Soziale Probleme und sozialpädagogisches Handeln. Entstehung und Ursachen von Gewalt bei Jugendlichen


Hausarbeit, 2013
14 Seiten, Note: 5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Entstehung und Ursachen von Gewalt bei Jugendlichen
1.1 Suterlüty
1.2 Kritik und Ergänzungen zum Ansatz von Suterlüty.

2. Sozialpädagogisches Handeln
2.1 Heimarbeit
2.2 Lebensweltorientierung

3. Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Jugendliche prügeln Camper spitalreif. Er bat die Jugendlichen, weniger Lärm zu machen. Darauf reagierten sie brutal. Und traten mit Fäusten und Füssen auf den Mann ein“, so lautete die Schlagzeile im Blick am 22. Juli diesen Jahres. Der Spiegel Online schreibt am 2. Juli 2009: „Schweizer Schüler prügeln 46-Jährigen bewusstlos. Sie waren auf der Suche "nach dem Kick": Völlig unvermittelt sollen mehrere Jugendliche aus der Schweiz in München einen Mann zusammengeschlagen und schwer verletzt haben. Sie hätten einfach "Leute wegklatschen" wollen, sagte einer der Schüler.“

Immer wieder berichten die Medien von erschreckend brutalen Übergriffen auf Passanten, Massenschlägereien nach Fussballspielen, Messerstechereien und Schlägereien auf offener Strasse. Gewalt ausgehend von Jugendlichen ist eines der meist diskutierten sozialen Probleme. Wobei „soziale Probleme“ eine Sammelbezeichnung für die neuen Probleme unserer Gesellschaft ist. Diesen Problemen gehören unterschiedlichste Sachverhalte an, deren einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie als „negative Zustände der Gesellschaft“ bewertet werden, so wie zum Beispiel auch Drogenabhängigkeit, ethnische Konflikte und Rassismus (vgl. Scherr, 2002, S. 35).

Wieso schlagen Jugendliche immer wieder so brutal zu, was wird dagegen unternommen und welche darauf reagierenden Methoden bewirken wirklich etwas? Ziel dieser Arbeit ist es, mich dieser Frage anzunähern. Ich werde versuchen anhand ausgewählter Literatur aufzuzeigen wie Jugendgewalt entsteht und zwei verschiedene Ansätze sozialpädagogischen Handelns vorstellen. Zum einen die Heimarbeit und zum anderen die Lebensweltorientierung.

Zur Erklärung der Entstehung von Jugendgewalt werde ich von der Dissertation von Suterlüty ausgehen, in der er die Entstehung von Gewaltkarrieren Jugendlicher mittels qualitativer Interviews untersucht. Als Ergänzung zu seiner Arbeit werde ich das Buch „Täter oder Opfer“ von Klaus Wahl und Katja Hees hinzuziehen. Die Heimarbeit wird in ihrer Entwicklung vorgestellt und mithilfe der Kritik an Heimen von Bonhoeffer auf die Angemessenheit als Reaktion und Prävention auf jugendliche Gewalttäter überprüft. Schliesslich wird das Konzept der Lebensweltorientierung, insbesondere die Sozialpädagogische Familienhilfe vorgestellt und im Hinblick auf gewalttätige Jugendliche diskutiert. Zum Schluss werden beide Ansätze einander gegenübergestellt und aus der Sicht zweier verschiedener Perspektiven auf die Qualität sozialpädagogischen Handelns hin bewertet.

1. Entstehung und Ursachen von Gewalt bei Jugendlichen

1.1 Suterlüty

Es gibt verschiedene Ansätze zur Erklärung wie Jugendliche zu Gewalttätern werden. Am bekanntesten sind der sozialstrukturelle (oder auch „soziostrukturelle“) und der kulturtheoretische Ansatz. Der sozialstrukturelle Erklärungstyp geht davon aus, dass die Gewalt eine Folge der Modernisierung und der damit verbundenen höheren beruflichen und sozialen Anforderungen ist. Der kulturtheoretische Ansatz hingegen sieht die Ursache von Jugendgewalt in allgemein verbreiteten Einstellungen und normativen Orientierungen. Suterlüty kritisiert an diesen Ansätzen, dass sie, da sie das Gewaltgeschehen an und für sich ignorieren „ausschlaggebende Aspekte gewalttätiger Handlungsmuster verfehlen.“ Deshalb sucht Suterlüty im Gegensatz zu diesen Ansätzen die Ursachen für die Entstehung von Gewalt in der Gewalttat selbst (vgl. Suterlüty, 2003, S.11f).

„Diese oft sehr rauschhaften Erfahrungen, so wird sich zeigen, gehören zu den Triebfedern biographischer Verläufe, welche die Form einer sich fortentwickelnden „Karriere“ der Täterschaft annehmen und meist in einer langen Vorgeschichte familiärer Gewalt und Missachtung gründen“ (Suterlüty, 2003, S. 11).

Der Ursprung jugendlicher Gewaltkarrieren liegt nach Suterlütys Theorie in familiären Ohnmachts- und Missachtungserfahrungen (vgl. Suterlüty, 2003, S.323). Die gewalttätigen Jugendlichen, die Suterlüty im Rahmen seiner Dissertation befragt hat, waren alle ausnahmslos Opfer familiärer Gewalt und stammen aus gewaltbelasteten Familienverhältnissen. Kinder, die physischer Gewalt ausgesetzt sind erleben eine starke Ohnmacht. Dabei kommt es nicht darauf an, ob diese Gewalt direkt oder indirekt erlebt wird (vgl. Suterlüty, 2003, S.150f). Beim Erleben von direkter Gewalt spricht Suterlüty von direkter Viktimisierung, was heisst, dass die Gewalt am eigenen Leib erlebt wird. Als Beispiel wird hier Kilian, ein 21-jähriger Skinhead, vorgestellt, der öfters von seiner Mutter geschlagen wurde. Schon im Alter von vier, fünf Jahren erzählt er, sei er verprügelt worden. Kilian meint, dass es oft nicht Mal einen Grund gab, weshalb die Mutter zuschlug. Es reichte schon, wenn sie „schlechte Laune hatte und gereizt war“ (vgl. Suterlüty, 2003, S.151-154). Kilian war den Launen seiner Mutter ausgeliefert, stand in diesen Situationen der Gewalt ohnmächtig gegenüber. Wenn das Kind Zeuge von Gewalt wird, wird von indirekter Viktimisierung gesprochen. „Dann, wo mein Vater meistens rausgegangen ist, abends, da hab ich nie nachts geschlafen, ich hab immer gewartet, wann er kommt, ob der wieder Theater macht, oder wieder-wieder meine Mutetr schlagen wird“, schildert Murat, ein 16-jähriger, im Interview. Auch diese Form der Viktimisierung kann mit starken Ohnmachtserfahrungen verbunden sein.

Nebst physischer Verletzungen haben die meisten Kinder und Jugendlichen in Suterlütys Untersuchung auch psychische Verletzungen erlitten in der Familie (vgl. Suterlüty, 2003, S.181). So, wie die sechzehn-jährige Bebek, die von ihrer Familie ausgegrenzt, erniedrigt und degradiert wurde. Zum Beispiel erzählte ihr die Familie in ihrer Kindheit immer wieder, dass sie ein Findelkind sei und sie sie im Mülleimer gefunden haben. Selbst wenn Bebek weinte, erzählte die Familie diese Geschichte weiter (vgl. Suterlüty, 2003, S.119). Bebek stand alleine, isoliert vom Rest der Familie da, als jemand, der „aus dem Mülleimer“ kommt. Diese nicht gewaltsame Verletzung von Anerkennungsansprüchen in Form von passiver Anerkennungsverweigerung oder Handlungen der aktiven Demütigung, führt zu Missachtungserfahrungen (vgl. Suterlüty, 2003, S.150).

Diese Wehrlosigkeit führt, dazu, dass sich die Kinder der Lage notgedrungenermassen anpassen. Dies kann zum einen dadurch geschehen, dass Kinder eine gewisse Indolenz entwickeln und die Unempfindlichkeit gegenüber körperlichem Schmerz zu ihrem Ideal erheben, zum anderen, indem sie die Perspektive des Täters übernehmen und glauben es verdient zu haben. Gefühle der Ohnmacht können so zu Schuldgefühlen und schliesslich zu Selbsthass führen, welcher oft vom Wunsch nach Vergeltung bzw. Gegengewalt begleitet wird (vgl. Suterlüty, 2003, S.169). Kinder und Jugendliche, die Gewalt erleben, sehen schliesslich in der Gewalt auch ein probates Mittel um ihre Ohnmacht zu beenden (vgl. Suterlüty, 2003, S.179). Die negativen Zuschreibungen und Ettiketierungen, eine Begleiterscheinung der Missachtung, gehen in das Selbstbild der Kinder über und nicht selten bewahrheiten sie sich als sogenannt selbst erfüllende Prophezeiungen (vgl. Suterlüty, 2003, S.193-196). Denn das verminderte Selbstwertgefühl und das niedrige Selbstvertrauen führen dazu, dass die Kinder und Jugendlichen nur geringe, negative Erwartungen an sich selbst haben, welche widerum oft zu einem Verhalten, das die Ablehnung der Eltern, Lehrer und anderen Bezugsgruppen verstärkt, führt und schliesslich die Kinder und Jugendlichen in ihrem negativen Selbstbild bestärkt (vgl. Suterlüty, 2003, S.206). Die Erfahrungen von Ohnmacht und Missachtung in der Familie führen zu Gewaltdispositionen.

Von Gewalt geprägte Kinder und Jugendliche entwickeln dann oft gewaltaffine Interpretationsregimes. Sie übertragen die feindselige Welt ihrer Familie auf andere Situationen und nehmen diese ebenfalls als bedrohend wahr. Da sich die Kinder und Jugendlichen nicht wieder in der Opferrolle sehen wollen, liegt es für sie oft nahe auf die Situation mit Gewalt zu reagieren (vgl. Suterlüty, 2003, S.278).

Während den Gewalthandlungen werden dann diese ersten Motive abgelöst durch intrinsische Gewaltmotive. Dabei können drei Dimensionen intrinsischer Gewaltmotive ausgemacht werden. Der Triumph der physischen Überlegenheit, welcher sich zuasmmensetzt durch die Erfahrung des Sieges, durch den Triumph und das entscheidende Gefühl einmal selbst am längeren Hebel zu sitzen (vgl. Suterlüty, 2003, S.78). Genauso können die Schmerzen des anderen zum Motiv werden und Genuss bereiten.

„Ah, das ist so, das kann ich nicht beschreiben. Das ist so (.) lustbefriedigend einfach. Und du freust dich, wie- wie ihm das weh tut. Und er sagt immer: „Hör auf. Hör auf!“ Und du schlägst immer weiter auf ihn zu“ (vgl. Suterlüty, 2003, S.85).

Die dritte Dimension intrinsischer Gewaltmotive lässt sich beschreiben als Überschreitung des Alltäglichen. Gewalterlebnisse werden meist mit einer solchen Intensität erlebt, dass alles aus dem Alltag nichtig erscheinen lässt (vgl. Suterlüty, 2003, S.86 f).

Intrinsische Gewaltmotive funktionieren wie Triebfedern in der Gewaltkarrieren Jugendlicher. Entstehen sie vielleicht anfangs während der Tat, so können sie sich auch verselbstständigen und werden zum eigentlichen Motiv einer Gewalttat. Der Täter braucht dann keinen anderen Grund mehr für einen Übergriff, sondern sucht aktiv nach Situationen, in denen er Gewalt ausüben kann (vgl. Suterlüty, 2003, S.93).

1.2 Kritik und Ergänzungen zum Ansatz von Suterlüty.

Suterlüty arbeitet anhand der Grounded Theory, problematisch scheint dies insofern zu sein, als dass er die Aussagen der Interviewten wörtlich interpretiert, was oft zu Überinterpretationen führt, so wie dies in der Riesenkopfmethapher geschah (vgl. Suterlüty, 2003, S.115-118). Zudem ist auch immer damit zu rechnen, dass die Befragten sozial erwünscht antworten und ,in diesem Fall, den Interviewer schocken oder ihr starkes Selbstbild aufrecht erhalten wollen. Suterlüty untersuchte nur den Einfluss familiärer Gewalt, ausser acht gelassen hat er den Einfluss von Gewalt in der Schule. In der Schule treten aber ebenfalls alle möglichen Formen von Gewalt und Missachtung auf, so wie etwa Bullying, Mobbing, Happy Slapping aber auch Amokläufe gehören dazu (vgl. Hees & Wahl, 2009, S.23, ff). In einer Repräsentativstudie, dem DJI-Kinderpanel, in der 8 bis 13-jährige untersucht wurden, gaben 16% an, dass ihnen von Mitschülern absichtlich Sachen kaputt gemacht wurden, 10% wurde in der Schule gewaltsam etwas weggenommen und über 8% wurden in der Schule oder auf dem Schulweg geschlagen oder bedroht (vgl. Hees & Wahl, 2009, S.26). Auch der Einfluss von Gruppen, so wie der von Hooligans, Rechtsextremen und anarchischen und linken Gewaltszenen, wurde zu wenig miteinbezogen. Die rechtsextreme Szene lässt sich in verschiedene Gruppierungen unterteilen, die jeweils verschiedene Persönlichkeiten ansprechen. Bei Skinheads ist die Ideologie nur oberflächlich vorhanden. Sie zeichnen sich durch einen Lebensstil aus, der geprägt ist von Spass, Action, Alkohol, aggressiver Musik und Gewalt. Der enge Gruppenzusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung sprechen vorallem Jugendliche an, die sich besonders Rückhalt von der Gruppe wünschen (vgl. Hees & Wahl, 2009, S.42). Die Neonazis sind politisch sehr engagiert und straff organisiert. Jugendliche, die Ordnung und autoritäre Strukturen brauchen fühlen sich von dieser Gruppe angesprochen (vgl. Hees & Wahl, 2009, S.43). Gewalt in der Gruppe kann nochmals eine ganz andere, eigene Dynamik annehmen (vgl. Hees & Wahl, 2009, S.33 f). Nebst den Umwelteinflüssen ist auch ein Blick auf die Erbanlagen zu werfen. Der Einfluss der Gene auf die spätere Entwicklung wird vorwiegend mittels Zwillings- und Adoptionsstudien untersucht. Mehrere Studien haben die unterschiedlichen Ausmasse von Kriminalität und Aggressivität, bei eineiigen, nach der Geburt getrennten Zwillinge, untersucht. Dabei kamen sie zum Ergebnis, dass 40-70% der Ausmasse auf genetische Faktoren zurückgeführt werden können. Daraus lässt sich nicht auf ein „Aggressivitäts-Gen“ schliessen- wahrscheinlicher ist anzunehmen, dass durch die Vererbung bestimmter Gene vermehrt aggressivitätsfördernde Hormone und Neurotransmitter, so wie Serotonin, Cortisol und Testosteron produziert werden (vgl. Hees & Wahl, 2009, S. 79 f). Eine andere Studie von Varisco, die im Jahr 2000 durchgeführt wurde, belegt, dass Mütter, die in der Schwangerschaft rauchen häufiger aggressive Kinder bekommen, ebenso gelten Komplikationen und Stress bei der Geburt als aggressivitätsfördernde Faktoren (vgl. Hees & Wahl, 2009, S.81).

Mit diesen Ergänzungen sind aber längst noch nicht alle gewaltfördernde Faktoren benannt worden. An dieser Stelle sei nochmals verwiesen auf den sozialstrukturellen Ansatz, der auch die Bildung und die Arbeitslosigkeit mit einbezieht und den kulturtheoretischen Ansatz, der zum Beispiel islamistische Täter und die Gewalt im Namen des Jihad genauer untersucht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Soziale Probleme und sozialpädagogisches Handeln. Entstehung und Ursachen von Gewalt bei Jugendlichen
Hochschule
Universität Zürich  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Soziale Problemfelder
Note
5
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V313528
ISBN (eBook)
9783668131491
ISBN (Buch)
9783668131507
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalität, Gewalt, Soziale Probleme, Jugend
Arbeit zitieren
Sonja Gross (Autor), 2013, Soziale Probleme und sozialpädagogisches Handeln. Entstehung und Ursachen von Gewalt bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313528

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziale Probleme und sozialpädagogisches Handeln. Entstehung und Ursachen von Gewalt bei Jugendlichen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden