Skandinavien in den deutschen Kriegsplanungen. Wann fiel Hitlers Entscheidung, Skandinavien anzugreifen?


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: 18/20

Leseprobe

Einleitung

9. April 1940. 4 Uhr 15. Deutsche Truppen überschreiten wenige Kilometer westlich von Flensburg die dänische Grenze. Sie stoßen auf keinen nennenswerten Widerstand und dringen mit hoher Geschwindigkeit ins Landesinnere vor. Ihr Ziel liegt im hohen Norden. Operation „Weserübung“ läuft an.

Hitlers Angriff im Norden erfolgte unerwartet. Nachdem die (Rest)-Tschechoslowakei und Polen bereits besetzt worden waren, schien Hitlers Expansionsdrang gestillt. Noch, so wirkte es, konnte der Krieg lokal begrenzt werden.

Weshalb dann der Skandinavien-Feldzug gegen drei neutrale, militärisch ungefährliche Staaten, deren Bevölkerung überdies als „arisch“ als dem deutschen Volk gleichwertig gesehen wurde? Diese Untersuchung zeigt, welche Bedeutung Dänemark, Norwegen und Schweden für die Kriegsstrategie Deutschlands hatten. Sie beantwortet die Frage:

Wann fiel Hitlers Entscheidung Skandinavien anzugreifen? Welche Rolle spielten Großbritannien und Frankreich? Hätte Hitler Dänemark und Norwegen attackiert, wären die Gerüchte um einen alliierten Angriff nicht gewesen?

Teil I behandelt die Bedeutung Skandinaviens aus geostrategischer, militärischer, kriegswirtschaftlicher und ideologischer Sicht. Es wird gezeigt, weshalb Hitler, nach langem Zögern, doch wählte nicht an der norwegischen Neutralität festzuhalten.

Teil II beschreibt das „Rennen um Norwegen“ als selbsterfüllende Prophezeiung in der instabilen europäischen Machtbalance. Nach einer gebündelten Darstellung der operativen Durchführung – „Weserübung“ gilt aufgrund ihres triphibischen Charakters als der am besten erforschte Feldzug des Weltkrieges[1] – werden Forschungsdiskussionen aus deutscher und norwegischer Perspektive präsentiert. Letztendlich kristallisieren sich zwei Ereignisse heraus, die Hitler entscheidend beeinflussten…

TEIL I – Von der Bedeutung Skandinaviens in den Weltkriegsplanungen

Die vielfältigen Gründe, die in den Augen des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) für die Besetzung Skandinaviens sprachen, lassen sich in drei Hauptgruppen einteilen: kriegswirtschaftliche, geostrategische, und militärische. Hinzu kamen, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß, ideologische Gründe sowie machtpolitische Aspirationen einzelner Handelnder (Großadmiral Erich Raeder) im Inneren der Militärführung.

Das ressourcenreiche Schweden spielte kriegswirtschaftlich eine herausragende Rolle. Rund um die Minenstadt Kiruna im nördlichsten Teil des Landes bestanden große Eisenerzvorkommen, die schon im 1. Weltkrieg deutsches Interesse hervorgerufen hatten. Kiruna war per Erzbahn mit der norwegischen Küste verbunden: Von der (ganzjährig eisfreien) Hafenstadt Narvik aus führten Schiffstransporte nach Deutschland, wo sowohl Eisenerz als auch andere rüstungsrelevante Rohstoffe (besonders Nickel, Zink und Kupfer) in den frühen Kriegsjahren Mangelware waren. Deutschland verfügte neben großen Braunkohlevorkommen zwar auch über Eisenerzbestände, deren Eisenanteil war allerdings mit 30 % signifikant niedriger als der des schwedischen Eisenerzes (mehr als 50 % Eisenanteil). Deutschland konnte ohne Importe nur rund ein Fünftel seines Stahlverbrauchs decken, was die von Hitler seit Jahren geforderte Autarkie in weite Ferne rücken ließ. Bei Eröffnung der Westfront wurde die Rohstofffrage akut; die Verwundbarkeit durch Abhängigkeit von Importen wurde erstmals evident. Obwohl die Eisenerzimporte zwischen 1935 und 1938 von 14 Mio. auf 22 Mio. Tonnen jährlich stiegen, konnte die Rüstungsproduktion noch immer nicht auf voller Produktion laufen.

Die geostrategischen, also auf der besonderen geographischen Lage Skandinaviens gegründeten, Motivationen existierten naturgemäß bereits vor Kriegsbeginn. So sagte Hitler bereits 1934, dass ohne freie Schifffahrt (und somit ohne Eisenerz-Ladungen aus Schweden) gar kein Krieg geführt werden könnte. Durch die Besetzung norwegischer Häfen sollte verhindert werden, dass alliierte Kräfte diese besetzen (siehe Teil II). Denn mit einer Seeblockade hätte die übermächtige Royal Navy Deutschland ökonomisch empfindlich schwächen können. Konkret bestand der deutsche Plan darin, eine mögliche Blockade von der Linie Shetlandinseln-Norwegen auf Höhe der Linie Shetlandinseln-Faröer-Island hinauszudrängen.[2] Somit könnte der Schiffsverkehr gen Deutschland entlang der norwegischen Küste, im Schutze vieler kleiner Inseln aufrechterhalten werden. Ein Einsperren der deutschen Hochseeflotte im Baltischen Meer sollte verhindert werden. Dies war auch den Briten bekannt, da Hitlers „Bibel des Seekrieges“ in internationalen Militärkreisen verbreitet als Grundlagenhandbuch galt.[3]

Auch das militärische Argument für eine Besetzung Norwegens hing eng mit der Bewegungsfreiheit der deutschen Marine, genauer: der deutschen U-Boote, zusammen. Großadmiral Erich Raeder, der im Vorfeld des Skandinavien-Feldzuges großen Einfluss auf Hitler ausübte, traf Vorkehrungen für den (nach wie vor als unwahrscheinlich angesehenen) Fall, dass der Krieg gegen Frankreich und Großbritannien „zu Ende“ geführt werden müsste. Raeder sprach sich daher im September 1939 dafür aus, in diesem Fall den Spieß umzudrehen und mit U-Booten eine Seeblockade Großbritanniens anzustreben. Hierfür war die Kontrolle über norwegische Häfen sowie deren Reparatur- und Nachschuborganisation unerlässlich. Hinzu kam der Wunsch Raeders in der Gunst des „Führers“ aufzusteigen, was eine weitere Rolle in der Motivation Raeders Stützpunkte entlang der norwegischen Küste einnehmen zu wollen, spielte. Zwar hoffte Hitler noch einen Keil zwischen die beiden alliierten Mächte treiben zu können. Er versprach trotzdem, sich den Vorschlag durch den Kopf gehen zu lassen.[4] Nichtsdestotrotz stand Hitler einer starken Aufrüstung zur See schon mindestens seit 1924 skeptisch gegenüber, weil er meinte, dass die deutsche Flottenaufrüstung für die britische Feindschaft während des 1. Weltkrieges verantwortlich gewesen war.[5]

Anders als früher angenommen, spielten ideologische Gründe eine untergeordnete Rolle für den Skandinavien-Feldzug. Denn: Bei den nordischen Staaten handelte es sich, immerhin, um Staaten mit arischer Bevölkerung, die in den Vorstellungen Hitlers einen festen Platz in dessen geplantem „Großgermanischen Reich“ der Zukunft hatten. Anders die geschichtliche Dimension: Im ersten Weltkrieg war das neutrale Norwegen nicht besetzt worden. Hitler strebte an, diesen „Fehler“ nicht zu wiederholen.

Nach dieser Kurzdarstellung der Hauptmotivationen des „Führers“ zeigt der nächste Teil die Bedeutung der skandinavischen Neutralität für die deutsche Militärleitung. Denn diese war es, die Hitler so lange zögern ließ, Skandinavien anzugreifen.

Vor dem zweiten Weltkrieg waren Dänemark, Norwegen und Schweden neutral (letzteres sogar seit den napoleonischen Kriegen). Im Dezember 1914 hatten sich die Monarchen der drei Länder in Malmö zu absoluter Neutralität verpflichtet und den ersten Weltkrieg dadurch unbeteiligt überstanden (obgleich schon zu diesem Zeitpunkt große Mengen schwedischen Eisenerzes die deutsche Kriegswirtschaft befeuerten).[6] Dänemark hatte 1939 (als einziges nordeuropäisches Land) sogar einen Nichtangriffspakt mit Hitler unterzeichnet. Dies hielt letzteren allerdings nicht ab, Dänemark und Norwegen am 9. April 1940 mit einem Ultimatum zu konfrontieren in dem er beide Staaten aufforderte, eine Besetzung ihrer Territorien ohne jegliche Gegenwehr zu akzeptieren.[7] Die dänische Regierung nahm nach kurzem, aussichtslosen Kampf an. König Haakon VII von Norwegen lehnte das Ultimatum nach weniger als fünf Minuten ab.

Wieso aber hatte Hitler die Neutralität der nördlichen Nachbarn gebrochen? Heute besteht Klarheit darüber, dass er deren Neutralität so lange wie möglich, bevorzugt während des gesamten Krieges aufrechterhalten wollte. Stärker noch als der Wunsch, „germanisch-verbrüderte“ Staaten zu verschonen, wog in den Überlegungen des „Führers“ die Notwendigkeit, einen weiteren Kriegsschauplatz zu vermeiden.[8]

Norwegen betreffend war spätestens seit dem Altmark-Zwischenfall, in dem der britische Zerstörer HMS Cossack das deutsche Versorgungsschiff Altmark im Jøssingfjord enterte und mehr als 300 britische Kriegsgefangene befreite[9], klar, dass die (Handels)-Beziehungen, die Norwegen bis dato mit beiden Seiten unterhalten hatte, nicht aufrechterhalten werden könnten.[10] Der Zwischenfall zeigte, dass die norwegische Neutralität in Gefahr war, da sowohl Großbritannien als auch Deutschland Interesse daran hatten, dem jeweils anderen den Zugang zu Norwegen zu verunmöglichen.

Somit spielte der Altmark-Zwischenfall eine Rolle in der Entscheidung Hitlers, die Neutralität der skandinavischen Länder (doch) nicht zu respektieren. Der Hauptgrund war aber, mehreren Geschichtsautoren zufolge, primär politischer Natur: Laut den amerikanischen Militärhistorikern W. Murray und A. Millett war der neue starke Mann Großbritanniens, der am 10. Mai 1940 den Posten des Premierministers einnehmen sollte, für den Gesinnungswandel Hitlers verantwortlich: Churchill. Denn dessen Vorgänger Chamberlain meinte - Teil seiner Appeasement-Politik, die heute so berühmt wie berüchtigt ist - noch wenige Tage vor Hitlers Angriff auf Dänemark, voller Optimismus, dass Hitler doch ein Land, mit dem er erst ein Jahr zuvor einen Nicht-Angriffspakt unterzeichnet hatte, nicht angreifen würde.[11] Chamberlain basierte diese Einschätzung auch darauf, dass Hitler „den Bus verpasst“ hätte: Er sah die Rüstungserfolge auf alliierter Seite schneller fortschreiten als die der Deutschen. Winston Churchill nahm dies gänzlich anders wahr: Deutschland hätte bereits ganze vier Jahre „vehementer Rüstungsproduktion“ hinter sich, die Alliierten bei optimistischer Einschätzung zwei solcher Jahre.[12] Und: Churchill forderte schon im September 1939, die „Leads“ (Küstenstreifen zwischen dem norwegischen Festland und tausenden kleinen Inseln) zu verminen um deutsche Transporte in internationale Hoheitsgewässer zu zwingen und so in die Arme der übermächtigen Royal Navy zu treiben. Kleine Staaten dürften nicht auf die kleinliche Einhaltung von internationalem Recht beharren, wenn Großbritannien sich für ihre Freiheit einsetze. So wurden die norwegische und schwedische Regierung informiert, dass deren Neutralität indirekt Deutschland in die Hände spiele und sich die Alliierten, konsequenterweise, das Recht vorbehielten „notwendige Schritte“ einzuleiten.[13] Allerdings schien dem britischen Kriegskabinett zu diesem Zeitpunkt die Wahrung der norwegischen Neutralität wichtiger; man fürchtete auch in der Gunst der USA zu sinken, wenn man als Erster die Neutralität eines so friedfertigen Staates brach.[14]

Doch dann kam es anders: Der sowjetische Angriff auf Finnland (Winterkrieg) bereitete den Alliierten eine Steilvorlage für die Besetzung Norwegens um freien Durchzug nach Finnland zu erhalten. Denn mit Narvik als Transithafen für alliierte Waffenlieferungen wäre ein deutscher Angriff leichter abzuwehren gewesen.[15] Doch Norwegen lehnte ab. Der Winterkrieg endete am 13. März 1940, früher als erwartet, was Churchill aber nicht von seinem ursprünglichen Plan abhielt. Am 8. April, um 5 Uhr morgens legten britische Schiffe Minenfelder vor Bodø, um die Durchfahrt nach Narvik zu verunmöglichen.[16] [17]

Hitler hatte um diese grundlegende Änderung der britischen Außenpolitik, nämlich den Wechsel von Chamberlain zu Churchill gewusst und schritt so, wenige Stunden vor den Alliierten, zur Tat. Er hatte die Nerven verloren. Deutsche Kreuzer hielten auf Oslo zu.

[...]


[1] „Das Wesentliche von ‚Weserübung“, Michael Salewski, (Stuttgart: 1991) 117.

[2] „Die Seestrategie des Weltkrieges“, Wolfgang Wegener ,(Privatdruck, Berlin: 1929).

[3] „The Campaign in Norway“, Thomas K. Derry, (Her Majesty’s Stationery Office, London: 1952) 17.

[4] „Blood and iron, and der Geist des Atlantiks: Assessing Hitler's decision to invade Norway”, Adam Claasen, (erschienen im Journal of Strategic Studies, Ausgabe 20:3: 1997), 71-96.

[5] „Mein Kampf“, Adolf Hitler, (Eher Verlag, Berlin: 1925), 180.

[6] „Skandinavien im 2. WK“, Deutsches Historisches Museum, LeMO: www.dhm.de/archiv/ausstellungen/weltkrieg (Abgerufen am 12.10.2015).

[7] „Deutsch-Dänische Beziehungen im Grenzland seit 1920“, (Publikation der Region Sønderjylland – Schleswig: 2005), 4.

[8] „Blood and iron, and der Geist des Atlantiks”, Claasen.

[9] „Memoirs of the Second World War”, Winston Churchill, (Houghton Mifflin, Boston: 1959), 203.

[10] "Altmarksaken" in Dahl, Hjeltnes, Nøkleby,Ringdal, Sørensen „Norsk krigsleksikon 1940-45“

(aus dem Norwegischen von A. Eriksröd), (Cappelen, Oslo: 1995), 21.

[11] „A War To Be Won: Fighting the Second World War“, Williamson Murray und Allan Millett, (Belknap Press, London: 2001), 66.

[12] „Memoirs of the Second World War”, Winston Churchill, (Houghton Mifflin, Boston: 1959), 207.

[13] „The Campaign in Norway“, Derry, 14.

[14] „Memoirs of the Second World War“, Churchill, 197.

[15] „Memoirs of the Second World War“, Churchill, 211.

[16] „Memoirs of the Second World War“, Churchill, 212.

[17] „The Campaign in Norway“, Derry, 15.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Skandinavien in den deutschen Kriegsplanungen. Wann fiel Hitlers Entscheidung, Skandinavien anzugreifen?
Hochschule
Sciences Po Paris, Dijon, Nancy, Poitier, Menton, Havre
Note
18/20
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V312435
ISBN (eBook)
9783668112629
ISBN (Buch)
9783668112636
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
2. Weltkrieg, Norwegen, Skandinavien, Hitler, Weserübung
Arbeit zitieren
Alexander Eriksröd (Autor), 2015, Skandinavien in den deutschen Kriegsplanungen. Wann fiel Hitlers Entscheidung, Skandinavien anzugreifen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312435

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