[...] Ich möchte mich in dieser Arbeit mit einem Bereich Aub’schen Schaffens befassen, welcher in der Literaturwissenschaft bisher erstaunlich wenig Betrachtung fand: die Erfahrung des Konzentrationslagers und dessen Darstellung in Max Aubs Kurzgeschichten.
Durch die Beleuchtung inhaltlicher Aspekte dieser ‚KZ-Kurzprosa‘ sowie ihrer literarischen Darstellungsformen und -strategien soll herausgefunden werden, was uns zum (Über)Leben im KZ erzählt wird und wie der Autor es schafft, diese Ereignisse für uns erfahrbar zu machen. Welche thematischen Diskurse also verbinden diese Erzählungen miteinander und welche Rückschlüsse können wir bezüglich ihrer gemeinen oder geteilten poetologischen Verfasstheit ziehen?
„Nicht die große Geschichte ist Aubs Thema, sondern das Schicksal der Kreatur, das Lieben und Hoffen und Leiden des Einzelnen im Angesicht des Todes“ (BUSCHMANN 2002: 29). In Aubs Texten sind der Dialog und die Polyphonie die gängigen Methoden, um von der Menge der verschiedenen Einzelschicksale auf das ‚Große Ganze‘ des Bürgerkrieges zu schließen. Dieses zentrale Verfahren findet sich auch in Aubs KZ-Kurzprosa wieder. Eine der Erzählungen jedoch bildet dabei eine Ausnahme; sie versucht sehr wohl, auf geradezu universale Weise, ‚die große Geschichte‘ zu erzählen: Im Manuscrito cuervo (Historia de Jacobo) lässt Aub den Raben Jacobo als außenstehenden, beobachtenden Deuter des menschlichen Lebens im Konzentrationslager „Le Vernet“ berichten. Die ‚rabische‘ Perspektive bleibt dabei stets auf das KZ beschränkt, was dazu führt, dass Jacobo die eigentlich ‚außerordentlichen‘ Vorgänge im Mikrokosmos KZ auf die gesamte menschliche Gesellschaftsordnung projiziert. Dabei entstehen zahlreiche satirische Momente und Logikbrüche, die diesem literarischen Experiment innerhalb der KZ-Kurzprosa Aubs einen besonderen Stellenwert verleihen.
Aus diesem Grund möchte ich das Manuscrito separat, jedoch auch im Abgleich mit den anderen Erzählungen analysieren und so seine spezifische Besonderheit herausarbeiten. Diese liegt für mich insbesondere in der Diskrepanz zwischen dem Versuch einer fiktionalen Beschreibung und Erklärung der conditio humana von Krieg, KZ und Brudermord auf der einen Seite – und dem Scheitern eben dieses Versuches auf der anderen: Auch mit dem Manuscrito cuervo findet Aub keine Darstellungstechnik, keinen Erzählrahmen, um das Unsagbare (lo indecible), das ‚Unausdrückbare‘ dieses Menschheitskapitel auszudrücken. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wege im Leben und Schreiben Max Aubs
2.1 Kurzbiographische Notiz
2.2 Aubs realismo testimonial und der Kampf gegen das Vergessen
3 Aubs KZ-Kurzprosa: Den Schrecken erzählen, aber wie?
3.1 Zentrale Themen und Diskurse
3.2 Darstellungsweisen und Erzählstrategien
3.3 Synthesis: memoria y olvido und metanarratives Erzählen
4 Das Manuscrito cuervo: Ein Rabe erklärt die Welt
4.1 Makrostruktur und thematische Tendenzen
4.2 Die ‚rabische‘ Perspektive: Nähe, Distanz und satirische Verdrehung
4.3 Das Manuskript: Fragmente eines gescheiterten Versuchs
5 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Verarbeitung der KZ-Erfahrung in Max Aubs Kurzgeschichten, insbesondere im Werk Manuscrito cuervo. Das Hauptziel ist die Analyse der narrativen Strategien, mit denen Aub versucht, das Unaussprechliche des Konzentrationslagers authentisch und fernab rein autobiographischer Subjektivität darzustellen.
- Die Poetik des realismo testimonial bei Max Aub
- Die Darstellung von Schrecken, Hunger und Entmenschlichung
- Erzähltechnische Spannungsfelder zwischen Nähe und Distanz
- Das satirische und metanarrative Experiment im Manuscrito cuervo
- Die Problematik des Erinnerns und Vergessens im Kontext kollektiven Traumas
Auszug aus dem Buch
4.2 Die ‚rabische‘ Perspektive: Nähe, Distanz und satirische Verdrehung
Seine Besonderheit erhält das Manuscrito cuervo durch die Konzeption der Erzählstimme und die daraus resultierende Perspektive auf das Geschehen: Der Rabe Jacobo ist in der Umgebung von „Le Vernet“ aufgewachsen, lebte stets unter Menschen („Mis primeros recuerdos coinciden ya con mis relaciones con los bípedos“, MC: 183) und hat dieses Umfeld vermutlich niemals verlassen, was sich in so mancher ‚Fehleinschätzung‘ seinerseits widerspiegelt (z. B.: „los hombres no tienen hembras“, MC: 181). Er verfügt aber über ein umfangreiches Wissen über Geschichte, Gesellschaft und Wesen der Menschheit, angeeignet durch Beobachtungen, Erzählungen und andere Quellen, die aber eher selten dezidiert genannt werden.
Jacobos Ziel ist es, die Lebensform der menschlichen Spezies möglichst exakt zu beschreiben, „para aprovechamiento de tanto cuervo como hay por el mundo“ (MC: 183). Seine Einschätzungen über die „degeneración del hombre“ (MC: 195) sind geprägt von einem grundlegenden Unverständnis: Alles, was er beschreibt, scheint ihm durch und durch unlogisch, „extrañ[o]” (MC: 217), „absurdo“ (MC: 190), unterentwickelt. Trotzdem erhofft er sich, irgendeinen Nutzen für die Rabengesellschaft aus seiner Arbeit ziehen zu können: „Creo que podremos, a poca costa, servirnos de ellos [los hombres] para descansar y dedicarnos de lleno a las bellas artes“ (MC: 209). Welcher Nutzen das sein könnte, weiß er nicht so recht bzw. dürfte es wohl kein besonders großer sein: „La única costumbre hombruna que me parece aprovechable para la civilización corvina es el empleo de las gafas“ (MC: 210).
Es entsteht so ein verzerrtes Menschenbild, das den ganzen Text bestimmt. Jedoch, jene Äußerungen Jacobos, die wir zunächst als ‚Fehlinterpretationen‘ bezeichnen, tragen stets einen wahren Kern in sich, der uns zeigt, welche Absurditäten dem menschlichen Zusammen- und Gegeneinanderleben tatsächlich zugrunde liegen. Jacobos Diskurs könnte dabei mit dem eines Hofnarren verglichen werden, da sie beide all jene kritischen Wahrheiten aussprechen, welche sonst niemand ausspricht bzw. sich nicht traut, sie auszusprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung skizziert Max Aubs Exilbiographie und begründet das wissenschaftliche Interesse an seiner bisher wenig beachteten KZ-Kurzprosa.
2 Wege im Leben und Schreiben Max Aubs: Das Kapitel verortet Aubs Werk im Spannungsfeld zwischen der persönlichen KZ-Erfahrung und seinem spezifischen Stil des realismo testimonial.
3 Aubs KZ-Kurzprosa: Den Schrecken erzählen, aber wie?: Hier werden thematische Leitmotive wie Hunger, Verrat und Sinnlosigkeit untersucht sowie die erzähltechnischen Ansätze zur Vermittlung des Schreckens analysiert.
4 Das Manuscrito cuervo: Ein Rabe erklärt die Welt: Dieser Abschnitt analysiert das Experiment einer entfremdeten, satirischen Erzählperspektive durch einen Raben und dessen Scheitern an der Unausdrückbarkeit des menschlichen Leids.
5 Schlussbemerkung: Das Fazit fasst zusammen, dass Aubs Werk durch polyphone Erzähltechniken ein authentisches, aber bewusst unvollständiges Bild des kollektiven Terrors zeichnet.
Schlüsselwörter
Max Aub, KZ-Kurzprosa, Manuscrito cuervo, realismo testimonial, Exilliteratur, Le Vernet, Erinnerung, Vergessen, Trauma, Polyphonie, Zeugenschaft, Satire, conditio humana, spanischer Bürgerkrieg, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie der Schriftsteller Max Aub seine persönlichen Erfahrungen in den französischen Internierungslagern während des Zweiten Weltkriegs in literarische Kurzprosa übertrug.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Darstellung von Hunger, sadistischer Machtausübung, Verrat unter Internierten sowie die Sinnlosigkeit des Lagerlebens und der Kampf gegen das Vergessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Arbeit analysiert die narrativen Strategien und Poetik, mit denen Aub das Leid der KZ-Häftlinge darstellt, ohne dabei in rein autobiographische Subjektivität abzugleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die narratologische Aspekte (Erzählperspektive, Distanz, Nähe, Polyphonie) mit inhaltlichen Diskursen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Analyse der KZ-Kurzprosa (Themen, Motive) und eine detaillierte Untersuchung der Erzähltechniken, gefolgt von einer speziellen Fallstudie zum Manuscrito cuervo.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind realismo testimonial, Zeugenschaft, kollektives Trauma, das Spannungsfeld von Nähe und Distanz sowie die Unaussprechlichkeit des Schreckens.
Warum wählt Max Aub einen Raben als Erzähler im Manuscrito cuervo?
Die Wahl dient als literarisches Experiment, um durch eine entfremdete, scheinbar "höhere" Perspektive die Absurdität menschlichen Handelns im KZ satirisch offenzulegen und die Grenze der Darstellbarkeit zu testen.
Was ist das Fazit der Arbeit bezüglich des Manuscrito cuervo?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Experiment des Raben-Erzählers zwar "scheitert", weil das Unsagbare nicht umfassend in ein System zu pressen ist, dieses Scheitern aber gerade die Authentizität des Textes unterstreicht.
- Citation du texte
- Alexander Bauerkämper (Auteur), 2011, Yo no invento nada. KZ-Erfahrung und ihre Verarbeitung in den Kurzgeschichten von Max Aub, insbesondere "Manuscrito Cuervo", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312399