Prinzipien und Praktikabilität verschiedener Pflegekonzepte bei Schlaganfall


Bachelorarbeit, 2013

36 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Schlaganfall - Ein folgenschweres und komplexes Ereignis

3. Pflegekonzepte - Eine Bestandsaufnahme
3.1 Das Bobath Konzept® als traditionelle Konzeption
3.1.1 Definition und Entwicklung
3.1.2 Prinzipien und deren pflegerische Integration
3.2 Kinaesthetics als moderne Konzeptsymbiose
3.2.1 Definition und Entwicklung
3.2.2 Konzepte und deren pflegerische Integration

4. Kritische Reflexion - Die Konzepte auf dem Prüfstand

5. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Der demografische Wandel wird zu einer Zunahme der Zahl an Schlaganfallpatienten in Deutschland führen, wobei es aber kaum konkrete Daten zum Ausmaß der zu erwartenden Veränderungen gibt.“1

So äußern sich Foerch et al. 2008 in ihrem Artikel, welcher auf einer prospektiven Stu- die zur Vorausberechnung der zu erwartenden Schlaganfallzahlen für das Land Hessen basiert. Gegenwärtig gehört der Schlaganfall, laut einer Publikation des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2012, neben der chronisch ischämischen Herzkrankheit, dem akuten Myokardinfarkt, der Herzinsuffizienz, der bösartigen Neubildung der Bron- chien und der Lunge sowie der sonstigen chronisch obstruktiven Lungenkrankheit an sechster Stelle zu den 10 häufigsten Todesursachen 2011 in Deutschland.2 Demzufolge zählt der Schlaganfall neben Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen zu den führenden Todesursachen in Deutschland. Dies belegen auch Daten von Heuschmann et al., wel- che unter Zuhilfenahme von Angaben aus dem Erlanger Schlaganfall Register von 2008 die jährlich zu erwartenden Schlaganfälle in Deutschland einschätzten. Denselben zu- folge finden, basierend auf der deutschen Gesamtbevölkerung von 2008, in Deutschland jährlich ca. 196.000 erstmalige und ca. 66.000 wiederholte Schlaganfälle statt. Dies bedeutet, dass in Deutschland jährlich ca. 262.000 Menschen einen Schlaganfall erlei- den. Zudem stellt der Schlaganfall die häufigste Ursache für erworbene Behinderungen im Erwachsenenalter dar und ist eine der „häufigsten Ursachen für dauerhafte Pflegebe- dürftigkeit“3.4 Diese Erkenntnisse verweisen auf die ansteigende Bedeutsamkeit präven- tiver und rehabilitativer Maßnahmen vor und nach dem Auftreten eines Schlaganfalls. Denn ebensolche Schlaganfallereignisse reißen die Betroffenen meist unerwartet und mit weitreichenden Konsequenzen aus ihrer bisherigen Lebenswelt. Auch Bauder und Taub verweisen auf die besondere Bedeutung der Rehabilitation nach einem Schlagan- fall und bedenken zudem eine Problematik, die sich bei PatientInnen5 während der Rehabilitation eröffnen kann.

„Nach dem ersten Schock und dem Gewahrwerden der oft massiven motori- schen, sensorischen, sprachlichen und kognitiven Einschränkungen, folgt meist ein schwieriger und langwieriger Anpassungsprozeß an die neue Le- benssituation. Teil dieses Prozesses sind die intensiven rehabilitativen Be- mühungen, die Patienten mit ärztlicher und therapeutischer Hilfe unterneh- men, um ihr früheres Funktionsniveau wiederzuerlangen. Nicht allen Patien- ten gelingt dies und so finden sich am Ende dieser akuten Rehabilitations- phase viele, in ihrer Hoffnung auf vollständige Wiederherstellung enttäuscht und in vielen Verrichtungen des täglichen Lebens auf Hilfe angewiesen, zu Hause wieder.“6

Auch aus eigenen praktischen Erfahrungen durch die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin lässt sich die oben geschilderte Situation bekräftigen. Viele Patienten nach einem Schlaganfall wirkten vor allem hilflos und es machte den Anschein, als könnten sie sich in ihrer derzeitigen Situation nur schwer zurechtfinden, obwohl jahre- lang anerkannte Behandlungskonzepte bei diesen zum Einsatz kamen. Aber auch das pflegerische Personal überkam oftmals Hilflosigkeit bei der Durchführung pflegerischer Maßnahmen mit diesen Patienten. Offenbar kann es zum Auftreten von Gefühlen wie Hilflosigkeit und Resignation auf beiden Seiten der am Rehabilitationsprozess beteilig- ten Personen kommen - wobei das Umfeld der zu Pflegenden von diesen Gefühlszu- schreibungen nicht ausgeschlossen werden soll -. Dies ist der Fall, obwohl traditionelle und etablierte Konzepte zur pflegerischen Unterstützung von Schlaganfallpatienten existieren, die neben der Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit auch die Vermitt- lung von Gefühlen wie Sicherheit und Motivation implizieren sollten. Doch was bieten diese Konzepte für Grundlagen und Handlungsanweisungen, um speziell Schlaganfall- patienten eine Rehabilitation und Reintegration zu ermöglichen und sind diese in Hin- sicht auf die oben geschilderte Problematik überhaupt noch zeitgemäß und geeignet.

Ziel dieser Arbeit ist es deshalb die Fragen zu klären, welche Prinzipien, Kon- zepte und pflegerischen Maßnahmen die Pflegekonzepte, die bei Schlaganfallbetroffe- nen zum Einsatz kommen, verfolgen. Ebenso sollen die Pflegekonzepte kritisch auf ihre Praktikabilität sowie Wirksamkeit in der Pflege und damit auch auf ihre Grenzen hinter- fragt werden. Um diese Zielstellung zu erfüllen, ist die Arbeit folgendermaßen geglie- dert. Zunächst werden die Ätiologie und die multiplen Folgen eines Schlaganfalls erläu- tert. Dies soll unter anderem als theoretische Grundlage dazu dienen, die im Nachhinein erläuterten Pflegekonzepte in ihrer Anwendbarkeit und Wirksamkeit zu bewerten und ihre Grenzen aufzuzeigen. Das darauffolgende Kapitel, welches ein traditionelles und ein neueres Schlüsselkonzept zur Rehabilitation von Schlaganfallbetroffenen zum The- ma hat, arbeitet die Prinzipien und pflegerische Anwendung der Behandlungskonzepte auf. Damit soll eine der oben genannten Fragestellungen beantwortet und der Grund- stein für die anschließende kritische Reflexion gelegt werden. Somit soll das vorletzte Kapitel die Pflegekonzepte kritisch prüfen und einen Versuch unternehmen, die selbi- gen in Hinsicht auf ihre Umsetzbarkeit und Wirksamkeit zu prüfen sowie deren Gren- zen zu beurteilen. Abschließend fasst eine Schlussbetrachtung die wichtigsten Aspekte der Arbeit zusammen und dient zugleich der Rückführung zum Thema.

Die Quellen zur Bearbeitung der Kapitel wurden über den Internet Katalog und die medizinischen Datenbanken der sächsischen Landes- Staats- und Universitätsbiblio- thek Dresden ausgewählt. Weiterhin wurden die Internetpräsens der Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e.V., der Bobath Initiative für Kranken- und Alten- pflege e.V. sowie des europäischen Kinaesthetics Netzwerkes als Quellenlieferanten für die Bearbeitung genutzt. Dabei dienten Suchbegriffe wie Schlaganfall, Pflegekonzept, Bobath und Kinästhetik zur Findung geeigneter Quellen. Von den aufgeführten und gefundenen Quellen wurden im Nachhinein diejenigen zur Bearbeitung des Themas verwendet, die ein aktuelles Datum und verlässliche Quellen vorzuweisen hatten. Bei meiner Literaturrecherche stellte sich schnell heraus, dass zu dem Thema des Krank- heitsbildes des Schlaganfalls zwar reichlich, jedoch weitestgehend ältere, deutsche Lite- ratur zur Verfügung steht. Die Folgen eines Schlaganfalls und dabei vor allem die sozia- len Folgen in ihrer Ganzheit arbeitet kaum ein Werk umfangreich heraus. Da lediglich Wilhelm und Lauer dieser Komplexität gerecht werden, wurde für die Beantwortung des 2. Kapitels vor allem auf deren Werk zurückgegriffen. Zu dem Bobath-Konzept und Kinaesthetics lassen sich viele Werke, vor allem viele Zeitungsartikel, auffinden. Zu der pflegerischen Umsetzung der selbigen, vor allem des Bobath-Konzeptes, gibt es bis jetzt nur wenig deutsche Publikationen. Daher sind vor allem die Veröffentli- chungen von Dammshäuser und Friedhoff sowie Schieberle für das Bobath-Konzept und von Hatch und Maietta sowie von Asmussen für Kinaesthetics verwandt worden.

2. Der Schlaganfall - Ein folgenschweres und komplexes Ereignis

Im folgenden Kapitel sollen der Schlaganfall und seine Ursachen kurz definiert und näher erläutert werden. Ebenso sollen dessen physische, psychische und sozialen Folgen für die Betroffenen betrachtet werden. Unabhängig von dem Ausmaß der Schädigung und der Kombination der Symptome werden die wichtigsten möglichen Folgen durch einen zerebralen Insult mit in die Betrachtung einbezogen. Durch dieses Kapitel soll verdeutlicht werden, wie weitreichend die Folgen einer Apoplexia cerebri sein und in welchem Ausmaß die Betroffenen Beeinträchtigungen erfahren können.

Laut dem Roche Lexikon wird eine Apoplexia, -xie im Allgemeinen definiert als „plötzliche Durchblutungsstörung (Blutung oder Ischämie) in einem Organ oder einer Körperhöhle“7. Spezieller gesprochen heißt es dort, dass eine Apoplexia cerebri oder auch „zerebraler Insult, apoplektischer Insult, Schlaganfall, Gehirnschlag“8 genannt, eine „mit neurologischen Defiziten einhergehende zerebrovaskuläre Erkrankung ist - H.B."9. Zu den Ursachen eines zerebralen Insultes zählen der ischämische und der hä- morrhagische Insult. Dabei liegt dem klinischen Bild des Schlaganfalls in ca. 80-85% der Fälle ein ischämischer und in ca. 15% der Fälle ein hämorrhagischer Infarkt zu- grunde.10 Der ischämische Infarkt wird laut Wilhelm und Lauer definiert als eine „Un- terversorgung des Gehirns mit Nährstoffen durch den Verschluss eines Blutgefäßes“11. Ursachen eines ischämischen Infarktes können vielfältig sein. Mehrholz unterscheidet zwischen drei Ursachen. Zu diesen zählen Thromben, Embolien sowie eine systemische Hypoperfusion oder venöse Thrombosen.12 Der hämorrhagische Infarkt als die seltenere aber oft dramatischere zu Grunde liegende Ursache aller Schlaganfälle wird laut Roche Lexikon definiert als eine „spontane Gefäßruptur mit nachfolgender intrazerebraler oder subarachnoidaler Blutung u. Gewebeuntergang“13. Ursachen der Hirnblutung können „Aneurysma- oder Angiomrupturen ..., intrazerebrale Massenblutungen bei hypertoni- schen Krisen ..., Hirntumoren, Störungen des Blutgerinnungsmechanismus oder spontane Änderungen der Gefäßwanddurchlässigkeit“14 sein. Ebenso kann der „Austritt von Blut aus dem intrakraniellen Gefäßsystem traumatisch bedingt sein“15.

Da das Gehirn „nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang in der Lage (ist), als Ersatz für die nicht mehr vorhandenen Zellen neue zu bilden, die deren Funktion über- nehmen könnten“16, ist durch einen Schlaganfall mit schwerwiegenden Folgen zu rech- nen. Auch Wilhelm und Lauer bekräftigen diese Folgenschwere des Schlaganfalls im Vergleich zu anderen Erkrankungen, wenn diese behaupten, dass „Schädigungen im Gehirn den Menschen in seiner Gesamtheit stärker (verändern), als dies bei jedem ande- ren Körperorgan der Fall ist“17. Je nach Ausmaß des Schadens können die Folgen und die Symptome für die betroffenen Personen unterschiedlich ausfallen. Dabei ist der Um- fang der Schädigung nach einem Schlaganfall abhängig von der Größe des vom Throm- bus betroffenen Gefäßes, von der Lage der Schädigung, von der Größe des Hirnödems, von der Ausdehnung der Blutung sowie von der Dauer der Schädigung.18 Auch kann je nach betroffener Hirnarterie die Kombination der Symptome variieren.19

Neben den offensichtlich körperlichen Folgen eines apoplektischen Insultes soll zunächst darauf verwiesen werden, dass der selbige auch ohne wahrnehmbare Sympto- me verlaufen kann. In diesem Fall wird von einem stummen oder stillen Schlaganfall gesprochen.20 Das wohl klassischste Symptom dieses Krankheitsbildes ist die Lähmung. Dabei wird zwischen einer Paralyse21 beziehungsweise Plegie und einer Parese22 unter- schieden. Dementsprechend fehlt die Fähigkeit zur Bewegung entweder gänzlich oder die selbige ist bei parallelem Erhalt einer Restbeweglichkeit eingeschränkt. Dazu be- merkt Friedhoff, dass es, bedingt durch die sich zum größten Teil kreuzenden Pyrami- denbahnen, bei einem Schlaganfall „in der linken Hirnregion zu Ausfällen auf der rech- ten Körperseite und umgekehrt“23 kommt. Dabei weist Friedhoff ebenfalls darauf hin, dass von einer „„mehr “ -Herv. d. Verf.- und einer -Herv. d. Verf.-“24 gesprochen werden sollte, da sich ein kleiner Teil der Pyramiden- bahnen nicht kreuzt und daher zu der ihnen entsprechenden Körperseite zieht. Je nach Lokalisation der Lähmung kann eine Monoparese/-plegie, eine Hemiparese/-plegie, eine Paraparese/-plegie sowie eine Tetraparese/-plegie vorliegen. Entsprechend des Präfixes sind entweder ein einzelner Arm oder ein einzelnes Bein, die rechte oder die linke Kör- perhälfte, beide Arme oder Beine oder alle vier Gliedmaßen weniger oder mehr betrof- fen. Zudem kann der Schlaganfallbetroffene eine Fazialisparese bekommen, bei der die nervale Versorgung des Gesichtes durch den Gesichtsnerv beeinträchtigt ist. Die Folgen dessen sind eine Asymmetrie des Gesichtes und ein herabhängender Mundwinkel.25 Neben diesen äußerlichen Symptomen kann es zu einer Abnahme der Tränensekretion sowie zu Geschmacks- und Hörstörungen kommen.26 Während die Lähmungen kurz nach dem zerebralen Insult schlaff sind, werden die selbigen nach Tagen oder Wochen spastisch. Diese sogenannte Spastik, welche eine Erhöhung des Muskeltonus nach sich zieht, betrifft vor allem Muskelgruppen, die der Schwerkraft entgegenwirken. Ohne rechtzeitige und kontinuierliche Therapie können Kontrakturen die Folge einer Spastik sein.27 Eine weitere Folge nach einem Schlaganfall können Sensibilitätsstörungen sein, wobei die Reizwahrnehmung des Patienten beeinträchtigt ist. Dabei können insbesonde- re Hypästhesien, also ein vermindertes Empfinden von Sinnesreizen, auftreten. Unter Umständen können die Betroffenen Berührungen nicht wahrnehmen oder verspüren ein Kribbeln oder Ameisenlaufen.28 Häufig können Betroffene nach einem Schlaganfall auch an einer Aphasie leiden. Darunter wird eine „zentrale Sprachstörung Herv. d. Verf. ... bei intakten Sprechorganen“29 verstanden. Dabei können diese Sprachstörun- gen je nach Schweregrad von leichten Unsicherheiten beim Finden von Wörtern bis hin zum Verlust des Verstehens von Sprache reichen. Somit kann es zu Beeinträchtigungen der Sprachproduktion und/oder des Sprachverständnisses kommen. Dies kann sich unter anderem bemerkbar machen durch die Verwechslung der Bedeutung von Wörtern, Wortfindungsprobleme, eine fehlerhafte Syntax, einen Telegrammstil, die Bildung neu- er Laute, Silben und Worte sowie ständige Lautwiederholungen.30 Menche und das Lek- torat Pflege bezeichnen die Aphasie und andere Beeinträchtigungen auch als „Werkzeugstörungen“31. Unter weiteren Werkzeugstörungen werden laut diesen die Agraphie, die Alexie, die Akalkulie, die Apraxie, die Agnosie und der Neglect zusam- mengefasst. Wobei unter einer Agraphie, Alexie und Akalkulie das Unvermögen zu schreiben, zu lesen und zu rechnen verstanden wird. Eine Apraxie bezeichnet die Unfä- higkeit Bewegungsabläufe, wie zum Beispiel das alltägliche Zähne putzen, koordiniert und in der richtigen Abfolge durchzuführen. Dahingegen ist bei einer Agnosie das Er- kennen gestört, wobei dies auf verschiedene Sinneseindrücke zutreffen kann. So kann der Patient zum Beispiel bei einer visuellen Agnosie einen Gegenstand nicht seiner rich- tigen Bezeichnung oder Bedeutung zuordnen, erkennt ihn also nicht als solchen und in seiner Funktion. Bei einer Anosognosie erkennt der Patient seine Erkrankung nicht. Dies kann sich in der Art und Weise äußern, als das der Betroffene trotz einer Lähmung fest davon ausgeht, er sei in der Lage zu laufen.32 Bei einem Neglect nehmen die Patien- ten eine Körper- oder Raumhälfte nicht wahr, was zu einer Vernachlässigung bezie- hungsweise einer Ignorierung der selbigen führt. Dies kann verschiedene Sinne wie das Sehen, Hören, Fühlen, die Steuerung von Bewegungen sowie das räumliche Vorstel- lungsvermögen betreffen. Dementsprechend vernachlässigen diese Patienten eine Kör- perseite zum Beispiel beim Waschen, Ankleiden oder Schminken und sehen Gegen- stände oder Personen einer Raumhälfte nicht.33 Letztendlich können Patienten nach ei- nem Schlaganfall zudem an einer Sprech- (Dysarthrie) oder Schluckstörung (Dyspha- gie) leiden. Zu derartigen Folgen kommt es, wenn die Sprechmotorik und damit die Sprechorgane geschwächt oder gelähmt sind. Aufgrund dessen können neben dem Sprechen auch die Atmung, das Kauen und das Schlucken stark beeinträchtigt sein.34 Weitere Symptome, die sich äußern können, sind Harninkontinenz oder -verhalt, Be- wusstseinseintrübung oder Verwirrtheitszustände.35

Durch die stark veränderte Lebenssituation der Betroffenen nach einem Schlag- anfall können neben physischen Symptomen auch psychische Symptome auftreten. Die- se können von kleineren „Auffälligkeiten im Gefühlsbereich“36 bis hin zu größeren Be- einträchtigungen der Gefühle oder psychischen und neurologischen Erkrankungen rei- chen. Zu den geringfügigeren Auffälligkeiten im Gefühlsbereich gehören zum Beispiel andauerndes Weinen oder Aggressionen. Dabei kann es schon bei unwesentlichen An- lässen zu starken Gefühlsausbrüchen kommen, obwohl dem Betroffenen nicht nach Weinen ist und er die Krankheit längst angenommen hat. Dahingegen äußern sich ext- rovertierte Handlungen wie Aggressionen zum Beispiel als Wut- und Fluchanfälle so- wie als Stimmungsschwankungen.37 Zu einer der beträchtlicheren Störungen der Gefüh- le können unter anderem Ängste zählen. Diese können zum einen hirnbedingt sein oder als sekundäre Erscheinung im Zusammenhang mit den Folgen der Erkrankung auftre- ten. Dabei können sich die Ängste in Bezug auf verschiedenste Bereiche, die den Be- troffenen tangieren, äußern. Eine weitere psychische Folge, die eintreten kann, ist die Trauer, die letztlich auch in einer Depression münden kann. Bedingt durch die oftmals vollkommen veränderte Situation, welche in vielerlei Hinsicht schwerwiegende Konse- quenzen nach sich zieht, kann es zu diesen Folgen kommen. Dabei verläuft die Trauer meist in Stadien und kann sich über Monate hinziehen, wobei der Ablauf der selbigen je nach Persönlichkeit und Ausmaß der Folgen divergieren kann. Wird der Trauerprozess nicht bewältigt, können die Betroffenen in eine Krise geraten, welche in einer psychi- schen Störung wie der Depression münden kann. Diese kann sich neben einer Vielzahl von Symptomen unter anderem in Form von Stimmungsschwankungen, einer andau- ernden gedrückten Stimmung, Interessenlosigkeit an früher lieb gewonnenen Aktivitä- ten, Antriebslosigkeit, Suizidgedanken, Konzentrations- und Schlafstörungen sowie Insuffiziensgefühlen bemerkbar machen.38 Aufgrund des steigenden Alters der vom Schlaganfall Betroffenen sowie durch mehrere Reinfarkte, kann neben leichten und vo- rübergehenden Orientierungs- und Gedächtnisstörungen eine dauerhafte Demenz die Folge sein. Diese kann sich vor allem in Schüben und mit Symptomen wie Vergesslich- keit, Sprachstörungen, Interessenlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Misstrauen sowie chronischer Verwirrtheit äußern.39

In Anbetracht der oben geschilderten Folgen ist nachvollziehbar, dass ein Schlaganfall - immer abhängig vom Ausmaß der selbigen - einen beträchtlichen Ein- fluss auf die Lebensqualität der Betroffenen sowie auf die Aktivitäten des täglichen Lebens, das Leben in der Familie und mit Freunden, die berufliche Situation sowie die Freizeit haben kann. Görres schreibt dazu, dass der Schlaganfall „nicht nur Lebensum- stände und Lebenserwartung des Betroffenen beeinträchtigt, sondern sein gesamtes Umfeld in einer komplexen Weise berührt“40, wobei dieser Komplexität hier nicht in ihrem vollen Umfang nachgegangen werden kann. Im Folgenden sollen die sozialen Folgen kurz unter Berücksichtigung der oben genannten Einschränkungen abgeleitet werden. Unter Betrachtung der Aktivitäten des täglichen Lebens ergeben sich bereits zahlreiche Einschränkungen wie Schwierigkeiten beim Wach sein und Schlafen, Wa- schen und Ankleiden, Bewegen, Essen und Trinken, Ausscheiden, Kommunizieren so- wie beim sich als Mann oder Frau fühlen. So können bereits kleine Dinge wie das Ra- sieren und Haare kämmen, das aus dem Bett aufstehen und die Nahrungsaufnahme Probleme bereiten oder gar nicht mehr möglich sein. Ebenso kann die Bewältigung von Alltagsaufgaben schwer beeinträchtigt sein, angefangen beim Auto fahren bis hin zur Erledigung von Haushaltsbelangen. Was das Leben in der Familie und mit Freunden betrifft, ist zunächst darauf zu verweisen, dass die Rollen, welche Betroffene vor dem Ereignis inne hatten, nicht mehr in dem Umfang wie gewohnt wahrgenommen werden können. So kann es zum Beispiel sein, dass die Betroffenen ihrer Rolle als Familienva- ter oder -mutter, als Ehemann oder -frau sowie als Freund oder Freundin nicht mehr zur eigenen Zufriedenheit und eventuell auch zur Zufriedenheit der anderen gerecht werden können. Zudem ist die Teilhabe innerhalb des sozialen Umfeldes eingeschränkt. Unter Umständen ist auch die Ausübung der beruflichen Tätigkeit durch die Erkrankung tan- giert. So kann es sein, dass dieser nicht mehr voll ausgeübt werden kann und somit auch die finanzielle Situation und die Existenz bedroht sind. Weitere Einschränkungen, die es nicht mehr erlauben Lieblingsbeschäftigungen wie zum Beispiel dem Sport oder dem Reisen nachzugehen, nehmen den Betroffenen zusätzlich die Möglichkeit zum Vergnü- gen und verschärfen eventuelle psychische Auffälligkeiten.

Zusammenfassend ist zu erwähnen, dass sich ein Mensch nach einem derartigen Ereignis eventuell nicht mehr als vollwertige Person fühlt oder wahrnimmt, was auf die oben geschilderten vielschichtigen Folgen zurückgeführt werden kann. Die oben erläuterten Folgen machen deutlich, dass ein Schlaganfall „nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch ein psychisches und soziales Problem“41 darstellt.

[...]


1 Foerch, Christian et al. (2008): Die Schlaganfallzahlen bis zum Jahr 2050. In: Deutsches Ärzteblatt, 105. Jg., H. 26, S. 467.

2 Vgl.: Statistisches Bundesamt (2012): Gesundheit. Todesursachen in Deutschland. 2011. S. 1. Unter: http://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Todesursachen/Todesursachen2120400 117004.pdf?__blob=publicationFile (Zugriff: 31.05.2013)

3 Ringelstein, E. Bernd; Nabavi, Darius G. (2007): Der ischämische Schlaganfall. Eine praxisorientierte Darstellung von Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. In: Brandt, Thomas et al. (Hrsg.): Klinische Neurologie. Stuttgart: Kohlhammer, S. 47.

4 Vgl.: Heuschmann, P. U. et al. (2010): Schlaganfallhäufigkeit und Versorgung von Schlaganfallpatienten in Deutschland. In: Aktuelle Neurologie, 37. Jg., H. 07, S. 334.

5 Aufgrund der einfacheren Lesbarkeit wird durchgängig auf die Nennung der jeweiligen weiblichen und männlichen Form (Patient/Patientin) verzichtet. Im Folgenden steht die männliche Bezeichnung (Patient) geschlechtsneutral für beide Geschlechter.

6 Bauder, Heike; Taub, Edward; Miltner, Wolfgang H. R. (2001): Behandlung motorischer Störungen nach Schlaganfall. Die Taubsche Bewegungsinduktionstherapie. Göttingen: Hogrefe. S. 7.

7 Hoffmann-La Roche AG; Urban & Fischer (Hrsg.) (2003): Apoplexia, -xie - A. cerebri. In: Roche Le- xikon. Medizin. Hoffmann-La Roche AG; Urban & Fischer (Hrsg.), 5. Aufl., München; Jena: Urban & Fischer, S. 109.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Vgl.: Ringelstein, E. Bernd; Nabavi, Darius G. (2007): S. 20.

11 Wilhelm, Jürgen; Lauer, Alfred (2003): Schlaganfall. Akutfall, Reha, Beruf und Familie - Was Sie jetzt tun können. Stuttgart: TRIAS Verlag, S. 14.

12 Vgl. ebd.: Mehrholz, Jan (Hrsg.) (2008): S. 1-4.

13 Hoffmann-La Roche AG; Urban & Fischer (Hrsg.) (2003): S. 109.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.: S. 49.

17 Ebd.: S. 50. „weniger betroffenen Seite“

18 Vgl.: Friedhoff, Michaela (2011): Pflege und Begleitung alter Menschen mit Erkrankungen des ZNS. Schlaganfall. In: Köther, Ilka (Hrsg.): Altenpflege. 3. Aufl., Stuttgart: Thieme, S. 500.

19 Vgl.: Menche, Nicole; Lektorat Pflege (Hrsg.) (2007): Pflege Heute. Lehrbuch für Pflegeberufe. 4. Aufl., München: Urban & Fischer, S. 1296.

20 Vgl.: Wilhelm, Jürgen; Lauer, Alfred (2003): S. 75-76.

21 Ist eine „komplette ... periphere oder zentrale Unterbrechung der nervalen Versorgung“. Hoffmann- La Roche AG; Urban & Fischer (Hrsg.) (2003): Paralyse, Paralysis. In: Roche Lexikon. Medizin. Hoff- mann-La Roche AG; Urban & Fischer (Hrsg.), 5. Aufl., München; Jena: Urban & Fischer, S. 1408-1409.

22 Ist eine „teilweise ... periphere oder zentrale Unterbrechung der nervalen Versorgung“. Ebd.

23 Friedhoff, Michaela (2011): S. 500.

24 Ebd.

25 Vgl.: Wilhelm, Jürgen; Lauer, Alfred (2003): S. 76-79.

26 Vgl.: Menche, Nicole; Lektorat Pflege (Hrsg.) (2007): S. 1325.

27 Vgl.: Wilhelm, Jürgen; Lauer, Alfred (2003): S. 79.

28 Vgl. ebd.: S. 81.

29 Vgl.: Menche, Nicole; Lektorat Pflege (Hrsg.) (2007): S. 1286.

30 Vgl.: Wilhelm, Jürgen; Lauer, Alfred (2003): S. 81-83.

31 Menche, Nicole; Lektorat Pflege (Hrsg.) (2007): S. 1286.

32 Vgl. ebd.: S. 1287.

33 Vgl.: Kerkhoff, Georg; Neumann, Günter; Neu, Joachim (2008): Ratgeber Neglect. Leben in einer halbierten Welt. Göttingen; Bern; Wien: Hogrefe, S. 15.

34 Vgl.: Wilhelm, Jürgen; Lauer, Alfred (2003): S. 85-87.

35 Menche, Nicole; Lektorat Pflege (Hrsg.) (2007): S. 1296.

36 Wilhelm, Jürgen; Lauer, Alfred (2003): S. 88.

37 Vgl. ebd.: S. 88.

38 Vgl. ebd.: S. 109-113.

39 Vgl. ebd.: S. 115-117.

40 Görres, Stefan (1994): Psychosoziale Folgen des Schlaganfalls und deren Bewältigung. Rehabilitation und Nachsorge. In: Schütz, Rudolf-M.; Meier-Baumgartner, Hans-Peter (Hrsg.): Der SchlaganfallPatient. Bern; Göttingen; Toronto; Seattle: Hans Huber, S. 151.

41 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Prinzipien und Praktikabilität verschiedener Pflegekonzepte bei Schlaganfall
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Berufliche Fachrichtungen)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
36
Katalognummer
V315371
ISBN (eBook)
9783668147553
ISBN (Buch)
9783668147560
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflegekonzepte, Pflegekonzepte bei Schlaganfall, Bobath Konzept, Kinaesthetics
Arbeit zitieren
Henriette Bartusch (Autor), 2013, Prinzipien und Praktikabilität verschiedener Pflegekonzepte bei Schlaganfall, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315371

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