in jüngerer Zeit ausländische Informationen eine nahezu ebenso bedeutende Rolle wie inländische.“1. Noch deutlicher zum Ausdruck bringt es das Zitat von Koller:

„Niemand wird bestreiten, dass Übersetzen (schriftliche Vermittlung eines Textes in einer anderen Sprache) und Dolmetschen (mündliche Vermittlung) als Praxis notwendige und unentbehrliche menschliche Aktivitäten sind. Dies ganz einfach darum, weil man in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens, in den zwischen- und innerstaatlichen Beziehungen, in Wissenschaft und Technik, im internationalen Geschäfts- und Handelsverkehr, als Leser schöner Literatur, darauf angewiesen ist oder das Bedürfnis hat, Texte anderer als nur der eignen Sprache zu rezipieren.“2.

Was das Übersetzen eigentlich ist, erklären die Worte von Königs, die die unterschiedlichen Faktoren dieses Phänomens berücksichtigen:

„Eine Übersetzung ist die adäquate interlinguale Umsetzung ausgangssprachlichen Materials unter Einhaltung zielsprachlicher Syntax, Lexik, und stilistischer Normen, eine Umsetzung, deren Adäquatheit von der Kompetenz des Übersetzers bestimmt wird und unter Einfluß [sic!] performativer Prozesse, psychologischer Strukturierungsmechanismen und Erfahrungen des Übersetzers sowie situationeller Komponenten steht.”3.

Nichtsdestotrotz ist das nicht die einzige Definition. Die Vielfalt an Versuchen, das Übersetzen systematisch darzustellen, hat zur Entwicklung unterschiedlicher Theorien geführt. Das Phänomen wurden aus verschiedenen - nicht nur - wissenschaftlichen Perspektiven betrachtet4. Mit der Zeit und der stetig wachsenden Zahl der Übersetzungen und Publikationen über das Übersetzen etablierte sich die Übersetzungswissenschaft zu einer autonomen wissenschaftlichen Disziplin, die Koller folgendermaßen beschrieben hat:

„Die Übersetzungswissenschaft ist die Wissenschaft vom Übersetzen und von den Übersetzungen. Sie beschäftigt sich einerseits mit dem Prozess des Übersetzens, d.h. dem Prozess, der von einem geschriebenen ausgangsprachlichen Text (AS-Test) zu einem geschriebenen zielsprachlichen Text (ZS-Text), der Übersetzung, führt. […] Anderseits untersucht die Übersetzungswissenschaft Übersetzungen, d.h. die Produkte des Übersetzungsprozesses.“5.

Mit diesen Worten weist Koller indirekt darauf hin, dass man die Übersetzungswissenschaft in mehrere Unterbereiche teilen kann. Eine explizite Klassifizierung der Disziplin in drei „Interessenbereiche“ hat GerzymischArbogast vorgeschlagen. „Neben diesen grundlegenden Bestandteilen einer Übersetzungswissenschaft (Abb. 1) lassen sich auch unterschiedliche wissenschaftliche Interessenbereiche unterscheiden: eine empirische, eine theoretische und eine angewandte Wissenschaft.“6.

Das in der Abbildung präsentierte Schema stellt die Relation der einzelnen „Interessenbereiche“ zueinander dar. Somit charakterisiert es die Verfahrensweise der gesamten Übersetzungswissenschaft.

In meiner hier vorliegenden Arbeit werde ich mich mit jedem Teil der Übersetzungswissenschaft im Hinblick auf den „Äquivalenz“- Begriff auseinandersetzen. Ziel dieser Arbeit ist der Versuch, zu veranschaulichen, dass sich die drei „Interessenbereiche“ gegenseitig beeinflussen, aufeinander wirken und man sie darum nicht klar voneinander trennen kann. Allgemein kann diese Arbeit als ein Gegenargument zu der Behauptung, dass die Theorie des Übersetzens keinerlei Relevanz für die Praxis hätte, betrachtet werden. Die von Gerzymisch-Arbogast vorgeschlagene Klassifizierung soll mir bei der Strukturierung der Arbeit hilfreich sein. Dabei werde ich mich nur auf das Übersetzen der literarischen Werke, insbesondere Lyrik, konzentrieren. Wegen ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit sorgt Lyrik unter den Fachleuten am häufigsten für Kontroversen, somit aber auch am meisten für neue Probleme und Fragen, die darauffolgend zu neuen Erkenntnissen in der Übersetzungswissenschaft führen können.

Was folgt, ist zuerst eine Auseinandersetzung mit dem theoretischen Teil der Übersetzungswissenschaft, in dem ich die Entwicklung des „Äquivalenz“Begriffs darzustellen versuchen werde.

Die Auslegung des „Äquivalenz“-Begriffs von Koller soll mir als nächstes in dem Hauptteil bei der Analyse zweier deutschsprachiger Übersetzungen des polnischen Gedichts von Zbigniew Herbert „Brewiarz IV [Panie, wiem Ŝe dni moje są policzone]“ als Instrumentarium und Kriterium des Übersetzens dienen.

Basierend auf der Analyse der Übersetzungen von Karl Dedecius und Henryk Bereska werde ich im letzten Teil der Arbeit das Ergebnis der empirischen Übersetzungswissenschaft in Form einer dritten Version der Übersetzung des Gedichts von Herbert präsentieren.

2 Theoretische Übersetzungswissenschaft

In diesem Kapitel werde ich mich mit dem theoretischen „Interessenbereich“ der Übersetzungswissenschaft beschäftigen, der nach Gerzymisch-Arbogast folgende Ziele umfasst: „Eine theoretische Wissenschaft befaßt [sic!] sich mit der Ausarbeitung von Fragestellungen und der Verfeinerung und Formalisierung von Modellen und Theorien.”7. Dabei werde ich mich auf den Begriff der „Äquivalenz“, der so häufig wie kaum ein anderer in den Publikationen zur Theorie und Praxis der Übersetzungswissenschaft auftaucht, fokussieren8.

2.1 „Äquivalenz“-Begriff

Die Etymologie des Wortes „Äquivalenz“ geht auf die lateinischen Wörter aequus „gleich“ und valere „Wertigkeit“ zurück. Bevor es als Fachterminus in der Übersetzungswissenschaft zu fungieren begann, wurde es in anderen wissenschaftlichen Disziplinen verwendet. „Darüber, aus welcher anderen Fachsprache der Terminus „Äquivalenz“ in die Fachsprache der Translationswissenschaften übernommen wurde, herrscht keine Einigkeit.“9. Am häufigsten werden aber drei Disziplinen genannt: Mathematik, Logik und Elektrotechnik.

2.1.1. „Äquivalenz“ in der Mathematik

Die Mathematiker verwenden den Begriff „Äquivalenz“ in vielen Zusammenhängen: wenn sie zwischen zwei Objekten, Mengen eine Gleichwertigkeit feststellen können; oder wenn sie zwischen zwei Eigenschaften unter besonderem Aspekt eine gewisse Ähnlichkeit erkennen. „Zwei Mengen M₁ und M₂ heißen äquivalent oder gleichmächtig […] wenn es eine bijektive → Abbildung zw. M₁ und M₂ gibt. So sind z.B. die Menge der geraden natürl. Zahlen {2,4,6,…} und die Menge der ungeraden natürl. Zahlen {1,4,5,…} äquivalent.“10.

2.1.2. „Äquivalenz“ in der Logik

Die Logiker sprechen von einer „logischen Äquivalenz“ (↔), wenn zwei logische Ausdrücke (p, q) den gleichen Wahrheitswert aufweisen (p ↔ q ist genau dann wahr, wenn p und q die gleichen Wahrheitswerte haben). „Zwei Aussagen A und B sind also (logisch) äquivalent, wenn sie sich wechselseitig logisch implizieren, d.h. wenn gilt: >Aus A folgt B und aus B folgt A< […].“11.

2.1.3. „Äquivalenz“ in der Elektrotechnik

Die Elektrotechniker stellen eine „Äquivalenz“ dann fest, wenn „zwei Wechselstromschaltungen, die trotz verschiedenen Aufbaus des Netzwerks für alle Frequenzen gleiches elektr[isches] Verhalten nach außen zeigen […].“12.

Die Analogie zwischen der Auslegung des „Äquivalenz“-Begriffes in jeder dieser Disziplinen und der Definition in der Übersetzungswissenschaft wird deutlich, wenn man sich mit den einzelnen Versuchen, die „Äquivalenz“ zu erklären, auseinandersetzt. Dabei muss man bedenken, „[d]ass mit „Äquivalenz“ in der Translatologie eine Relation zwischen einem Ausgangstext (oder -textelement) und einem Zieltext (oder -textelement) gemeint ist [und das] dürfte heute unbestritten sein; aber die Natur dieser Relation bleibt nach wie vor diffus.“13.

2.2 „Äquivalenz“ in verschiedenen übersetzungs- wissenschaftlichen Aufsätzen

Die Tatsache, dass man keine feste Definition des „Äquivalenz“-Begriffs in der Übersetzungswissenschaft formulieren kann, hängt mit der Quantität der Aufsätze, die dieses Problem behandeln, zusammen. „Insgesamt ist festzuhalten, dass der Begriff „Äquivalenz“ in zahlreichen unterschiedlichen Bedeutungen [von unterschiedlichen Autoren] verwendet wird. Angemessen lässt er sich allenfalls zur Bezeichnung einer Gleichwertigkeit bestimmter Aspekte in Text und Übersetzung verwenden, die in der Übersetzungskritik festgestellt werden kann.“14. Das Kapitel „Äquivalenz und Adäquatheit“ aus der im Jahr 1991 von Reiß veröffentlichten Publikation „Grundlagen einer allgemeinen Translationstheorie“ verschafft einen einführenden Überblick über Ansichten verschiedener Autoren zur Definition des „Äquivalenz“-Begriffs15.

2.2.1 Güttinger

„Äquivalenz“ hieß für Güttinger ein „leistungsgemäßes Übersetzen“. Darunter ist zu verstehen, dass der Zieltext (ZT) in der Kommunikation mit dem Zielrezipienten dieselbe Information vermitteln und dieselbe Wirkung haben muss wie der Ausgangstext (AT) in der Kommunikation mit dem Ausgangstextrezipienten. Dabei soll auch die pragmatische Dimension von Sprachzeichen in Betracht gezogen werden.

2.2.2 Jakobson

Jakobson vertrat die Ansicht, dass die Identität zwischen Ausgangs- und Zieltext wegen der Unterschiede der beiden beteiligten Sprach- und Kulturgefüge unmöglich wäre. Trotzdem meinte er, müsste der Übersetzer als Ziel seiner Arbeit eine Äquivalenz zwischen Ausgangs- und Zieltext voraussetzen.

2.2.3 Kode und Popovic

Kode und Popovic wiederum forderten eine Äquivalenz jeweils auf der Inhaltsund stilistischer Ebene.

2.2.4 Luhmann

An den bisher zusammengefasten Ansichten fällt auf, dass sie von dem Zieltext im Verhältnis zu dem Ausgangstext eine Äquivalenz verlangen, wobei sie sich nur auf einzelne Textelemente beziehen. Erst Luhmann berücksichtigte, dass bei einem Text mehrere Elemente gleichzeitig (Inhalt, Form, Funktion, Wirkung, Stil, Dynamik, Rhythmik usw.) von Relevanz sein können. Er fasste diese Erkenntnis in einer Formel zusammen: „A und B sind funktional äquivalent, sofern beide geeignet sind, das Problem X zu lösen.“16. Hierbei wird X als eine Variable verstanden, die man mit den oben genannten Textelement/Textelementen ersetzen kann.

Somit wurden alle Facetten des Textes, die äquivalent übersetzt werden sollen, berücksichtigt. Dementsprechend kann man den „Äquivalenz“-Begriff mit dem Zitat von Reiß (als einer Art Zwischenergebnis) folgendermaßen definieren: „Äquivalenz bezeichne[t] eine Relation zwischen einem Ziel- und einem Ausgangstext, die in der jeweiligen Kultur auf ranggleicher Ebene die gleiche kommunikative Funktion erfüllen (können).“17.

Alle diese Überlegungen weisen allerdings eine Gemeinsamkeit, die kritisch betrachtet werden muss, auf. Sie stellen dem Zieltext eine Forderung, äquivalent in der Relation zu dem Ausgangstext zu sein, ohne zu erklären und zu deuten, wie man das realisieren kann. Deswegen werde ich in dem nächsten Unterkapitel die Leistung, die Koller für die Übersetzungswissenschaft mit seiner Arbeit erbracht hat, präsentieren.

2.3 „Äquivalenz“ nach Koller

Die theoretische Arbeit, die Koller für die Übersetzungswissenschaft geleistet hat, ist deswegen von den anderen zu unterscheiden, weil sie einen höheren Wert an Anwendbarkeit in der Praxis aufweist. Das gilt sowohl für die Kritik der schon existierenden Übersetzungen, als auch für den Prozess, den der Übersetzer bei seiner Tätigkeit vollziehen muss. All das wird von Koller aus der breiten Sicht der Sprachwissenschaft mit dem Fokus auf die Textebene betrachtet. „Die Äquivalenzproblematik wird in diesem Buch primär unter sprachwissenschaftlichem Aspekt (in einem weiten Sinn) gesehen; der Begriff wird in diesem Kapitel auf eine Weise differenziert und spezifiziert, die es möglich macht, Übersetzungsfälle, -probleme und -verfahren unter Berücksichtigung sprachliche-stilistischer, textueller und kommunikativer Faktoren und Bedingungen zu beschreiben und zu analysieren.“

Die Auslegung des „Äquivalenz“-Begriffs kann nach Koller nur unter Berücksichtigung von drei „prinzipiellen Vorüberlegungen“ vollgezogen werden:

„1. (Übersetzungs-) Äquivalenz bedeutet zunächst nur, dass zwischen zwei Texten eine Übersetzungsbeziehung vorliegt; man wurde deshalb besser von Äquivalenzrelation statt nur von Äquivalenz sprechen. 2. Die Verwendung des Äquivalenzbegriffs setzt die Angabe von Bezugsrahmen voraus. 3. Als ZS-Äquivalente werden sprachliche/textuelle Einheiten verschiedener Art und unterschiedlichen Ranges und Umfanges bezeichnet, die zu AS-Elementen in einer durch Angabe des/der Bezugsrahmen(s) spezifizierten Äquivalenzrelation stehen.“18.

Ganz besonders wichtig für die Praxis sind die Bezugsrahmen, mit denen er sich ausführlich auseinandergesetzt hat. Zu nennen sind fünf Bezugsrahmen: denotative Äquivalenz, konnotative Äquivalenz, textnormative Äquivalenz, pragmatische Äquivalenz und formal-ästhetische Äquivalenz.

2.3.1 Denotative Äquivalenz

Die denotative Äquivalenz bezieht sich auf den „außersprachliche[n] Sachverhalt, der in einem Text vermittelt wird; […].“19. Darauf bezogen stellt sich die Übersetzungswissenschaft als Aufgabe, „sprachenpaarbezogen die potentiellen Äquivalenzbeziehungen zu beschreiben und anzugeben, welche Faktoren textueller Art die Wahl eines bestimmten Äquivalents im konkreten Übersetzungsfall bestimmen.“20. Die denotative Äquivalenz umfasst hauptsächlich „die Lexik (Wörter und Syntagmen einer Sprache), weil hier die Sprachen am produktivsten sind bzw. sein müssen […]“21. In diesem Bereich sind fünf „Entsprechungstypen“ zu nennen:

A. Die Eins-zu-eins-Entsprechung

Sie kommt dann vor, wenn ein Ausdruck in der Zielsprache exakt den gleichen außersprachlichen Sachverhalt wie der Ausdruck in der Ausgangssprache abbildet.

B. Die Eins-zu-viele-Entsprechung (Diversifikation)

Sie kommt dann vor, wenn ein Ausdruck in der AS keinen Ausdruck, der exakt den gleichen außersprachlichen Sachverhalt abbildet, in der ZS hat und nur durch mehrere Ausdrücke in der ZS vertreten werden kann (gilt z.B. „für alle Oberbegriffe einer Sprache, die in anderen Sprachen mit

mehreren Unterbegriffen erfasst werden.“22 ). Koller hat drei Fälle

genannt, in denen unterschiedlich mit der Diversifikation umgegangen wird23:

− Aus dem Textzusammenhang (Kotext) oder durch Allgemeinwissen kann man auf die richtige Entsprechung schließen.
− Es ist im konkreten Textzusammenhang irrelevant, welcher aus den vielen Ausdrücken gewählt wird.
− Es entsteht ein Übersetzungsproblem, wenn ein unspezifizierter Ausdruck (Oberbegriff) gefordert ist (dabei handelt es sich um eine sog. unechte Lücke, weil sie rein textbedingt ist).

C. Die Viele-zu-eins-Entsprechung (Neutralisation)

Sie kommt dann vor, wenn mehrere Ausdrücke in der AS nur einen Ausdruck, der den gleichen außersprachlichen Sachverhalt abdeckt, in der ZS haben.

D. Die Eins-zu-Null-Entsprechung (Lücke)

Sie kommt dann vor, wenn ein Ausdruck in der AS keinen Ausdruck, der exakt den gleichen außersprachlichen Sachverhalt abbildet, in der ZS hat. Koller zählt fünf Möglichkeiten, um die Lücken zu schließen, auf:

− Übernahme des AS-Ausdrucks in die ZS: unverändert als Zitatwort (Fremdwort) oder als eine Anpassung an phonetische, graphemische und/oder morphologische Normen der ZS (Lehnwort).
− Lehnübersetzung: wörtliche Übersetzung des AS-Ausdrucks in ZS (Glied für Glied).
− In ZS wird ein bereits verwendeter Ausdruck mit vergleichbarer Bedeutung benützt (am nächsten liegende Entsprechung). − Der AS-Ausdruck wird in der ZS umschrieben, kommentiert oder definiert (Explikation oder definitorische Umschreibung).

[...]


1 Wilss (1996): S.1.

2 Koller (1992): S.24.

3 Königs (1979): S.9.

4 Einige behaupten immer noch, dass man sich mit dem Übersetzen nicht wissenschaftlich auseinandersetzen kann, da es als Kunst oder als Handwerk, oder sogar als beides gleichzeitig, wahrgenommen werden soll. Dazu Koller: „Die Umrisse dieser neuen Übersetzungswissenschaft sind jedoch noch höchst unscharf, ihre Methoden kaum beschrieben und noch weniger an einem größeren Textmaterial erprobt. Und anzumerken ist insbesondere: Selbst wenn das Übersetzen keine Wissenschaft ist (wer immer dies behauptet haben mag - die Rede ist im Allgemeinen vom Übersetzen als Kunst oder als Handwerk oder als Kunst und Handwerk), so schließt das nicht aus, dass man sich wissenschaftlich mit ihm beschäftigt.“. Koller (1992): S.15.

5 Koller (1992): S.12.

6 Gerzymisch-Arbogast (1994): S.16.

7 Gerzymisch-Arbogast (1994): S.16.

8 Vgl. Reiß (1991): S.124.

9 Ebd.: S.128.

10 Brockhaus (1996): S.15.

11 Ebd.: S.15.

12 Reiß (1991): S.128-129.

13 Ebd.: S.124.

14 Koller (1992): S.103-104.

15 Vgl. Reiß (1991): S.125-126.

16 Luhmann (1970): S.17.

17 Reiß (1991): S.140.

18 Koller (1992): S.215.

19 Ebd.: S.216.

20 Ebd.: S.228.

21 Ebd.: S.228.

22 Ebd.: S.230.

23 Vgl. ebd.: S.230.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Der Äquivalenz-Begriff in der Theorie und Praxis der Übersetzung
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
49
Katalognummer
V311218
ISBN (eBook)
9783668098718
ISBN (Buch)
9783668098725
Dateigröße
1349 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
äquivalenz-begriff, theorie, praxis, übersetzung
Arbeit zitieren
Michał Krus (Autor), 2011, Der Äquivalenz-Begriff in der Theorie und Praxis der Übersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311218

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