Die Presseberichterstattung in der „Wulff-Affäre“. Eine gezielte Medienkampagne?


Bachelorarbeit, 2015

57 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Funktionen der Medien und des Journalismus
1.1. Informationsfunktion
1.2. Soziale Funktionen
1.3. Politische Funktionen
1.4. Ökonomische Funktionen

2. „Boulevardzeitung“ vs. „Qualitätszeitung“
2.1. Boulevardjournalismus
2.2. Qualitätsjournalismus
2.3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

3. Das Verhältnis zwischen Politik und Medien

4. Erläuterung der Analysemethodik

5. Die „Wulff-Affäre“
5.1. Privatkredit zum Kauf eines Hauses
5.2. Veröffentlichung der Mailboxnachricht und TV-Interview
5.3. Der Rücktritt Christian Wulffs
5.4. Wandel der Berichterstattung
5.5. Prozessbeginn im Fall ÄWulff“
5.6. Das Urteil

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ebenen der Öffentlichkeit

Abbildung 2: Magisches Vieleck

Abbildung 3: Vergleich der Titelseiten ÄBILD“ und ÄSüddeutsche Zeitung“

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

ÄWas wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“.1 Diese Anmerkung des Systemtheoretikers Niklas Luhmann fasst zusammen, mit was wir täglich konfrontiert werden. Um informiert zu sein und uns eine Meinung darüber zu bilden, was in der Welt geschieht, sind wir heutzutage mehr denn je auf die Medien angewiesen. Die Menschen haben keine Möglichkeit, alles durch eigene Erfahrungen zu erfassen. Deshalb tragen die (Massen-) Medien eine große Verantwortung. Journalisten müssen aber auch jeden Tag entscheiden, welche Informationen relevant und berichtenswert sind. Medien konkurrieren jedoch auch un- tereinander und kämpfen um Aufmerksamkeit. Aufgrund dessen stehen sie in einem ständigen Wettkampf um Aktualität. Dies bleibt aber häufig nicht ohne Folgen, sodass die Zeit für eine intensive Recherche fehlt und diese Arbeitsweise zu einer mangelhaf- ten und oft überdimensionalen Berichterstattung führt.

Weiterhin stellen sich Medien auch als ein ÄBindeglied“ zwischen Gesellschaft und Poli- tik dar. Politische Systeme sind häufig auf die Medien angewiesen, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Da politische Entscheidungen und Programme allerdings oft nur reduziert dargestellt werden, besteht die Gefahr ein falsches Bild von der Politik zu erhalten. Hierbei besteht ein spannungsbeladenes Verhältnis zwischen Politik und Medien. Auch die Berichterstattung über Skandale und Affären prominenter Personen gewinnt heutzutage immer mehr an Bedeutung. So deckte unter anderem die Boule- vardzeitung ÄBILD“ im Dezember 2011 die ÄKreditaffäre“ um den damaligen Bundes- präsidenten Christian Wulff auf. Infolgedessen wurden immer wieder neue Vorwürfe gegen Wulff erhoben. Schließlich beantragte die Staatsanwaltschaft die Aufhebung von Wulffs Immunität als Bundespräsident, woraufhin dieser zurücktrat. Auf Grund der überdimensionalen Berichterstattung wurde über eine sogenannte ÄMedienkampagne“ spekuliert, welche Christian Wulff zum Rücktritt bewegen sollte.

Diese Arbeit soll dazu dienen, einen Überblick über die Presseberichterstattung der Zeitungen ÄBILD“, ÄFAZ“, ÄHAZ“, ÄNOZ“, ÄSpiegel“, ÄSZ“ und ÄZEIT“ zu gewinnen. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf mögliche Rücktrittsforderungen und auf eine positive oder negative Darstellung Christian Wullfs gelegt. Im Vorfeld dieser Analyse wird der erste Teil dieser Arbeit die unterschiedlichen Funktionen der Medien darlegen und Unterschiede zwischen der Berichterstattung von Qualitäts- und Boulevardmedien erläutern. Anschließend befasst sich der Autor mit dem Verhältnis zwischen Medien und Politik um näher auf die Thematik der Medienanalyse einzugehen.

1. Funktionen der Medien und des Journalismus

Unter den Funktionen der Medien und des Journalismus sind die Aufgaben zu verste- hen, welche den Medien innerhalb einer demokratischen Gesellschaft zugeschrieben werden.

Die politischen Funktionen der Medien wurden bereits in der Frühmoderne deutlich. Damals wurden die Medien vor allem als Kampfinstrument in Form von Flugblättern, Heften, Büchern und Zeitungen genutzt. Durch die Medien präsentierte sich eine ÄGe- genöffentlichkeit“, welche sich gegen das existierende Herrschaftssystem auflehnte und dieses Äbedrohte“. Als Reaktion setzten damals die Vertreter der herrschenden Klassen die Medien unter Druck und unterwarfen sie einer Zensur. Bereits um das Jahr 1450, kurz nach der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg, drohten der Staat und die Kirche damit, den Druck und die Verbreitung von Schriften ohne Vor- zensur zu untersagen. Als wichtigste Maßnahme galt zu jener Zeit unter anderem das Imprimatur, also die Druckerlaubnis durch Behörden der Kirche, welches im Jahr 1487 von Papst Innozenz VIII. veranlasst wurde. Weiterhin verhängten weltlichen Fürsten im Jahr 1521 das Wormser Edikt, um die Verbreitung und Lektüre der lutherischen Schrif- ten zu verbieten. Darüber hinaus stellte das Impressum, welches ebenfalls durch die weltlichen Fürsten im Jahr 1530 eingeführt wurde, eine weitere Maßnahme gegen die Medien dar. So mussten Drucker und Druckort auf einem Druckerzeugnis angegeben werden, um die Verantwortlichen gegebenenfalls zu verfolgen und zu bestrafen. Auch die sogenannte ÄSchwarze Liste der verbotenen Bücher“ (der Index librorum prohibito- rum), welche 1559 erschien, schränkte die Medien weiter ein.2 Doch auch heute wird die Pressefreiheit in vielen Ländern noch immer eingeschränkt. Die wichtigsten Gründe dieser Einschränkungen sind die gezielte Manipulation oder Unterdrückung der Medien besonders in Konfliktregionen wie Syrien, Irak, Ukraine und den Palästinensergebieten. Michel Rediske, Vorstandssprecher der Reporter ohne Grenzen, sagte hierzu ÄWo die Kontrolle über Informationen ein strategisches Kriegsziel ist, wie derzeit im Osten der Ukraine oder in Syrien, werden Journalisten zur Verfügungsmasse der Konfliktparteien. Wenn Propaganda und Zensur in solchen Kriegen nicht die Oberhand behalten sollen, müssen die Rechte von Journalisten und unabhängigen Medien viel entschlossener verteidigt werden.“3 Zunehmend geraten Journalisten, welche über die stattfindenden Proteste berichten, in das Visier der Polizei und der Demonstranten und werden dadurch selbst Opfer der Gewalt. In vielen Ländern unterdrücken Terrorgruppen, Mili- zen oder Verbrecherkartelle unwillkommene Informationen durch Gewalt und Einschüchterung.4

Anhand dieser Maßnahmen ist eines unverkennbar: Medien, insbesondere Massen- medien, haben eine gewisse Macht und können so die politische Herrschaft positiv aber auch negativ beeinflussen. Aus diesem Grund werden die Medien oft auch als ÄVierte Gewalt“ oder ÄPublikative Gewalt“ bezeichnet. Dieser Ausdruck meint, dass in dem System der Gewaltteilung neben der Exekutive, Legislative und der Judikative eine vierte weitere Macht oder Gewalt existiert. Diese hat zwar keinen direkten Einfluss auf die Änderung der Politik oder Ähnlichem, sie kann jedoch durch ihre Berichterstat- tung eine öffentliche Diskussion hervorrufen und so möglicherweise das politische Ge- schehen beeinflussen.

Diese Macht, die insbesondere Massenmedien besitzen, stellt sich in verschiedenen Wirkungsweisen und Funktionen dar. Parallel werden von den Massenmedien aufgrund ihrer Macht verschiedene Funktionen und Dienstleistungen erwartet.

Die Funktionen der Medien und des Journalismus lassen sich, je nach ihrer Bedeutung, in vier Kategorien einstufen. So bestehen die Informationsfunktion, die sozialen Funktionen, die politischen Funktionen und die ökonomischen Funktionen.

1.1. Informationsfunktion

Als zentrale Funktion der Medien und des Journalismus gilt die Informationsfunktion. Diese wird von vielen Rezipienten als selbstverständlich angesehen, da diese erwar- ten, ausreichend informiert zu werden, um sachgerecht notwendige Entscheidungen treffen zu können.5 Die Informationsfunktion ist weiterhin eine Leistung der Medien, welche diese übergreifend im Hinblick auf das politische, soziale und gesellschaftlich- ökonomische System erbringt. Durch die Vermittlung von Wissen und Erfahrung wird beispielsweise das subjektive Wissen des Empfängers stetig erweitert. Die Informa- tionsfunktion stellt weiterhin eine Erweiterung des Kenntnisstandes in der Sekundärer- fahrung dar. Dies bedeutet, dass sie die Erfahrungen vermittelt, welche die Rezipienten nicht persönlich machen können, indem sie beispielsweise vor Ort gehen, um ein Er- eignis unmittelbar mitzuerleben. Primärerfahrungen liegen dagegen bei Erlebnissen in direktem persönlichem Umgang vor.6

Massenmedien sorgen also dafür, dass die Empfänger wirtschaftliche, politische, öko- logische und soziale Zusammenhänge verstehen und ausreichend über die Politik in- formiert werden, damit sie selbst aktiv, beispielsweise als Wähler oder Mitglieder einer Partei, daran teilnehmen können. Die Forderungen an die Medien sind dabei zum einen die Vollständigkeit, sodass alle Interessengruppen innerhalb der Gesellschaft teilhaben können. Zum anderen sollen die Medien Informationen aber auch objektiv und verständlich wiedergeben.7 Aufgrund dessen, dass die Menschen die Welt zum großen Teil nicht mehr unmittelbar erfahren, handelt es sich heutzutage überwiegend um eine Ädurch Medien vermittelte Welt“.8

1.2. Soziale Funktionen

Leistungen der Medien, welche in Anbetracht der gesellschaftlichen Umwelt als sozia- les System erbracht werden, gelten als soziale Funktionen. Die Sozialisationsfunkti- on nimmt dabei eine wichtige Rolle ein, da die Medien den Rezipienten gewisse Hand- lungsmuster aufzeigen und ihnen damit gesellschaftliche Werte und Normen vermit- teln.9 So haben die Medien ebenfalls eine Leit- und Führungsfunktion indem sie bei- spielsweise durch Reality-Sendungen im Fernsehen bestimmte Wertmaßstäbe vermit- teln.

Darüber hinaus besitzt der Journalismus auch eine Unterhaltungsfunktion. Diese ermöglicht den Rezipienten eine gewisse Erholung, Zerstreuung und Ablenkung. So werden beispielsweise Sorgen vergessen und die Rezipienten entfliehen dem Alltag. Dieser Prozess wird auch als ÄUses-and-Gratifications-Ansatz“ bezeichnet. Dieser An- satz wirkt ebenfalls dabei unterstützend neue Kraft zu sammeln, um Probleme im Ar- beitsleben oder dem Alltag zu bewältigen.10 Eine weitere soziale Funktion des Journa- lismus ist die Integrationsfunktion. Diese unternimmt den Versuch der Annäherung verschiedener Lebenswelten und Kulturen.11 Demnach sollen Medien der vielfältigen Gesellschaft bestimmte anerkannte Verhaltensweisen vermitteln und eine Massenloya- lität für die Geltung der politischen, sozialen und rechtlichen Normen herstellen. Wei- terhin soll sich der Rezipient über seinen eigenen Erfahrungshorizont hinaus als Teil der Gesellschaft fühlen.12

1.3. Politische Funktionen

Die politischen Funktionen der Medien lassen sich ebenso in drei Unterkategorien ein- teilen. So existieren eine Primärfunktion, Sekundärfunktionen und Tertiärfunktionen. Von den Primärfunktionen der Medien lassen sich alle anderen Funktionen direkt oder indirekt ableiten.

Als Primärfunktion gilt die Herstellung von Öffentlichkeit. Da den meisten Menschen der Zugang zu Primärereignissen meist räumlich und zeitlich verwehrt ist, stellen die Medien oft die einzige Informationsquelle zur Vermittlung dieser Ereignisse dar, wes- halb von einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis gesprochen werden kann.13 Beson- ders innerhalb von Demokratien ist diese Funktion wichtig, da diese sonst nicht funkti- ons- und überlebensfähig wären. Früher genügte bspw. in direkten Demokratien in kleinen Gemeinwesen eine Versammlungsöffentlichkeit. So reichte es aus, dass sich das Volk beispielsweise auf einem Marktplatz traf um über öffentliche Dinge abzustim- men und zu diskutieren. Massengesellschaften dagegen benötigen eine repräsentative Demokratie, welche durch Massenmedien erzeugt wird. So ist Öffentlichkeit ein Kom- munikationssystem, in welchem Informationen und Meinungen ausgetauscht werden und zu dem prinzipiell jeder rechtlich sowie faktisch Zugang haben muss.14 Öffentlich- keit bezeichnet in diesem Zusammenhang den Bereich, welcher für die Allgemeinheit zugänglich ist und somit nicht gemein gehalten wird. Öffentlichkeit bedeutet weiterhin die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Publikums15 und die Anwesenheit eines Pub- likums, welches nicht (nur) aus Experten besteht.16 So wird eine Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum gezogen. Öffentlichkeit ist in modernen Demokra- tien eine weit gespannte sowie diffuse Größe, die eine Vielzahl - teilweise miteinander vernetzter - kleinerer und größerer Kommunikationsforen umfasst, in denen Informati- onen und Meinungen ausgetauscht werden.17 So unterscheidet diese sich im Wesentli- chen von der sogenannten Marktplatzöffentlichkeit, da moderne Demokratien weitaus größer sind und die Kommunikationsforen der Massenmedien aus diesem Grund eine besonders wichtige Rolle spielen. Zwar ist der Zugang zu diesen Kommunikationsforen offen, jedoch ist er gleichzeitig auch durch die Vielzahl der Foren beschränkt. Aus die- sem Grund bestehen lediglich sogenannten Teilöffentlichkeiten, da nicht jedes Indivi- duum an allen Kommunikationsforen teilnehmen kann. Dies bewirkt eine gewisse Ab- schottung untereinander, welche ein unterschiedliches Wissen zur Folge hat. Zwar spiegeln die Medien diese Teilöffentlichkeiten wieder, können aber trotzdem keine Ge- samtöffentlichkeit zeigen.18

Die Öffentlichkeit wird in modernen Demokratien in drei wesentliche Ebenen unterschieden: die Encounter-Öffentlichkeit, die Themen- oder Versammlungsöffentlichkeit und die Medienöffentlichkeit. Otfried Jarren und Patrick Donges stellen diese Ebenen in Form einer Pyramide dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ebenen der Öffentlichkeit19

Die Öffentlichkeitspyramide stellt sich so dar, dass mit zunehmender Höhe die Anzahl der Kommunikationsteilnehmer steigt, die Professionalität der Leistungsrollen zunimmt, Informationen besser gesammelt, verarbeitet und angewandt werden können. Die Pub- likumsrollen distanzierter, indirekter und passiver werden, die Öffentlichkeit von einer zentralen Stelle kontrollierbarer wird und der Grad der strukturellen Verankerung zu- nimmt. Keine Ebene der Pyramide kann durch eine andere Ebene ersetzt werden, da alle in etwa gleich wichtig sind, sich aber stark unterscheiden. Jedoch können sich die Ebenen untereinander ergänzen und stärken. Damit die Ebenen selbst öffentliche Mei- nungen nachhaltig beeinflussen können, muss die Pyramide auf unterster Ebene in einfachen Veranstaltungen und Interaktionen ankommen. Allerdings brauchen die Ebenen ebenfalls den Zugang zur großen Öffentlichkeit, um einerseits informiert zu werden und andererseits selbst mitwirken zu können.20

Auf der Ebene der Encounter-Öffentlichkeit existieren nur wenige Kommunikations- teilnehmer, weiterhin findet Kommunikation eher spontan und zufällig statt, da es nur wenig feste Strukturen gibt. Des Weiteren ist auf Ebene der Encounter-Öffentlichkeit der öffentliche Raum zeitlich, räumlich und zahlenmäßig stark beschränkt, was ihn gut überschaubar macht. Auch fließen die Grenzen der öffentlichen und privaten Kommu- nikation ineinander über. Unter den Teilnehmern lassen sich Sprecher und Rezipienten nur schwer voneinander trennen, da oft beide Rollen übernommen werden. Ein Vorteil dieser Öffentlichkeit besteht darin, dass diese nur schwer zu beeinflussen ist, aller- dings leidet sie machtpolitisch unter einem sehr geringen Wirkungsgrad. Im Gegensatz zur Encounter-Öffentlichkeit existieren auf Ebene der Themen- und Versammlungsöffentlichkeit deutlich mehr Kommunikationsteilnehmer und eine fes- tere Struktur. Öffentliche Kommunikation kann wie auch auf Ebene der Encounter- Öffentlichkeit spontan entstehen, so beispielsweise durch Demonstrationen. Es gibt jedoch auch fest organisierte Veranstaltungen. Weiterhin ist der öffentliche Raum räumlich, zeitlich und zahlenmäßig weniger beschränkt und lässt sich stärker vom pri- vaten Raum abgrenzen. Anders als auf Ebene der Encounter-Öffentlichkeit ist eine deutlichere Trennung zwischen Sprechern und Rezipienten vorhanden. Nachteil der Themen- oder Versammlungsöffentlichkeit ist, dass diese stark beeinflussbar und regu- lierbar ist und Themen, Sprecher und oft sogar Meinungen festgelegt sind. Allerdings ist die Themen- oder Versammlungsöffentlichkeit machtpolitisch wirksamer als die En- counter-Öffentlichkeit. Diese Macht kann sie besonders entfalten, wenn die Aufmerk- samkeit der Medien auf sie gerichtet wird und sie somit in die nächsthöhere Ebene, die Medienöffentlichkeit, aufsteigen kann. Auf dieser Ebene der Medienöffentlichkeit herrschen der höchste Grad der strukturellen Verankerungen und auch die höchste Zahl der Kommunikationsmitglieder. Weiterhin besteht nur geringe private Kommunika- tion, jedoch eine starke dauerhafte und geregelte öffentliche Kommunikation, bei- spielsweise durch ein Fernsehprogramm. Diese Räume grenzen sich am stärksten voneinander ab. Rezipienten und Sprecher lassen sich hier deutlich unterscheiden. So übernimmt das Medienpublikum die Rolle der Rezipienten, während die Massenmedi- en als Sprecher oder Vermittler fungieren. Anders als auf den Ebenen der Encounter- Öffentlichkeit und der Themen- und Versammlungsöffentlichkeit können die Medien nahezu die gesamte Gesellschaft erreichen und sind somit im öffentlichen Raum am wenigsten beschränkt. Ein großer Vorteil der Medienöffentlichkeit besteht darin, dass diese machtpolitisch am wirksamsten ist und damit als wichtigste Ebene der Öffentlich- keit einer Demokratie gilt. Ihr Nachteil ist es aber auch, dass es sich bei den Massen- medien um ein relativ geschlossenes System handelt und Bürger somit nur sehr selten zu Wort kommen.21

Als Sekundärfunktionen der Medien gelten die Information und die Kritik und Kon- trolle. In repräsentativen Demokratien werden Ereignisse hauptsächlich über die Mas- senmedien verbreitet. Aus politischer Sicht wird es der Regierung ermöglicht sich vor den Wählern zu rechtfertigen und sich selbst und ihre Vorstellungen zu präsentieren. Den Wählern wird es auf diese Weise möglich, sich eine Meinung über die Politiker zu bilden. Die Medien haben in diesem Zusammenhang die Input- und die Output- Funktion. So liefern Massenmedien ihren Rezipienten zum einen Neuigkeiten und In- formationen und lassen ihnen einen gewissen Raum zur Interpretation. Um das Funkti- onieren einer repräsentativen Demokratie zu gewährleisten, muss die Erkenntnisfähig- keit und Lernfähigkeit der Bürger Voraussetzung sein. Hier tragen die Medien durch Informationen einen großen Teil dazu bei, da alle Bürger ihre Informationen durch die Medien erhalten. Die Medien tragen jedoch auch die Rolle des Vermittlers. So kommu- nizieren politische Akteure zum Großteil über die Medien miteinander.22

Weiterhin haben die Medien eine Kritik- und Kontrollfunktion. Diese ermöglicht es den Oppositionen und anderen Interessegruppen sich öffentlich zu äußern und gibt damit den Mitgliedern einer modernen Demokratie die Möglichkeit die Regierenden zu kriti- sieren. Weiterhin können die Mitglieder Staat, Gesellschaft und Organisationen, bei- spielsweise durch Kommentare kritisieren. Durch die Veröffentlichung der Kritik kön- nen die kritisierten Zustände kontrolliert werden. Außerdem kann dies zu Verhaltens- änderungen, wie sogar Abwahl oder Verurteilung führen.23 Aus diesem Grund wird der Journalismus oft auch als ÄVierte Gewalt“ neben der Legislative, Exekutive und Judika- tive bezeichnet. Die Aufgabe besteht darin, die Machthaber zu kontrollieren und Kor- ruption, bürokratische Willkür und Affären jeglicher Art aufzudecken24 Darüber hinaus kontrollieren sich die Massenmedien auch gegenseitig. So üben sie die Kontrollfunktion als direkter bzw. eigenständiger Kontrolleur und als indirekter bzw. als Organ von an- deren Kontrolleuren aus. Ihre direkte Kontrollfunktion besteht darin, Transparenz zu schaffen und darüber Mängel aufzuzeigen und Stellung zu beziehen bzw. Kritik zu äu- ßern. Diese Verfahrensweise zeigt sich besonders im investigativen Journalismus, welcher es zur Aufgabe hat Skandale, Affären und soziale Missstände aufzudecken. Allerdings geschieht dies nicht nur durch den investigativen Journalismus, sondern ist oft auf geheime Informationen zurückzuführen. Diese stammen oft von Personen mit Insiderwissen, sogenannten ÄWhistleblowers“. Zu ihren Motiven gehören unter ande- rem Idealismus, Rache und Geld. Nur mit Hilfe dieser Whistleblowers wurden einige große Skandale aufgedeckt. So beispielsweise auch der Watergate-Skandal. In Deutschland deckte ein Whistleblower unter anderem die Flick-Affäre auf.25 Einer der bekanntesten Whistleblower der letzten Jahre ist aber wohl der US-Amerikaner Edward Snowden, welcher Einblicke in die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten, vor allem in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien, gab. Seine Enthüllungen lösten im Jahr 2013 die NSA-Affäre aus.

Die indirekte Kontrollfunktion findet statt, indem die Massenmedien anderen politischen Akteuren eine Plattform schaffen. Diese wird oft von Oppositionsparteien und Interes- sengruppen genutzt, um die Arbeit der Regierung zu kritisieren. Diese Gegner verfü- gen oft über das nötige Fachwissen um Schwächen, Abweichungen und Verfehlungen der Regierung aufzuzeigen. Direkte und indirekte Kontrolle können darüber hinaus auch parallel verlaufen, wenn beispielsweise die Medien einen Skandal aufdecken und dieser anschließend von der Opposition kommentiert und kritisiert wird.26

Als Tertiärfunktionen der Medien gelten die politische Meinungs- und Willensbil- dung, die politische Bildung und Erziehung und die politische Sozialisation und Integration. Innerhalb einer Demokratie sind politische Entscheidungen nur insofern legitimierbar, wenn diese auch durch die Mehrheit der Bevölkerung abgesegnet wer- den und diese Entscheidung auch ihrem Willen entspricht. Voraussetzung für diese Willensbildung ist allerdings die Diskussion verschiedener Meinungen.27 Die Aufgabe der Medien besteht darin, die Bürger einer Demokratie ausreichend mit Informationen zu versorgen und unterschiedliche Positionen zu präsentieren. Die Medien beeinflus- sen die Bürger bei ihrer Meinungsbildung insofern, dass sie einerseits durch die vermit- telten Informationen eine Grundlage schaffen und diese andererseits auch bewerten. Allerdings sollen die Medien den Bürgern ihre Entscheidungen nicht abnehmen, son- dern ihnen nur die nötigen Informationen liefern, um eine eigene Willens- und Mei- nungsbildung zu ermöglichen. Jedoch können Medien einige Informationen auch nur verzerrt wiedergeben und bieten keine vollständige Transparenz.28

Eine ebenso wichtige Funktion der Medien ist die politische Bildung und Erziehung. Diese ist für Demokratien besonders wichtig, da der Bürger durch die Medien dazu befähigt wird, seine demokratischen Rechte und Pflichten auszuüben. Die Medien bie- ten ein weites Angebot der Bildung und Erziehung an, so informieren sie über politi- sche Strukturen (polity), politische Prozesse (politics) und politische Inhalte (policy). Die Massenmedien gelten als einzige allgemein zugängliche Institution, welche eine übergreifende und umfassende politische Bildung und Erziehung bietet. Diese Vermitt- lung ist auch Voraussetzung für die politische Willens- und Meinungsbildung.29

Die dritte politische Funktion der Medien ist die Sozialisation und Integration, bei der wichtige spezifische Regeln und Werte vermittelt werden um das tolerante Zusammen- leben demokratischer Gesellschaften zu gewährleisten. Die Medien vollziehen diese Aufgabe in zweifacher Weise, zum einen durch die direkte oder unmittelbare Themati- sierung und zum anderen durch die indirekte bzw. durch mittelbare Darstellung. Der Unterschied dieser beiden Verfahrensweisen besteht darin, dass eine direkte Vermitt- lung der Werte und Regeln durch eine unmittelbare Thematisierung dieser erfolgt. Die indirekte Vermittlung erfolgt dagegen in ihrer Umsetzung. Ein Beispiel ist die freie Mei- nungsäußerung, welche die Medien selbst nutzen und diese als Bestandteil einer De- mokratie nach außen hin präsentieren. Die Bedeutung der Sozialisations- und Integra- tionsfunktion nimmt mit der Fragmentarisierung und dem Differenzierungsgrad moder- ner Gesellschaften stetig zu, da dieser zu Unübersichtlichkeit, Entstehung von Subkul- turen, sozialen Regressionen, politischen Absentismen und insgesamt zu Desintegrati- onstendenzen führt.30

Auf das Verhältnis zwischen Politik und Medien wird in Kapitel 3 dieser Arbeit weiter eingegangen.

1.4. Ökonomische Funktionen

Als ökonomische Funktionen der Medien gelten nach Ronnenberger Leistungen, wel- che für die Kapitalverwertung erbracht werden. Hierzu zählen bspw. Direktinvestitionen in Medienberichte, Arbeitsplätze und vor allem Werbung, welche z.B. durch Anzeigen geschaltet wird. Diese Werbung gilt als Motor der Medien, da sie den ökonomischen Kreislauf dynamisiert. Ronnenberger spricht hier auch von der ÄZirkulationsfunktion“. Sie informiert über Warenangebote und stimuliert die Nachfrage. Weiterhin zählt auch die ÄWissensvermittlung“ über Fragen der Arbeitswelt und Wirtschaft als ökonomische Funktion. Weitere ökonomische Funktionen sind die ÄSozialtherapie“, welche zur Ent- lastung für Defizite, Zwänge und Anforderungen dient Weiterhin kennzeichnet sie die eigene soziale Lage und gibt ÄLegitimationshilfe“ zur Deutung der einen ökonomischen Situation. Aus ökonomischer Sicht wandelt sich die soziale Unterhaltungsfunktion der Medien in eine regenerative Funktion, welche den Medien unterstellt, absichtlich dazu beizutragen, die Menschen zu unterhalten und zu entspannen, um diese dazu zu be- wegen anschließend weiter ihrer Arbeit nachzugehen.31

2. „Boulevardzeitung“ vs. „Qualitätszeitung“

Deutschsprachige Zeitungen gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Sie gaben von Anfang an wichtige Impulse für gesellschaftliche Umwälzungen von der Aufklärung bis zur Gleichberechtigung. Schon im 14. Jahrhundert entwickelte sich der Begriff ÄZeitung“ in Köln aus dem Wort Äzidunge“, was so viel bedeutet wie ÄNeuigkeit“. Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im Jahr 1445 war der Grundstein zur Mas- senverbreitung der Printmedien gelegt. Zu Anfang wurden besonders Flugblätter ver- teilt um Neuigkeiten zu verbreiten, diese erschienen jedoch nur zu besonderen Ereig- nissen. Erst im 19. Jahrhundert entstand die ÄModerne Presse“, da technische Neue- rungen zum Druck entwickelt wurden und man so eine höhere Auflage produzieren und eine schnellere Herstellung erreichen konnte. Außerdem stieg auch das Interesse der Bevölkerung, Informationen aus Politik und Gesellschaft zu erhalten. So gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts ungefähr 3.500 verschiedene Zeitungen in Deutschland. Die erste regelmäßig bebilderte Zeitschrift war 1842 die ÄLeipziger Illustrirte Zeitung“, 1872 wurde dann das ÄBerliner Tageblatt“ vom Berliner Verleger Rudolf Mosse ge- gründet.32 Im 20. Jahrhundert erlebten die Printmedien ihre Hochphase. Eine beson- dere Rolle in Deutschland spielten die Printmedien zur Zeit des Nationalsozialismus. Schon 1933 erklärte Reichspropagandaminister Goebbels, welche Rolle die NS-Führer der Presse in Deutschland zugedacht hatten. So sollte sie nicht nur informieren, son- dern auch verständlich die Bevölkerung über die Regierungspolitik Äinstruieren“. Täg- lich fanden Pressekonferenzen darüber statt, wie Journalisten ihre Arbeiten verfassen durften. Den Zeitungsverlegern war es verboten, sich gegen die Regierung zu stellen, da ihnen sonst ÄZeitungsverbote“ drohten. Zum Zeitpunkt ihrer Machtübernahme besaß die NS-Presse einen kleinen Anteil an der deutschen Presselandschaft, zu der noch rund 3.400 Tageszeitungen gehörten. Am 4. Oktober 1933 wurde die deutsche Presse dann schließlich Ägleichgeschaltet“. Mit dem sogenannten ÄSchriftleitergesetz“ wurde von der Reichsregierung bis ins kleinste Detail bestimmt, was und in welcher Form berichtet werden durfte. Zur Pressepolitik der Nationalsozialisten gehörte jedoch nicht nur die inhaltliche Gleichschaltung, sondern auch die Vereinheitlichung der ökono- misch-verlegerischen Strukturen. So wurden der SPD und KPD ihre Zeitungen enteig- net und gingen in den Besitz der NSDAP über. Im weiteren Verlauf wurden auch die jüdischen Verlage verboten und katholische sowie liberale Blätter und renommierte Zeitungen wurden zum Verkauf ihrer Zeitungen gezwungen. Bis zum Jahr 1945 kam es immer mehr zu Zeitungsschließungen und -zusammenlegungen, außerdem wurden Verlage und Druckereien zerstört, bis die nationalsozialistische deutsche Presse schließlich im April 1945 endgültig geschlossen wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte ein Neuaufbau des Pressewesens.33

In Westdeutschland ist die Pressefreiheit bereits seit 1949 im Grundgesetzt verankert, die DDR-Regierung dagegen kontrollierte die Medien bis zur Wiedervereinigung im Jahr 1990. Die BRD hatte die britische BBC zum Vorbild und somit war der Rundfunk gebührenfinanziert.

[...]


1 Luhmann 2004: 9.

2 Strohmeier 2004: 69.

3 Der Tagesspiegel 2015: Rechte der Medien sollen entschlossener verteidigt werden.

4 Website Reporter ohne Grenzen: Rangliste der Pressefreiheit 2015.

5 Ruß-Mohl 2010: 17.

6 Burkart 2002: 402ff.

7 Ebd.: 407ff.

8 Chill/Meyn 1996: 3.

9 Burkart 2002: 383.

10 Ebd.: 387.

11 Ruß-Mohl 2010: 22f.

12 Ronneberger 1985: 14.

13 Strohmeier 2004: 72.

14 Vgl. Gerhards/Neidhardt 1993: 45f.

15 Habermas 1990: 13.

16 Vgl. Neidhardt 1994: 13.

17 Vgl. Gerhards/Neidhardt, 1993: 49ff.

18 Ebd.: 75ff.

19 Jarren/Donges 2002: 121.

20 Ebd.: 78f.

21 Ebd.: 79ff.

22 Ebd.: 85f.

23 Burkart 2002: 394ff.

24 Chill/Meyn 1996: 3.

25 Strohmeier 2004: 88f.

26 Ebd. 89f..

27 Burkart 2002: 390f.

28 Strohmeier 2004: 94f.

29 Ebd.: 94f.

30 Ebd.: 92f

31 Ronnenberger 2002: 62.

32 Vgl. Website Deutsche Tageszeitungen: Die Geschichte deutscher Tageszeitungen.

33 Vgl. Aust 2008.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Die Presseberichterstattung in der „Wulff-Affäre“. Eine gezielte Medienkampagne?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
57
Katalognummer
V315608
ISBN (eBook)
9783668148826
ISBN (Buch)
9783668148833
Dateigröße
1077 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
presseberichterstattung, wulff-affäre, eine, medienkampagne
Arbeit zitieren
Stefanie Hoffmann (Autor:in), 2015, Die Presseberichterstattung in der „Wulff-Affäre“. Eine gezielte Medienkampagne?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315608

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