Der Einfluss der Lebenswelt des Subjekts auf die Hermeneutik aus der Sicht von Friedrich Schleiermacher


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Hermeneutik als Kunst des Verstehens

2. Themenschwerpunkte und Vorgehensweise

3. Die Hermeneutik bei Schleiermacher
3.1 Schleiermachers Hermeneutik im Allgemeinen
3.2 Die Subjektivität und deren Einfluss in Hinblick auf die Hermeneutik
3.3 Die Wechselbeziehung vom Verstehen schriftlicher Werke und Subjektivität

4. Die Subjektivität aus heutiger Sicht

5. Fazit zum Einfluss der Lebenswelt des Subjektes auf die Hermeneutik

6. Subjektivität und lebensweltlicher Kontext angesichts der Hermeneutik

7. Persönliche Stellungnahme zum lebensweltlichen Kontext des Subjektes angesichts der Hermeneutik

8. Literaturverzeichnis

1. Die Hermeneutik als Kunst des Verstehens

Im Zentrum der Hermeneutik steht das Verstehen. Das Verstehen ist ein wesentlicher Bestandteil in Kommunikationsprozessen, besonders in Bezug auf den Rezipienten. Der Rezipient befindet sich innerhalb des Kommunikationsprozesses in einer empfangenden Funktion. Sobald die an den Rezipienten gerichtete Botschaft bzw. Mitteilung klar und deutlich wird, ist vom Verstehen die Rede. Das Verstehen ist folglich als solide Basis für einen gelingenden Kommunikationsprozess anzusehen. Daran ist nämlich zu erkennen, dass die Botschaft den Rezipienten erreicht hat und von ihm erfasst wurde.

Nach Seiffert1 lässt sich die Hermeneutik nicht nur auf die „Lehre des Verstehens“ oder „von der Interpretation“ reduzieren, denn wie Seiffert selbst sagt: „Das Wort >>Hermeneutik<< steht in einem reichen Umfeld bedeutungsähnlicher Wörter. Genannt seien: >>Verstehen<<, >>Erklären<<, >>Auslegen<<, >>Interpretieren<<, >>Übersetzen<<(…)“. Im Anschluss versucht Seiffert einen etymologischen Zugang zum Wort „Hermeneutik“ zu finden. Er kommt zu der Feststellung, dass Hermeneutik in der Grundbedeutung als „sprechen“ sowie „sagen“ zu verstehen ist. Als daran anschließende Bedeutung der Hermeneutik ist noch das „Verstehen des Gesagten“ zu nennen sowie die Fähigkeit, „das Gesagte“ in eine andere Sprache zu „übersetzen“. Es zeigt sich, dass der Begriff der Hermeneutik im umfassenden Sinne den gesamten Kommunikationsprozess beschreibt. Dem Kommunikator ist die Grundbedeutung vom „Sprechen“ bzw. „Sagen“ zuzuordnen. Dem Rezipienten ist die weitere Bedeutung des „Verstehens vom Gesagten“ zuzuordnen. Die Fähigkeit zum Übersetzen beschreibt eine Metaebene des Kommunikationsprozesses, indem das „Gesagte“ in eine andere Sprache übertragen wird. Wenn man eine lexikalische Definition von Hermeneutik in Betrachtung zieht, wird die Hermeneutik als „Kunst der Interpretation von Texten“ erklärt, wie es Franz-Peter Burkard2 darstellt. Burkard geht sogar so weit, dass darüber hinaus noch die Rede „vom Verstehen von Sinngebilden aller Art“ ist. Außerdem führt Burkard noch „die theoretische Reflexion auf die Methoden und Bedingungen des Verstehens“ an. In Bezug auf den Kommunikationsprozess ist Burkards Darstellung der Hermeneutik ziemlich eindeutig auf der Seite des Rezipienten zu verorten. Die Seite des Kommunikators scheint für ihn belanglos zu sein. Kurzum sieht Burkard die Hermeneutik als Reflexion der Grenzen und Möglichkeiten des Verstehens von Mitteilungen jeglicher Art.

2. Themenschwerpunkte und Vorgehensweise

Eine allgemeine Betrachtung der Hermeneutik wird nicht Gegenstand dieser Seminararbeit sein, sondern es wird um die Hermeneutik speziell bei Friedrich Schleiermacher gehen. Zwar wird es einen groben Abriss über Schleiermachers Verständnis der Hermeneutik geben, aber im Wesentlichen wird sich die vorliegende Seminararbeit auf den Einfluss der Lebenswelt des Subjekts auf die Hermeneutik aus der Sicht Schleiermachers konzentrieren. Nach den Ausführungen zum dem Einfluss der Subjektivität auf die Hermeneutik bildet die Wechselwirkung zwischen Subjektivität und Lebenswelt den weiteren Themenschwerpunkt. Daran anschließend werden genauere Betrachtungen zur Subjektivität aus heutiger Sicht unternommen, worin besonders psychologische Aspekte von zentraler Bedeutung sein werden. Der Abschluss der vorliegenden Seminararbeit besteht aus einer Gesamtbetrachtung aller vorangehenden Themenschwerpunkte sowie daraus gezogenen Schlussfolgerungen, einer persönlichen Stellungnahme und letztlich der Beantwortung der erkenntnisleitenden Frage.

Wie schon eingangs erwähnt, wird sich die Seminararbeit näher mit der Auffassung von Hermeneutik aus der Perspektive Schleiermachers befassen. Schleiermacher leistete einen nicht unerheblichen Beitrag sowohl zum Verständnis als auch zur Anwendung der Hermeneutik. Besonders widmete Schleiermacher sich dem Einfluss der Subjektivität sowie des persönlichen und kulturellen Umfeldes auf das Verstehen sowohl Texten als auch mündlichen Mitteilungen. Genau dieser Schwerpunkt ist der Kern der erkenntnisleitenden Frage, inwiefern die Subjektivität Einfluss auf das Verstehen von Texten sowie Mitteilungen aller Art hat. Die Hermeneutik befindet sich nämlich in einem Spannungsfeld zwischen der Intention des Kommunikators und dem subjektiven Verstehen des Rezipienten. Wie es schon aus dem Anfangsteil der Seminararbeit ersichtlich wird, wird das subjektive Verstehen des Rezipienten im Mittelpunkt stehen. Daraus ergibt sich die Frage, ob es ein von Subjektivität unabhängiges Verstehen gibt Oder, ob das Verstehen stets der Subjektivität des Rezipienten unterworfen ist. Die Beantwortung der besagten Frage mit Einbeziehung des lebensweltlichen Kontextes wird daher die zentrale Aufgabe dieser Seminararbeit sein.

3. Die Hermeneutik bei Schleiermacher

3.1 Schleiermachers Hermeneutik im Allgemeinen

Basierend auf Schleiermachers3 „Hermeneutik und Kritik“ wird Schleiermachers allgemeines Verständnis von der Hermeneutik in diesem Abschnitt näher betrachtet. Vorab ist zu sagen, dass sich für Schleiermacher die Hermeneutik nicht nur auf schriftliche Werke zu fokussieren hat, sondern auf alles in Rede und Schrift anwendbar ist. Schleiermacher geht davon aus, dass die Notwendigkeit einer eigenen Theorie bzw. Technik besteht, welche den Kern der Hermeneutik bilden. Infolgedessen kommen Prinzipien zum Vorschein, nach denen Sprache und Gedanken funktionieren. Schleiermacher geht in seinen Ausführungen von dem Zweck des Redens aus, welcher darin besteht, ein gemeinsames Denken zu ermöglichen (vgl. S.76). Das Denken selbst sieht Schleiermacher als eine Form des Redens an: „Das Denken wird durch innere Rede fertig, und insofern ist die Rede nur der gewordene Gedanken selbst.“ (vgl. ebenda). Schleiermacher gibt dem Reden folglich eine innere und äußere Seite. Die innere Seite zeigt sich darin, dass Rede als das Produkt von Gedanken anzusehen ist und die äußere Seite als die Mitteilung von Gedanken. Für Schleiermacher ist die Hermeneutik nichts weiter als die Zurückführung der Rede auf ihre Gedanken. In dieser Darstellung Schleiermachers lässt sich der Kommunikationsprozess so erkennen, dass es sich beim Verhältnis vom Kommunikator zum Rezipienten um die Rede handelt und beim Verhältnis vom Rezipienten zum Kommunikator um das Verstehen. Diese beschriebene Wechselwirkung im Kommunikationsprozess sieht Schleiermacher als unerlässliche Basis für die Entstehung von Wissen (vgl. S.77). Dafür setzt Schleiermacher voraus, dass die Hermeneutik stets im Kontext zur Grammatik steht: „Allgemeine Hermeneutik gehört so, wie mit Kritik, so auch mit Grammatik zusammen.“ (vgl. ebenda). Schleiermacher führt nämlich weiter aus, dass richtiges Denken richtiges Sprechen impliziert. Anschließend kommt Schleiermacher zu der Feststellung, dass die Hermeneutik genauso mit der Dialektik in Verbindung zu setzen ist. Des Weiteren konstatiert Schleiermacher, dass in der Rede eine zweifache Beziehung zum Vorschein kommt. Daraus zieht Schleiermacher den Schluss, dass im Verstehen „zwei Momente“ auftreten, welche er wie folgt veranschaulicht: „(…)die Rede zu verstehen als herausgenommen aus der Sprache, und sie zu verstehen als Tatsache im Denkenden.“(vgl. S.77). Als „Rede im Denken“ ist die Tatsache zu verstehen, dass der Kommunikator im Redeprozess seine Gedanken mitteilt. Anschließend führt Schleiermacher an, dass jede Rede Gebrauch von einer vorgegebenen Sprache macht und „die Rede“ keineswegs singulär in Erscheinung tritt, sondern stets kollektiv erfolgt. „Jede Rede beruht auf einem früheren Denken“, stellt Schleiermacher darüber hinaus fest (vgl. S.78). Zurecht erkennt Schleiermacher, dass jede Sprache historisch gewachsen ist und Verstehen auf fortgeschrittenen Denken beruht. Hierin zeigt sich die Notwendigkeit von gewissen Vorkenntnissen. Als Prämisse führt Schleiermacher die unumstößliche Tatsache an, dass jeder Mensch eine gewisse Sprache gebraucht. Um in der Lage zu sein, die gewisse Sprache zu verstehen, sind dafür Sprachkenntnisse notwendig. Danach zieht Schleiermacher anthropologische Aspekte in Betracht: „Dann aber ist er auch ein sich stetig entwickelnder Geist,(…)“(vgl. ebenda). Damit möchte Schleiermacher aussagen, dass sich jeder Mensch in einer Entwicklung befindet. Anders gesagt sieht er den Menschen als lernendes Wesen an. Die benutzte Rede zeigt für Schleiermacher einen gewissen Stand des Erlernten an, indem er zu der Feststellung kommt, dass die menschliche Rede als Spiegel der geistigen Reife fungiert (vgl. S.78). Schleiermacher geht sogar so weit, dass er sagt: „Der Einzelne ist in seinem Denken durch die (gemeinsame) Sprache bedingt und kann nur die Gedanken denken, welche in seiner Sprache schon ihre Bezeichnung haben.“ (vgl. S.78). Hierin sieht Schleiermacher die Gedanken nicht als Ursache, sondern als Folge der Sprache. Dass dasselbe Vokabular in Gedanken benutzt wird wie die gesprochene Sprache, erscheint eindeutig. Schleiermacher geht nämlich davon aus, dass das Denken als innere Rede zu verstehen ist. Für ihn steht demzufolge fest, dass das Denken durch die Sprache geformt wird und er kommt zu dem Schluss, dass sich Gedanken nur insofern produzieren lassen, wie sie sich in die Worte einer Sprache fassen lassen. Schleiermacher sieht in der Sprache viel mehr als bloße Verständigung, denn es lassen sich nach Schleiermacher Bezüge zur Lebenswelt des Redenden ableiten. „Ebenso ist jede Rede immer nur zu verstehen aus dem ganzen Leben, dem sie angehört, d.h., da ja jede Rede nur als Lebensmoment erkennbar ist, und dies nur aus der Gesamtheit seiner Umgebungen, wodurch seine Entwicklung und sein Fortbestehen bestimmt werden, so ist jeder Redende nur verstehbar durch seine Nationalität und sein Zeitalter.“(vgl. ebenda). Die Sprache dient folglich als Spiegelbild dafür, welches Umfeld den Redenden geprägt hat und welche Umwelt seine Persönlichkeit beeinflusst hat. Als zentrale Faktoren nennt Schleiermacher noch dazu die nationale Herkunft sowie die historische Epoche. Im weiteren Abschnitt nimmt Schleiermacher eine Differenzierung zwischen psychologischer und grammatischer Interpretation vor. Beide Interpretationsformen sieht Schleiermacher in gleichrangiger Stellung. Die psychologische Interpretation „betrachtet die Sprache lediglich als Mittel“ dafür, „seine Gedanken mitzuteilen“ (vgl. S.79). Die grammatische Interpretation geht davon aus, dass die Sprache „das Denken aller Einzelnen bedingt“ (vgl. S.79). Hier steht die Sprache an sich im Mittelpunkt. Im Anschluss erwähnt Schleiermacher, dass sich die Sprache weder formalistisch noch mathematisiert darstellen lässt. Weiterhin bezeichnet Schleiermacher die (verschriftlichte) Sprache als einen Indikator für Zeit und Ort, wo die Sprache gebraucht wurde. Infolgedessen lassen sich sichere Erkenntnisse über den Autor gewinnen, was das Fundament für die psychologische Interpretation bildet. Mit diesen Faktoren gibt sich Schleiermacher nicht zufrieden, sondern stellt die Notwendigkeit weiterer Faktoren für die Interpretation fest (vgl. S.80). Um aus Sicht Schleiermachers eine ausgereifte Interpretation vornehmen zu können, ist das Erlernen der betreffenden Sprache unabdingbar. Das Erlernen der Sprache erfolgt über die Rede. Die Rede vermag es, erst zu gelingen, sofern sie vorher verstanden wurde. Demzufolge ist zu konstatieren, dass der Mensch auf empirische Weise mit der Sprache in Kontakt kommt. Anschließend kommt Schleiermacher auf seine Differenzierung zwischen grammatischer und psychologischer Interpretation zurück: Die „vollendete grammatische Seite“ besteht nach Aussage Schleiermachers darin, dass eine perfekte Beherrschung der Sprache vorliegt. Die „vollendete psychologische Seite“ besteht für Schleiermacher in einer allumfassenden Menschenkenntnis. Sobald beide Seiten als „vollendet“ vorliegen, ist eine solide Basis für die Hermeneutik gegeben. Folglich ist damit der Idealzustand erreicht, um gelingende Auslegung zu betreiben. Erneut nennt Schleiermacher „Sprachtalent“ und „Menschenkenntnis“ als Voraussetzung dafür, eine gelungene Auslegung vorzunehmen (vgl. S.81).

[...]


1 Seiffert, Helmut: Einführung in die Hermeneutik, Tübingen 1992, S.9

2 Burkard, Franz-Peter: Hermeneutik. In: Metzler Lexikon Philosophie. Hrsg. Von Franz-Peter Burkard, Stuttgart 2008, S. 236

3 Friedrich Schleiermacher: Hermeneutik und Kritik. Hrsg. von Manfred Frank. Frankfurt a.M. 1995, S. 76-82

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Lebenswelt des Subjekts auf die Hermeneutik aus der Sicht von Friedrich Schleiermacher
Hochschule
Universität Rostock  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Theoretische Philosophie I - Wissenschaftstheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V311892
ISBN (eBook)
9783668108103
ISBN (Buch)
9783668108110
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, lebenswelt, subjekts, hermeneutik, sicht, friedrich, schleiermacher
Arbeit zitieren
stud.phil. Wilhelm Weber (Autor), 2015, Der Einfluss der Lebenswelt des Subjekts auf die Hermeneutik aus der Sicht von Friedrich Schleiermacher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311892

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