Verdinglichung und schulischer Leistungsprozess. Einführung in die Sozialphilosophie


Seminararbeit, 2015
19 Seiten, Note: 13 Punkte

Leseprobe

Inhalt

Vorwort zur eBook-Veröffentlichung

1. Einleitung
Zum Begriff der Verdinglichung

2. Verdinglichung – Eine Rekonstruktion
2.1 Verdinglichung – Eine anerkennungstheoretische Studie (Honneth)
2.2 Verdinglichung - Kategorienbildung nach Lukács
2.3 Drei Bedeutungshorizonte von Verdinglichung

3. Verdinglichung und Anerkennung
3.1 Begriffliche Neudeutung durch Honneth
3.2 Einwand gegen diese Neudeutung Honneths

4. Verdinglichung in der Schule / Lehrer /Material / Schüler
4.1 Was ist washback?
4.2 Auswirkungen von Testverfahren
4.3 Heydorns Weltsicht
4.4 Verdinglichung des Stoffes/Materials
4.5 Verdinglichung des Lehrers
4.6 Verdinglichung des Schülers

5. Reflexion zum Thema Verdinglichung

6. Meta-Reflexion des Verdinglichungsbegriffs und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

Vorwort zur eBook-Veröffentlichung

Die hier veröffentlichte Proseminararbeit über das Thema Verdinglichung beruht auf Diskussionen im Seminar und im persönlichen Umfeld des Autors.

Den Text habe ich für die Veröffentlichung leicht überarbeitet und weiteren Diskursen unterzogen.

Es gibt diverse Erklärungsansätze, was unter „Verdinglichung“ und „Entfremdung“ zu verstehen ist. Die frühen begrifflichen Wurzeln gehen auf Hegel und Ludwig Feuerbach zurück. Im Prozess der Entäußerung eines Subjekts werden dessen Ideen in seinen produzierten Vorstellungen und Dingen vergegenständlicht. Feuerbach deutet die Gottesvorstellung als Vergegenständlichung des menschlichen Wesens.

Anders die marxistische Theorie, wo die Verkehrung des Verhältnisses von arbeitsteilig füreinander produzierenden Menschen in ein versachlichtes (verdinglichtes) Verhältnis von Waren zueinander als Verdinglichung bezeichnet wird. Die Produkte menschlicher Arbeit werden unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen werden als Form von Waren, Geld und Kapital wahrgenommen. Dabei entstehen unterschiedliche Formen der Entfremdung gegenüber den eigentlichen Produzenten.

Entsprechend des marxistischen Ansatzes erscheinen die gesellschaftlichen Verhältnisse daher in der Form von Dingen, welche ihre Eigengesetzlichkeit entwickeln und von Menschenhand nicht oder kaum noch gestaltbar ist. Marx nennt den Prozess der Verdinglichung folgerichtig als „Warenfetischismus“. Die lebendige menschliche Arbeit verdinglicht sich zur Ware.

Der Warencharakter zwischenmenschlicher Verhältnisse wird zur allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz kapitalistischer Gesellschaften: Alles und jeden zum Tauschobjekt, mithin zur Ware zu machen.

Für Georg Lukács ist der Gegenbegriff zur Verdinglichung das Klassenbewusstsein. Neuere Autoren sind Theoretiker der Verdinglichung sind unter anderem Theodor W. Adorno und Axel Honneth (Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie), mit welchem ich mich unter dem Aspekt schulischer Leistungsprozess in diesem Text ausführlicher beschäftigen werde.

1. Einleitung

Zum Begriff der Verdinglichung

Dieser Essay entstand im Rahmen des Seminars „Einführung in die Sozialphilosophie“ veranstaltet von Dr. Daniel Loick im Wintersemester 2014/15.

Zweck dieses Essay ist es, den Begriff der Verdinglichung in Bezugnahme auf Georg Lukács und Axel Honneth zu rekonstruieren. Im ersten Teil wird die klassische Verdinglichungsphänomenologie, wie von Lukács beschrieben skizziert (nachfolgend: 2.). In Bezugnahme auf Honneth wird anschließend gezeigt, unter welchen Bedeutungshorizonten der Begriff der Verdinglichung Verwendung finden kann (nachfolgend: ). Im letzten Teil des hier vorgelegten Essays versuche ich, eine Analyse verdinglichender Phänomene in Schule und Ausbildung zu geben (nachfolgend: ). So, dass der Stoff der schulischen Ausbildung(objektiv), sowie Schüler und Lehrer zueinander und untereinander (subjektive/intersubjektive) eine verdingende Haltung einnehmen, insofern diese sich als warenförmige Gegenstände erkennen.

In this part, it is shown how the individual perceives a test as a tool in a competitive society in order to be compared with other individuals. This leads to an economical attitude towards knowledge; namely that knowledge is only of value in as much it gives the individual an advantage in competing for higher education and in the job market.

2. Verdinglichung – Eine Rekonstruktion

2.1 Verdinglichung – Eine anerkennungstheoretische Studie (Honneth)

Die Rekonstruktion des Begriffes der Verdinglichung fand unter der zu Hilfenahme des Aufsatzes Verdinglichung – Eine anerkennungstheoretische Studie von Axel Honneth[1] und des Aufsatzes „Verdinglichung und Bewusstsein des Proletariats“[2] von Georg Lukács statt.

Vorab eine Überlegung: da Lukács seine Aufsätze auch Studien zur marxistischen Dialektik nennt, ist eine starke Anlehnung an die Theorien von Marx nicht schwer zu erkennen. So fällt auch auf, dass die Struktur der Verdinglichungstheorie der Logik der Entfremdungstheorie angelehnt ist. Wenn der Begriff der Entfremdung als relationaler Begriff verstanden werden soll, nämlich als eine Entfremdung vom Gattungswesen Mensch, könnte auch der Begriff der Verdinglichung relational gedeutet werden. Während Marx theoretisch zu fassen versuchte, von welchem Ideal sich der Mensch entfremdet, so könnte Lukács seine Theorie in gewisser Weise als Antwort verstanden haben. Nicht von was es sich entfernt, sondern was das Resultat ist, welches diese Form der verzerrten Praxis mit sich bringt. Der Mensch wird schließlich zu etwas Dinghaften, Warenförmigen. Inwiefern die Bedeutung der Warenstruktur einen solchen Schluss begünstigt werde ich am Ende zu beantworten versuchen.

In der Aufsatzsammlung Verdinglichung und Bewusstsein des Proletariats beschreibt Lukács den Begriff der Verdinglichung wie folgt: „... ein Verhältnis, eine Beziehung zwischen Personen [das] den Charakter einer Dinghaftigkeit [...] und auf diese Weise eine ‚gespenstige Gegenständlichkeit’ erhält[...]“.[3]

Damit scheint Lukács in erster Linie soziale Verhältnisse mit dem Begriff der Verdinglichung beschreiben zu wollen. Diese Phänomene seien jedoch nicht auf den Bereich der Intersubjektivität beschränkt. Alle Gegenständlichkeitsformen seien im Zuge einer verdingenden Praxis einer Veränderung unterworfen und so wird auch die objektive Weltanschauung und das subjektive Selbstverständnis des Individuums geprägt, und erscheint diesem nur noch als Warenförmige, und prinzipiell verwertbare Welt.

Das Individuum nimmt in Folge alle Gegenstände nur als Objekte eines gelingenden Tausches wahr. Das An Sich des Gegenstandes wird zu einem Für Ihn. Nicht der Gebrauchswert des Gegenstandes ist das Gewollte, sondern die erfolgreiche Transaktion, die Einlösung des Tauschwertes. Diese verdingende Haltung zu Gegenständen überträgt sich auf Personen, insofern, die andere Person nur als Bedingung einer erfolgreichen Transaktion angesehen wird. Im Zuge dessen nimmt sich das Subjekt selbst als etwas Dinghaftes wahr. Die persönlichen Fähigkeiten, Ziele, Wünsche und Bedürfnisse werden zu Attributen die den Wert des Subjekts am Markt bestimmen. Das innere Seelenleben des Menschen wird so zu einem Produkt, das am Markt seinen Tauschwert fordern kann und den Marktwert des Subjektes steigern kann.

Eine berechnende/kalkulierende Stellung zur Welt ist die Folge dieser Verdinglichung der Welt. Alles wird nur noch als verwertbar für das Individuum unter einem eigenen Nutzenkalkül berechnet.

2.2 Verdinglichung - Kategorienbildung nach Lukács

In der Rekonstruktion von Honneth kategorisiert er diese verschiedenen Phänomene bezugnehmend auf Lukács wie folgt:

1. Die Gegenstände der Welt werden nur noch als potentiell verwertbare Dinge wahrgenommen (objektive Dimension).
2. Andere Personen werden nur noch als Objekte einer erfolgreichen Transaktion gesehen (intersubjektive Dimension).
3. Die Fähigkeiten der eigenen Person werden als „ zusätzliche Ressource bei der Kalkulation von Verwertungschancen [betrachtet] “ (subjektive Seite).[4]

Die Ursache all dieser Phänomene der Verdinglichung sieht Lukács in der Warenstruktur, die ein zu sich passende Subjektivität erzeuge. „Denn es gibt kein Problem dieser Entwicklungsstufe der Menschheit, das in letzter Analyse nicht auf diese Frage hinweisen würde, dessen Lösung nicht in der Lösung der Rätsels der Warenstruktur gesucht werden müsste.“(Lukács S. 170)

Ferner stellt Lukács in seiner Einleitung ebenso bereits heraus, dass Marx nicht mit der Analyse der Psychologie des bürgerlichen Individuums beginnt, mit den Motivationen oder guten Gründen von Personen, sondern mit der Untersuchung der Ware. So wird nahe gelegt, dass Lukács ebenso wie Marx den Primat seiner Theorie in der Ware sieht. Die Gegenständlichkeitsform der Ware, die Warenstruktur, ist demnach Grundvoraussetzung für das Phänomen, das Lukács als Verdinglichung bezeichnet. So kommt Lukács zwangsläufig zur Frage inwiefern der „Warenverkehr und seine struktiven Folgen das ganze äußere und innere Leben der Gesellschaft zu beeinflussen fähig [ist]“. Lukács folgert, dass es zwei Formen des Warentausches gebe, erstens eine Form der Ware und des Warentausches die nur episodisch auftritt und eine zweite Form des Warentausches, die die herrschende Form der gesellschaftlichen Praxis ist und so jede Gegenständlichkeit als warenförmige unter sich subsumiert. Obwohl der Aufsatz „Verdinglichung und Klassenbewusstsein“ der längste der Aufsatzsammlung ist und den Titel des Gesamtwerks wohl am stärksten beeinflusst hat, stellt Lukács mehrere kleinere Aufsätze dem genannten voran. Die Aufsätze „Was ist orthodoxer Marxismus“, „Rosa Luxemburg als Marxist“ und „Klassenbewusstsein“ stehen vor Lukács Aufsatz der Verdinglichung. Es sei darauf hingewiesen, dass die Struktur der Aufsatzsammlung bereits einen Hinweis enthält, wie Lukács den Begriff der Verdinglichung verstanden haben möchte. In Honneth’s Rekonstruktion des Begriffes, die dritte Analyse, nämlich die der Verdinglichung als verzerrte Form der Praxis, diejenige ist, welche durch die Struktur des Werkes am plausibelsten erscheint. Honneth’s anerkennungstheoretischer Reformulierung der Verdinglichung geht eine Unterscheidung über den semantischen Horizont des Begriffes voran, in der geprüft wird, inwiefern der Begriff in der heutigen Sozialtheorie noch Gültigkeit beanspruchen kann und welchen theoretischen oder moralischen Malus er beschreibt.

2.3 Drei Bedeutungshorizonte von Verdinglichung

Honneth untersucht drei unterschiedliche Bedeutungshorizonte unter denen, der Begriff der Verdinglichung heute Verwendung findet.

1. Die erste Verwendungsmöglichkeit des Begriffes „Verdinglichung“ bezeichnet einen theoretischen Fehler. Das Subjekt erkennt einen Gegenstand als Dinghaftes, was es aber nicht ist. Eine solche Verwendung des Begriffs bezeichnet einen epistemologischen Kategorienfehler. Man verhält sich zu einer Person, wie zu einer Sache, die sie offensichtlich nicht ist. Dieser theoretische Kategorienfehler könnte als Verdinglichung bezeichnet werden. Kurz: Ein Subjekt wird theoretisch als Objekt erkannt.

Nussbaum: Leihmutterschaft, Pornographie, etc.

2. Eine weitere Verwendung findet der Begriff als Kennzeichnung eines moralischen Verstoß Eine zweite Bedeutung des Begriffes der Verdinglichung ist durch die Moralphilosophin Martha Nussbaum geprägt/populär geworden. Nussbaum benutzt den Begriff der Verdinglichung um krasse Formen der Instrumentalisierung eines Menschen zu bezeichnen, wie z.B. bei Leihmutterschaften, Pornographie oder Prostitution. Hier erinnert die Benutzung des Begriffs der Verdinglichung an die Zweck-Mittel-Formulierung des kategorischen Imperativs.

(Einwand: Wenn der Begriff bei dieser Bedeutung stehen bleibt, bezeichnet er lediglich eine Handlung die wir als moralisch verwerflich ansehen oder angesehen haben möchten. Der Begriff der Verdinglichung würde so zu einem moralischen (negativen) Urteil degradiert werden, der nichts mehr mit seinem sozial/gesellschaftstheoretischem Entstehen zu tun hätte und erst recht seine starke Verbindung mit dem Begriff der Ware. Ferner ist fraglich, ob im partnerschaftlichen Sexualleben dieser Begriff der Verdinglichung überhaupt als negatives Urteil herangezogen werden sollte. Wie wichtig scheint es für das Subjekt zu sein, Objekt der sexuellen Wünsche und Begierden des Partners zu sein, und wie schlimm, wenn der Partner einem solche Art der gegenseitigen Verdingung verweigert; und das Individuum sich so nicht als „Gewolltes“ empfindet.)

[...]


[1] Honneth, Axel: Verdinglichung – Eine anerkennungstheoretische Studie. 1. Auflage. Frankfurt: Suhrkamp, 2005.

[2] Lukács, Georg: “Verdinglichung und Bewusstsein des Proletariats“. In: Geschichte und Klassenbewusstsein – Studien über marxistische Dialektik. 10. Auflage. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 170-355.

[3] Lukács, ebd., S. 170-171.

[4] Honneth, ebd., S. 20.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Verdinglichung und schulischer Leistungsprozess. Einführung in die Sozialphilosophie
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (FB Philosophie)
Veranstaltung
Einführung in die Sozialphilosophie
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V313316
ISBN (eBook)
9783668120297
ISBN (Buch)
9783668120303
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
washback, testverfahren, Klausur, Klassenarbeiten, Noten, Leistungsbewertung, verdinglichung, Entfremdung, Marx, Heydorn, Honneth, Postadoleszenz
Arbeit zitieren
Malte Gerhardt (Autor), 2015, Verdinglichung und schulischer Leistungsprozess. Einführung in die Sozialphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313316

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