Soziokultureller Wandel im modernen Ägypten


Masterarbeit, 2015

84 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Themenwahl
1.2. Inhaltliche Einführung und Aufbau der Masterarbeit
1.3. Gegenstand der vorliegenden Arbeit
1.4. Forschungsstand
1.5. Umgang mit Quellen
1.6. Methodische Herangehensweise der Arbeit

2. Aktuelle Fakten und Daten über Ägypten

3. Zum Verständnis des soziokulturellem Wandels
3.1. Zur Problematik des Begriffs Kultur
3.2. Zur Problematik des Begriffs Wandel

4. Externe Faktoren des soziokulturellen Wandels
4.1. Fremdherrschaften und Implikationen soziokulturellen Wandels
4.1.1. Napoleons Ägypten-Expedition (1798-1801)
4.1.2. Folgen der Herrschaft Mohammed Alis (1805-1848)
4.1.3. Wandel durch den Kolonialismus: Die britische Kolonialmacht
4.2. Zum Einfluss internationaler Bildungsinstitutionen in Ägypten am Beispiel Deutschlands
4.3. Tourismus und Aspekte soziokulturellen Wandels

5. Interne Faktoren des soziokulturellen Wandels in Ägypten
5.1. Zum Zusammenhang von Verstädterung und soziokulturellem Wandel
5.1.1. Dorfkultur und Aspekte soziokulturellen Wandels
5.1.2. Stadtkultur und Aspekte soziokulturellen Wandels
5.2. Zum Einfluss der Binnenwanderung auf die Stadt-Land-Kultur
5.3. Politische Rahmenbedingungen: Revolution 2011

6. Fazit

7. Anhang
7.1. Abbildungsverzeichnis
7.2. Abkürzungsverzeichnis
7.3. Literaturverzeichnis
7.3.1. Arabische Literatur
7.3.2. Arabische Quellen aus dem Internet
7.3.3. Deutsche Literatur
7.3.4. Deutsche Quellen aus dem Internet
7.3.5. Englische Quellen aus dem Internet

1. Einleitung

1.1. Themenwahl

Aus der hohen Anzahl der Ägyptenländerkunde-Veröffentlichungen, von denen ein Teil in der Literaturverzeichnis der vorliegenden Arbeit steht, kann man erschießen, dass die ägyptische Kultur zu den ältesten und interessantesten Kulturen der menschlichen Geschichte gehört, die viel erforscht worden ist. Aus diesem Grund wurde und wird diese Kultur vielfältiger Art und Weise analysiert und diskutiert. Die vorliegende Untersuchung versucht nicht, das historische Ägypten zu erforschen oder die touristische Seite Ägyptens darzustellen, sondern sie befasst sich mit der besonderen Thematik des soziokulturellen Wandels im modernen Ägypten.

Wenngleich sich Ägypten seit einigen Jahren in einer Transformationsphase befindet, werden in der vorliegenden Arbeit die in diesem Zusammenhang zentralen politischen Ereignisse wie zum Beispiel Wahlen und Demonstrationen etc. nicht Gegenstand der vorliegen Abhandlung sein. Stattdessen stehen im Fokus der Betrachtung bestimmte Wandelfaktoren und -prozesse, die unmittelbaren Einfluss auf das soziale und kulturelle Leben und dessen Wandel in Ägypten hatten bzw. haben. Daher soll diese Arbeit als ein Schritt auf dem Weg zu einem besseren Zusammenleben und einem erfolgreichen Kulturdialog dienen, indem man die Kultur sowie auch die Familien- und Gesellschaftsstrukturen der Anderen, d.h. hier der ÄgypterInnen, besser kennenlernt und versteht. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, bestimmte sowohl politische wie auch soziokulturelle Gegebenheiten und Verhaltensweisen des ägyptischen Volks analysieren zu können.

1.2. Inhaltliche Einführung und Aufbau der Masterarbeit

In der Einleitung wird die Aufmerksamkeit auf die Themenwahl, den Aufbau der Arbeit, die Problem- und Fragestellung, das Ziel der Arbeit, den Forschungsstand, den Forschungsgegenstand sowie auf die methodische Herangehensweise gerichtet. Dies dient der allgemeinen Hinführung zur Thematik und Verortung dieser.

Hier wird die theoretische Annahme vertreten, dass das rasche demografische Wachstum Ägyptens einen großen Einfluss einerseits auf die räumlichen Veränderungen des Landes und demzufolge auf die Veränderung der Familien- und Gesellschaftsstrukturen sowie andererseits auf die Anteilhabe der zum größten Teil jungen Bevölkerung am Arbeitsmarkt und an der Inlandsproduktion hat. Vor diesem Hintergrund werden in dem zweiten Kapitel für die Untersuchung wichtige Fakten und Daten über Ägypten dargestellt und analysiert, die Grundlagen für die spätere Analyse des soziokulturellen Wandels bilden.

Das dritte Kapitel behandelt das Verständnis der beiden für die Darstellung des gewählten Gegenstandes wichtigen Begriffe: Kultur und Wandel sowie deren Übersetzungsproblematik in die arabische Sprache, die möglicherweise bestimmte kulturelle Besonderheiten und Deutungen erklären bzw. aufklären könnte.

Im darauffolgenden Kapitel werden ausgewählte externe Faktoren des ägyptischen soziokulturellen Wandels der näheren Betrachtung unterzogen. Das Kapitel Vier ist in drei Unterkapitel aufgeteilt: Da die Geschichte des modernen Ägyptens von Fremdherrschaften bzw. Kolonialismus sehr stark beeinflusst worden ist, die sowohl das kulturelle Leben als auch dessen Wandels mitgestalten bzw. gesteuert haben, wird das erste Unterkapitel die Problematik und den Einfluss dieser Fremdherrschaften in Ägypten im Hinblick auf den soziokulturellen Wandel behandeln. Dabei geht es u.a. auch um die Napoleons Ägypten-Expedition (1798-1801). Darauf aufbauend und davon beeinflusst stand Ägypten weiterhin unter osmanischer Herrschaft – Muhammed Ali (1805-1848) –. Fast in den gesamten ägyptischen und deutschen Quellen wird Muhammed Ali als der eigentliche Begründer des modernen Ägyptens betrachtet.

Danach musste das Land unter britischer Kolonialherrschaft (1882-1952) leiden, die die soziale Ungleichheit und Gegensätze verfestigte und sowohl die landwirtschaftliche als auch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes im Sinne ihrer Interessen steuerte.

Wenngleich Deutschland kein Kolonialerbe in Ägypten hinterließ, spielte das Land trotzdem eine große Rolle bei der Entwicklung Ägyptens auf vielen Ebenen, insbesondere im Bereich der Bildung und der wirtschaftlichen Entwicklung. Aufgrund dessen wird im zweiten Unterkapitel der Einfluss einiger in Ägypten wirkenden u.a. deutschen Bildungsinstitutionen untersucht, die möglicherweise ein besseres Zusammenleben ermöglichen und/oder die Kultur sowie auch die Identität ihrer SchülerInnen beeinflussen können. Dabei werden deutsche Auslandschulen, das Goethe Institut Kairo und wichtige bilaterale Initiativen in den Fokus gerückt. Das dritte Unterkapitel untersucht die Bedeutung des Tourismus und dessen Einfluss auf die ägyptische Identität und Kultur.

Das vierte und fünfte Kapitel bilden gemeinsam den Hauptteil der vorliegenden Arbeit. In dem fünften Kapitel werden wichtige interne Faktoren des soziokulturellen Wandels Ägyptens dargestellt und analysiert. Dieses Kapitel ist in drei Unterkapitel aufgeteilt:

Das erste Unterkapitel konzentriert sich auf den Prozess der Verstädterung und versucht, deren Ursachen und Folgen der näheren Betrachtung zu unterziehen. Daher werden Aspekte soziokultureller Veränderung der Stadt- und Dorfkultur in Ägypten näher dargelegt. Zudem handelt es sich im zweiten Unterkapitel um die Binnenwanderung der ägyptischen Bevölkerung im Zuge ihrer Überlebensstrategie aus dem Land in die Städte. Das dritte Unterkapitel betrachtet soziale und kulturelle Aspekte der ägyptischen Januar-Revolution 2011 und ist bemüht, deren Einfluss auf das Soziale und das Kulturelle in Ägypten zu erläutern.

1.3.Gegenstand der vorliegenden Arbeit

Die Betrachtung des Phänomens des soziokulturellen Wandels im modernen Ägypten bildet den Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung. Dabei wird die These vertreten, dass sowohl interne bzw. endogene als auch externe bzw. exogene Faktoren die kulturelle Identität aber auch Familien- und Gesellschaftsstrukturen in Ägypten beeinflussten und bis heute noch beeinflussen. Daran anknüpfend werden einerseits Hauptmerkmale des soziokulturellen Wandels näher betrachtet. Andererseits werden die oben aufgeführten internen und externen Faktoren im Hinblick auf deren Einfluss auf den Wandel Ägyptens verdeutlicht. Somit lassen sich die Ausgangsfragen meiner Untersuchung wie folgt beschreiben:

1. Welche sind die Hauptmerkmale des soziokulturellen Wandels in Ägypten?
2. Welche Akteure bzw. Faktoren haben dabei einen Beitrag geleistet?

1.4. Forschungsstand

Aufgrund der Bedeutung der geopolitischen und wirtschaftlichen Lage Ägyptens und dessen Funktion als Verbindungspunkt zwischen verschiedenen Kulturen und Welten, widmeten sich seit jeher viele WissenschaftlerInnen dem Land Ägypten und dessen Kultur. An vielen deutschen und ägyptischen Universitäten stehen Ägypten und dessen Kultur in der Vergangenheit und/oder der Gegenwart im Mittelpunkt der entsprechenden Wissenschaftsdisziplinen. Aufgrund dieser Vielfältigkeit und des umfangreichen Themenspektrums können an dieser Stelle nur einige Beispiele erörtert werden:

Viele der wissenschaftlichen Abhandlungen behandeln bspw. die ägyptische Hochkultur in der Vergangenheit und die Sehenswürdigkeiten aus (kultur-)historischer oder aus touristischer Perspektive. Im Bereich der Ägyptologie versucht Semsek (2004) in seinem Buch „Ägypten. Eine klassische Nilreise“ einen Überblick über die pharaonische Kultur Ägyptens zu geben. Zudem ermöglicht das Buch einen Einblick in das heutige ägyptische Leben. Jedoch bleiben sowohl spezifische soziokulturelle Merkmale des Landes als auch die Wandlungsprozesse von Familien- und Gesellschaftsstrukturen außen vor.

In seinem Buch „Ägypten. Abenteuer und Reisen“ versucht Aigner (2002), ein großes Themenspektrum über die ägyptische Kultur abzudecken. Dabei werden jedoch viele Sehenswürdigkeiten unzureichend erklärt. Es wird versucht, den LeserInnen ein Gesamtbild von Land und Leuten am Nil zu geben, das die unterschiedlichen Volksgruppen und deren Besonderheiten kaum bzw. nicht ausreichend berücksichtigt.

Den Bereich der politischen Kultur Ägyptens betrachtend, kann davon ausgegangen werden, dass die politische Seite Ägyptens aufgrund der nationalen und internationalen Entwicklungen in den letzten Jahren gut erforscht wurde/wird. Beispielhaft für eine Bearbeitung verschiedener Aspekte der ägyptischen Revolution 2011 ist der Sammelband von Albrecht und Demmelhuber (2013) „Revolution und Regimewandel in Ägypten“. Dabei wird u.a. die Rolle des ägyptischen Militärs während der Revolution näher betrachtet. Noch dazu wird im oben genannten Band auch die Rolle der Medien und des Internets bei der Revolution verdeutlicht. Desweiteren werden sozioökonomische Aspekte und die Rolle der Arbeiterschaft und der Jugend in der Revolution erklärt.

Darüber hinaus erörtert der Sammelband „Der arabische Frühling. Hintergründe und Analyse“ von Schneiders (2013) wichtige politische Aspekte und Hintergründe der Januar-Revolution 2011 ebenso wie die Rolle der Jugend und der Klassengesellschaft. Zudem werden die Aspekte der Geschlechterpolitik und der Genderfrage in Ägypten dargelegt.

Vor diesem Hintergrund versucht die vorliegende Arbeit, wichtige Faktoren, Hauptmerkmale und Aspekte des soziokulturellen Wandels im Ägypten zu untersuchen und zu erklären. Dafür werden deutsche und arabische Schriftstücke untersucht, die diese Themenbereiche behandelt haben. Statistische Angaben werden der offiziellen staatlichen Internetplattform der Central Agency für Public Mobilization and Statistics (CAPMAS) entnommen, die arabische und englische Inhalte der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Als grundlegende Literaturquelle für diese Untersuchung dienen die Ägyptenländerkunde-Publikationen, die das Land zu erforschen und zu untersuchen versuchen, jedoch aus einer anderen Sicht und einer anderen Herangehensweise der gewählten Problematik. Dazu zählt man bspw. folgende Werke: Ibrahim 2006; Müller-Mahn 2001; Schmap 1977; Büttner/Klostermeier 1991; Mu`nis 1978; Haarmann 1978; Schlicht 2013 und Al-Ayoubi 2014.[1]

1.5. Umgang mit Quellen:

Für diese Untersuchung ist es unabdingbar, dass der Zugang zu arabischsprachigen Quellen gewährleistet ist, die die Wandlungsprozesse in Ägypten zu behandeln oder zu analysieren versuchen. Zitate aus den arabischsprachigen Quellen werden vom Verfasser der vorliegenden Arbeit in die deutsche Sprache übersetzt. Dabei wird der wort- und sinngetreuen Übertragung aus dem Arabischen ins Deutsche der Vorzug vor eventuellen anderen Ansprüchen an die Formulierungsweise gegeben.

1.6. Methodische Herangehensweise der Arbeit

Die vorliegende Arbeit wird sich mit der dargelegten Thematik – also mit Hauptmerkmalen und Faktoren des soziokulturellen Wandels in Ägypten – deskriptiv auseinandersetzen. Der Hauptgegenstand der Untersuchung ist die Erläuterung wichtiger Faktoren und Hauptmerkmale des soziokulturellen Wandels, die im Hinblick auf die Handlungen der Menschen und die Einflüsse auf die Familien- und Gesellschaftsstrukturen dargestellt und analysiert werden, um diese nachvollziehbar zu machen. Das Ziel dieser Analyse ist ein Verstehensprozess, der einerseits den Einheimischen – der ägyptischen Bevölkerung – zu einem neuen Selbstverständnis verhelfen und andererseits der Weltgemeinschaft einen erfolgreichen und konstruktiven Kulturdialog ermöglicht kann.

Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die Erfassung des gegenwärtigen Wandels. Dieser Prozess wäre jedoch ohne Erklärung bzw. Einführung in historische Wandlungsprozesse und -faktoren schwer nachvollziehbar, da bspw. viele der heutigen Wandlungsprozesse als Ergebnis langwieriger Reformversuche und -vorschläge sowie auch durch mehrjährige Kommunikationen mit anderen Kulturen zu betrachten sind.

Da das Phänomen des Wandels durch die Mehrdimensionalität gekennzeichnet ist und die moderne Geschichte des Landes dadurch charakterisiert ist, dass Ägypten von Fremdherrschaften regiert bzw. verwaltet worden ist, die direkt oder indirekt einen wesentlichen Beitrag im Hinblick auf den soziokulturellen Wandel leisteten, versucht die vorliegende Arbeit nicht, alle Faktoren und Merkmale des Wandels zu analysieren oder zu beschreiben. Die Arbeit konzentriert sich eher auf das Phänomen des soziokulturellen Wandels, der durch ausgewählte endogene und exogene Wandelfaktoren hervorgerufen, erklärt bzw. verursacht oder nachvollziehbarer und plausibler gemacht werden konnte.

Diese Aufteilung von „Endogen und Exogen“ ist für die Arbeit von zentraler Bedeutung: unter dem Ausdruck der exogenen Faktoren versteht man hier die Kulturkontakte und -Begegnungen bzw. die Konfrontation der ägyptischen Bevölkerung mit anderen Kulturen, Welten, Traditionen und Wertesystemen. Dieser Kontakt kann friedlicher Art sein. Als Beispiel dafür sind die ägyptischen Studienmissionen zu zählen, die nach v.a. Europa und USA entsandt wurden und die internationalen Bildungseinrichtungen, die in Ägypten gegründet worden sind. Desweiteren gelten sowohl der internationale Tourismus und Fremdenverkehr als auch die mediale Revolution und die sozialen Netzwerke jedoch auch als ein weiteres wichtiges Beispiel der friedlichen einflussreichen exogenen Kulturkontakte. Dieser Kulturkontakt kann jedoch kriegerischer Art sein. Dazu zählt man die Kriege und den Kolonialismus.

Demzufolge werden hier die durch diese exogenen friedlichen und kriegerischen Wandelfaktoren hervorgebrachte Wandlungsaspekte und -prozesse erörtert. Sie werden im Kontext der jeweiligen – historischen – Periode verdeutlicht: Napoleon Ägyptens-Expedition (1798-1801), Muhammed Alis-Herrschaft (1805-1848) und die britische Kolonialherrschaft (1882-1952). (Vgl. Ibrahim, 2006: 25 f.)

Unter dem Ausdruck der endogenen Faktoren versteht man hier die aktive Mobilität und Bewegung der ÄgypterInnen innerhalb des Landes in ihrem Überlebenskampf, um ihre Überlebenschancen zu steigern und weitere Überlebensstrategien zu entwickeln. Als Beispiel dafür sind die Binnenwanderung, Verstädterungsprozesse und deren Einfluss auf die Dorf- und Stadtkultur und bestimmte politische Rahmenbedingungen wie Aufstände und Revolutionen (Revolution 2011) zu nennen, die z.B. einen Wandel der politischen Kultur und der sozialen Bedingungen auffordern mit sich bringen können. Somit liegt der Fokus der Analyse dieser endogenen bzw. internen Wandelfaktoren auf bestimmten Elementen, durch die man den Wandel vieler Familien- und Gesellschaftsstrukturen plausibler und nachvollziehbarer erkennen kann. Dabei handelt es sich nicht mehr nur um die politische, ökonomische bzw. die soziale Oberschicht – die Elite insgesamt –, sondern v.a. um normale einfache Menschen, die in ihrem Überlebenskampf die politischen und sozialen Strukturen des Landes (mit-)veränderten bzw. bis heute noch (mit-)verändern und prägen.

2. Aktuelle Fakten und Daten über Ägypten

Im Folgenden werden einige Zahlen und Fakten über Ägypten der letzten Jahre in den Blick genommen, um einen ersten Überblick über die Lage zu erhalten.

Ägypten liegt im Nordosten des afrikanischen Kontinents, wobei die Sinaihalbinsel sich auf dem asiatischen Kontinent befindet. Das Mittelmeer bildet die nördliche Grenze des Landes und trennt es von Europa. Die östliche Grenze zu Saudi-Arabien wird durch das Rote Meer und die Rotes-Meer-Gebirge geformt. Außerdem gehören der Golf von Suez und der Golf von Akaba zum Hoheitsgebiet Ägyptens. Der Suez-Kanal, der das Rote Meer und das Mittelmeer und somit verschiedene Kontinente, Staaten und Kulturen miteinander verbindet, gilt als einer der wichtigsten Wasser- und Handelswege weltweit sowie auch als eine der wichtigsten Devisen-Quellen des Landes am Nil. Durch Ägypten fließt ebenso die Lebensader des Landes, der Nil, der eine besondere Bedeutung sowohl im alten als auch im neuen Ägypten spielt. Diese einmalige geopolitische Lage versetzt Ägypten in die Lage, eine wesentliche Rolle bei der Formulierung und Mitgestaltung der regionalen und internationalen Politik einnehmen zu können. Aufgrund dessen gilt das Land als eines der wichtigsten Länder im Mittleren Osten. Die Gesamtfläche des Landes beträgt etwa 1.002.000 km 2 und ist somit etwa drei Mal so groß wie Deutschland. Das fruchtbare Agrarland beträgt jedoch nur etwa 4% der Gesamtfläche Ägyptens, der Rest ist Wüste, die kaum nutzbar ist und fast nur von den Beduinen und Nomaden bewohnt wird. Trotz mehrmaliger staatlicher Versuche, Mega-Projekte in der Wüste zu realisieren, bleibt der meiste Teil der drei ägyptischen Wüsten – die östliche arabische, die westliche lybische und die Sinai-Wüste – fast unbesiedelt. Nicht ausreichende Technisierung des landwirtschaftlichen Bereiches, der als eine wesentliche Einnahmequelle des Landes zu betrachten ist, führt nämlich dann dazu, dass das Potenzial aller fruchtbaren Flächen nicht genutzt werden kann, da die Kraft der Menschen und Tiere nicht ausreichend und produktiv genug ist. (Vgl. aus dem englischen Original: Egypt. The Location and Status, unter: http://www.sis.gov.eg/)

Desweiteren bemüht sich das Land stetig, durch die Erschließung reicher Erdöl- und Erdgasabkommen und durch die Gewinnung von Hydroenergie den Energiesektor zu stärken, der während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rasch anwuchs. Die Konkurrenzfähigkeit der ägyptischen Industrie nahm jedoch trotz günstiger Energieversorgung fortwährend ab. (Vgl. Ibrahim, 2006: 3)

Was das demografische Wachstum angeht, ist die Anzahl der ägyptischen Bevölkerung dynamisch und wächst sehr schnell. Am 27.07.2015 bspw. betrug die Bevölkerungszahl Ägyptens 89.205.303 Millionen Einwohner, wobei die Statistiken im Januar 2015 noch die Zahl von 87.963.276 Millionen Menschen angaben. Dies bedeutet, dass in weniger als 7 Monaten etwa 1.242.027 Millionen ÄgypterInnen zur Welt gekommen sind. Somit beträgt die Bevölkerungsdichte Ägyptens etwa 89 EinwohnerInnen/km². Wenn man aber die reale Bevölkerungsdichte Ägyptens erfahren möchte, dann wird man nur die bewohnte Fläche des Landes, d.h. etwa 78272.98, in Betracht ziehen müssen. Erst dann wird man feststellen müssen, dass die reale Bevölkerungsdichte in Ägypten etwa 1139,6 EinwohnerInnen/km² beträgt. (Vgl. CAPMAS.com, 2015) Somit gehört Ägypten zu den dichtest besiedelten Ländern der Welt. (Vgl. mehr dazu Büttner/Klostermeier, 1991: 13)

Eines der größten Probleme Ägyptens liegt darin, dass dieses rasche demografische Wachstum nicht dem Wachstum an Ressourcen und sozialen Leistungen entspricht. In Ägypten konkurrieren Bereiche der Landwirtschaft, der Erdöl- und Erdgasindustrie sowie die Industrie und der Handel im Allgemeinen um eine größere Anteilhabe an BIP zusammen, wobei die sozialen Leistungen, die Bildung und die Krankenfürsorge nur 4% des BIP ausmachen. (Vgl. CAPMAS, 2015: 86)

Was aber die Anzahl der BerufstätigInnen betrifft, können die statistischen Angaben zudem erklären, dass etwa 57,3% der ÄgypterInnen auf dem Land leben und demzufolge etwa 28% aller BeschäftigtInnen in Ägypten in dem Bereich der Landwirtschaft arbeiten. Daraus lässt sich schließen, dass der Anteil der Landwirtschaft am BIP im Jahr 2013/14 etwa 14,7% betrug. (Vgl. CAPMAS, 2015: 33).

Aus der Arbeitsstatistik der CAPMAS lässt sich ebenso ablesen, dass die offizielle Anzahl der Arbeitskräfte in Ägypten im Jahre 2013 21,1 Millionen Ägypter und 6,4 Millionen Ägypterinnen betrug, wobei die Anzahl der männlichen Erwerbstätigen 19 Millionen und die Anzahl der weiblichen Erwerbstätigen nur 4,8 Millionen betrug. Diese Differenz zwischen den Arbeitskräften und Erwerbstätigen zeigt die Höhe der Arbeitslosigkeit in Ägypten. (Vgl. CAPMAS, 2015: 31).

Darüber hinaus ist die Arbeitslosigkeit bei Personen mit abgeschlossener technischer Sekundärschulbildung (41% aller Arbeitslosen) und bei UniversitätsabsolventInnen (31% aller Arbeitslosen) höher als bei der übrigen Bevölkerung. (Vgl. CAPMAS, 2015:39)

Da berufliche Bildung und manuelle Tätigkeiten bei gewissen Teilen der Bevölkerung von geringem sozialem Aussehen und Prestige sind, sehen sich viele hoch qualifizierte junge Leute in einem Dilemma: Umschulung oder Arbeitslosigkeit. Sie würden gerne in dem Fachgebiet arbeiten, das sie studiert haben. In der Tat bietet ihnen der Arbeitsmarkt aber nicht genügend Arbeitsstellen an. Umschulung kommt für viele junge akademische Arbeitslose nicht in Frage, da der soziale Druck so hoch ist. In beiden Fällen – Arbeitslosigkeit oder Umschulung – verliert der Staat, da Ägypten den langen Bildungsweg der meisten ÄgypterInnen (mit-)finanziert hat, von denen Ägypten in den jeweiligen Fachgebieten kaum profitieren kann, wenn sie arbeitslose sind oder zunächst umgeschult werden müssen. Das Problem hierbei ist vielseitig: Entweder bleibt die arbeitslose Jugend tatsächlich ohne jegliche Beschäftigung, durch die sie ihren Unterhalt finanzieren könnte. Somit bleiben sie abhängig von ihren Eltern oder von ihren LebenspartnerInnen, die die Rolle der AlleinversorgerInnen der Familie ausüben müssen. Oder es kommt dazu, dass die arbeitslose Jugend sich eine Beschäftigung im informellen Dienstleistungs- oder Wirtschaftssektor sucht, durch die sie aber in die jeweiligen staatlichen Kassen kaum bzw. nichts einzahlen (müssen). Dies wirkt sich negativ auf die staatlichen Angebote der Sozialleistungen aus.

Neben den oben aufgeführten offiziellen Angaben zur Arbeitslosigkeit, welche mit der staatlichen Statistik erfasst werden und die konkrete Arbeitslosenzahl angeben können, gibt es jedoch noch eine versteckte Arbeitslosigkeit – Schattenarbeitslosigkeit – in verschiedenen Formen: Beispielhaft dafür ist die Überbesetzung von Ämtern und Positionen, die in vielen öffentlichen Institutionen auftritt. Die Überbesetzung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass nicht alle dort tätigen BeamtInnen und AngestelltInnen tatsächlich benötigt werden, um die anfallenden Aufgaben zu erledigen. Laut den staatlichen Arbeitsstatistikangaben waren im Jahre 2013/14 6,2 Millionen Personen in staatlichen und parastaatlichen Institutionen des Produktions- und Dienstleistungssektors beschäftigt: Dies bedeutet, dass etwa 25,9% aller ägyptischen Beschäftigten vom Staat eingestellt und bezahlt werden. Die daraus folgenden Problemen sind vielfältig: Einerseits verursachet sie finanzielle Schwierigkeiten für den Staat, der großen Teil seiner Einkommen für die Entlohnung der BeamtInnen und AngestelltInnen ausgeben muss. Andererseits ist die Arbeitseffizienz geringer geworden. Infolge der großen Anzahl der Beschäftigten fühlt sich kaum jemand für die anfallenden Aufgaben zuständig. Viele der „normalen“ BeamtInnen haben eine zweite oder dritte Arbeitsstelle, auf der sie meistens zuverlässig und engagiert arbeiten, während sie die offizielle Stelle vernachlässigen, die sie trotzdem wegen gewisser Privilegien und den Anspruch auf eine Pension nach dem Eintritt in den Ruhestand innehaben wollen. (Vgl. Ibrahim, 2006: 89)

3. Zum Verständnis des soziokulturellem Wandels

3.1. Zur Problematik des Begriffs Kultur und dessen Übersetzungsproblematik

In jedem Land und in jeder Menschengruppe gibt es kollektive Dimensionen des Kulturellen, die alle Angehörigen dieser Kultur, im Sinne eines Way of Life, verbindet. Zugleich gibt es verschiedene einzelne kulturelle Ausprägungen und Teilkulturen, die jeden einzelnen Menschen oder jede einzelne Untergruppierung charakterisiert. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die „Komplexität des Begriffs Kultur aus der Vielschichtigkeit des Phänomens ergibt, das wir mit diesem Begriff zu fassen suchen. Geschichtlich hat der Begriff Kultur, der sich aus der Abgrenzung zu Natur und Zivilisation seit dem 18. Jahrhundert entfaltete, bekanntlich eine lange Geschichte. […] Empirisch gesehen gibt es freilich Kulturen nur im Plural. Hinzu kommt, dass sich Kulturen auf sehr unterschiedlichen Ebenen konkretisieren. Eckhard Henscheid (2001) belegte in seinem Buch mit dem Titel „Alle 756 Kulturen: Eine Bilanz“, dass der Begriff Kultur in der deutschen Alltagssprache 756 unterschiedliche Verwendungen aufweist.“ (S. Hepp/Lehman-Wermser, 2013: 9 f.)

D.h. wenn die Rede von der ägyptischen Kultur oder der deutschen Kultur ist, so beruht diese auf einer Stereotypenbildung bzw. begünstigt eine solche Wahrnehmung. So werden bspw. bestimmte Verhaltensweisen, Tischmanieren oder Familienstrukturen einer Gruppe für das gesamte Volk verallgemeinert, ohne Rücksicht auf die jeweiligen anderen Gruppen zu nehmen, die logischerweise im selben Land wohnen, jedoch andere kulturelle Praktiken ausüben oder einen anderen Way of Life führen. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese speziellen kulturellen Praktiken innerhalb eines Staats ignoriert oder sogar unterdrückt werden oder, dass bestimmte historische, kulturelle und soziologische Gegebenheiten in der Wahrnehmung verloren gehen können. (Vgl. Ebd., S: 10)

Die Komplexität des Kulturbegriffs entsteht dadurch, dass dieser Begriff mit vielen Konnotationen und Definitionen beladen worden ist, die man hier jedoch nicht detailliert erklären kann. Es ist hier trotzdem die Erklärung Hansens anzuführen, die auf die vielen Dimensionen des Kulturbegriffs hinweist:

Das Wort Kultur stammt aus dem Lateinischen ,colo, colui, cultus d.h. anbauen und pflegen, aber auch verehren und anbeten. Insofern weist die ursprüngliche Wortbedeutung schon eine Spannbreite auf, die über die Landwirtschaft hinaus kulturelle Praktiken einer Ethnie umfasst. Von daher kann der Kulturbegriff wertend und/oder beschreibend auftauchen: Wenn der Kulturbegriff kreative künstlerische Produkte menschlicher Fähigkeiten innerhalb etablierter Kunst- und Kulturinstitutionen – z. B. Theater, Kunst, Oper, Literatur oder bildende Kunst – bedeutet, dann ist der Begriff hier wertend, denn die Rezeption solcher Produkte ist voraussetzungsreich und hängt von besonderen sozialen Bedingungen ab. Wenn jedoch mit dem Kulturbegriff eine zivilisierte Lebensart bzw. die Kultiviertheit einer Menschengruppe im Gegensatz zu einer noch in einem relativ ursprünglichen Grad stehenden Volksgruppe erklärt wird, dann ist der Begriff hier auch wertend. Der Kulturbegriff kann ebenso die Besonderheiten in den Lebensgewohnheiten eines Volks oder einer Menschengruppe wie Brauchtum, Sitten, Gewohnheiten, Religionen, Lebensformen, Manieren, Werte oder Sitten beschreiben als auch auf das Bebauen und Kultivieren des Ackerlands beziehen und demzufolge auf eine Veränderung der äußeren und inneren Natur der gesamten Welt durch den Aspekt Arbeit hinweisen. Somit beinhaltet der Begriff Kultur eine Bedeutung des Wandels in sich. (Vgl. Hansen, 2011: 12)

Aus dieser Erläuterung heraus zeigt sich, dass die Kulturen genauso alt wie die Menschen selbst sind und dass sie sich ebenso entwickeln und wandeln wie die Menschen selbst. Der Begriff Kultur bezieht sich zudem auf die Art und Weise, wie man sein Leben führt, wie und was man tut und warum man es tut. Mit anderen Worten kann man sagen, dass Kultur eine Lebensweise, Lebenskunst oder den Way of Life eines Volkes oder einer Menschengruppe bezeichnet.

Darüber hinaus ist in der arabischen Sprache und ebenso unter arabischen WissenschaftlerInnen umstritten, was der Begrifft Kultur bedeutet und mit welchem arabischen Wort er übersetzt werden kann. Thaqafa und Hadara sind zwei mögliche arabische Übersetzungen des Begriffs Kultur:

Beschreibt man die Kultur im Hinblick auf kreative künstlerische Produkte menschlicher Fähigkeiten wie Theater, Kunst oder Oper, oder beschreibt man die Lebenskunst bzw. Way of Life sowie auch die Art und Weise, wie man das Leben führt, dann ist das Wort Hadarah die geeignete arabische Übersetzung dafür. Wenn mit dem Begriff Kultur eine dynamische Entwicklung der Menschen von einer primitiven zu einer zivilisierten Menschengruppe, die nicht mehr in Hütten in der Wüste oder auf dem Land sondern in Städten oder in städteähnlichen Siedlungen wohnt, dann wäre Hadarah und/oder Madaniyya das äquivalente arabische Wort. Umfasst der Begriff Kultur jedoch die verschiedenen Bereiche „von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und allen übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat“ (S. Tylor 1871, zit. In Hansen, 2011: 12 f.) , zeigt sich, dass Kultur ein menschliches Phänomen ist, das genauso alt wie die Menschen selbst ist und das alles vom Menschen Hervorgebrachte bezeichnet. Außerdem bringt sie die menschlichen Errungenschaften und Lebenskünste im Laufe der menschlichen Geschichte zum Ausdruck. Demzufolge ist die arabische Entsprechung für den Begriff Kultur Thaqafah. (Vgl. aus dem arabischen Original, Al-Khaled, 15.10.2011)

Die Kultur kann sowohl dynamisch als auch statisch sein. Um dies zu verdeutlichen, hat Hussein Mu`nis in seinem Buch „Die Kultur“ (Ar. Al-Hadara, 1978: 38) die Metapher eines Kulturberges verwendet: Versucht eine Menschengruppe ihre Kultur zu entwickeln oder sie zu verbessern, so kann man sagen, dass diese Menschengruppe den Berg heraufsteigt. Der Gipfel des Berges ist das höchste Gut, was sich die AngehörigInnen einer Kultur wünschen und sich als Ziel setzen können. An diesem Berg – so Mu`nis – lassen sich der Fortschritt, Entwicklung und der Wandel der Kulturen messen und mit folgenden Fragen genauer analysieren: Bleiben die Angehörigen einer Kultur am Fuß des Berges? Steigen sie herauf oder herunter? Erreichen sie den Berggipfel oder bleiben sie in der Mitte oder am Fuß des Berges stehen?

Solange sich die Mitglieder oder die Bestandteile einer Kultur entwickeln, wandeln oder zumindest zu entwickeln versuchen, kann man von einer dynamischen Kultur bzw. von einem kulturellen Wandel reden. Dem Beispiel des Kulturberg-Modells folgend lässt sich feststellen, dass Angehörige dieser dynamischen Kulturen den Berg hinaufsteigen und dass ihre Konkurrenz um den Berggipfel einen soziokulturellen Wandel unter Umständen begünstigen kann. Angehörige jeder Kultur versuchen bzw. sollten versuchen, diesen Kampf – im Sinne von Konkurrenz – zu gewinnen. Dadurch entsteht einen Wandel ihrer Kultur und damit ein Wandel von Ordnung, Kunst und Politik usw. Wenn aber eine Kultur für bestimmte Zeit in einem Grad ihrer Entwicklung und ihres Wandels stillsteht oder wenn sie in einem relativ ursprünglichen Grad stehen bleibt und keinen Schritt auf dem Weg der Entwicklung macht, dann wird sie als statische Kultur betrachtet. (Vgl. aus dem arabischen Original: Mu`nis, 1978: 39)

Im Hinblick auf die heutigen Ereignisse in Ägypten lässt sich feststellen, dass die Kulturen in Ägypten dynamisch sind. Als Beispiel sind die Kunstkultur, Protestkultur, Revolutionskultur, Jugendkultur, Tourismuskultur, Bauernkultur, Kultur der sozialen Medien und nicht zuletzt die politische Kultur als Subkulturen des Landes zu nennen. Es ist jedoch schwer, sie im Hinblick auf die dazugehörigen Menschen voneinander zu trennen, da ein Mensch sich der Bauernkultur zugehörig fühlt und zugleich sich für Kunst, soziale Medien, Musik und/oder Politik interessieren bzw. damit identifizieren kann. Somit ist jeder einzelne Mensch geprägt von einem Komplex aus verschiedenen Kulturen, die ineinander fließen und in denen er lebt.

3.2. Zur Problematik des Begriffs Wandel

Für die Beobachtung und Analyse eines sozialen und kulturellen Wandels sind folgende Fragen wesentlich: Was ist der Gegenstand des Wandels? Warum wird ein Phänomen als Wandel bezeichnet? Ist der Wandel aus dem eigenen Volk – im Sinne von Reformbewegung durch interne Faktoren – und/oder durch Begegnungen mit anderen Kulturen – im Sinne von externen Wandel-Faktoren – entstanden? Wenn der Wandel durch Begegnungen mit anderen Kulturen stattfand bzw. stattfindet: In welchem Verhältnis stehen die Kulturen zueinander? Ist hier die Rede von friedlichem kulturellem Austausch oder von kriegerischer Invasion und Eroberung?

Daher bezeichnet der Begriff Kultureller Wandel jegliche Art kultureller Veränderungen im Zeitablauf, sei dies in Form der Abwandlung, der Anreicherung (oder der Verarmung) oder des Erreichens eines neuen Zustands. Dieser Wandel kann durch Gegebenheiten innerhalb der Kultur entstehen (endogener Kulturwandel), oder durch Begegnungen mit anderen Kulturen, aus denen Teile übernommen und zu einer neuen Form abgeändert werden, welche auch im Herkunftsland nicht aufzuweisen ist (induzierter Kulturwandel). (Vgl. Hepp/Lehman-Wermser, 2013: 11)

Zudem wird hier die theoretische Annahme vertreten, dass jedes Volk bzw. jede Menschengruppe nicht nur eine einzige Kultur hat, die diese Menschengruppe als Ganze umfasst, sondern an mehreren Kulturen bzw. Kulturbereichen teilhat und demzufolge auch mehrere Arten des Wandels für sie gelten können. Die verschiedenen Kulturbereiche sind in unterschiedlichem Maße von Veränderung geprägt. Wichtig dabei sind nicht nur der Grad, die Intensivität, die Art, die Kontinuität oder Diskontinuität des Wandels, sondern auch die Bedeutung und Bewertung, die jedem Phänomen dieser Veränderungen zukommen. Dazu sind die Zusammenhänge und die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen kulturellen Bereichen relevant und sollen in der folgenden Untersuchung ebenfalls in den Blick genommen werden. (Vgl. Deines/Feige/Seel [Hrsg.], 2012: 10)

Darauf aufbauend lässt sich schließen, dass die moderne Gesellschaft Ägyptens als dauerhafter Wandlungsprozess bezeichnet werden kann, da das moderne Ägypten mehrere politische und soziokulturelle Veränderungen durchmachte, die verschiedener Art waren und durch verschiedene sowohl externe als auch interne Faktoren zustande gekommen sind. Einige Veränderungen sind durch Begegnungen Ägyptens mit anderen Kulturen entstanden, die sowohl friedlicher als auch kriegerischer Art waren und einen soziokulturellen Wandel geprägt und zum Teil gesteuert haben.

Seit dem 19. Jahrhundert erlebte Ägypten bspw. mehrere Revolutionen und Volksaufstände, die das politische, soziale und kulturelle Gesicht des Landes veränderten: Als Beispiel dafür erwähnt man u.a. Napoleons Ägypten-Expedition (1798-1801).

Darüber hinaus kam es während der Herrschaft Muhammed Alis und seiner Nachfolger (Söhne und Enkel) zu mehreren Volksaufständen. Das Volk demonstrierte u.a. gegen die europäisch-westliche Einmischung in Ägyptens Angelegenheiten, wie z.B. die internationale Finanzverwaltung des ägyptischen Haushalts im Jahre 1876. Einer der Anführer war Ahmed Orabi (1841-1911), ehemaliger Verteidigungsminister, der gegen die Unterdrückung der ägyptischen Soldaten im Militär durch die nicht-ägyptische Mehrheit gekämpft hat. Unter den von der oben genannten internationalen Finanzverwaltung durchgeführten Sparmaßnahmen verursachte die Verringerung der Armee besondere Unruhe. Unter Führung Orabis verlangten die Offizieren z.B. ihre seit etwa 20 Monaten nicht bezahlte Löhne und wandten sich zudem gegen die bisherige Bevorzugung der tuko-tscherkessischen Elite in der Armee. Diese waren wesentliche Gründe der Orabi-Revolution von 1881. Im Juni 1882 kam es zu schweren blutigen Auseinandersetzungen zwischen Ahmed Orabi und seinen Soldaten einerseits und der britischen Armee andererseits. Ein Krieg, den Ägypten verlor und den Einmarsch der britischen Kolonialmacht in Ägypten begünstigte. (Vgl. W. Kramer 1977: 196)

Gegen die britische Kolonialherrschaft revoltierte Ägypten mehrmals. Zu den wichtigen Revolutionen gegen Großbritannien waren diejenigen im Jahre 1919 und die Offiziere-Revolution vom 23. Juli 1952.

Aufgrund der langen Geschichte Ägyptens und der vielen Wandlungsprozesse, die das Land erlebte, ist die Problematik des Wandels sehr umfangreich. Davon ausgehend konzentriert sich die vorliegende Untersuchung auf ausgewählte externe und interne Faktoren des soziokulturellen Wandels in Ägypten.

Im Folgenden werden zunächst historisch wesentliche externe Faktoren des soziokulturellen Wandels der näheren Betrachtung unterzogen.

4. Externe Faktoren des soziokulturellen Wandels in Ägypten

4.1. Fremdherrschaften und Implikationen soziokulturellen Wandels

Im folgenden Teil der Untersuchung werden bestimmte kulturelle Wandlungsprozesse hervorgehoben, bei denen die jeweiligen Fremdherrschaften einen wesentlichen Wandlungsbeitrag geleistet haben. Mit Fremdherrschaften sind alle nicht-ägyptischen Herrscher gemeint, die Ägypten ab dem 19. Jahrhundert regiert und/oder verwaltet haben. Diese Fremdherrscher – die französische Expedition mit Napoleon, Muhammed Ali und die britische Kolonialherrschaft – versuchten, das gesamte Land in allen Bereichen zu kontrollieren. Dabei handelt es sich zunächst um Napoleons Ägypten-Expedition, die als der erste Kulturkontakt und -austausch zwischen der ägyptischen und den europäisch-westlichen Kulturen seit der Zeit der Kreuzzüge betrachtet werden kann. (Vgl. Haarmann, 1987: 104)

Das folgende Unterkapitel erläutert bestimmte Wandlungsmerkmale, die Ägypten zur Zeit der französischen Eroberung durchmachen musste.

4.1.1. Napoleons Ägypten-Expedition (1798-1801)

Durch die Napoleon-Expedition wurde Ägypten mit westlicher Technik, Zivilisation und Moderne konfrontiert. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass Ägypten vor der französischen Expedition durch die islamische und zum Teil auch durch die koptisch-christliche Kultur geprägt war. Diese „Konfrontation Ägyptens mit Europa und die Durchdringung des Landes mit westlicher Technik, westlicher Zivilisation und westlichen Ideologien begannen am 1. Juli 1798 mit der Landung Napoleons in Alexandria. Napoleons Offiziere, Bürokraten, Ingenieure und Gelehrte trugen den europäischen Fortschritt mitten nach Ägypten hinein, das westlichem Einfluss bis dahin verschlossen geblieben war. Somit veränderte sich allmählich das traditionelle Bild der Ägypter von Europa, welches seit der Kreuzzugsepoche in der kollektiven Erinnerung der Ägypter unverändert blieb.“ (S. Haarmann, 1978: 104)

Zum ersten Mal wurden Überlegenheit und Vorsprung Europas gegenüber der arabischen Welt, insbesondere Ägypten, unmissverständlich deutlich. Durch u.a. die militärische und wissenschaftliche Überlegenheit der Franzosen wurde sichtbar, dass Europa dem Orient viel voraus hatte. Durch die französische Expedition zeigte sich, dass sich die europäische Kultur stark entwickelt hatte, eine Entwicklung, die die arabisch-islamische Welt seit der Zeit der Kreuzzüge kaum gemacht hatte. Die Verwaltungsmaßnahmen, die die Franzosen durchführten, die WissenschaftlerInnen, die mit den Soldaten kamen, um das gesamte Land zu erforschen, die zahlreichen technischen Neuerungen, die sie einführten, zeigten, dass hier zwei Kulturen aufeinandertrafen, wobei eine als unterlegen – die ägyptische Kultur – und die andere als überlegen – die westliche – betrachtet wurde. (Vgl. Schlicht, 2013: 252)

Die traditionellen Selbst- und Fremdbilder der Ägypter wurden erschüttert und es wurde klar, dass eine rasche Reform der religiösen, wirtschaftlichen und politischen Kultur Ägyptens unvermeidlich sei, wenn sie die Führung der Region wieder übernehmen wollten. Europa war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der uninteressante barbarische mittelalterliche Kontinent, der der ägyptischen Gemeinschaft militärisch oder kulturell unterlegen war, vielmehr war er der ägyptischen Gemeinschaft auf vielen Ebenen weit überlegen.

Die unmittelbaren Wirkungen dieser Fremdherrschaft sind zweischneidig: Zwar lösten sorgfältige landeskundliche, historische und kunstgeschichtliche Arbeiten französischer ForscherInnen in Europa eine Welle der Ägypten-Begeisterung aus und begründeten eine wissenschaftliche Disziplin der Ägyptologie, die die geheimnisvolle Welt der Pharaonen erforschte und Ägypten zu einem begehrten Reiseziel machte. Gleichzeitig aber wurden wirtschaftliche, kulturelle und soziale Strukturen nachhaltig zerstört. (Vgl. Büttner/Klostermeier, 1991: 33 f) Die französischen Truppen „verfolgten die damaligen Herrscher, die Mamluken, und fügten dabei den Fellachen große Schaden zu, quälten sie, vergewaltigten ihre Frauen und brannten viele Dörfer nieder.“ (S. Ibrahim, 2006: 25)

Darüber hinaus versuchten die Franzosen, ihr Ziel zu realisieren und Ägypten zu einem zentralen Land ihrer Kolonien im Orient zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten sie viele kulturelle und wissenschaftliche Bereiche des Landes (weiter-)entwickeln: Bspw. sollten die französischen Werte und Prinzipien weiter im Herzen Afrikas, in der arabisch-islamischen Welt und bis zum Indien verbreitet werden. Dafür hat die französische Expedition in Ägypten eine arabisch-französische Druckerei in Kairo aufbauen lassen. Die mitgebrachten Druckpressen haben ihren Platz zunächst in Alexandria als „l'Imprimerie Orientiale et Française“ und später in Kairo als „l'Imprimerie nationale“ gefunden. Es wurden nicht nur das Nachrichtenblatt „Le Courrier de l’Égypte“ und das wissenschaftlich-literarische Magazin „La Décade égyptienne“ gedruckt, sondern auch mehrsprachige Bücher, die dem französischen, arabischen und sogar dem türkischen Bevölkerungsanteil viel Lesestoff boten. Das Nachrichtenblatt „Le Courrier de l’Égypte“ war eine der ersten Zeitungen Ägyptens. Die erste Ausgabe erschien am 29. August 1798. Ihr Hauptzweck war die Verbindung zwischen der Verwaltung und der Armee herzustellen und versuchte zudem, landeskundliche Artikel und Reportagen aus dem ägyptischen Leben und der ägyptischen Kultur zu veröffentlichen. Außerdem berichtete „La Décade égyptienne“ hauptsächlich vom Institut d'Egypte und dessen wissenschaftlichen Ergebnissen und Erfindungen. (Vgl. W. Kramer 1977: 179)

Zu den Forschungszentren gehört das Institut d'Egypte, welches Napoleon in Kairo nach dem Vorbild des 1795 in Paris gegründeten Institut National gründen ließ und bis heute im Rahmen der Wissenschaft tätig ist. In diesem Institut wurden vier Abteilungen gegründet: Mathematik, Physik, Volkswirtschaft sowie Literatur und Künste. Von diesem Institut d'Egypte gingen alle weiteren Forschungsprojekte im damaligen Ägypten aus. Der Hauptzweck der Gründung des Instituts waren aufklärerische Entwicklungsmaßnahmen und -projekte, die man in den folgenden Stichpunkten zusammenfassen kann:

Zu den wichtigsten Aufgaben des Instituts gehörte die Verbreitung der europäischen Aufklärung, des Fortschritts und der Prinzipien der französischen Revolution in Ägypten, um eine mögliche Verbreitung in weiteren afrikanischen und islamisch-arabischen Ländern zu ermöglichen. Somit sollte Ägypten als Hauptstadt der französischen Kolonien im Orient dienen. Um die Entwicklung und den Fortschritt im Ägypten zu ermöglichen, waren das Erforschen und Publizieren auf den Gebieten der Naturwissenschaften, Volkswirtschaft und der Geschichte Ägyptens zentrale Aufgaben des Instituts d'Egypte. Zu seinen weiteren Aufgaben zählte man die Begutachtung wichtiger Fragen, die von der Regierung vorgelegt wurden. (Vgl. Ebd. S. 178)

Das Institut brachte seine allgemein zugängliche Bibliothek, seine Druckerei und sein mechanisches und physikalisches Kabinett in einem der Paläste Kairos unter. Darüber hinaus wurden ein Museum, Laboratorien, Werkstätten, Observatorien und Künstlerateliers eingerichtet, botanische und zoologische Sammlungen angelegt, eine landwirtschaftliche Versuchsstation geschaffen und im Kontext der Druckerei ein Zeitungs- und Zeitschriftenredaktion gebildet. Die Ergebnisse jahrelanger Arbeit dieser so genannten Gelehrtenrepublik wurden in einer glanzvollen Text- und Bildsammlung aufgezeichnet, die Description de l’Égypte (dt: die Beschreibung Ägyptens) genannt wurde. (Vgl. Ebd. S. 178 f)

Darüber hinaus wurde im Jahre 1799 der Rosetta-Stein gefunden, auf den Zeichen in hieroglyphischer, demotischer und griechischer Schrift gemeißelt waren. In Paris gelang es dem französischen Wissenschaftler, Jean-François Champollion, den pharaonischen Text auf dem Stein zu entziffern und somit die geheimnisvolle Welt und Geschichte der Pharaonen zu entschlüsseln. Aus diesem Grund wurde ihm am Collège de France ein Lehrstuhl errichtet. Er war der erste Lehrstuhl für Ägyptologie überhaupt. (Vgl. Ebd. S. 179)

Aus der oben aufgeführten Darlegung lässt sich schließen, dass die französische Expedition dazu beigetragen hatte, dass Ägypten entdeckt und der gesamten Welt zugänglich gemacht wurde. Die Entdeckung des Kulturerbes und der Anstieg des Tourismus – eine der größten Einnahmequelle und Devisenbringer des heutigen Ägyptens – verdanken die ÄgypterInnen zum größten Teil dieser französischen Expedition. Mit anderen Worten - diese Expedition führte zum ersten großen kulturellen und wissenschaftlichen Wandel in Ägypten. Darüber hinaus gilt sie jedoch als Beginn einer neuen Phase in der Geschichte der arabischen Welt insgesamt, die von europäischer Einmischung und Vorherrschaft geprägt war und zur direkten europäischen Herrschaft über die meisten arabischen Länder führte. Somit wurde die arabische Welt in das universelle europäische Kolonialsystem eingegliedert. (Vgl. Schlicht, 2013: 251)

Durch Napoleons Ägyptenzug war Ägypten nach Jahrhunderten nicht nur wissenschaftlich, sondern auch weltpolitisch wieder in Erscheinung getreten. Dass es so blieb, dafür sorgte Mohammed Ali, Napoleons historischer Nachfolger. (Vgl. Ebd. S. 183)

4.1.2. Folgen der Herrschaft Mohammed Alis (1805-1848)

Nach dem Abzug der Franzosen brachen in Ägypten viele Machtkämpfe aus. Erst im Jahre 1805 wurde Muhammed Ali zum Herrscher bzw. Statthalter in Ägypten ernannt, das zu diesem Zeitpunkt noch unter osmanischer Herrschaft stand. Mit diesem nicht-ägyptischen Herrscher begann die ‚goldene Zeit‘ des modernen Ägyptens, da er – wie bereits erklärt – als der eigentliche Begründer des modernen Ägyptens zu betrachten ist. Es gelang ihm, das Land zu befrieden, die Wirtschaft wiederzubeleben und eine Phase tiefgreifender Reformen und Veränderungen einzuleiten. Geprägt von osmanischer Kultur, zugleich aber fasziniert vom europäischen Fortschritt, regierte er das Land im Stil eines aufgeklärten absolutistischen Herrschers. (Vgl. Büttner/Klostermeier, 1991: 34)

Als Beispiel seiner wichtigsten Reformmaßnahmen ist sein Einsatz für und seine Förderung der Bildung von Frauen in Ägypten zu nennen:

„Muhammed Ali setzte sich nicht nur für die Gründung der Staatsinstitutionen, Bildung und den Austausch von Forschern und Wissenschaftlern aller Fachrichtungen mit v.a. europäischen Staaten ein, sondern befasst sich auch mit der Bildung der Inländerinnen ‚der Ägypterinnen‘. Er wollte der Frau eine neue soziale Rolle schaffen, die die Frau vorher nicht spielen durfte. (S. Nooh, 2014a: 6)

Zudem übernahm er das französische Verwaltungssystem des Landes: Er teilte das Land in Provinzen und diese in kleinere Stadtteile auf. Für jede Provinz hatte er Verwalter angestellt, die ihm bekannt oder mit ihm verwandt waren, damit er u.a. ihre Loyalität garantieren konnte. Das hat dazu geführt, dass sich die Gesellschaft in hauptsächlich zwei Gruppen bzw. Klassen aufgeteilt hat: Die Elite, die meist türkisch-osmanischer Herkunft war und fast alle wirtschaftlichen Privilegien bekam und das hohe soziale Ansehen genoss. Andererseits gab es die breite Masse, die bäuerlich war und kaum Ansehen genoss. (Vgl. aus dem arabischen Original: Al-Ayoubi, 2014: 82)

Des Weiteren sorgte er für Sicherheit und Ordnung und schuf eine disziplinierte, vornehmlich europäisch bewaffnete Armee und eine beachtliche Marine. Die Entstehung dieser militärischen Macht gilt ebenso als ein weiterer Schritt des kulturellen Wandels in Ägypten: Somit entstand zum ersten Mal bei den Ägyptern der Sinn für „die ägyptische Identität und die ägyptische Nation“. Da im damaligen Ägypten mehrere Volksruppen – ÄgypterInnen, TürkInnen, TscherkessInnen, Turko-ÄgypterInnen und Turko-TscherkessInnen – lebten, die unterschiedliche religiöse Ansichten und politische Interessen hatten, war das Interesse Alis darauf konzentriert, diese zu vereinen, um regieren und um eine vereinte Verteidigungskraft begründen zu können, die loyal zu ihm war und seinen Interessen diente bzw. diese schützte. Deswegen förderte Muhammed Ali die Idee der ägyptischen Nation und Identität. (Vgl. aus dem arabischen Original: Ebd., S. 82 f)

Daraus lässt sich erkennen, wie tiefgründig Muhammed Ali von den Prinzipen der französischen Revolution überzeugt war, sodass er sie als Mittel verwendete, um die Armee zu gründen und das Land weiter aufzubauen.

Zu Beginn der Gründung der ägyptischen Armee waren die nicht-ägyptischen Soldaten die Mehrheit in der Armee. Da Muhammed Ali sich von dem Osmanen-Reich unabhängig machen wollte, befürchtete er, dass diese nicht-ägyptischen Soldaten sich den osmanischen Sultan anschließen und ihn und seine Politik angreifen. Deshalb versuchte er allmählich ihre Anzahl zu verringern und dafür die Sudaner mit Zwang zu rekrutieren. die jedoch keine Motivation hatten, für ihn in einer ägyptischen Armee zu kämpfen. Viele der kasernierten Zwangsrekrutierten starben aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen. Danach sah Ali sich gezwungen, die ägyptischen Bauern zu rekrutieren und somit entstand zum ersten Mal die ägyptische Armee mit ägyptischen Soldaten und ägyptischer Identität. Diese Rekrutierung geschah jedoch nicht reibungslos: Seit Jahrhunderten waren es die Nicht-Ägypter, die militärische Aufgaben übernahmen. Ägypter, also größtenteils Fellachen, waren von der Armee ausgeschlossen worden. Diese neue Rekrutierung wurde mit brutaler Gewalt durchgeführt und löste immer wieder Bauernrevolten aus. Dennoch wurde die Aufstellung einer Armee aus Ägyptern beibehalten und immer neue einheimische Soldaten in die Armee eingegliedert. Allerdings hatten die meisten Offiziere türkischem oder mamlukischen (tscherkessischen) Ursprung. (Vgl. Schlicht, 2013: 255)

[...]


[1] Detaillierte Angaben der Quellen werden in dem Literaturverzeichnis gegeben.

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Soziokultureller Wandel im modernen Ägypten
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Geistes- und Kulturwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
84
Katalognummer
V314453
ISBN (eBook)
9783668133433
ISBN (Buch)
9783668133440
Dateigröße
954 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziokultureller, wandel, ägypten
Arbeit zitieren
Wissenschaftlicher Assistent Ramadan Nooh (Autor:in), 2015, Soziokultureller Wandel im modernen Ägypten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314453

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